23.05.2005

DEBATTENEuer Sündenbock-Spiel nervt

Die Schriftstellerin Juli Zeh über die Kontroverse um Managergehälter und Kapitalismusauswüchse
Müsste ich die Kapitalismusdebatte zeichnen, würde ich zunächst ein Quadrat malen und senkrecht in zwei Hälften teilen. Auf die eine Seite schriebe ich ein "L" für das linke, auf die andere ein "R" für das rechte politische Lager. Dann zöge ich mit geschlossenen Augen einen Zickzackstrich quer hindurch, die Buchstaben zerschneidend. Der Strich würde nicht einmal von Ecke zu Ecke reichen. Das wäre sie dann, die Kapitalismuskritik.
Nicht sein Inhalt macht den Kapitalismusstreit interessant, sondern sein symptomatischer Charakter für den Zustand unseres politischen Meinungsspektrums. Der für seinen Konservatismus berühmte Professor Wolffsohn wirft dem Politiker Müntefering, der Anleihen bei Marx macht, aufgrund einer missglückten Metapher nationalsozialistische Propagandamethoden vor. Im vergangenen Jahr erst hat derselbe Professor die Folter im Kampf gegen mutmaßliche Terroristen für legitim erklärt.
Der Sozialdemokrat Münte hingegen verlangt plötzlich "Recht und Ordnung" auf den Märkten und ein Vorgehen "mit aller Härte" gegen die Beschäftigung osteuropäischer "Billigarbeiter" auf deutschen Schlachthöfen. Gleichzeitig gehört Münte einer Partei an, die eben erst durch Steuerbefreiungen zu einem rasanten Anstieg der Private-Equity-Praktiken von Firmenaufkäufern beigetragen hat und die seit Jahren an einer Verbesserung des "Standorts Deutschland" arbeitet - ein anderes Wort für kapitalismusfreundliche Wirtschaftspolitik. In dieser Partei finden seine Ansichten ebenso viele Freunde wie Feinde, und Gleiches gilt selbstverständlich in der CDU. Zu guter Letzt komplettiert das hauptberufliche Republikgewissen den Meinungswirrwarr mit der ebenso wohlklingenden wie inhaltslosen Forderung nach einer parlamentarischen Kontrolle der Märkte - und wenigstens bleibt Günter Grass sich hierbei selbst treu.
Markanterweise gilt für die Gesamtdiskussion: Altersfreigabe ab 50. Kaum einer der Disputanten entstammt der jüngeren Generation. Die steht stumm vor Staunen daneben und fragt sich mit offenem Mund: Glaubt hier wirklich irgendjemand, gekürzte Managergehälter würden die Arbeitslosenzahlen senken? Wird ernstlich behauptet, unser vom Wachstum abhängiges Wirtschaftssystem könne erhalten werden, wenn man gleichzeitig den Leithammeln das Verdienen und den größten Firmen das Gesundschrumpfen verbietet? Oder geht es nur darum, die sprichwörtliche Dummheit der Politiker gegen die ebenso sprichwörtliche Rücksichtslosigkeit der Wirtschaftsbosse auszutauschen auf der Suche nach Ursachen für das Elend der Nation?
Es ist nicht einmal so, dass bloß die zyklisch wiederkehrende Jammerei der Elterngeneration über den bösen Kapitalismus nerven würde. Die Debatte dreht sich im Ansatz um wichtige Fragen, versandet aber noch vor der Schwelle zum Eigentlichen in oberflächlichen Forderungen und Schuldzuweisungen. Wie nur soll man sich an einer Diskussion beteiligen, in der niemand, auch nicht Müntefering, die geringste Ahnung hat, was er will?
Versucht man nämlich, aus der Kapitalismuskritik praktische Konsequenzen zu ziehen, die über das leerformelhafte Einfordern von "mehr ethischer Verantwortung bei Unternehmern" hinausgehen, ergibt sich ein merkwürdiges Bild.
Wir bräuchten Einkommensregulierungsgesetze für Spitzengehälter. Ein Abwanderungsverbot für deutsche Firmen, ein Mitarbeiterentlassungsverbot, vielleicht auch Importbeschränkungen für Billiggüter aus China. Weiterhin Ordnungsgesetze für die Kreditpolitik der Banken, ein Börsenspekulationsverbot sowie ein Verbot zur Einstellung ausländischer Arbeitskräfte aus Lohnkostengründen.
