23.05.2005

BILDUNGEpidemie der Leistungsfreude

Ein Begabtengymnasium in Leipzig, gegründet noch zu Zeiten der DDR, provoziert durch Erfolge. Die Schüler trumpfen bei zahllosen Wettbewerben auf - einmal im Jahr sogar in den USA.
Der kleine Martin, 9. Klasse, tritt demnächst mit seinem Roboter in Chicago an. Gut möglich, dass er wieder gewinnt. Der Roboter hat gelenkige Greifzangen; er kann Bälle aufklauben und über einen Hindernispfad befördern - nicht schlecht für ein Geschöpf aus Legosteinen und selbstgelöteten Platinen.
In Chicago misst Martin sich mit den besten Tüfteltalenten der USA. Die "Technology Students Association" (TSA) hält dort Ende Juni das Finale ihres jährlichen Wettbewerbs ab. Rund 4000 Schüler treffen sich zu einer Art Zehnkampf des Erfindungsgeistes.
Vergangenes Jahr holte Martin den ersten Preis in der Sparte Improvisation. Es galt, vor Ort eine Schleuder zu zaubern aus Heftpflaster, einer Mausefalle und anderem Kram - kein Problem für den geborenen Konstrukteur. Eines Tages will Martin einen Roboter bauen, der selbständig auf zwei Beinen läuft. "Ich habe da schon so meine Ideen."
Wo Martin zur Schule geht, gibt es viele wie ihn. Das Wilhelm-Ostwald-Gymnasium in Leipzig nimmt nur besonders Begabte. In den bescheidenen Flachbauten sind rund 500 Technikbegeisterte und Rechenkünstler unter sich. Morgens kalkulieren sie zum Aufwärmen die Flugbahn eines Bumerangs, mittags messen sie die Gewässergüte des nahen Silbersees. Und danach gehen sie zum Schulfußball oder blasen im Musikkurs das Fagott.
Die Vorzugsschüler führen ein Leben von geradezu paradiesischer Vielfalt. Doch bei alledem ist stets irgendwo ein Wettbewerb in Sicht. "Wir machen überall mit", sagt Mathematiklehrer Dieter Stelzer. Rund ums Jahr schwärmen die Talente aus zum Leistungsvergleich. Es locken diverse Olympiaden für Chemie, Biologie oder Mathe, dazu die großen deutschen Turniere von "Jugend forscht" bis "Jugend musiziert".
Der Einsatz zahlt sich aus. Wo immer es für Schüler etwas zu gewinnen gibt, ist die Ostwald-Schule bestens bekannt. Überall räumen die Leipziger Preise, Urkunden und Pokale ab - bis hin zu einem 1. Platz beim Laufwettbewerb "Deutschland sucht den Supersprinter" in Berlin.
Gerade waren die Schachtalente auf Wettkampf-Tour, zuletzt beim Internationalen Schulschachturnier in Istanbul, wo die Mannschaft aus Leipzig eine Goldmedaille erkämpfte. Zwischendurch wird zu Hause der Unterricht nachgeholt. Wenn es nur die Preise wären, die zählten, könnte man getrost von Deutschlands erfolgreichster Schule sprechen.
Allerdings zählten Preise bislang wenig in den Bildungsdebatten. Wer von Ranglisten hört, denkt an Drill. Und Begabtenschulen generell haben, auch nach Pisa, einen Ruch von Auslese und Dünkelhaftigkeit. Werden in Leipzig asoziale Eierköpfe herangezogen?
Von außen sieht man der Ostwald-Schule die Erlesenheit nicht an. Den Zweckgebäuden täte ein Anstrich Not. "Wir zählen als normales Gymnasium", sagt die Direktorin Brigitte Heink; es gilt der allgemeine Lehrplan. Nur eines ist anders: Wer "ans Ostwald" will, muss eine Prüfung ablegen in Mathematik und Naturwissenschaften. Was danach kommt, folgt einem schlichten Programm, sagt Heink: "Fordern und fördern."
Lehrer und Schüler grüßen einander artig auf den Fluren; damit fängt es an. Aushänge an den Wänden geben die aktuellen Gewinner bekannt. Der Wettbewerbsgeist waltet hier sichtlich ungehemmt; er bringt die nötigen Anstöße in den Alltag. Entziehen kann sich keiner.
Schon die Kleinen müssen ran, sagt Direktorin Heink. "Mathe-Olympiade, auch Physik und Chemie. Das erwarten wir von ihnen. Die sollen das alle mal erleben."
