23.05.2005

BUCHMARKTTraining für Tom Sawyer

Anders als Mädchen gelten Jungen als lesefaul. Falsch, sagt die Autorin Katrin Müller-Walde: Sie lesen gern - nur meist nicht das, was Erwachsene empfehlen.
Der Weltekel von Gustave Flaubert, dem gnadenlosen Beobachter ("Madame Bovary"), machte nicht einmal vor dem eigenen Produkt Halt. Ein Buch, "gleichgültig welches", höhnte Flaubert, "ist stets zu lang".
Diese Einschätzung ist heute, 125 Jahre nach dem Tod des französischen Schriftstellers, aktueller denn je. Gegen das Fernsehen, Computerspiele und andere Verlockungen der Spaßgesellschaft zieht das Buch, ein Medium mit einer vergleichsweise komplizierten Benutzeroberfläche, oft den Kürzeren. "Nur noch sechs Prozent aller Deutschen", klagte die "Zeit", "greifen abends lieber zum Buch als zur TV-Fernbedienung." Vor allem Jungen und junge Männer, das zeigen Untersuchungen wie die Pisa-Studie, lesen nur ungern, immer weniger und damit immer schlechter - ein Teufelskreis, den oft nicht einmal "Harry Potter" durchbrechen kann.
Die Volkswirtin und Journalistin Katrin Müller-Walde, ehemals Moderatorin der ZDF-"heute"-Nachrichten, musste diese Entwicklung aus nächster Nähe beobachten: Ihr 13-jähriger Sohn Tilman war, wenn überhaupt, nur mit Mühe zum Bücherlesen zu bewegen. "Intelligente, aufgeweckte Mädchen und Jungen mühen sich zunehmend mit dem Alphabet", stellte Müller-Walde fest. Die Kinder lernten zwar lesen, "Leselust entwickeln aber nur die wenigsten".
Müller-Walde wollte diese Entwicklung nicht tatenlos hinnehmen. Gestützt auf zwei Umfragen unter mehr als 2200 Jugendlichen, schrieb sie einen Ratgeber für Eltern und Lehrer - eine schonungslose Analyse der jugendlichen Bücherverweigerung, vor allem aber eine praktische Anleitung für Wege aus der Lesekrise. Auch Lesetipps für 12- bis 18-jährige Jungmänner bietet Müller-Walde an, ausgewählt von den wohl mäkeligsten Buchkritikern überhaupt: den Jugendlichen selbst*.
Am Anfang stand die Erkenntnis: Viele Jungen lesen nicht, jedenfalls nicht freiwillig. Mittlerweile gelten die Männer von morgen nach Ansicht von Pädagogen,
Hirn- und Verhaltensforschern als das wahre schwache Geschlecht (SPIEGEL 21/2004). Jungen bleiben in der Schule häufiger sitzen als Mädchen, stören mehr im Unterricht und neigen öfter zu Legasthenie. Je anspruchsvoller der Schultyp, desto größer der Anteil der Mädchen; auch an den deutschen Hochschulen stellen Frauen mittlerweile die Mehrheit. Typisch männliche Fertigkeiten (Jagen, Einparken) verlieren in der Wissensgesellschaft dagegen immer mehr an Bedeutung.
Was tun? Lesen sei "der Schlüssel zu besseren Leistungen, zu größerem Wohlbefinden und angemessenem Sozialver-
halten", sagt Autorin Müller-Walde - und damit "mehr als reine Informationsbeschaffung". Doch bei solch wohlmeinenden Erkenntnissen stellen pubertierende Jugendliche meist auf Durchzug, erst recht, wenn Mütter ihre Söhne zum Lesen bewegen wollen. "Lesen gilt heute unter männlichen Jugendlichen als weibisch", berichten Leseforscher. Nur wenige Jungen hätten genug Selbstbewusstsein, gegen dieses falsch verstandene Rollenverhalten ihrer Kumpel anzugehen.
Doch man kann dem Gruppenzwang auch positive Seiten abgewinnen, denn nichts genießt bei Jugendlichen so große Autorität wie Empfehlungen - sorry, Marcel Reich-Ranicki - von Gleichaltrigen. Manche Bildungsbürger dürfte das kalte Grausen überkommen angesichts der Literaturvorlieben, die zwei Forschungsinstitute (ijf aus München und Skopos aus Köln) im Auftrag Müller-Waldes ermittelten: "Coole Bücher", von Männern in spe für ihresgleichen empfohlen, sind neben den üblichen Verdächtigen ("Harry Potter", "Der Herr der Ringe") nämlich:
* die zotenreiche Autobiografie des Popgroßhändlers Dieter Bohlen ("Nichts als die Wahrheit"),
* Eoin Colfers schlichte Action-Abenteuer zwischen Irland und Unterwelt ("Artemis Fowl") sowie
* die Horrorgeschichten von Stephen King.
"Erst kommt die Lust, dann die Bildung", konstatiert Müller-Walde, die selbst Bohlen & Co. eher wenig abgewinnen kann ("Ich liebe Thomas Mann"). Der Weg zur anspruchsvollen Literatur sei "eine Art Trainingsstrecke". Auch sie hatte ihren Sohn lange mit Klassikern "von Tom Sawyer bis Oliver Twist" traktiert, vergebens. "Wir haben kein Problem mit dem ,guten Buch''. Wir haben ein Vermittlerproblem bezogen auf das ,gute Buch''."
Dieser Pragmatismus ist vielen Buchbewahrern nicht geheuer. "Viele Vermittler sind erstaunlich anspruchslos geworden, was die Qualität der Lektüre angeht", meckerte Anfang Mai die "Frankfurter Allgemeine". Die Literatur-Hohepriesterin der "Zeit", Iris Radisch, verstieg sich einst gar zu einem fatalistischen Elite-Bekenntnis: "Das Weltwunder Lesen war immer etwas für wenige." Es fehlte eigentlich nur die Tirade Friedrich Nietzsches, wonach "die schlechtesten Leser" die seien, "welche wie plündernde Soldaten verfahren: Sie nehmen sich einiges, was sie brauchen können, heraus, beschmutzen und verwirren das Übrige und lästern auf das Ganze".
Doch Nietzsche ist tot, Stephen King lebt, und im Elfenbeinturm wird es langsam eng: Katrin Müller-Waldes Sohn Tilman, mittlerweile 17, ist inzwischen ein begeisterter Leser. MARTIN WOLF
* Katrin Müller-Walde: "Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können". Campus Verlag, Frankfurt am Main; 240 Seiten; 19,90 Euro.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 21/2005
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