Alle diese Gesetze kann man erlassen - wenn man vorher einen Teil der Grundrechte abschafft, die Europäische Union auflöst und sich klar macht, dass unser ökonomisches System, egal ob Turbokapitalismus oder soziale Marktwirtschaft, darunter zusammenbrechen würde. Das will niemand. In Wahrheit will man nicht einmal einen ökonomischen deutschen Sonderweg. Was wollt ihr dann? - Ratlose Gesichter. Vielleicht Mao-am.
Wirtschaftsnationalismus, Protektionismus und eine Stärkung staatlicher Eingriffsmacht in die Handlungsfreiheit des
Einzelnen - die Kapitalismusdebatte macht die Rechts-Links-Schwäche im politischen Meinungsbild, Papa Marx hin oder her, endgültig zum vorherrschenden Normalzustand. Mit Heuschreckenmetaphern und an den Haaren herbeigezogenen Antisemitismusvorwürfen hat dieser Befund nicht das Geringste zu tun.
Erst wenn man im oben gezeichneten Quadrat das "L" und das "R" ausradiert und durch ein "F" für Freiheit und ein "S" für Sicherheit ersetzt, lässt sich die Debatte in besser unterscheidbare Meinungslager teilen. Und das gilt, übrigens, nicht nur für diese. Ob Anti-Terror-Kampf versus Datenschutz, Software-Patente versus Open Source, physische Selbstbestimmtheit versus Gesundheitspolitik oder Sterberecht versus Euthanasieverbot - hinter vielen politischen Diskussionen der Gegenwart verbirgt sich der Widerstreit zwischen dem Konzept individueller Freiheit auf der einen und jenem von staatlich herbeigeführter Sicherheit und Kontrollierbarkeit auf der anderen Seite.
Diese beiden Werte ergänzen und begrenzen sich; bis zu einem gewissen Grad schließen sie sich sogar gegenseitig aus. Es scheint an der Zeit, sie zu einem neuen Ausgleich zu bringen. Das ist die Wurzel des Kapitalismusstreits, die es freizulegen gilt, um ihn fruchtbar zu machen: Es fehlt nicht nur an konkreten Vorschlägen, sondern auch an einer grundlegenden Idee.
Denn natürlich geht es nicht um die genaue Höhe von Managergehältern. Die gegenwärtige Kapitalismuskritik ist bereits ein Kind der populärer werdenden Globalisierungsgegnerschaft. Auch hinter deren notorischer Schwammigkeit verbirgt sich die ungelöste Frage, wie unsere moderne Welt - optimaler- oder gar utopischerweise - gestaltet sein soll. Antwor-ten auf derart grundsätzliche Fragen sind nicht durch das Erstellen von Sündenbocklisten, durch Einkommenskabbala und Meinungsumfragenpoker zu gewinnen. Sondern nur durch die Reflexion unseres Welt- und Menschenbildes.
Es ist nicht der Mensch als Teil eines unmündigen, von Verkaufsstrategien manipulierten, ausgebeuteten und entmenschten Konsumentenkollektivs, der unsere Epoche prägt. Auch nicht der schafdumme Endverbraucher, den man zum Schutz vor sich selbst mit Verboten umstellen und erst wieder lehren muss, was der Sinn des Lebens ist. Viel eher leben wir doch in einem Zeitalter, das durch ein hohes Maß
an allgemeiner Bildung und Aufgeklärtheit sowie durch eine weitgehende Verwirklichung von Freiheitsidealen gekennzeichnet ist.
Aus der Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen folgt ein breitangelegter Individualismus, der (leider?) auch die ideellen Grundlagen für Mitgefühl, Verzichtswillen und eine Philosophie des Teilens schwinden lässt. Überindividuelle Wertvorstellungen, die sich aus den Ideen von Religion, Vaterlandsliebe oder Familie ergeben und das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Gemeinschaft befördern, haben in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Bedeutung verloren.
Über Jahrzehnte hinweg wurde von den Menschen in allen Lebensbereichen Selbstbestimmtheit und Eigeninitiative verlangt. Das Ideal der Mobilität, ohne das der internationalisierte Kapitalismus nicht möglich wäre, wird durch einen lust- und leistungsorientierten Typus verkörpert, den man bis heute auf jedem Werbeplakat bewundern kann. Moralität hingegen ist eine Form der Verantwortung für das eigene Handeln in Bezug auf andere. Sie gründet deshalb auf eine innere und äußere Verwurzelung in Kontexten, die nicht nur das Individuum selbst betreffen. Mobilität und Moralität sind keine Partner, sondern Kontrahenten. Das soll nicht heißen, dass ein Mensch unter keinen Umständen zugleich mobil und moralisch sein könnte. Für jenen Typus, den wir über so lange Zeit hinweg allein nach den Kriterien von Freiheitstauglichkeit und Beweglichkeit bewertet haben, stellt es jedoch eine Überforderung dar.
