23.05.2005

ZEITGESCHICHTE„Man kann auch mit viel Lärm verschweigen“

Der spanische Autor Rafael Chirbes, 55, neben Günter Grass und Imre Kertész prominenter Teilnehmer des am Donnerstag in Berlin startenden Symposiums zur Vergangenheitsbewältigung in Spanien und Deutschland, über den Umgang seiner Landsleute mit der Franco-Zeit
SPIEGEL: Señor Chirbes, in Spanien wird derzeit über den Abbruch von Franco-Statuen und die Entschädigung von Franco-Opfern diskutiert. Freut Sie das?
Chirbes: Sicher ist es gut, dass dieser Teil unserer Geschichte nach vielen Jahren des Schweigens ins Bewusstsein der Menschen rückt. Aber meiner Ansicht nach verfolgt diese neuerwachte Erinnerung vor allem politische Ziele. Die sozialistische Partei, die lange selbst nicht an der Vergangenheit rühren wollte, hat das Thema entdeckt. Die Erinnerung an die Opfer Francos dient quasi der Legitimierung der Partei.
SPIEGEL: Was stört Sie daran - geht es nicht in den meisten Ihrer Romane auch um die Erinnerung an die Diktatur?
Chirbes: Ich ärgere mich darüber, dass keine wirkliche Reflexion darüber stattfindet, was während Bürgerkrieg und Franco-Zeit geschehen ist. Ich habe über diese Jahre geschrieben, als noch niemand darüber sprach. Ich wollte die Geschichte derjenigen erzählen, die keine Stimme haben, und nicht die der Opportunisten, die am Ende immer gewinnen. Seit das Wort "Memoria" in aller Munde ist und politisch missbraucht wird, ist es mir zuwider geworden.
SPIEGEL: Aber ist es nicht lobenswert, dass man sich überhaupt mit der Vergangenheit beschäftigt?
Chirbes: Man kann Geschichte auch verschweigen, indem man viel Lärm macht und schwarzweiß malt, wie es momentan in Spanien geschieht. In massenhaft aufgelegten Büchern werden Heldengeschichten konstruiert, die klar in Gut und Böse unterteilen. Viele Fragen werden einfach nicht gestellt: Warum beispielsweise wurde die Monarchie wieder eingeführt? Wie kommt es, dass auf einmal alle auf die Demokratie hingearbeitet haben wollen? Die einzige Opposition, die es gegen Franco gab, bildeten die Kommunisten. Wo sind die? Und wo sind die Gewerkschafter, die Arbeiter von damals? Im Mülleimer der Geschichte.

DER SPIEGEL 21/2005
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