Die Größeren wollen dann oft bereits aus eigenem Antrieb. Am Ende hat es sich zumeist gelohnt. Drei von vier Schülern, schätzt Heink, sind schon einmal auf irgendwelchen Ranglisten hervorgetreten.
Den Lehrern verlangt das etliches ab. Wer die Schüler herausfordert, muss ihnen auch beistehen. "Und jeder kleine Erfolg hat bei uns natürlich Anspruch auf Anerkennung", sagt Heink. Das gilt noch mehr für die weniger glanzvoll Begabten. Nur so kommt die organisierte Ansteckung in Gang, die Epidemie der Leistungsfreude, auf der das System Ostwald beruht.
Die Lehrer sind, wie es scheint, weitgehend selbst befallen. "Ein guter Teil der Kollegen", sagt die Direktorin, "kommt nahezu auf das Doppelte des Pflichtpensums." Nicht nur, dass die Lehrer in ihren Fächern den Ansprüchen hungriger Schlaumeier genügen müssen. Hinzu kommen die Arbeitsgruppen und Wettbewerbe.
Niemand beklagt sich. Die schiere Zahl der Begabten, die einander hier anstacheln und voranschubsen, erzeugt eine gewisse Brutstättenheimeligkeit. Das Gemeinschaftsgefühl der Ostwaldianer wird allseits gerühmt. "Wir leben ja hier mit den Schülern", sagt Lehrer Stelzer. "Wir bekommen viel von ihnen zurück."
Die Ostwald-Schule wurde 1985 als Spezialschule der DDR gegründet. Deren 14 gab es allein für die Talente in Mathematik und Technik (siehe Grafik Seite 174). Das entspannte Verhältnis zu Ranglisten stammt noch aus dieser Zeit: Der Sozialismus hatte keine Traumgehälter in Aussicht zu stellen; er hielt seine Jungbürger mit vielerlei Wettkämpfen zur Leistungsfreude an.
Etliche der Spezialschulen verwandelten sich nach 1989 geräuschlos in Gymnasien, andere bieten immerhin noch Begabtenkurse oder Sonderklassen. Die Ostwald-Schule dagegen hat ihr Erbe fast vollständig - und weithin unbemerkt - in die Nachwendezeit gerettet. Nun ragt sie wie ein Findling aus einer anderen Epoche in die Debatten um Begabtenförderung, Pisa und Elitebildung. Ein Erfolgsbeispiel zweifellos, nur was ist damit anzufangen?
"Bei uns im Westen war es ja früher nicht ratsam, überhaupt von Begabung zu sprechen", sagt der Münchner Mathematikdidaktiker Rudolf Fritsch. "Da hatte uns die DDR einiges voraus." Fritsch ist dafür, dass die Spezialschule nun beherzt erprobt wird - "als zusätzliches Angebot für Begabte".
Auch andere Bildungsexperten finden Gefallen an solchen Gedanken. Der Begabungsforscher Klaus Urban von der Universität Hannover meint, dass "mehr Orientierung auf Wettbewerbe auch normalen Gymnasien gut täte. In den alten Ländern", sagt er, "passiert da leider noch sehr wenig."
Der Wettbewerb, darin besteht Einigkeit, hat einen großen Vorzug: Die Schüler lernen zu arbeiten, ohne dass jemand sie schubsen muss. Den besten Beleg liefert
die achtköpfige Gruppe von Ostwald-Schülern, die Ende Juni zum TSA-Wettkampf nach Chicago fliegt - mit an Bord der Roboterbauer Martin.
In Chicago werden die Leipziger um die Wette tragfähige Brücken aus Papier kleben und aus dem Stegreif Reden auf Englisch halten. Für andere Disziplinen waren fertige Beiträge gefordert: Neben dem Roboter hat das Team zum Beispiel eine Jacke im Gepäck, die Strom erzeugt aus dem Unterschied zwischen Körperwärme und Außentemperatur.
Seit einem Jahr arbeiten die Schüler auf die Reise hin; ein jeder an vier oder fünf Projekten zugleich. "Das ist ein richtiges kleines Entwicklungsbüro", sagt Mathe-Lehrer Stelzer. Die Wunderjacke etwa wurde bis zur Produktreife getrieben - Marktstudien und eine Präsentation für mögliche Investoren inbegriffen.
Niemand nimmt den Schülern die Verantwortung ab. Der betreuende Lehrer springt nur im Notfall bei. Es gibt Krisen und Zerwürfnisse. Die Gruppe müsse damit fertig werden, sagt Teamleiter Florian Kraft, 12. Klasse: "Am schwersten ist es, die Kräfte so einzuteilen, dass man am Ende ohne Nachtschichten ans Ziel kommt."
