23.05.2005

POP„Ich erforsche die eigene Seele“

Die kolumbianische Popsängerin Shakira, 28, über ihre Begeisterung für die Psychoanalyse, ihren Nationalstolz und ihr neues Album „Fijación Oral“
SPIEGEL: Shakira, bevor Sie mit Ihrem 2002 erschienenen ersten englischsprachigen Album "Laundry Service" zum Weltstar wurden, sagten Sie selbstbewusst, Sie wollten die USA erobern, wie einst die Spanier Südamerika in Besitz nahmen. Sind Sie stolz auf den siegreichen Feldzug?
Shakira: Habe ich das wirklich gesagt? Ich gebe zu, dass ich immer noch darüber staune, was für ein Erfolg "Laundry Service" war. Und ich glaube, dass viele Menschen in Lateinamerika stolz darauf sind, dass eine von ihnen in den USA mehr als drei Millionen Alben verkauft hat.
SPIEGEL: In Ihrer kolumbianischen Heimatstadt Barranquilla will man Ihnen so-gar ein vier Meter hohes Bronzedenkmal errichten.
Shakira: Ja, ich habe davon gehört, und ich hoffe, dass es stimmt, obwohl mich bisher noch keiner gebeten hat, dafür Modell zu stehen. Es klingt vielleicht etwas egoistisch, aber ich fände es großartig, wenn ich eines Tages mit meinen Kindern zu der Statue gehen und ihnen sagen könnte: "Hey, das soll eure Mutter sein - aber sieht sie nicht in Wahrheit viel besser aus?"
SPIEGEL: Sie sind bereits vor einigen Jahren nach Florida gezogen und leben heute auf den Bahamas - weil Sie, wie es hieß, zu Hause bedroht wurden?
Shakira: Nein, das ist totaler Quatsch. Ich habe im Grunde meine Heimat schon vor zehn Jahren verlassen, als ich anfing, als Sängerin durch die Welt zu touren. Nach Florida bin ich gezogen, weil Gloria und Emilio Estefan, der zwei meiner Alben produziert hat, dort leben. Und weil ich wegen der Paparazzi irgendwann in Miami keinen Schritt mehr tun konnte, ohne dass die Kerle mich und meinen Freund Antonio de la Rúa verfolgten, lebe ich jetzt auf den Bahamas.
SPIEGEL: Haben Sie Verständnis dafür, dass manche Kolumbianer Sie dafür kritisieren, dass Sie Ihre Heimat verlassen haben?
Shakira: Nein, denn aus meiner Perspektive habe ich Kolumbien nie verlassen. In meinem Herzen trage ich eine große kolumbianische Flagge mit mir herum. Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt, aber ich habe natürlich in Barranquilla viele Menschen gesehen, denen es schlechter erging. Ich habe Kinder auf der Straße gesehen, die Klebstoff schnüffelten, um den Hunger zu ertragen. Andere müssen sich im Dschungel von Kolumbien mit der Waffe in der Hand durchschlagen, nicht weil sie es sich so ausgesucht haben, sondern weil ihnen nichts anderes übrig bleibt.
SPIEGEL: Hoffen Sie darauf, dass sich die Dinge zum Besseren wenden?
Shakira: Nein, ich fürchte, die Situation hat sich drastisch verschlimmert. In Kolumbien vollzieht sich neben der Demokratischen Republik Kongo und dem Sudan derzeit die drittgrößte humanitäre Katastrophe in der Welt, und die führt automatisch zu mehr Gewalt und noch mehr sozialer Ungerechtigkeit, zu Krankheit und Tod.
SPIEGEL: Ihr neues Album "Fijación Oral" erscheint in zwei Teilen. Anfang Juni veröffentlichen Sie eine CD mit spanischsprachigen Songs, im November folgt unter dem Namen "Oral Fixation" ein anderes Album mit englischsprachigen Stücken. Wieso dieses Verzögerungsspiel?
