23.05.2005

PSYCHOLOGIEMagnet für Lebensmüde

Alle zwei Wochen stürzt sich ein Mensch von der Golden Gate Bridge. Psychiater fordern, die tödlichste aller Brücken sicherer zu machen.
Es war ein strahlender Septembertag auf der Golden Gate Bridge, dem Stolz von San Francisco. Hunderte Touristen schlenderten über die weltberühmte Brücke und fotografierten das atemberaubende Panorama. Kevin Hines, 19, war unter ihnen, ein junger Mann, den immer wieder Anfälle von Depressionen plagten. Plötzlich hörte er Stimmen in seinem Kopf. Sie sagten: "Bring dich um!" Da kletterte er über die Brüstung und sprang, mit den Füßen voraus.
In dem Moment, als Hines den Kontakt mit der Brücke verloren hatte, wurde ihm klar: "Was mache ich hier? Ich will doch nicht sterben." Aber da war er schon dabei, 67 Meter nach unten zu rauschen.
Vier Sekunden später knallte er aufs Wasser. Am Rücken schwer verletzt, tauchte er fast 20 Meter tief in den eiskalten Pazifik. Trotz starker Strömung gelang es ihm, an die Oberfläche zurückzukehren, wo ihn die Küstenwache herausfischte. Seit jenem 25. September 2000 hat sich Hines vielen Operationen unterziehen müssen. Inzwischen ist er wiederhergestellt. Metallplatten halten seinen Rücken zusammen, er ist nicht gelähmt. Und dennoch klagt er an: Warum ist es so unverantwortlich einfach, von der Golden Gate Bridge in die Tiefe zu springen?
Nur 26 Menschen haben den Todessprung seit Eröffnung der Hängebrücke im Mai 1937 überlebt. Mindestens 1300 Menschen, wahrscheinlich mehr als 2000, sind in ihr Verderben gegangen. Viele wurden von der Strömung erfasst, auf den offenen Ozean getrieben, von Haien und Krebsen gefressen und niemals gefunden. Die rostschutzrote Art-déco-Brücke zwischen San Francisco und Marin County ist die schönste der Welt - und die tödlichste.
Im Schnitt alle 14 Tage bringt sich dort ein Mensch um. Am Eiffelturm in Paris wurden erfolgreich Barrieren errichtet, um Selbstmörder aufzuhalten; ebenso am Empire State Building in New York oder an der Hafenbrücke in Sydney. Aber San Francisco weigert sich. Die Stadt liebt ihre Touristenattraktion so sehr, dass sie selbst die kleinste Veränderung nicht toleriert - auch dann nicht, wenn''s um Leben und Tod geht.
Der Dokumentarfilmer Eric Steel hat die Todesbrücke das ganze vergangene Jahr beobachtet. Auf beiden Seiten hatte er Kameras aufgebaut. Fast zwei Dutzend Mal haben seine Objektive eingefangen, wie sich Menschen das Leben nahmen. Die Bilder belegen, wie einfach es ist. Das Geländer am Fußgängerweg ist kaum 1,40 Meter hoch. Sofort dahinter beginnt das Reich des Todes. Ein Fangnetz gibt es nicht.
Steels Bilder haben den Streit neu entfacht. Seit mehr als 50 Jahren fordern Angehörige von Opfern und Psychiater eine Vorrichtung gegen Selbstmörder. 19 verschiedene Barrieren wurden diskutiert, darunter Stacheldraht und Nylonnetze. Doch die Behörde, die die Brücke verwaltet, hat sie alle abgelehnt. Barrieren seien zu hässlich - Ästhetik geht vor Moral.
Umfragen zufolge fand sich eine Mehrheit für eine Barriere selbst dann nicht in San Francisco, als ein Mann 1993 seine
dreijährige Tochter von der Brücke warf und ihr einen Moment später folgte. Manche lehnen Barrieren ab, weil sie sich und anderen ein Recht auf den Suizid erhalten möchten. Andere sagen, eine Barriere sei Geldverschwendung, weil Entschlossene immer einen Weg fänden, sie zu umgehen.
Steels Bilder jedoch scheinen jetzt das Gewissen der Brückenverwalter zumindest aufgewühlt zu haben. Kürzlich gab es eine tränenreiche Anhörung der Angehörigen von Brückenopfern. "Was für ein Monster will mir hier erzählen, dass Ästhetik wichtiger ist als das Leben meines Sohnes?", fragte dort die Mutter eines Selbstmörders die Administratoren. Überraschend hat die Behörde daraufhin entschieden, untersuchen zu lassen, was für Barrieren machbar wären. Die Vorgaben an die Entwickler bleiben allerdings rigide: Die Schönheit der Brücke ist unantastbar.
Joseph Strauss, der Erbauer der Golden Gate Bridge, hatte nicht geglaubt, dass sein Werk dereinst zum Magneten für Lebensmüde werden könnte. "Wer stürzt sich schon von einer Brücke?", sagte Strauss in den dreißiger Jahren. Angeblich hat er die Brüstung so gefährlich niedrig bauen lassen, weil er selbst nur wenig größer war und über das Geländer blicken wollte.
Die Brücke war gerade drei Monate in Betrieb, als Weltkriegsveteran Harold Wobber einem Passanten sagte: "Bis hierhin gehe ich und nicht weiter." Er wurde Selbstmörder Nummer eins. Im Juni 1995, als der 997. gesprungen war, hörte die Verwaltung auf, Zählungen zu veröffentlichen: Zu viele hatten den Ehrgeiz, der 1000. zu werden.
Ob es je eine Barriere geben wird, ist fraglich. Sie würde vermutlich mindestens 15 Millionen Dollar kosten. Die Brückenbehörde steckt aber tief in den roten Zahlen. Richard Seiden, emeritierter Psychologe der Berkeley-Universität, glaubt nicht mehr daran, dass sich für die teure Suizidprävention jemals eine Mehrheit finden lässt.
Vor Jahren hat Seiden das Schicksal von 515 Menschen untersucht, die daran gehindert wurden, von der Brücke zu springen. Nur sechs Prozent von ihnen, so stellte er fest, haben sich später auf andere Weise umgebracht.
Ein Impulsspringer war auch Ken Baldwin. Er zählt zu den 26, die überlebt haben. Er weiß noch genau, was er als 28-Jähriger empfand, als er sich schwer depressiv im August 1985 von der Brücke abstieß: "Auf einmal wusste ich, dass ich alle Probleme lösen könnte, die mir so furchtbar ausweglos erschienen - nur dieses eine nicht: gerade gesprungen zu sein." MARCO EVERS
* Am Nordturm der Golden Gate Bridge am 11. März.
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 21/2005
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