Anders gefragt: Wollen wir diesen Typus noch? Oder ist es jetzt so weit, dass wir verlorengegangene Werte durch staatliche Zwangsmechanismen ersetzen müssen? Wenn ja - geht das überhaupt? Und was bedeuten in diesem Zusammenhang die Grundrechte? Spielen die eine untergeordnete Rolle, weil wir an einen Punkt geraten, an dem wir den Staat vor dem Bürger schützen müssen und nicht mehr den Bürger vor dem Staat? Sehnen wir uns nach einer kleinen, sicheren Welt oder arbeiten wir weiter an dem Versuch, die Ränder der Chancengleichheit (und damit des Risikobereichs) möglichst weit auszudehnen - auch über staatliche Grenzen hinaus? Und wären wir bereit, für eines unserer alten oder neuen Ideale in materieller Hinsicht etwas aufzugeben? Wie wollen wir denn nun sein - stark, schön und erfolgreich oder edel, hilfreich und gut?
Quod esset disputandum. Keine dieser Fragen wird bislang in der Kapitalismusdebatte ernsthaft diskutiert. Angesichts der allgemeinen Überzeugung, vielleicht in keiner guten, jedoch in der besten aller denkbaren Staatsformen zu leben, ist das möglicherweise verständlich.
Man kann aber nicht Speck haben und das Schwein behalten - nicht die Freiheiten des Kapitalismus genießen und gleichzeitig nach einer sicheren Kuschelwelt verlangen. Wenn der aktuelle Streit, wie seine rasante Ausweitung vermuten lässt, tatsächlich Ausdruck eines tief- und weitgehenden Unbehagens gegenüber dem "Ob" oder "Wie" unseres wirtschaftlichen (und damit auch des politischen) Systems ist, wird das geheuchelte Bemühen um kosmetische Verbesserungen die Spannungen eher verschärfen als lösen.
Man liest, die Menschen im Land seien verunsichert und hätten Angst. Wenn das stimmt, liegt etwas im Argen, das über Hartz IV und Ackermanns Renditeerwartungen hinausreicht. Wir, das heißt unsere Gesellschaft als Ganzes und jeder Einzelne von uns, sind kürzlich in eine jener Identitätskrisen geraten, die Jahrhundertwenden geradezu typischerweise mit sich führen. In solchen Situationen kann man eine Menge Dinge auf den Prüfstand stellen - Menschenbild, Wirtschaftssystem, Weltordnung, den Zuschnitt unserer parlamentarischen Demokratie. Denn wer eine Veränderung der Verhältnisse nicht rechtzeitig zur Kenntnis nehmen will, muss auf unangenehme Überraschungen gefasst sein.
Münteferings ungelenker Vorstoß hat immerhin einen ersten Zipfel des eigentlichen Themas gepackt. Wenn wir daran in die angedeutete Richtung - unter Zuhilfenahme der einen oder anderen jüngeren Hand? - kräftig ziehen, verwandelt sich der bislang fruchtlose Meinungsstreit vielleicht doch noch in etwas tatsächlich Nutzbringendes: Die Bestimmung der Rolle des gegenwärtigen Menschen in der (deutschen) Gesellschaft und der (globalisierten) Welt. Dann wäre er gelungen, fernab von Heuschrecken, NRW-Wahl und neuem Klassenkampf: der Kreis der Quadratur.
Juli Zeh
ragt unter den jungen deutschen Schriftstellern als großes Erzähltalent heraus und mischt sich streitlustig in politische Debatten ein. Die studierte Juristin, 30, wurde in Bonn geboren und lebt in Leipzig, ihr Debütroman "Adler und Engel" wurde in 24 Sprachen übersetzt; zuletzt erschien "Spieltrieb" (Verlag Schöffling & Co.). Die aktuelle "Heuschrecken"-Diskussion ist nach Zehs Meinung fruchtlos und sollte Anlass sein, sich Grundfragen der globalisierten Welt zu widmen: Wollen wir im Luxus leben oder edel, hilfreich und gut? Ist uns individuelle Freiheit wichtiger oder staatlich verordnete scheinbare Sicherheit?
Von Juli Zeh

DER SPIEGEL 21/2005
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