Shakira: Weil ich davon träume, dass meine Fans in aller Welt auch meine spanische Musik lieben. Und weil Spanisch eben meine Muttersprache ist.
SPIEGEL: Konnten Sie dieses Mal bei der Arbeit an den englischen Songs auf ein Reimlexikon verzichten?
Shakira: Das brauche ich nicht mehr, weil ich ein Reimprogramm im Computer habe. Inzwischen weiß ich aber auch selbst, dass "Time" sich auf "Lime" reimt. Vor vier Jahren sprach ich so schlecht Englisch, dass ich ohne die Hilfe von Emilio und
Gloria Estefan nicht den Mut gehabt hätte, ein englischsprachiges Album aufzunehmen. Bei meinen neuen Songs - für die ich unter anderem mit Rick Rubin zusammengearbeitet habe, der auch die Beastie Boys und Johnny Cash produziert hat - war die Sprache kein Problem mehr.
SPIEGEL: Sie wurden der Legende nach als 13-Jährige entdeckt, als Sie einem kolumbianischen Sony-Manager in einer Hotellobby Ihrer Heimatstadt vorsangen. Was hätte die 13-jährige Shakira gesagt, wenn sie in die Zukunft hätte blicken können und ihren Erfolg vorausgesehen hätte?
Shakira: Sie hätte gesagt: Ich habe es immer gewusst.
SPIEGEL: Wie das?
Shakira: Ich war einfach absolut überzeugt, dass ich eine große Popkarriere machen würde. Als dieser Plattenfirmenmann in Barranquilla war, habe ich für ihn im Hotel tatsächlich ein kleines Konzert gegeben, mit ein paar selbstgeschriebenen Songs und den Madonna-Hits "Material Girl" und "La isla bonita". Die ganze Nacht vor der Vertragsunterzeichnung habe ich geheult, weil ein Freund meines Cousins, ein bekannter kolumbianischer Popmusiker, mich davor warnte zu unterschreiben.
SPIEGEL: Mit welcher Begründung?
Shakira: Das Geschäft sei viel zu hart für mich. Von meinem ersten Album "Magia" wurden aber dann 10 000 Stück verkauft, das war ein riesiger Erfolg, denn damals war die Popszene in Kolumbien winzig. Die Single kam auf den ersten Platz der Hitparade. Ein junges Mädchen, das dramatische Liebeslieder singt - das zog viel Aufmerksamkeit auf sich. Damals war ich das glücklichste Mädchen auf Erden.
SPIEGEL: Klingt, als hätten Sie auch die Schattenseiten des Ruhms kennen gelernt.
Shakira: Ich will mich nicht beklagen. Ich bin über viele Jahre hinweg immer bekannter geworden und habe auf diese Weise die Tugenden und die Sünden, die Ruhm mit sich bringt, Schritt für Schritt kennen gelernt. Für mich ist der Ruhm ein alter Freund, der mich nicht an der Nase herumführen kann. Aber ich frage mich, wie
20-Jährige es verkraften, mit ihrem Debüt quasi über Nacht berühmt zu werden.
SPIEGEL: Ihr neues Album heißt "Fijación Oral", also "Orale Fixierung". Ist das als eine Art Selbstdiagnose zu verstehen?
Shakira: Wenn Sie wollen, können Sie das so deuten. Ich glaube tatsächlich, dass ich die erste psychosexuelle Entwicklungsphase des Menschen nicht bewältigt habe, die orale Phase. Ich bin in ihr gefangen, weil ich durch meinen Mund lebe - das begann in dem Moment, als ich die Muttermilch getrunken habe, und hat seitdem nicht mehr aufgehört. Heute bin ich auf meinen Gesang fixiert, auf Schokolade und auf Küsse und noch auf ein paar Dinge, über die ich nicht spreche.
SPIEGEL: Sie glauben also an die Theorien von Freud?
