11.09.1978

GESTORBENNikodim, Adolf ("Adi") Dassler, William S. Schlamm

Nikodim, 48, Metropolit von Leningrad und Nowgorod. Der Arbeitersohn, mit bürgerlichem Namen Boris Rotow, hatte nach seiner Priesterweihe rasch Karriere in der russisch-orthodoxen Kirche gemacht. Mit 37 Jahren wurde er Erzbischof (Metropolit) von Leningrad und damit, nach dem Patriarchen von Moskau, höchster Würdenträger seiner Kirche. Nikodim gehörte zu den Wortführern der ökumenischen Bewegung. Er arbeitete maßgeblich mit an jenem Dokument von Sagorsk (1975), in dem der Heilige Stuhl und das Moskauer Patriarchat gemeinsame Friedensbemühungen von Christen Lind Nichtehristen forderten und feststellten, daß "es im Sozialismus positive Aspekte gibt, welche die Christen anerkennen sollten". Nikodim paßte sich freilich ganz der Kreml-Politik an: Als bei einer Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf gegen die Verletzungen der Menschenrechte in Osteuropa protestiert wurde, verließ der Metropolit demonstrativ die Versammlung. Der Sowjet-Christ vertrat die Russisch-Orthodoxen bei der Amtseinführung von Papst Johannes Paul 1. Vergangenen Dienstag erlag Nikodim während einer Papstaudienz einem Herzinfarkt.
Adolf ("Adi") Dassler, 77. Aus einer Waschküchen-Werkstatt in Herzogenaurach entwickelte der Tüftler einen der bedeutendsten Sportartikel-Konzerne der Welt -- "Adidas". Das Unternehmen umfaßt 17 Fabriken mit einem Jahresumsatz von über einer Milliarde Mark. Dassler, dessen Hauptkonkurrent und Prozeßgegner sein 1974 verstorbener Bruder Rudolf (Firmenname: "Puma") gewesen war, erwarb etwa 150 Patente und Gebrauchsmuster auf dem Sportschuhsektor. Der Durchbruch glückte ihm 1954, als er rechtzeitig zur Fußball-Weltmeisterschaft die Schraubstollen erfand. Je nach Bodenbeschaffenheit schraubte er den Spielern eigenhändig kürzere oder längere Stollen unter die dreigestreiften Fußballstiefel und verhalf den Deutschen so mit zur Weltmeisterschaft. Seither spielen die meisten Nationalmannschaften der Welt mit Stiefeln aus Dasslers Werkstatt. Aber auch für andere sportliche Disziplinen ließ sich Dassler Besonderes einfallen: Den Leichtathleten half er mit superleichten Dornenschuhen ("Spikes") aus Känguruhleder, die Ruderer rüstete er mit Schuhen aus, die am Stemmbrett festzuschrauben waren. Dreigestreifte Trainingsanzüge und Turnschuhe gelten längst von Moskau bis San Francisco, von London bis Sydney als modische Freizeitkleidung, vertrieben über ein Vertreternetz, das Dassler aus weltberühmten Athleten rekrutierte. Adolf Dassler starb am vergangenen Mittwoch nach einem Kreislaufkollaps. William 5. Schlamm, 74. Laut Gerichtsbeschluß mußte sich der Publizist "Demagoge" nennen lassen, und er selbst empfand die Charakterisierung "Pamphletist" als Ehrentitel. Blieb der eifernde Tonfall seiner Kommentare auch immer gleich, so änderte Schlamm seine politischen Ansichten kraß: Als Sohn eines jüdischen Kaufmanns im galizischen Przemysl geboren, trat Schlamm mit 15 Jahren in Wien der kommunistischen Jugendorganisation bei und wurde später Redakteur der "Roten Fahne". 1929 brach er mit den Kommunisten und leitete ab 1933 die Wiener Ausgabe der pazifistischen "Weltbühne". 1938 ging Schlamm in die USA, ließ sich 1944 naturalisieren und kehrte 1949 nach Europa zurück -- als Korrespondent der Zeitschrift "Fortune" und Anti-Kommunist. In Reden, Büchern (so in dem 1959 erschienenen "Die Grenzen des Wunders -- Ein Bericht über Deutschland", das -- heftig umstritten -- zum Bestseller wurde) und Kommentaren (von 1965 bis 1971 in der "Welt am Sonntag", ein paar Jahre lang auch für den "Stern") hieb er fanatisch auf alles ein, was ihm zu schlapp erschien, um den Kommunismus zu bekämpfen. Seine ideologische Starrheit manövrierte ihn schließlich ins Abseits, seine Kommentare erschienen fast nur noch in der von ihm selbst verlegten Monatsschrift "Zeitbühne", die er 1972 gegründet hatte. Am vorletzten Freitag starb William S. Schlamm in Salzburg an den Folgen eines Herzinfarktes.

DER SPIEGEL 37/1978
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