23.05.2005

FUSSBALL„Guck mal, ob da was geht!“

Der Berliner Wettkönig Ante Sapina packt aus: Das Geständnis des Kroaten gleicht einem Milieu-Krimi und zeigt, wie einfach eine Allianz aus erstklassigen Zockern und zweitklassigen Sport-Akteuren den deutschen Profifußball überlisten konnte.
Die beiden Schlüsselszenen in der Karriere des Bundesliga-Schiedsrichters Jürgen Jansen ereigneten sich 440 Kilometer voneinander entfernt, im Abstand von drei Monaten, einer Woche und drei Tagen.
Die erste spielt in einem überfüllten Raum des Passauer Medienzentrums. Es ist Freitag, der 4. Februar dieses Jahres, fünf nach zwölf. Nervös steht Jansen, 44, der gelernte Versicherungsfachwirt aus Essen, vor der versammelten Sportpresse und gibt mit bebender Stimme Ehrenwort auf Ehrenwort: In den 29 Jahren seines Schiedsrichterlebens habe er stets "sauber, korrekt und gerecht" geurteilt, niemals "ein Spiel verpfiffen" und, wie sein Anwalt verlas, zu keinem Zeitpunkt "Vorteile für mich oder dritte Personen" angenommen. "Hier", so Jansen, "steht ein sauberer und ordentlicher Sportsmann."
Der Schauplatz der zweiten Szene ist weniger repräsentativ. Im zweckmäßig eingerichteten Dienstzimmer Nummer 756 der Staatsanwaltschaft in Berlin-Moabit sitzt der Profizocker Ante Sapina und erzählt haarklein, wie er in einem Fischrestaurant einen Kontaktmann Jansens traf, ein Kuvert mit 35 000 Euro überreichte, und wie der Unparteiische dafür zwei Fußballspiele zum gewünschten Ergebnis verschoben haben soll.
Das Geständnis des Kroaten und die Frage, welcher Sportsmann nun die Wahrheit sagt, eröffnen ein neues Kapitel im sogenannten Wettskandal, jener schmierigen Geschichte um Ex-Schiedsrichter Robert Hoyzer, das Berliner Café King und insgesamt an die 30 Beschuldigte, die dem deutschen Fußball ein Jahr vor der Weltmeisterschaft eine der größten Glaubwürdigkeitskrisen seiner Geschichte bescherten.
Fast vier Monate hatte Sapina, 28, die Schlüsselfigur der verhängnisvollen Affäre zwischen Profisport und Zockermilieu, in Untersuchungshaft gesessen und geschwiegen. Jetzt packte er, pünktlich zum Saisonende der Bundesliga, fünf Tage lang aus. In Anwesenheit seiner Anwälte Nicolas Becker und Klaus Gedat, der bereits Kiezgrößen wie Karl-Heinz Schwensen oder den Berliner Milieu-Fürsten Klaus Speer verteidigte, gab Sapina der Staatsanwaltschaft neue Namen und neue Spiele zu Protokoll, nannte Summen und Zusammenhänge und lieferte ungeahnte Innenansichten in die merkwürdige Lebenswelt erstklassiger Zocker und zweitklassiger Sport-Akteure.
Die bislang 44 Seiten starke Aussage des Mannes, den seine Kumpel "Navigator" nannten, liest sich mitunter wie das Drehbuch für einen Milieu-Krimi und bestätigt
den haarsträubenden Eindruck, wie simpel es war, die deutsche Fußballbranche mit all ihren Gremien, Schiedsrichterbeobachtern und Sportgerichten aus den Angeln zu heben - und das hiesige Wettwesen um Millionen zu erleichtern.
Die Lebensbeichte des Ante Sapina gilt den Fahndern der Ermittlungsgruppe "Fußball" gleichwohl als Durchbruch: Bislang basierten ihre Ermittlungsergebnisse hauptsächlich auf den Aussagen von Robert Hoyzer - einem Kronzeugen, dessen Ruf zweifelhafter kaum sein könnte.