Shakira: O ja. Seit mehr als zwei Jahren gehe ich zum Psychoanalytiker, und seitdem denke ich ständig über mich nach. Anfangs war es pure Neugier, weil mir jemand von diesem Analytiker vorgeschwärmt hatte. Er lebt nicht an meinem Wohnort auf den Bahamas, sondern besucht mich hin und wieder und bleibt dann für fünf, sechs Tage. Ich finde, dass die Psychoanalyse eine Art geführte Tour in das eigene Ich ist. Man erforscht die Landkarte der eigenen Seele: wo sich welches Problem befindet, wie man damit umgeht und wie man es schließlich bewältigen könnte. Ich finde, das Leben ist schwer genug - warum sollte man auf Hilfe von außen verzichten, um sich''s ein bisschen leichter zu machen?
SPIEGEL: Nach Freuds Lehren fordern sogenannte Oralcharakter sehr viel Aufmerksamkeit, ihr Selbstwertgefühl schwankt dramatisch. Trifft das auf Sie zu?
Shakira: Ja, ich bin anspruchsvoll und fordernd und eigentlich nie zufrieden. An manchen Tagen bin ich viel zu selbstbewusst, an anderen extrem unsicher.
SPIEGEL: Hat die Therapie Ihnen schon geholfen?
Shakira: Ja, ich bin toleranter gegenüber anderen geworden, einfühlsamer. Ich habe begriffen, dass wir alle Opfer unseres genetischen Erbes sind und der Umgebung, in der wir aufwuchsen.
SPIEGEL: Ihr Vater ist libanesischer Abstammung und wollte eigentlich Schriftsteller werden, musste sich den Lebensunterhalt aber als Juwelier verdienen.
Shakira: Er hat trotzdem seinen Traum wahr gemacht. Mit 17 Jahren hat er einen Roman veröffentlicht, einen sehr lustigen sogar. Später musste er eine sehr große Familie ernähren: Mit seiner ersten Frau hat er sieben Kinder. Für mich ist er das Vorbild für harte Arbeit und Ausdauer. Später hat er ein politisches Buch herausgebracht, das trug den Titel: "Wenn ich Präsident wäre". Erst kürzlich hat er wieder einen Roman veröffentlicht - und sogar eine CD mit Liedern aufgenommen, denn er singt gern. Der Unterschied zwischen uns ist: Er geht für einen Tag ins Studio, ich brauche anderthalb Jahre.
SPIEGEL: Gibt es Momente, in denen Sie sich wünschen, Sie hätten Ihre Karriere erst später begonnen und lieber eine ruhige Kindheit verlebt?
Shakira: Nein. Man kann einem Kanarienvogel nicht verbieten zu singen. Aber tatsächlich war ich sehr jung, als ich angefangen habe. Ich hatte einen ziemlichen Dickkopf und bewegte mich in einer Welt voller Erwachsener. Das führte unvermeidlich zu Konflikten. Wer nimmt in dieser Macho-Welt schon ein kleines Mädchen ernst?
SPIEGEL: Hat Sie diese Erfahrung zur Feministin gemacht?
Shakira: Nein. Natürlich bin ich für Gleichberechtigung. Aber ich lehne alles ab, was auf "ismus" endet: Faschismus, Chauvinismus, Feminismus. Andere sind geeigneter als ich, für die Rechte der Frau zu kämpfen. Ich denke, ich gehöre zur letzten Frauengeneration, die versucht hat, als Jungfrau in die Ehe zu gehen. Wenn ich je eine Tochter haben sollte, werde ich von ihr sicher keine Keuschheit mehr verlangen - aber ich werde ihr raten, verdammt gut aufzupassen, mit wem sie sich einlässt.
INTERVIEW: MARIANNE WELLERSHOFF
* Auf dem Cover ihres ersten Albums "Magia" (1991).
Von Marianne Wellershoff

DER SPIEGEL 21/2005
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