30.05.2005

SCIENCE-FICTIONParanoia-Typen von nebenan

Mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem Tod gilt Philip K. Dick als gefragter Stoff-Lieferant fürs Kino - seine Bücher erscheinen jetzt in einer deutschen Werkausgabe.
Eine Karriere in der Kinohauptstadt der Welt zählte nicht zu den Träumen des Science-Fiction-Schriftstellers Philip K. Dick: Man müsse ihn schon umbringen und ihn mit einem ins Gesicht gemalten Lächeln hinter dem Steuer seines Autos festschnüren, um ihn nur in die Nähe von Hollywood zu bekommen, soll er einmal gesagt haben.
Inzwischen ist der Mann seit 23 Jahren tot - und sorgt in der Traumfabrik für gewaltiges Aufsehen: So feierte ihn das US-Magazin "Wired" vor einiger Zeit in einer Titelgeschichte als "einen von Hollywoods begehrtesten Autoren".
Tatsächlich sind Dicks Werke in der Filmindustrie mittlerweile fast so begehrt wie Apple-Aktien. Zahlreiche Titanen der Zunft haben Dicks Geschichten auf die Leinwand gebracht: Stephen Spielberg in "Minority Report", John Woo in "Paycheck", Paul Verhoeven in "Total Recall" oder Ridley Scott in "Blade Runner".
Angesichts des weitverbreiteten Jammers über miese Drehbücher und schlappe Stoffe ist das Interesse der Studiobosse an Dicks Vorlagen verständlich. Bond-Regisseur Lee Tamahori bereitet mit Nicolas Cage "The Golden Man" vor, Richard Linklater hat mit Keanu Reaves und Winona Ryder "A Scanner Darkly" abgedreht, und über "The Short Happy Life of the Brown Oxford" wird verhandelt. Weitere Adaptionen sollen geplant sein. Um nicht den Überblick zu verlieren, trägt der Literatur-Agent Russell Galen, der die drei Kinder des Autors vertritt, angeblich immer eine Liste mit sich herum, um parat zu haben, welche von Dicks über 40 Romane und etwa 120 Kurzgeschichten überhaupt noch verfügbar sind.
"Für uns ist Philip K. Dick eine Marke, die wir schützen müssen. Deshalb verlangen wir sehr, sehr hohe Preise und akzeptieren nur etablierte Partner", sagt Galen. So brachte die Kurzgeschichte, die als Vor-
lage für den Science-Fiction-Thriller "Paycheck" diente, dem Autor, der sein Leben lang gegen den finanziellen Untergang anschrieb, 195 US-Dollar - und seinen Erben zwei Millionen Dollar.
Passend zum Hollywood-Trubel werden nun auch viele der oft lange vergriffenen Bücher neu aufgelegt. In Deutschland wird die vom Haffmans Verlag begonnene Werkausgabe vom Heyne Verlag fortgesetzt, wo gerade der Roman "Irrgarten des Todes" herauskam**.
Kommerziell ist die Werkausgabe ein Selbstläufer; weltweit verkaufen sich Dicks Bücher mittlerweile mehr als eine Million Mal pro Jahr. Obendrein wird der Mann auch von seriösen Kritikern in höchsten Tönen gelobt. Die "Washington Post" befand, dass "seine verrückten Ideen einen wichtigen Platz in der Populärkultur einnehmen". Der "New York Times" gilt er als "einer der kühnsten psychologischen Forscher des 20. Jahrhunderts", gefeierte Jungliteraten wie Jonathan Lethem verehren ihn als Vorbild.
Viel Wirbel um einen Schriftsteller, der zu Lebzeiten über den sogenannten Kultstatus kaum hinausgekommen ist. Traditionell werden das Science-Fiction-Genre und seine Protagonisten vom etablierten Kulturbetrieb mit einer Mischung aus Mitleid und Herablassung beobachtet - daran hat auch der Erfolg von angesehenen Autoren wie Stanislaw Lem, Isaac Asimov oder William Gibson nur wenig geändert.
Der späte Triumph des Philip K. Dick ist auch deshalb erstaunlich, weil seine Geschichten kaum das bieten, was man vom Science-Fiction-Genre so gemeinhin erwartet: also fiese Außerirdische, spektakuläre Weltraumschlachten oder wenigstens drollige Fabelwesen. Dick schrieb lieber über Allerweltstypen in drastischen Verwicklungen, die er zwar in der Zukunft ansiedelte, aber so schilderte, als könnten sie schon übermorgen Wirklichkeit werden. Menschen am Rande eines Nervenzusammenbruchs müssen bei ihm darüber nachsinnen, dass ihr Leben nur eine programmierte Illusion sein könnte.
Die Feinde des Menschen sind bei Dick keine Marskreaturen, sondern totalitäre Staaten und übermächtige Konzerne. Die Geschichten sind raffiniert und düster - und das einzig Verlässliche an ihnen ist, dass sie in der Regel nicht gut ausgehen. Also gerade der Stoff, aus dem Hollywood-Alpträume gebastelt werden.
Vor allem aber scheinen Dicks Stoffe Jahrzehnte nach ihrer Entstehung an bedrückender Realitätsnähe zu gewinnen. Viele moderne Klassiker, also Filme wie "Matrix" oder "Die Truman Show", und die sogenannte Cyper-Punk-Literatur sind gespickt mit seinen Ideen. Generell war die Zukunft für Dick ein düsterer Ort, aber schon die Gegenwart jagte ihm enorme Angst ein.
Geboren 1928 in Chicago, zog er nach der Trennung seiner Eltern mit der Mutter nach Berkeley, Kalifornien. Die Studentenhochburg bot ihm während der turbulenten zweiten Hälfte der sechziger Jahre das perfekte Umfeld für seine nervös-paranoiden Phantasien. Überhaupt war der Mann Zeit seines Lebens ein Gehetzter. Er nahm zu viele Drogen und behauptete in seinen letzten Jahren, direkt Kontakt mit göttlichen Wesen aufgenommen zu haben. Er war fünfmal verheiratet; auch um die Ansprüche seiner Ex-Frauen erfüllen zu können, schrieb er wie ein Besessener für Groschenheftchen und ähnlich schlecht zahlende Publikationen.
Zeitweilig sei er derart pleite gewesen, dass er sich von Hundefutter ernähren musste, hat er mal behauptet. Obendrein fühlte er sich vom Staat verfolgt. Als mal in sein Haus eingebrochen wurde, witterte er flugs eine Regierungsverschwörung.
Kurz bevor "Blade Runner", die erste große Verfilmung einer seiner Geschichten, in die Kinos kam, ist Dick mit 53 Jahren an Herzversagen gestorben.
Immerhin: Wenn die Visionen seiner Bücher wahr sein sollten, amüsiert er sich längst in einer Parallelwelt über seinen späten Triumph. CHRISTOPH DALLACH
* Mit Ben Affleck, Uma Thurman (2002). ** Philip K. Dick: "Irrgarten des Todes". Heyne Verlag, München; 224 Seiten; 9,95 Euro.
Von Christoph Dallach

DER SPIEGEL 22/2005
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