23.05.2005

FILMFESTSPIELEDer lange Ritt ganz weit zurück

In Cannes glänzten Regisseure wie Wim Wenders und Lars von Trier mit jenen Tugenden, die sie einst berühmt machten - und prägten ein Festival ohne Krawall und spektakuläre Novitäten.
Der vielleicht schönste Satz der diesjährigen Kinofestspiele an der Croisette fiel in einem Film, in dem ein klappriges Bett durchs kahle kurdische Bergland im Norden des Irak geschoben wird - manchmal lag ein alter Mann darin, manchmal saß eine wunderschöne junge Frau darauf.
Der Film hieß "Kilomètre zéro" und war ein unbeholfenes Antikriegsmärchen des erstmals am Wettbewerb teilnehmenden irakischen Regisseurs Hiner Saleem. Der zentrale Satz des Films aber traf auf den aktuellen Zustand des Weltkinos mindestens so präzise zu wie auf das Los der Hauptfiguren: "Unsere Vergangenheit ist traurig, unsere Gegenwart ist tragisch, aber wenigstens haben wir keine Zukunft."
Derart fröhlichem Galgenhumor hatten sich offenbar auch die Organisatoren des Festivals verschrieben, als sie fürs Wettbewerbsprogramm dieses Jahres jede Menge Haudegen des Weltkunstkinos mit ihren neuen Werken luden: Gus Van Sant und Michael Haneke, Atom Egoyan und Jim Jarmusch - allen voran aber Lars von Trier und Wim Wenders.
Wenders setzte mit dem Film "Don''t Come Knocking" einen der Höhepunkte in Cannes - und beschwor so gnadenlos wie grandios das Kinoklischee der großen
weiten Cowboy-Welt US-Amerikas: Im Galopp ließ er einen Reiterhelden durch monumentale Felsenlandschaften im Südwesten der USA preschen, das Licht der tiefstehenden Sonne brach sich im aufgewirbelten Staub.
Vermutlich hätte kaum ein US-Regisseur noch den Mut, dieses Inbild uramerikanischen Freiheitsdrangs, dem auch der Horizont keine Grenze zu setzen scheint, noch zu bemühen. Doch Wenders setzt es mit der Abgeklärtheit eines erfahrenen Pioniers in Szene, der mit frischer Unternehmungslust noch einmal jenes Land erobert, dessen Erkundung ihn einst in "Paris, Texas" (1984) berühmt gemacht hat.
Es ist schon überraschend, dass ausgerechnet Wenders, der noch vor gut einem halben Jahr in "Land of Plenty" ein absolut trostloses Bild der Vereinigten Staaten zeichnete und damit drohte, der Heimat der Tapferen und Freien im Fall einer Wiederwahl Bushs den Rücken zu kehren, nun mit jeder Einstellung des von Franz Lustig schwelgerisch fotografierten Werks "Don''t Come Knocking" die Schönheit eben dieses Landes feiert.
Wenders erwies sich in Cannes als unnachgiebiger Romantiker - und lässt zusammen mit seinem Drehbuchautor Sam Shepard, der auch die Hauptrolle eines alternden Cowboy-Darstellers spielt, die glorreiche Vergangenheit des Landes über die triste Gegenwart siegen. Dabei ist es weniger Nostalgie als ein stolzer Beharrungstrotz, wenn der Film die Straßenzüge eines Provinzstädtchens zu grandiosen Edward-Hopper-Gemälden im Breitwandformat stilisiert; so als wolle Wenders sagen: Seht her, was dieses Land wirklich ausmacht - niemand wird das je zerstören können.
Viele Filme beim Festival in Cannes wirkten in diesem Jahr, als sei das Kino insgesamt auf einem Ritt ganz weit zurück, um sich auf große Traditionen und vergessene Tugenden zu besinnen - nicht ganz unverständlich in einer Krisenzeit einbrechender Zuschauerzahlen, in denen das US-Fachblatt "Entertainment Weekly" auf dem Cover fragt: "Warum geht eigentlich keiner ins Kino in diesem Jahr?"
