23.05.2005

KUNSTHokuspokus aus Germania

Deutschland wird sich auf der Biennale in Venedig ungewohnt frisch und gewitzt geben - mit Hilfe der beiden Künstler-Jungstars Thomas Scheibitz und Tino Sehgal.
In drei Wochen geht's wieder los, das Wettrennen der Kunstnationen: Dann startet die Biennale in Venedig, immerhin das älteste, berühmteste und am schönsten gelegene Kunstspektakel der Welt. 70 Länder präsentieren ihre Vorzeigekünstler in den Parkanlagen der Giardini oder möglichst dicht dran - zum ersten Mal in der über 100-jährigen Geschichte will sogar China teilnehmen. Und in den Feuilletons weltweit wird die wichtigste Frage lauten: "Sind die eigenen Künstler die besten?"
Das sei schon die falsche Frage, findet Julian Heynen; Venedig sei toll, diese Stadt, die Lagune, das Wetter, das alles sei nicht zu toppen. "Der ganze Ort ist eine wunderbare, gut ausgeleuchtete Bühne für die Kunst", schwärmt der Mann - der traditionelle Ländervergleich diene zwar immer noch als Raster, aber die meisten Nationen seien "doch zum Glück seit langem darüber hinaus, ihn bierernst zu nehmen".
Heynen, 53, leitet im Hauptberuf das Düsseldorfer Museum K21, und er hat zum zweiten Mal hintereinander den ehrenvollen Job erfüllt, die Künstler für den deutschen Pavillon auszuwählen. Ihm gehe es um Qualität, aber auf keinen Fall darum, Deutschland zu repräsentieren, sagt er: "Künstler sind doch keine Vertreter."
Immerhin hat er für eine Art Pavillon-WG dann doch zwei publikumswirksame Leute ausgesucht - zwei, die als frisch und trendig gelten und die beide bereits Venedig-Erfahrung haben: 2003 durften sie an den von der Biennale-Direktion verantworteten Überblicksschauen teilnehmen.
Der Maler und Bildhauer Thomas Scheibitz, 37, ist 15 Jahre nach der Wiedervereinigung der erste Künstler aus Ostdeutschland, der im BRD-Pavillon ausstellt. Die "Dresdner Morgenpost" jubelte nach Bekanntgabe der Künstlernamen stolz: "Ein Sachse auf der Biennale". Schwerer fällt womöglich ins Gewicht, dass derzeit Malerei ostdeutscher Prägung auf dem internationalen Kunstmarkt sehr gefragt ist. Das interessiere ihn nicht, behauptet Kurator Heynen. Er könne sich vielmehr vorstellen, "dass es manchen Wessi erstaunt, wenn aus Ostdeutschland ein Künstler kommt, der es bis zur Biennale schafft. Da gibt es das eine oder andere Vorurteil".
Scheibitz, dessen Motive schon mal an einen Poltergeist erinnern oder turbulent neokubistisch wirken, zeigt in Venedig Gemälde und Plastiken - und dazwischen wird sein Pavillon-Mitbewohner Tino Sehgal seinen Spuk veranstalten.
Sehgal ist erst 29 Jahre alt - und damit der jüngste Künstler, der je im deutschen Pavillon ausstellen durfte. Der Sohn indisch-deutscher Eltern kam in London zur Welt, wuchs überwiegend in Deutschland auf, studierte Tanz und Wirtschaft und wechselte dann zur bildenden Kunst - nun denkt er sich Showeinlagen für den Kunstbetrieb aus.
Mal räkeln sich Paare in irgendeinem Museum auf der Welt auf dem Boden und knutschen herum, mal kriecht ein Akteur vor den Füßen der Besucher entlang. Kinder geben sich auf einer Kunstmesse als gestrenge Spezialisten aus, halten Vorträge - und stellen dem Publikum listige Fragen der Sorte: "Was glauben Sie, worum es hier geht?" Niemand darf die Aufführungen filmen und fotografieren, nicht einmal für einen Katalog. Der flüchtige Hokuspokus ist das eigentliche Kunstwerk, und die Darsteller sind verpflichtet, die kunsthistorisch relevanten Eckdaten zu nennen. Also rufen die Knutscher: "Tino Sehgal. Kiss. 2004."
Wenn er einen angeheuerten Wachmann zu Fuchtelbewegungen proklamieren lässt "Das ist zeitgenössisch, zeitgenössisch, zeitgenössisch" oder (wie auf der vergangenen Biennale) ein Spieler "Das ist Propaganda" verkündet, wirkt das hübsch verrückt - und immerhin kann man die Choreografie kaufen. Allerdings bekommt der Kunde weder eine Quittung noch sonst irgendein Dokument. Klar verzichtet Sehgal in Venedig auf jede Art begleitender Publikation. Stattdessen will er mit "interessanten Menschen" Gespräche führen, die in Zeitungen abgedruckt werden. Sehgal unterlaufe die Strukturen des Kunstbetriebs, heißt es oft. Er "operiert immateriell", nennt es Heynen. Das britische Kunstmagazin "Frieze" hat die Aktionen lieber mit einem Orgasmus beim Liebesspiel verglichen, denn auch Sehgals Späßen liege "die Schönheit des Aktes inne, der sich selbst erschafft und im selben Augenblick wieder auslöscht".
Entschieden habe er sich für die Künstler rein intuitiv, sagt Kurator Heynen: "Ich bin kein Stratege." Er habe weder auf die Herkunft noch auf den Bekanntheitsgrad geachtet. Vom Jugendwahn halte er gleichfalls nichts - "Das ist ein Todesrennen."
Ganz sicher kommt mehr Leben in den deutschen Pavillon als 2003. Damals lieferten die Fotografien von Candida Höfer einen reichlich weihevollen Rahmen für eine U-Bahn-Installation des 1997 verstorbenen Künstlers Martin Kippenberger. Über eine "leere Pathoshalle" lästerte die "Süddeutsche Zeitung".
Einer der Merksätze des Künstlers Tino Sehgal lautet: "Die Menschen sind ganz verblüfft, wenn im Museum irgendetwas passiert." Klingt wie ein Versprechen.
ULRIKE KNÖFEL
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 21/2005
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