02.10.1978

PAPSTGebot der Stunde

Der überraschende Tod von Papst Johannes Paul 1., 65, könnte viele Kardinäle veranlassen, jetzt für einen jüngeren Nachfolger zu stimmen.
Sein Vorgänger, Paul VI., klagte oft über die schwere Bürde des Amtes, schon 1968: "Jeden Tag sterben wir ein Stückchen." Gleichwohl starb Paul VI., 80, erst vor zwei Monaten.
Sein Nachfolger, Johannes Paul I., wirkte gegen ihn fast jung, jedenfalls nicht kränklich, sondern agil, tatkräftig. Als er dennoch vergangene Woche nur 34 Tage nach seiner Wahl einem Herzinfarkt erlag, befand das römische Abendblatt "Vita': "Die große Emotion angesichts der enormen neuen Aufgaben hat ihn getötet."
Mag sein. Jedenfalls müssen die Kardinäle nun nach einem der kürzesten Pontifikate der Kirchengeschichte zum zweiten Mal in diesem Jahr im Konklave ein neues geistliches Oberhaupt der 709 Millionen Katholiken wählen. Etliche Kirchenmänner werden jetzt, nach dem jähen Tod des für Kurien-Maßstäbe schon nicht sehr alten Luciani-Papstes' 65, dafür plädieren, einen jüngeren Mann zum Papst zu erheben.
"65 ist schließlich ein Alter, in dem gewöhnliche Sterbliche in Pension gehen", gab ein römischer Prälat zu bedenken. Ohnehin sei die Verjüngung der Kirchenspitze "ein Gebot der Stunde".
Schon Papst Paul VI. hatte deutlich gemacht, daß er keine "gerontocrazia", keine Herrschaft der Greise, in der Kirche wünsche. Er ordnete an, alle Diözesan-Bischöfe sollten an ihrem 75. Geburtstag die Pensionierung beantragen. Und durch das Dekret "über die wachsende Last des Alters" schloß er die über 80jährigen Kardinäle vom Konklave aus.
Kein Wunder, daß sich viele Katholiken während der Amtszeit des kränkelnden Paul VI. fragten, ob nicht auch Päpste irgendwann pensionsreif seien. Doch das Vatikanblatt "L'Osservatore Romano" argumentierte -- nicht gerade überzeugend -, daß ein Papst im Unterschied zu normalen Bischöfen "weder die Pflicht noch das Recht" habe, aus Altersgründen zurückzutreten.
Ebensowenig käme der Vatikan auch auf den Gedanken, eine Altersgrenze für Papst-Kandidaten festzusetzen. Sogar die über 80jährigen Eminenzen, die selber nicht mehr im Konklave mitwählen dürfen, können theoretisch ins höchste Kirchenamt berufen werden ein Widerspruch, der vielen Gläubigen unhaltbar erscheint.
Die Verjüngung an der Kirchenspitze geht jedenfalls nur langsam voran. Das Durchschnittsalter der wahlberechtigten Kardinäle beträgt noch immer, obwohl Paul VI. mehrere relativ junge Bischöfe der Dritten Welt mit dem Purpur auszeichnete, 67 Jahre. Nur erfahrene Oldtimer gelangen ganz nach oben -- ähnlich wie in der sowjetischen Hierarchie (Durchschnittsalter der Politbüro-Mitglieder: 68) oder in der chinesischen (65).
In den Konklaven der neuesten Zeit hatten Papstkandidaten unter 60 kaum je ernsthafte Chancen. Nach dem Tod Pauls VI., im August, galt beispielsweise der einflußreiche Erzbischof von Florenz, Giovanni Kardinal Benelli, nur bedingt als "papabile", als einer der aussichtsreichen Bewerber. Denn Benelli ist erst 57.
"Optimal", so Vatikan-Insider, ist für Kandidaten ein Alter zwischen 60 und 70. Denn darin sahen die Kardinäle jedenfalls bis zum Tod Johannes Pauls I. eine gewisse Garantie, daß der künftige Papst nicht zu kurz regiert. aber nach menschlichem Ermessen auch nicht länger als etwa 20 Jahre -- Rückversicherung für den Fall, daß ein Papst zu streng oder zu lau regieren würde.
Benelli schlug gleich zu Beginn des Konklave im August den Patriarchen von Venedig, Albino Luciani, für die Nachfolge auf dem Stuhl Petri vor. Auf Luciani konnten sich all jene Kardinäle einigen, die wieder einen Italiener zum Papst küren wollten, aber keinen Kurienpolitiker, sondern einen Seelenhirten wünschten.
Die einfache, leutselige Art des neuen Pontifex, der im Unterschied zu seinem Vorgänger gern lachte und Anekdoten erzählte, Schokolade und Nüsse knabberte, beeindruckte Italiens Gläubige. Aber viele Katholiken argwöhnten, die einfachen Gesten des neuen Papstes seien bloß Fassade, hinter der sich kirchenpolitische wie dogmatische Restauration verberge.
Wenn die Mehrheit der Eminenzen im nächsten Konklave abermals keinen Kuriendiplomaten, sondern einen italienischen Seelenhirten zum Papst machen will, dann stehen im Grunde nur acht Kardinäle zur Auswahl. Der jüngste von ihnen, Benelli, ist 57, der älteste, Giovanni Colombo aus Mailand, bereits 75 Jahre alt.

DER SPIEGEL 40/1978
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