Viermal hat die Ostwald-Schule bislang am großen Finale des US-Wettbewerbs teilgenommen; 2004 wurden die Leipziger gar ausgezeichnet als "Team des Jahres".
Das ist umso erfreulicher, als auch an Begabtenschulen keine geborenen Leistungsprotze herumlaufen. Nicht wenige Ostwaldianer kamen von anderen Gymnasien. Dort waren sie häufig eher als Problemkinder aufgefallen, weil sie sich unterfordert fühlten und irgendwann das Lernen gänzlich einstellten.
Begabung allein bewirkt wenig. Bei den Rechenkünstlern etwa tritt oft schon im Kindergarten eine Liebe zu Zahlen zutage. Ohne Beharrlichkeit und Freude am Arbeiten aber wird daraus später nicht viel. An der Ostwald-Schule geht es darum, dass alles füglich zusammenkommt.
Die meisten Schüler zeigen schon von selbst ein "stark forderndes Verhalten", sagt Heink. Sie erinnert sich an eine Gruppe "kleener Knöppe", denen das Angebot an Arbeitsgruppen nicht genügte: "Die wollten auch noch Chemie und Computer." Allein das Stundenpensum der Lehrer gab das einfach nicht mehr her. Die Kleinen ließen sich nicht abwimmeln und legten eine Unterschriftensammlung vor. In der Not übernahmen Schüler aus der Oberstufe die Betreuung der Aufrührer.
Brigitte Heink hat die siegreichen Knirpse noch vor Augen, wie sie in viel zu großen Kitteln, die Ärmel notdürftig hochgeschoben, ins Labor schlappten. "Vier von denen", sagt sie, "kamen später in die Bundesauswahl für die Chemie-Olympiade."
Die Athleten des Lernens wissen in der Regel genau, was sie vom Unterricht wollen: Her mit dem Stoff! Die sturste Frontalpaukerei ist ihnen oft gerade recht, den schönen neuen Ideen der Didaktiker zum Trotz. "Die saugen auf, was sie kriegen können", sagt Heink, "und schnell muss es gehen, damit sie ihre neuen Fertigkeiten gleich ausprobieren können."
Der typische Begabte ist darum aber keineswegs ein zahlenfressender Sonderling. Die meisten Schüler, versichert die Direktorin, seien gesellige Wesen. Und sie beschäftigen sich neben der Mathematik fast ebenso gern mit Sport oder Musik. Eine Absolventin der Ostwald-Schule ist inzwischen Solo-Cellistin an der Metropolitan Opera in New York.
Viele Abgänger hängen ihrer alten Schule noch lange an. Sie betreuen hie und da Arbeitsgruppen oder helfen beim Vorbereiten der Wettbewerbe. Gerade diese Verbundenheit ist es, an der man früher die alteingesessenen Eliteanstalten erkannte. Und nun knüpft ausgerechnet eine junge Schule in den neuen Bundesländern vehement an solche Traditionen an.
Kein Wunder, dass sich auch andernorts allmählich Interesse regt an der Frage, wie die das gemacht haben in Leipzig. Viele Schulen werben zwar selbst schon tapfer mit Förderkursen und Arbeitsgruppen für Begabte. Aber meist fehlt es an Erfahrungen beim Umsetzen. Umso gefragter sind nun die Praktiker aus dem Osten. Direktorin Heink tourt seit Jahren, sagt sie, "als Handlungsreisende in Begabtenförderung" von Tagung zu Tagung. Das war früher anders: "Wir hatten eine Menge Gegenwind nach der Wende."
Noch heute geht ein Hauch von Provokation von dem Unternehmen aus. Es gibt hier Jünglinge, die einem altklug "die wichtigen Leute der Stadt" aufzählen, die sie natürlich alle schon kennen gelernt haben. Die Ostwald-Schule bietet zweifellos die kürzeste Verbindung zwischen Kindergarten und Klassejob. Die Frage ist, ob eine Schule nicht auch mal bremsen sollte und umlenken anstatt zu beschleunigen. Die Provokation liegt in der Geradlinigkeit, mit der die Ostwaldianer voranstreben, immer dem Erfolg im Beruf entgegen.
Mit Mäkeleien an der Leistungsfreude muss man der Direktorin nicht kommen. "Die Kinder wollen es doch so", sagt Heink. "Soll ich sie zurückhalten?"
MANFRED DWORSCHAK
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 21/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 21/2005
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BILDUNG:
Epidemie der Leistungsfreude