Doch nun werden viele Delikte durch Sapina bestätigt oder gar verschärft. Hoyzers Anwälte hatten die Hintermänner des Skandals im "osteuropäischen Geheimdienstmilieu" vermutet und von einer kroatischen Wettmafia gesprochen. Das Geständnis des Zockers, der seine mitbeschuldigten Brüder Milan und Filip voll entlastet, deckt diese Deutung nicht. Vielmehr zeichnet es den unaufhaltsamen Aufstieg eines Wettsüchtigen nach, der die Chance seines Lebens witterte, Millionen verdiente - und am Ende alles verlor.
Bereits im Alter von 19 Jahren war dem in Duisburg als Sohn kroatischer Eltern geborenen Ante Sapina aufgegangen, dass es "mehr Spaß machte, sich Spiele anzusehen, wenn man auf sie gewettet hatte". Fortan setzte er auf alles, wo es Siege und Niederlagen gab: Hockey, Formel 1, Basketball, Tennis, American Football, Handball und natürlich Fußball - egal welche Liga, egal welches Land.
Mit der Zeit habe er sich mehr und mehr an den "Rhythmus von Gewinnen und Verlieren" gewöhnt. Die Einsätze für seine Wetten verdiente sich der offiziell als Student eingeschriebene Sportfan in der Spielautomatenfirma seines älteren Bruders Milan, beim Kicken für den Berliner Amateurclub SD Croatia oder beim Schneeschippen für den Winterdienst der Hauptstadt.
Sein Einstieg als "High Roller", in die höchste Spielklasse unter Profizockern also, kam dann im Sommer 1999. Noch heute trägt Ante den Spielschein seines ersten Supergewinns als Talisman im Portemonnaie mit sich herum: Zum Saisonbeginn platzierte er 50 000 Mark auf Bayern München als Deutschen Meister. In einem dramatischen Finale, bei dem die Spielvereinigung Unterhaching am letzten Spieltag Bayer Leverkusen den schon sicher geglaubten Titel entriss, ging die Langzeitwette auf: Ante war um 100 000 Mark reicher.
Schnell gewöhnte er sich an gigantische Summen. 50 000 oder 60 000 Euro, so Sapina gegenüber der Berliner Staatsanwaltschaft, seien für ihn "kein besonders hoher Wetteinsatz" gewesen. Monatlich habe er bis zu 400 000 Euro investiert - Geld, das er vervielfachte oder eben verlor. Zockerschicksal.
Angesichts der Dimension seines Spiels befürchtete der staatliche Wettanbieter Oddset schon, dass Sapina "nicht als Privatperson" auftrat, sondern "im Auftrage privater Wettbüros". Bei einem Treffen mit Managern der Lottogesellschaft konnte der Kroate diesen Verdacht ausräumen. Fortan rissen sich die Lotto-Fürsten um die Gunst ihres Großkunden. Als er einmal an die 300 000 Euro verlor, überbrachte ihm ein Oddset-Gesandter zum Trost "einen schönen Gruß" der staatlichen Lotterie sowie einen Kugelschreiber und ein Feuerzeug.
Sapina hatte seinen Tages- und Nachtablauf längst auf das Checken von Quoten im Internet und auf die Termine internationaler Sportveranstaltungen abgestimmt - bis zu jenem schicksalhaften Tag, an dem ihm das Wetten und Zuschauen offenbar nicht mehr reichten.
Es war Juni 2003, als sich Sapina entschloss, seinem Lieblingsclub Dynamo Dresden behilflich zu sein. Vor dem Spiel gegen Preußen Münster ließ er den Dresdner Spielern über einen ihrer Teamkollegen, Ranisav Jovanovic, 15 000 Euro Siegprämie zukommen. Eine lohnende Investition in die Mannschaftskasse, wie sich zeigte: Dresden gewann das Spiel 3:2 - und Sapina, der die Partie in eine Kombinationswette eingebaut hatte, war über Nacht um rund 450 000 Euro reicher.
