23.05.2005

AUTOMOBILEGemähte Wiese

Mit dem Boxster-Coupé Cayman plant Porsche einen Vertriebscoup. Das geschlossene Modell soll teurer verkauft werden als der Roadster.
Der Wagen hat 295 PS, ist 275 km/h schnell, und wer hurtig schaltet, der soll es von null auf 100 in 5,4 Sekunden schaffen, versichern die Konstrukteure - kaum länger wohl, als man braucht, um diesen neuen Namen auszusprechen: Porsche Cayman.
Cay-wie?
Phonetisch herrscht auch beim Hersteller in Stuttgart-Zuffenhausen noch keine Klarheit. Die meisten sagen "Keimän" in Anlehnung an die Karibik-Inseln, wo die Steuerlast etwa so tief liegt wie das Bodenblech des Sportgefährts. Doch die sind nicht gemeint. Offiziell beruft sich Porsche auf ein Kleinkrokodil aus den amerikanischen Tropen. Es ist ebenso flink wie bissig, heißt Kaiman und spricht sich auch so aus.
Seit der Einführung des Boxster hört nur noch ein Modell auf eine Zahl bei Porsche: der Klassiker 911, der wohl nie anders heißen wird. Sonst gibt es Namen, die nach Gewürz klingen (Cayenne) oder eben nach Getier. Sie machen es leichter, Autos ganz neu erscheinen zu lassen, obwohl sie gar nicht neu sind.
Der Cayman ist nichts anderes als die Coupé-Version des Boxster. Antriebstechnik (Sechszylinder-Mittelmotor) und Karosserie sind weitgehend baugleich. Der kleine Sportwagenhersteller nutzte damit seine vorerst letzte Möglichkeit, das bestehende Modellprogramm zu erweitern, ohne dafür ein neues Auto entwickeln zu müssen.
Von Porsche lernen heißt sparen lernen: Diese Parole gilt, seit der 1992 angetretene Vorstandschef Wendelin Wiedeking das damals in seiner Existenz bedrohte Unternehmen mit eisernem Kostenmanagement sanierte. Die kleine Sportwagenfabrik zählt inzwischen zu den profitabelsten Autoproduzenten der Welt. Und nicht nur der Gewinn stieg rapide, auch der Absatz hat sich binnen zehn Jahren fast vervierfacht (siehe Grafik).
Das Markenprofil verflacht zwar zunehmend im Zuge der Expansion. Radikal stellt Wiedeking betriebswirtschaftliches Kalkül vor Traditionssinn. Teile der Boxster-Produktion - und künftig auch des Cayman - werden nicht im Stammwerk Zuffenhausen, sondern vom Produktionspartner Valmet im finnischen Uusikaupunki hergestellt, weil das günstiger ist. Aber die Kunden stört das offenbar nicht.
Der im neuen Porsche-Werk Leipzig produzierte Geländewagen Cayenne basiert nicht nur auf einer angelieferten VW-Karosserie; auch der Basismotor, ein V6-Zylinder, wird im Kern von Volkswagen bezogen - für Porsche-Puristen ein Gräuel, trotzdem verkauft sich das Auto prächtig.
Seit Monaten schreckt der Vorstandschef die Firmennostalgiker mit einem weiteren Projekt, der "vierten Baureihe". Gern würde er - ebenfalls im Produktionsverbund mit einem anderen Hersteller - eine viertürige Sportlimousine herstellen. Noch fehlt jedoch ein williger Partner.
Zwar passt eine Limousine nicht so recht zum Mythos Porsche. Doch Wiedeking ist ohnehin der Meinung, dass, wer allzu sehr dem Mythos frönt, in Ehren unterzugehen droht. Als er bei einer Oldtimerparade die Rennsport-Legenden vorbeifahren sah, merkte er nur trocken an: "Lauter Firmen, die Pleite gegangen sind."
Dass der Geschäftssinn des Porsche-Lenkers zuweilen tollkühne Züge annimmt, zeigt der Preis, zu dem der Cayman Ende November in den Handel kommen soll. Mit knapp 59 000 Euro wird er deutlich teurer sein als der Boxster, auf dem er basiert - und damit einen Grundsatz des Autogeschäfts auf den Kopf stellen.
Gewöhnlich sind geschlossene Versionen die günstigeren einer Baureihe, denn Cabrio-Verdeck und die nötigen Versteifungen der offenen Karosserie erfordern den größeren Produktionsaufwand.
Porsche rechtfertigt den höheren Preis damit, dass der Cayman im Vergleich zum Boxster auch das sportlichere Auto sei. In allen Kriterien der Fahrdynamik, etwa auf Handling-Strecken und bei Bremsungen, schneide er um bis zu vier Prozent besser ab. Auch habe er einen etwas größeren Motor mit mehr Leistung.
Die marginale Hubraumvergrößerung macht einen Motor allerdings in der Produktion kaum teurer. Und der agilere Charakter des Coupés ist eigentlich wenig erstaunlich, denn geschlossene Karosserien sind generell steifer als die offenen Versionen.
Erkennbar folgt der Cayman einer Vertriebsstrategie, die hohe Margen über hohe Stückzahlen stellt. Schon ab 10 000 Autos im Jahr sei das Projekt "eine gemähte Wiese", sagt ein Vertriebsmanager. Das Modell ziele eben auf Enthusiasten und nicht auf Knauser.
Porsche, staunte bereits das Fachblatt "Auto, Motor und Sport", gehöre zu den wenigen Marken, deren Kunden "sich wie Weihnachtsgänse ausnehmen lassen und sich dabei pudelwohl fühlen". CHRISTIAN WÜST
Von Christian Wüst

DER SPIEGEL 21/2005
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