23.05.2005

FILM„Ich habe laut gelacht“

Tommy Lapid, 73, einziger Holocaust-Überlebender in der Knesset, über die Israel-Premiere des Hitler-Films „Der Untergang“
SPIEGEL: Was halten Sie von dem Film, dessen Aufführung in Israel mit Spannung erwartet wurde?
Lapid: "Der Untergang" ist ein sehr gut gemachtes Dokudrama. Bruno Ganz spielt seine Rolle ganz hervorragend. Soweit ich es beurteilen kann, ist der Film sehr glaubwürdig. Und ich habe so ziemlich jedes Buch über den Führerbunker gelesen. Ich bin mit einer kritischen Erwartung in den Film gegangen, aber meine Gefühle hat er nicht verletzt. An einer Stelle habe ich sogar laut gelacht: als Hitler Eva Braun heiratet und der Richter ihn fragt, ob er arischer Abstammung sei.
SPIEGEL: Haben Sie sich nicht daran gestört, dass der millionenfache Mord an den Juden kaum erwähnt wird?
Lapid: Die Nazi-Zeit ist - aus der Sicht der Juden - natürlich jüdische Historie. Aber dass dieser Teil der Geschichte nicht auftaucht, kann ich einem deutschen Regisseur, der einen Film über die letzten Tage Hitlers dreht, nicht vorhalten.
SPIEGEL: Worin besteht der besondere Wert des "Untergang"-Films?
Lapid: Jedes Dokudrama, das über diese Zeit gedreht wird, ist ein Beitrag dazu, der Welt das Geschehene bewusst zu machen. Es bringt die Menschen zum Nachdenken. Vielleicht hilft es sogar, die Nostalgie mancher Neonazis zu zerstören.
SPIEGEL: Könnten die nicht auch ableiten, dass Hitler zumindest manchmal gar kein schlechter Kerl war?
Lapid: Sie müssen zu dem Schluss kommen, dass er verrückt war. Hitler verliert doch am Ende jegliches Gespür für die Wirklichkeit. Da dirigiert er Truppenteile, die gar nicht mehr existieren.
SPIEGEL: Manche Kritiker fanden trotzdem, dass Hitler zu menschlich erscheine.
Lapid: Ich habe nichts dagegen, dass er als mitfühlender Mensch gezeigt wird, vor allem gegenüber Frauen. Wenn der Regisseur nur ein Monster gemalt hätte, hätte das nicht die Essenz dessen getroffen, was Hannah Arendt die "Banalität des Bösen" genannt hat. Die Lektion des Films lautet: Wenn so einer derartige Gräueltaten begehen kann, dann kann das auch jeder andere Mensch.

DER SPIEGEL 21/2005
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