Dass man im deutschen Fußball mit Bargeld aber auch Niederlagen kaufen konnte, will Sapina ein knappes Jahr später erstmals ausprobiert haben. Laut seiner Aussage machte er beispielsweise zwei Chemnitzer Spielern vor deren Partie bei Holstein Kiel ein unmoralisches Angebot. Das Gespräch im Mannschaftshotel habe "nur etwa fünf Minuten" gedauert - die Verteidiger Steffen Karl und Marcus Ahlf sollten so spielen, dass ein Sieg von Kiel zustande kommt. Dafür habe er ihnen insgesamt 18 000 Euro zugesteckt.
Karls Anwalt Andreas Bartholomé wollte sich zu den Vorwürfen gegen seinen Mandanten nicht äußern. Ahlfs Verteidiger Markus Dreyer verwies darauf, dass ihm der Tatvorwurf neu sei, er indes keine Stellung beziehe, ohne zuvor von der Staatsanwaltschaft Berlin komplette Akteneinsicht erhalten zu haben.
Kiel siegte 3:0, und Sapina hatte nach dem Spiel den Eindruck, "dass beide das Geld zu Recht bekommen" hätten - vor allem Karl habe sich wie verabredet "schwerfällig" über den Platz bewegt. Trotzdem geriet das Wochenende für den Wettprofi zum Desaster: Ante hatte die geschmierte Regionalligapartie nämlich mit einer Wette auf den Sieg von Real Madrid im Spiel der spanischen Primera División gegen La
Coruña kombiniert. Doch die Madrilenen verloren das Match - und dem Zocker entging ein Gewinn in Höhe von 1,4 Millionen Euro. Die Episode, so sagen Vertraute des Navigators, sei für ihn noch heute ein "regelrechtes Trauma".
Zu höchster Entfaltung kam Ante Sapinas Wettleidenschaft indes erst durch die Begegnung mit dem Jungschiedsrichter Robert Hoyzer - so jedenfalls stellt es der Beschuldigte vor den Berliner Ermittlern dar. Den damals 24 Jahre alten Studenten aus Salzgitter kannte der Kroate aus dem Café King. Der unreife "Partymensch", so Sapina über Hoyzer, sei stets etwas "herablassend" gewesen und habe sich "für etwas Besonderes" gehalten.
Nach einer durchzechten Nacht im Mai 2004 habe Hoyzer den Wettspezialisten im Morgengrauen gefragt, wie er es anstelle, dass er so oft gewinne. Als Sapina andeutete, dass es in anderen Ländern auch einmal korrupt zugehen könne, soll Hoyzer vielsagend geraunt haben: "Nicht nur da."
Der Wettkönig war verblüfft. Zumal Hoyzer jetzt kaum noch zu bremsen gewesen sei. Nicht ohne Stolz habe der Schiedsrichter plötzlich berichtet, wie er im November 2003 schon einmal ein Spiel gegen Bares manipuliert habe - nämlich die Regionalligapartie Chemnitz gegen Sachsen Leipzig.
Damit war Hoyzer offenbar beim Punkt. Denn nun, so Ante vor der Staatsanwaltschaft, habe der Schiedsrichter den entscheidenden Schritt getan und ihn gefragt, wie viel es ihm denn wert sei, wenn Paderborn gegen Chemnitz am folgenden Wochenende gewinnen würde - eine Partie, die Hoyzer selbst als Schiedsrichter leite.
Er habe darauf nicht reagiert, gab Sapina zu Protokoll. Doch am darauffolgenden Nachmittag, mit nüchternem Kopf, sei Hoyzer auf das brisante Thema zurückgekommen: Ob Sapina es sich überlegt hätte, soll er gefragt haben. Sapina habe cool erwidert, dass die Quote auf einen Paderborn-Sieg zu niedrig sei, aber dass man ja mal "eine Art Probeschuss" machen könne.
Die Schilderung des Kroaten ist durchaus explosiv. Denn sie unterscheidet sich gravierend von der des Schiedsrichters Hoyzer. Der hatte gegenüber den Ermittlern von Anfang an behauptet, Sapina sei es gewesen, der ihn zu den Spielmanipulationen angestiftet habe. Auch gegenüber dem SPIEGEL bekräftigte Hoyzer vorigen Freitag diese Darstellung.