Jede Menge Fortsetzungsfilme waren an der Côte d''Azur zu bestaunen - und nicht alle waren so deutlich als Serienprodukte deklariert wie der Hollywood-Kracher des neuen "Star Wars"-Spektakels, für das die Werbestrategen knapp vor dem weltweiten Filmstart ein Glamour-Feuerwerk an der Croisette zündeten. Und die "Star Wars"-Mitspielerin Natalie Portman lächelte dazu mit kahl rasiertem Schädel so allerliebst in die Kameras wie ein geschorenes Bambi.
Der Däne Lars von Trier präsentierte im Wettbewerbsbeitrag "Manderlay" den zweiten Teil seiner mit "Dogville" begonnenen Anti-Amerika-Trilogie. Abermals sieht man tolle Schauspieler
(diesmal nicht Nicole Kidman, sondern die famose junge Bryce Dallas Howard in der weiblichen Hauptrolle), abermals wird im Halbdunkel spärlichster Theaterkulissen sehr lehrstückhaft über große Menschheitsthemen diskutiert: Am Beispiel der Südstaaten-Baumwollplantage Manderlay und einer Story aus den dreißiger Jahren lernt der Zuschauer, dass in der Sklaverei manchmal auch die Sklaven ihre eigene Unterdrückung ganz okay fanden.
Doch nicht die seltsame Moral war das wirklich Irritierende an der neuen Kunstübung der genialen Nervensäge von Trier (der Kerl ist stolz darauf, noch nie einen Fuß auf den Boden der Vereinigten Staaten gesetzt zu haben, und rechtfertigt seinen Zorn auf die Bigotterie der US-Bürger damit, dass er, wie er in Cannes verkündete, sich kulturimperialismushalber als "zu 60 Prozent amerikanisch" empfinde). Nein, die eigentliche Überraschung war, wie konventionell die Provokationen des wilden Dänen inzwischen wirken: "Manderlay" besitzt schon beim ersten Ansehen den zwielichtigen Charme eines zwar asketischen, aber auch sehr braven Kinoklassikers.
Die Gier nach echten Novitäten konnten in Cannes auch die fast schon üblichen Gewaltexzesse nicht stillen: Die Comic-Verfilmung "Sin City" der US-Regisseure Frank Miller und Robert Rodriguez ebenso wenig wie der immerhin sehr gerissene Schocker "A History of Violence" des Kanadiers David Cronenberg: Die Story eines treusorgenden Familienvaters in der amerikanischen Provinz (gespielt von Viggo Mortensen), der sich von seiner düsteren Vergangenheit nur durchs brutale Abschlachten seiner Gegner befreien kann, steht in der Tradition von Anthony Manns Rache-Epen der fünfziger Jahre.
Als liebevoller Rekonstrukteur betätigte sich auch der gleichfalls in Kanada lebende Filmemacher Atom Egoyan in seinem Kriminalstück "Where the Truth Lies": Der Regisseur setzt zwei schmissige Entertainer (gespielt von Kevin Bacon und Colin Firth) im Amerika der späten fünfziger Jahre in Szene - und packt einen Schmierfilter auf die Kamera, damit die Beschwörung dieser Zeit noch weicher wirkt. Nach traurig-düsteren Werken wie "The Sweet Hereafter" (1997) war Egoyan der filmischen Schönfärberei eher unverdächtig, hier aber zeigt er (obwohl es um ein brutales Verbrechen geht) einen Kostümfilm in bunten Wohlfühlfarben, den er selbst als Hommage an glorreiche Kinozeiten verstanden sehen will.
