23.05.2005

MUSIKDer Tüftler von der Île St. Louis

Nächste Woche erhält der greise Komponist Henri Dutilleux den Ernst von Siemens Musikpreis 2005, den Nobelpreis der Zunft. Fans wie Anne-Sophie Mutter verehren den Außenseiter als Genie.
Nicht im Traum hat er jemals daran gedacht, Opernhäuser in die Luft zu sprengen, in Bayreuth den Gral zu enthüllen oder am Ende, ganz Maestro, mit großem Orchester durch die Welt zu tingeln - als Liebling des intellektuellen Establishments. Nein, die Jobs und Ideen von Pierre Boulez wären nie was gewesen für Henri Dutilleux.
Henri wer?
Dieser Außenseiter namens Dutilleux ist auch nicht, wie Boulez, der Typ Tonsetzer, der der Avantgarde den Takt vorgibt, der lehrt und belehrt. Er will, sagt er selbst, "keine Botschaften verkünden".
Überhaupt macht Dutilleux nicht viel Aufhebens um sich und sein Werk. Seit fast 60 Jahren ist er mit der Pianistin Geneviève Joy verheiratet. Seit 30 Jahren arbeitet er in seinem bescheidenen Studio auf der Pariser Île St. Louis, im Schatten von Notre-Dame, tüftelt mit Tönen, testet Harmonien, bastelt an Intervallen und schreibt, weil er "stets auf den Augenblick der Begeisterung" wartet, nicht viel und nicht schnell: Für sein 17-minütiges Cellokonzert "Tout un monde lointain" hat er volle drei Jahre gebraucht.
Henri Dutilleux ist jener freundliche alte Herr, den die Geigerin Anne-Sophie Mutter für den "größten lebenden Komponisten" hält, der "diskrete Riese", der im Urteil des Nachrichtenmagazins "L'Express" der "weltweit meistgespielte französische Zeitgenosse" ist und dem neuerdings sogar die sonst so zögerliche CD-Industrie zu erstaunlicher Resonanz verhilft.
Stars wie Isaac Stern, Lorin Maazel, Simon Rattle und Mstislaw Rostropowitsch haben ihm durch Aufträge und Premieren gehuldigt. Sein Orchesterwerk "The Shadows of Time" gehört inzwischen zu den Rennern der zeitgenössischen Musik. In allen wichtigen Konzertsälen der Welt wird sein Werk beklatscht.
Nun endlich steht ihm auch der Ritterschlag der deutschen Kulturszene bevor: Nächste Woche überreicht ihm die Bayerische Akademie der Schönen Künste in den Münchner Kammerspielen den mit 150 000 Euro dotierten Ernst von Siemens Musikpreis 2005, den Nobelpreis der Tonkunst.
Sein "kompositorisches Lebenswerk", so die Jury, sei von "höchstpersönlichem Ausdruck und bleibendem Kunstwert" in der "französischen Traditionslinie", es gestalte "eine moderne Musik nach Idealen der Schönheit auf eine mehrschichtige, auch Schattenseiten implizierende Weise".
Nach Boulez, 80, und Olivier Messiaen (1908 bis 1992) ist Dutilleux, 89, der dritte Franzose, der von der Siemens-Stiftung geehrt wird - ein längst fälliger Akt, um den rührigen, rüstigen Methusalem zwischen den beiden Übergrößen seines Landes angemessen zu positionieren.
Dabei steht außer Frage, dass Henri Dutilleux sich vom Moderne-Zampano Boulez um Welten unterscheidet. Bis in sein biblisch hohes Alter ist er eher wie eine Randfigur der Szene, ein leiser Vertreter, aber auch ein stilles Wasser von imposanter Reinheit und eindrucksvoller Tiefe.
Früher "behandelte Boulez mich von oben herab", erinnert sich Dutilleux. "Ich spreche nicht von ihm, und er spricht nicht von mir", sagte er noch vor sechs Jahren, und jüngst erst verschnörkelte er seine Kritik an Boulez' Klaviersonaten in einer verbalen Pirouette: Diese Stücke lägen "weit abseits der Entwicklung, die ich nicht nur meiner, sondern der Musik im Allgemeinen wünschte".
Stärker noch als Dutilleux und Boulez unterscheiden sich Dutilleux und Messiaen, jener Dritte im Bunde der französischen Neutöner, die die europäische Musikmoderne vor allem um aparte Klänge bereichert und mit delikaten Tonfarben aufgemischt haben.
Messiaen war ein komischer Heiliger mit kosmischen Visionen, der seine Notenfeder gleichsam in Weihwasser tauchte. Als ornithologischer Freak und Experte übertrug er das Tirili selbst exotischster Vögel ebenso naiv wie pfiffig in seine Partituren und verklärte die Zwitscherei zu tönender
Theologie - Messiaen glaubte den Himmel mit dem Violinschlüssel auftun zu können.