Wer näher an der Wahrheit ist - Sapina oder Hoyzer -, wird das Gericht heraus-
finden müssen. Fest steht einstweilen, dass der Einstieg des Referees ins Wettgeschäft unglücklich verlief: Einen Elfmeter, den der beflissene Schiedsrichter für Paderborn gepfiffen hatte, musste er auf Intervention der Linienrichterin zurücknehmen. Die verabredete Paderborner Halbzeitführung kam nicht zustande, so dass Hoyzer, sichtlich zerknirscht, das bereits erhaltene Schmiergeld in Höhe von 8000 Euro im Berliner Restaurant Zwölf Apostel Sapina zurückgeben musste. Sein Kommentar über den missglückten Manipulationsversuch habe aus den Worten "Scheiße, Scheiße" bestanden, worauf ihn Ante gerügt habe: "Natürlich ist das Scheiße, du hast das Geld schon fast gehabt."
Hoyzer sei vor allem enttäuscht über seinen "Anfängerfehler" gewesen, sich von einer Linienrichterin die Tour vermasseln
zu lassen. Laut Ante habe der Kumpan beteuert, dass so etwas nicht noch einmal passiere, er wolle das wiedergutmachen, schon bei seinem nächsten Spiel Wuppertal gegen die Amateure von Werder Bremen. Sapina behauptete gegenüber der Staatsanwaltschaft, Hoyzer "wollte eine neue Chance" und habe ihn regelrecht bedrängt: "Guck mal, ob da was geht!"
Offenbar ging etwas: Die Partie endete wunschgemäß 1:0 für Wuppertal, und Hoyzer habe 3000 Euro Honorar plus 1000 Erschwerniszulage erhalten, weil er das Spiel durch einen heiklen Elfmeter entscheiden musste.
Der geglückte Deal markierte den Beginn des fatalen, gut ein halbes Jahr dauernden Joint Venture zwischen Sapina und Hoyzer. Der Rausch des schnellen Geldes löste bei dem korrupten Unparteiischen nach der Aussage des Hauptbeschuldigten sogleich einen großen Appetit auf teures Spielzeug aus.
Einmal, vor dem manipulierten Zweitligaspiel zwischen LR Ahlen und Wacker Burghausen, sollen Sapina und der Schieds- richter vor dem Computer gesessen und auf der Audi-Homepage einen A3 nach Hoyzers Wünschen konfiguriert haben. Dieses Auto, so Ante in seiner Vernehmung, sei Hoyzers Traum gewesen. Er habe seinem Mitstreiter ein Foto seines Lieblingsautos auf dessen Handy geschickt mit dem Hinweis: Dies sei sein Preis für das Ahlen-Spiel.
Wie gewünscht gewann Ahlen, und Hoyzer bekam von Sapina 32 000 Euro - in etwa so viel, wie der Wagen kostete.
Später, nach einem gemeinsamen Essen, änderten sich die Präferenzen des Referees: Plötzlich wollte er lieber einen Mercedes CLK - und begab sich mit Ante, als Dessert sozusagen, zur örtlichen Mercedes-Niederlassung am Berliner Salzufer. Der Besuch sei für ihn sehr lustig gewesen, so gab Sapina zu Protokoll, weil der des Autofahrens unkundige Hoyzer Fragen des Verkäufers nicht beantworten konnte.
Welches Verhältnis Sapina und Hoyzer pflegten, ist nach den teils differierenden Aussagen der beiden nicht eindeutig einzuschätzen. Im November 2004 jedenfalls gab es laut Sapina Unstimmigkeiten über die Arbeitsauffassung seines Chef-Schiebers. Der Kroate bemängelte vor allem die lasche Disziplin Hoyzers, der mehr Energie darauf verwandt habe, seinen Lohn zu verjubeln, als ihn sich zu verdienen.
