30.05.2005

COMPUTER„Katz-und-Maus-Spiel“

Star-Hacker Kevin Mitnick über Mülltonnentauchen und andere Tricks seines Gewerbes Mitnick, 41, schildert in seinem neuen Buch die Abenteuer von Hackern*. Er selbst wurde mehrfach wegen Datenklau zu Gefängnisstrafen verurteilt. Inzwischen arbeitet er mit seiner eigenen Sicherheitsfirma Mitnick Security Consulting für die einstigen Kontrahenten.
SPIEGEL: Soll Ihr Buch helfen, sich vor Angriffen aus dem Netz zu schützen?
Mitnick: Vor allem wollte ich unterhalten. Ich habe also eine Menge Interviews mit Hackern geführt und die besten zusammengetragen, so dass die Leser die unterschiedlichsten Angriffsstrategien kennen lernen. Aber im Anhang erkläre ich auch, wie man sich vor diesen Attacken schützen kann.
SPIEGEL: Wieso haben Sie nicht über Ihre eigenen Erlebnisse geschrieben?
Mitnick: Weil das Gericht es mir verboten hat. Aber ab Januar 2007 darf ich dann wieder. Dann will ich endlich meine Autobiografie vorlegen.
SPIEGEL: In den achtziger und neunziger Jahren brachen Sie in etliche Computer- und Telefonnetze ein. Ist der Cyberspace seitdem sicherer geworden?
Mitnick: Nein, durch die Funkvernetzung treten ständig neue Sicherheitslücken auf. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Hackern und Systembetreuern geht weiter.
SPIEGEL: Was fanden Sie reizvoll daran, in Computersysteme einzubrechen?
Mitnick: Ich war einfach neugierig. Bei vie-
len Dateneinbrüchen heutzutage dagegen
geht es um Industrie- und Militärspionage oder sogar um organisiertes Verbrechen im großen Stil.
SPIEGEL: Haben Sie je für Geld gehackt?
Mitnick: Nein, nie. Im Gefängnis bot mir einmal ein Mitgefangener, ein kolumbianischer Drogenbaron, fünf Millionen Dollar Cash. Ich sollte ein Computersystem manipulieren, damit er freigelassen würde. Ich habe abgelehnt.
SPIEGEL: Nun werden Ihre Eskapaden ja doch noch lukrativ: Ihr neues Buch hat sich in den USA angeblich 40 000-mal verkauft, und Ihre eigene Firma haben Sie auch gegründet. Haben Sie sich schon einmal an einem System die Zähne ausgebissen?
Mitnick: Nur einmal, in England. Der hatte eine norma- le Telefonleitung und wählte sich mit seinem Modem nur sehr selten und kurz ein. Ich wählte also einen anderen Ansatz: Ich brachte ihn mit ein paar Halbwahrheiten dazu, mir einfach die Daten, um die es ging, von sich aus zu schicken. Wenn man technisch nicht weiterkommt, hilft meistens dieses "Social Engineering".
SPIEGEL: Also reicht es, sich am Telefon als neuer Mitarbeiter auszugeben und so Passwörter zu ergaunern?
Mitnick: Das klappt nicht überall gleich gut. Am leichtgläubigsten sind die Amerikaner, weil die sich nicht trauen, einem Kollegen einen Wunsch abzuschlagen. In ehemaligen Ostblockländern sind die Leute weniger vertrauensselig, vielleicht wegen der Geheimdienstgeschichten früher. In südlichen Ländern wie Spanien geht es vor allem um Sympathie. Und in Deutschland zählt, dass man sich nicht selbst widerspricht und die Regeln befolgt.
SPIEGEL: Hacker wühlen offenbar gern in Müllcontainern. Warum?
Mitnick: Müll kann für einen Hacker wichtige Details enthalten: Namen, Telefonnummern, firmeninternen Slang. Das nennen wir "Dumpster Diving", also Mülltonnentauchen. Es ist weit verbreitet, nicht nur bei Geheimdiensten. Die Firma Oracle hat zum Beispiel "Dumpster Diving" gegen ihren Konkurrenten Microsoft in Auftrag gegeben. Das ist nicht mal illegal, weil Abfall nicht unter den Datenschutz fällt.
INTERVIEW: HILMAR SCHMUNDT
* Kevin Mitnick, William Simon: "The Art of Intrusion". Wiley Publishing, Hoboken; 288 Seiten; 27,50 Dollar.
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 22/2005
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