Gegenüber diesem "katholischen Musiker", sagt Dutilleux, habe er sich "immer im Rückstand gefühlt", Messiaen habe "nicht den geringsten Zweifel gekannt", und das sei "seine große Stärke" gewesen. Dutilleux indes tut sich schwer mit den Segnungen der Una Sancta: "Die Geschichte der katholischen Kirche vom Zweiten Weltkrieg bis in die jüngste Vergangenheit hat mich von ihr entfernt", gestand er jetzt dem Kritiker Jörg Hillebrand.
Kein Wunder, dass in seinem dünnen Werkkatalog alle geistliche Musik fehlt - wie die Oper, der er inzwischen allerdings nachweint: Diverse Angebote von Rolf Liebermann und Luciano Berio habe er seinerzeit ausgeschlagen, er habe "nie einen Stoff gefunden, der mir stark genug erschienen wäre". Im Übrigen habe er einfach "Probleme damit, musikalische Unterhaltungen auf der Bühne zu realisieren".
Dutilleux widmet sich lieber rein instrumentalen Werken voll sanfter Magie und koloristischer Raffinesse. Da lässt er sich von Bäumen oder Gedichten inspirieren und konstruiert große orchestrale Nachtmusiken. Da formt er subtiles Tongut, spielt mit pointillistischen Schnörkeln, deutet an, tupft hin, malt aus, wird durchaus mal schroff und scheut auch atonale Schrunden und derbe Dissonanzen nicht.
Aber Dutilleux' Härten sind nie brutal, und wenn seine Musik schwerelos wird, dann ohne Schummrigkeiten. Clarté - Klarheit - ist Dutilleux' Schlüsselwort.
Dass Kolorit und Klangfarben die wichtigsten Komponenten seiner Musik geworden und geblieben sind, erklärt der Komponist mit seinem Erbgut - der Urgroßvater Constant Dutilleux war Maler und Lithograf gewesen - und mit der Umgebung, in der er aufwuchs: zwischen Zeichnungen, Gemälden und optischen Impressionen. Alles das muss auf den späteren "Flaneur der Seele" ("Süddeutsche Zeitung") abgefärbt haben.
Schon als er noch in die Tonlehre ging, lehnte sich Dutilleux gegen die Schulmeisterei am Pariser Konservatorium auf: alles akademisch, alles von gestern. Noch energischer verwahrte er sich gegen die Bevormundung durch die damals neuen Propheten der seriellen und postseriellen Musik: "Von den Medien unterstützt", giftete er, habe hier "eine Art ästhetischer Terrorismus internationale Maßstäbe gesetzt".
Am härtesten ging der Ketzer allerdings mit seinem eigenen Schaffen ins Gericht und verwarf kurzerhand alles, was er bis 1945 geschrieben hatte. Sein wahres Werk, dekretierte er später, beginne mit jener Klaviersonate, die seine Ehefrau Geneviève 1948 uraufgeführt hat.
Mittlerweile hat er seine üppige instrumentale Farbpalette virtuos genutzt, mit brillanten, oft verblüffenden Effekten. In der Orchesterfantasie "Timbres, espace, mouvement" beispielsweise, die durch Vincent van Goghs Gemälde "Sternennacht" angeregt worden ist, setzt er dem geigen- und bratschenlosen und somit auffallend eingedunkelten Streicherchor ein metallisch helles Gemisch aus hohen Bläsern und heftigem Schlagzeug gegenüber.
In den zehn Kürzeln seines "Mystère de l'instant" treffen sich 24 Streicher, Zimbal und groß besetztes Schlagzeug zu einer burlesken Demo des musikalischen Spieltriebs; ein Heidenspaß. Unter dem Titel "Sur le même accord", einem von Anne-Sophie Mutter bestellten und ihr gewidmeten Nocturne für Violine und Orchester, kreist die Musik in einer rund zehnminütigen Metamorphose um einen einzigen Akkord; eine köstliche Geduldsprobe.
Aber: "Es ist kein Scherz, Musik zu schreiben", sagt Dutilleux, der Doyen mit dem vollen Auftragsbuch: Für den US-Opernstar Renée Fleming plant er ein Werk für Sopran und Orchester; der Dirigent Kent Nagano wartet auf eine Partitur; bei dem polnischen Klaviervirtuosen Krystian Zimerman steht Dutilleux im Wort, und auch für dessen Kollegin Hélène Grimaud würde er gern schreiben.
Und dann ist da noch was, ganz unter Kollegen. "Bevor ich sterbe", will Dutilleux nun doch jenes legendäre Ensemble Intercontemporain bedenken, dessen Weltruf untrennbar mit Pierre Boulez verbunden ist. Der hat die Partitur schließlich vor 15 Jahren bestellt. KLAUS UMBACH
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 21/2005
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