Am Vorabend des manipulierten Zweitligaspiels Unterhaching gegen Saarbrücken saßen Hoyzer und Sapina in einer Münchner Nobeldiscothek zusammen. "Robert und seine Schiedsrichterkollegen" hätten dort Ukrainerinnen kennen gelernt, erklärte Ante der Staatsanwaltschaft. Hoyzer habe dort "Cocktails und Champagner getrunken und war auf Deutsch gesagt besoffen". Sapina will deshalb mit dem Schiedsrichter geschimpft und ihn auf die Bedeutung des Spiels am folgenden Tag hingewiesen haben.
Nach der Rückfahrt ins Hotel habe er Hoyzer noch in der Nacht die vereinbarten 50 000 Euro in einem Briefumschlag ausgehändigt, so berichtete Sapina den Ermittlern, doch am Morgen vor dem Spiel habe er das Schmiergeld wieder einkassiert - aus Sorge vor Langfingern im Stadion.
Das Match geriet zum Desaster. Unterhaching verlor, für mehrere Tage herrschte zwischen den Kumpanen Funkstille. Dann, erzählt Sapina, habe Hoyzer sich bei ihm gemeldet und gebettelt, er wolle wieder "zurück ins Boot". Sein nächstes Spiel würde er sogar "umsonst" verschieben.
Es ist auffällig, wie Sapina und Hoyzer sich gegenseitig die Rolle des Anstifters zuschieben. Übereinstimmend schildern die beiden hingegen, wie der Stendaler Schiedsrichter Dominik Marks zur Wett-Connection gestoßen sei. Nach Sapinas eigener Aussage habe er Hoyzer für die Anwerbung weiterer Unparteiischer freie Hand gelassen und ihm eine Vermittlungsprämie von 3000 Euro pro Kopf versprochen.
Was Hoyzer in seinem Generalgeständnis Ende Januar bereits ausführlich berichtet hatte, bekräftigt nun auch Sapina: dass Marks, 29, von August 2004 an massiv bei den Manipulationen mitgemischt habe. Allein für das verpfiffene Zweitligaspiel
Karlsruhe gegen Duisburg soll Marks von dem Kroaten 30 000 Euro erhalten haben. Sapina konnte sich die fürstliche Entlohnung problemlos leisten, denn sein Wettgewinn bei diesem Spiel belief sich nach Erkenntnissen der Ermittler allein bei Oddset auf 1 042 166 Euro und 7 Cent.
Erkenntlich zeigte sich der Wettkönig gegenüber Marks sogar noch, als alles schon aus war. In der Nacht vor seiner Verhaftung habe er sich, so Sapina bei seiner Vernehmung, auf Wunsch des Schiedsrichters mit ihm vor dem Berliner Restaurant "Ciao Ciao" getroffen. Marks habe um 40 000 Euro für zu erwartende Anwaltskosten gebeten - der Navigator habe zugestimmt und seinem Komplizen das Geld am folgenden Tag zukommen lassen. Marks'' Anwältin Astrid Koch lehnte gegenüber dem SPIEGEL eine Stellungnahme zu den Vorwürfen ab.
Die Anwerbung von Marks, gegen den der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes vorigen Freitag Anklage erhob, soll laut Sapinas Geständnis nicht Hoyzers einzige Aktivität als Headhunter gewesen sein. Als der Kroate wissen wollte, wer für Schiebungen noch in Frage käme, habe Hoyzer den Namen des Erstliga-Schiedsrichters Jürgen Jansen genannt, der ja bekannt sei für seinen "ausschweifenden Lebenswandel".
Anscheinend ein sachdienlicher Hinweis. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, wie er vertraulich an Jansen herantreten könnte, stieß Sapina auf zwei Mitglieder seines Lieblingsclubs Dynamo Dresden: den Abwehrspieler Torsten Bittermann und den Schiedsrichterbetreuer Wieland Ziller. Besonders Ziller, früher selbst Fifa-Referee, galt in der Szene als dicker Kumpel des Unparteiischen Jansen.
