23.05.2005

JAPANNeue Götter

Ein junger Online-Rebell fordert die alte Garde heraus: Takafumi Horie will größter Medienunternehmer der Welt werden.
Im Glanze des Triumphs pfiff Japans Bill Gates auf die Regeln des heimischen Anstands. Die Hände in die Hosentaschen gestopft, die Haare zu Igelstacheln frisiert, den schlabbrigen Pulli über den kurzen rundlichen Körper gestreift, schlenderte Internet-Guru Takafumi Horie, 32, provozierend lässig von einer Fernseh-Talkshow zur nächsten.
Er hatte Großes über TV zu verkünden. Dabei stieg der Chef von "Livedoor" - einem in Japan hippen und erfolgreichen Online-Portal - zum Helden einer wochenlangen Seifenoper auf: Mit einer aggressiven Übernahmeschlacht gegen Fuji TV, den größten Privatsender des Landes, sorgte er dafür, dass jetzt sogar japanischen Hausfrauen und Rentnern angelsächsische Börsen-Kürzel wie "Tob" (Takeover Bid - Übernahmeangebot) vertraut sind.
Das Jung-Genie nutzte ein gesetzliches Schlupfloch und kaufte heimlich im außerbörslichen Handel die Mehrheit am Radiobetreiber NBS zusammen, der den überwiegenden Teil der Fuji-Aktien hält. Denn Horie will sein Internet-Portal, das außerhalb Japans wenig bekannt ist, mit Fujis Medien-Gruppe verknüpfen, um zunächst daheim und später weltweit zur Nummer eins aufzusteigen. An hochfliegenden Plänen mangelt es ihm nicht. Wie kaum jemand vor ihm ist er in Japan mittlerweile zum Inbegriff eines skrupellosen "Casino-Kapitalisten" geworden.
Hories Gegenspieler ist Hisashi Hieda, 67, der Boss von Fuji TV. Stets im Maßanzug, die graue Frisur korrekt gescheitelt, verkörpert und verteidigt er das alte Japan. Horie dagegen ließ sich von meist jüngeren Landsleuten als Rebell gegen die "Japan AG" feiern - dieses einst harmonische Miteinander von Bossen, Bürokraten und Politikern, das seine beste Zeit seit dem Ende des Wirtschaftswunders vor mehr als einem Jahrzehnt hinter sich hat.
Die Schlacht endete mit einem Kompromiss: Das Internet-Kid verkaufte seine NBS-Anteile an Fuji. Im Gegenzug willigten die TV-Bosse ein, sich mit 15 Prozent an seinem Online-Imperium zu beteiligen. Ein gütlicher Ausgang, vor allem aus Sicht Hories. Doch der Schock über den unfreiwilligen Deal mit dem verhassten Online-Guru wirkt unter Japans Bossen nach.
Denn plötzlich merken die Konzerne, wie wehrlos sie Übernahmen ausgeliefert sind. Hastig verkündete der Elektronikriese Matsushita (Panasonic), er werde sich mit einer "Giftpille" in Form von Aktienrückkäufen vor Angreifern wie Horie schützen. Auch Hiroshi Okuda, Aufsichtsratsvorsitzender des Autokonzerns Toyota, schlug Alarm: Manager sollten sich täglich gegen feindliche Übernahmen wappnen. Andere Firmen erhöhten ihre Dividenden, um Aktionäre an sich zu binden - jahrelang hatten sie ihre Anleger mit lächerlichen Sümmchen abgespeist.
Doch warum eigentlich die Aufregung? Spätestens seitdem der Brasilianer Carlos Ghosn für Renault den Autobauer Nissan sanierte, sind die Japaner Brüche mit der Tradition gewohnt. Aber Horie ist der Feind, der aus dem eigenen Land kommt.
Mehr noch als die technischen Details der Übernahmeschlacht ärgert viele Bosse die Schnoddrigkeit, mit der das Internet-Kid kulturelle Werte wie Treue und Gehorsam, die im alten Japan so etwas wie Selbstzweck waren, dem Hohn preisgibt. Der ehemalige Premier Yoshiro Mori - er pries Japan einst als "Land der Götter" - spricht dem traditionellen Establishment aus dem Herzen: "Wenn man nur genug Geld hat, scheint alles erlaubt. Stärke ist alles - ist solch ein Denken das Resultat der jetzigen japanischen Erziehung?"
In Hories Welt schon. In seinem Buch "Anleitung zum Reichwerden: Wie man zehn Milliarden verdient" verletzt der Rebell so ziemlich alle Tabus der konfuzianisch geprägten Nation, auch den Respekt vor dem Alter: "Das Nutzloseste sind Predigten alter Leute", lästert er. "Solche Menschen leben nur lange, haben aber keine besonderen Informationen."
Über die Methode japanischer Pädagogen, Schulkinder durch kollektives Reinigen der Klassen auf das Leben vorzubereiten, höhnt er: "Wo in der Welt putzt man noch mit Lappen? Firmen lassen heute von Dienstleistern putzen, und zu Hause benutzt man Staubsauger."
Für das traditionelle Japan, das seine Jugend auf strengen Paukschulen für die Aufnahme an Spitzenunis drillt, ist schon Hories Werdegang ein Gräuel: Als Student sprang er frühzeitig von der elitären Universität Tokio ab. Anstatt langweilige Vorlesungen zu hören, sollten Studenten nur die wichtigsten Lehrbücher lesen, rät er, und ansonsten doch ganz einfach ihm nacheifern - "eine Firma gründen und schnell Visitenkarten mit dem Titel des Firmenchefs verteilen".
Mit 23 gründete der Außenseiter die Internet-Firma "Livin' on the Edge", im vergangenen Jahr benannte er sie in "Livedoor" um. Das schnelle Geld, das er mit Online-Diensten verdient, reicht indes nicht ganz für Hories verwegene Pläne: Von der US-Investmentbank Lehman Brothers lieh er sich 80 Milliarden Yen - 590 Millionen Euro - für seinen feindlichen Übernahme-Coup aus. Dass der Rebell seine Kriegskasse ausgerechnet mit amerikanischem Geld füllte, brachte ihm erst recht den Ruf des Vaterlandsverräters ein.
Japan schottet sich seit kurzer Zeit nicht mehr so starr gegen fremde Investoren ab wie einst: Weniger als ein Viertel der Firmen sind durch Überkreuzbeteiligungen miteinander verflochten, über 20 Prozent der in Tokio gehandelten Aktien gehören Ausländern. Fremdes Kapital ist nicht mehr gleichbedeutend mit Ausverkauf.
Aber im Schock über Hories Sturm auf die Japan AG verlangsamt die Regierung das Tempo der Anpassung. Sie verschob eine Gesetzesänderung, die ausländische Beteiligungen an Nippons Firmen erleichtern soll. Sie wird erst im Jahr 2007 in Kraft treten. WIELAND WAGNER
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 21/2005
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