Es sind große, alte, elementare Fragen, denen sich die Helden vieler Filme in Cannes stellen mussten: Wie kommt es zum Verrat der eigenen Werte ("Where the Truth Lies")? Wie kann man dem genetisch und gesellschaftlich bedingten Hang zur Gewalttätigkeit entkommen ("A History of Violence")? Wie schafft man es, die verlorenen Töchter und Söhne zurückzugewinnen ("Don''t Come Knocking")?
Unter ähnlichen Vorzeichen wie Wenders schickte auch der New Yorker Regisseur Jim Jarmusch seine Helden auf die Reise in die Vergangenheit. Überhaupt wirkte Jarmuschs Film "Broken Flowers" wie ein Pendant zu Wenders'' Meisterwerk: Bill Murray sucht darin als etwas in die Jahre gekommener Don Juan nach einer früheren Geliebten, die in einem anonymen Brief behauptet, einen Sohn mit ihm zu haben. Mit wunderbar verhaltenem Humor zeigen Jarmusch und sein Star, wie der Held seine früheren Flammen (gespielt unter anderem von Sharon Stone, Tilda Swinton und Jessica Lange) bei einer Odyssee durch das ländliche Amerika abklappert und am Ende doch mit ratloser Melancholie ins Leere starrt.
Irgendwie flüchteten die amerikanischen Helden in diesem Jahr auf die eine oder andere Weise alle aus der Wirklichkeit: Das galt für den somnambulen, mit Drogen vollgepumpten Musiker in "Last Days", mit dem der Regisseur Gus Van Sant dem Nirvana-Frontmann Kurt Cobain ein filmisches Denkmal errichtete, ebenso wie für Tommy Lee Jones'' Neo-Western "The Three Burials of Melquiades Estrada".
Jones ist Regisseur und Hauptdarsteller, sein Held irrlichtert als Vorarbeiter einer Ranch mit einer Leiche im Gepäck durch das karge, lebensfeindliche Niemandsland zwischen den USA und Mexiko, wo archaische Gesetze gelten. "The Three Burials" zeichnet ein trostloses Bild vom Leben in der texanischen Provinz, das zwischen lustlosem Sex im Trailer-Park und schlechtem Kaffee im verranzten Diner verrinnt - und setzt in der zweiten Hälfte des Films den Überlebenskampf in der Wildnis dagegen.
Nach dem politisch aufgeladenen Festival des letzten Jahres, bei dem am Ende Michael Moores filmisches Pamphlet "Fahrenheit 9/11" der umstrittene Sieger war, traten diesmal auffällig viele Filme den Rückzug in bewährte Kunstkonventionen an: Über die Hälfte aller Wettbewerbsbeiträge erzählten von Familien, beschrieben quälend ihren Zerfall (wie der Japaner Masahiro Kobayashi in "Bashing") oder ihre kaum weniger anstrengenden Geburtswehen (wie die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne in "L''Enfant").
Zu den herausragenden Filmen des Festivals gehörte Michael Hanekes "Caché" ("Versteckt"), in dem der Österreicher präzise beschreibt, wie die Welt eines TV-Moderators (gespielt von Daniel Auteuil) aus den Fugen zu geraten droht - just in dem Moment, als dem Fernsehmann geheime Überwachungsvideos zugeschickt werden und seine Frau (Juliette Binoche) zu ahnen beginnt, dass er vor ihr ein düsteres Geheimnis aus seiner Kindheit verbirgt.
"Caché" erzählt von einer eskalierenden Ehekrise und bietet damit keineswegs aufregend neuen Erzählstoff. Doch der packende Psycho-Thriller spielt genau an jener Schnittstelle der menschlichen Existenz, an der das Öffentliche ins Private eindringt: Nichts geht so tief unter die Haut, so zeigt Haneke in seinem Film, wie der Blick einer Kamera. LARS-OLAV BEIER,
WOLFGANG HÖBEL
* Mit "Don''t Come Knocking"-Darstellern Sarah Polley, Sam Shepard, Fairuza Balk, Gabriel Mann.
Von Lars-Olav Beier und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 21/2005
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