Vor dem Zweitligaspiel Dresden gegen Unterhaching am 21. November 2004, das Jansen pfiff, hatte Sapina über Bittermann offenbar Kontakt mit Ziller. Dabei sei unter anderem die Frage erörtert worden, was ein Dresdner Sieg bei Jansen denn kosten würde. Man habe sich, so Sapina, auf eine Summe um 10 000 Euro geeinigt.
Kurz vor Anpfiff der Partie habe Ziller signalisiert, dass alles wie gewünscht über die Bühne ginge. Wenige Tage nach dem erwartungsgemäßen Sieg für Dresden trafen sich dann Sapina, Bittermann und Ziller in einem Fischrestaurant in der sächsischen Landeshauptstadt.
Laut Sapinas Aussage besprach man dort gleich die Schiebung des nächsten Jansen-Spiels am folgenden Wochenende: die Erstligapartie zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem SC Freiburg. Noch im Restaurant will der Wettprofi drei Umschläge mit Banknoten gefüllt haben: jeweils 5000 Euro für Bittermann und Ziller für die erfolgreiche Vermittlung des Schiedsrichters Jansen, sowie einen dritten Umschlag mit 35 000 Euro.
Über den Inhalt dieses Kuverts, das Ziller an Jansen weiterreichen sollte, habe es geteilte Ansichten gegeben. Denn Ziller, so Sapina, habe plötzlich doppeltes Honorar für Jansens Dresden-Spiel verlangt. Außerdem habe er dem Unparteiischen noch ein Wochenende mit dessen Freundin versprochen.
Für den Kroaten, der nach eigenem Bekunden genügend Geld mit hatte, war das kein Problem. Sapina will Ziller zugesichert haben, bei erfolgreicher Manipulation auf dem Betzenberg die letzte noch fehlende Tranche in Höhe von 10 000 Euro nachzureichen.
Kaiserslautern gewann wie gewünscht, in einer zu einem Tor führenden Szene ließ Jansen eine Attacke des Lauterers Carsten Jancker durchgehen. Sapina, so berichtete er den Ermittlern, schoss die 10 000 Euro nach, Kontaktmann Ziller richtete den Dank von Jansen aus. Der Unparteiische habe es "toll" gefunden, "wie professionell das alles abläuft", zumal er früher schon einmal ein Spiel manipuliert habe und danach mehrere Wochen seinem Geld habe hinterherlaufen müssen. Jansen, so Ziller zu Sapina, habe sich "beeindruckt" gezeigt, wie "glatt" alles gelaufen sei. Der Kroate hingegen will nicht ganz so euphorisch gewesen sein. Ihn habe gestört, mit Jansen nicht direkt sprechen zu können.
Jansens Anwalt Stephan Reiffen will sich erst nach Akteneinsicht "dezidiert zu den Vorwürfen gegen meinen Mandanten äußern". Gleichwohl betonte er gegenüber dem SPIEGEL, dass Jansen sämtliche gegen ihn erhobenen Vorwürfe zurückweist. Bittermann verweigerte dem SPIEGEL eine Stellungnahme zu den Vorwürfen. Auch Zillers Anwalt Cornelius J. Fetsch mochte sich nicht äußern.
Wer lügt, wer sagt die Wahrheit? Sapinas Geständnis hat zweifelsfrei die Staatsanwaltschaft Berlin ein gutes Stück vorangebracht, zugleich aber neue Ermittlungen und Vernehmungen erforderlich gemacht. Viel wird bei der Aufklärung des Krimis von den Aussagen der angeblichen Mittäter abhängen, doch es gibt auch schlichte Indizien. Eines könnte die Auswertung der Telefongespräche der Beschuldigten Ziller und Jansen sein. Beide telefonierten am Freitag, dem 26. November, zweimal miteinander, um 15.13 Uhr und um 15.17 Uhr.
Es war der Tag vor dem Spiel des 1. FC Kaiserslautern gegen den SC Freiburg. SVEN RÖBEL, JENS TODT,
MICHAEL WULZINGER
* Im angeblich manipulierten Zweitligaspiel Karlsruher SC gegen MSV Duisburg (0:3) am 3. Dezember 2004.
Von Sven Röbel, Jens Todt und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 21/2005
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