30.10.1978

Améry: „Mein Tod soll meine Sache sein“

Am 3. Juli 1976 führte Christian Schultz-Gerstein ein Gespräch mit Jean Améry. Anlaß für das Gespräch war das Améry-Buch „Diskurs über den Freitod“. Ein Auszug dieses Interviews erschien damals in der „Zeit“. Der SPIEGEL veröffentlicht jetzt eine umfassende Niederschrift. Améry nahm sich vor zwei Wochen das Leben.
FRAGE: Ein Buch über den Freitod, das schreibt man ja nicht so, daß man sich hinsetzt und sagt: jetzt schreib ich mal 'n Buch über Freitod. Könnten Sie das rekonstruieren, wie es zu diesem Buch gekommen ist? Oder gab es einen punktuellen Anlaß?
AMÉRY: Der punktuelle Anlaß ist vielleicht unwichtig, den kann man ausklammern, wenn es Ihnen recht ist. Was wichtiger ist: daß die Idee des Freitods mir von ich würde fast sagen von Kindheit auf geläufig war, mich eigentlich immer wieder begleitet hat, angezogen hat, natürlich auch mit Schrecken erfüllt hat.
Denn es gehört ja allerhand Courage dazu. Nichts Dümmeres als die Leute, die bei einem ernsthaften Suizidversuch oder Suizid -- ich kann den Unterschied gar nicht machen, denn der Suizidversuch, wenn er ernsthaft ist, ist eben ein Suizid -- nichts Dümmeres als die Leute, die sagen, das sei feige.
Im Gegenteil, es gehört sehr, sehr viel Mut dazu, weil die ganzen Lebenstriebe, der kreatürliche Selbsterhaltungstrieb dem widersteht. Mir war der Gedanke immer nahe, wie ich heute weiß, als Vorstellung von Flucht, aber nicht nur als Flucht.
FRAGE: Hat sich der Inhalt des Freitodgedankens mit der Zeit geändert?
AMÉRY: Natürlich, weil sich ja das Denken verändert. Das Denken eines vierzehnjährigen Knaben, der denkt, ich werde mich eventuell umbringen, ist natürlich etwas völlig anderes als das Freitoddenken eines sechzigjährigen Mannes mit all seinen Erfahrungen hinter sich und auch theoretischen Erkenntnissen.
FRAGE: Könnten Sie heute noch dahin zurückfinden, was der Freitodgedanke für Sie mit vierzehn war?
AMÉRY: Damals überwog sicher das Gefühl des Wunsches zu fliehen. Nicht einmal aus besonders ausweglos erscheinenden Situationen oder einem Knaben ausweglos scheinenden Situationen. Sondern überhaupt: davonlaufen.
FRAGE: Davonlaufen, um allein zu sein?
AMÉRY: Davonlaufen, um fern zu sein von all dem, was man kennt. Ich würd' nicht sagen, um allein zu sein. Im Tod ist man ja nicht allein, im Tod ist man überhaupt nicht.
Später, als junger Mann, wenn ich daran dachte, und ich dachte natürlich keineswegs unausgesetzt daran -- ich bin kein ständig von düsteren Ideen geplagter Psychopath, ich halte mich für einen ziemlich normalen Menschen, so-. weit dieser Begriff überhaupt einen Sinn hat. Später, als junger Mann, überwog dann schon die Vorstellung der Freiheit, des freien Aktes, der äußersten Bekräftigung, der äußersten möglichen Bekräftigung meiner Freiheit. Und das verdeutlichte sich immer wieder an konkreten Problemen.
FRAGE: Waren diese Freitodgedanken durch irgendwelche Umstände, Situationen oder Leute oder Vorgesetzte bedingt?
AMÉRY: Nein, außer Lehrern habe ich nie im Leben einen Vorgesetzten gehabt. Und mit den Lehrern hatte ich keine besonderen Schwierigkeiten. Nein, das kam oft eigentlich jenseits jeglicher Zwangssituationen. Das gab's natürlich auch in Zwangssituationen, das ist klar. Darüber können wir dann noch sprechen.
Einfach ein gewisser Ekel vor den Leuten in der Straßenbahn, zu viele Menschen zu nah um mich herum, zu viele Gesichter, die ich nicht mochte, Häuser, die ich scheußlich fand und Straßen, die kein Ende nahmen. Und dann kam der Gedanke: das geht eigentlich nicht. Aber dieser Gedanke hat ja nicht immer die gleiche aktualisierende Kraft. Es gab ihn natürlich auch in Zwangssituationen.
Zum Beispiel war ich entschlossen, während der Widerstandsbewegung, daß, hätte ich eine Waffe gehabt, ich den ersten besten Gestapomann erschieße und dann mich. Das war ein ganz fester Entschluß. Ich kam nur niemals in den Besitz einer Waffe, weil ich einer Widerstandsgruppe angehört habe, die politisch gearbeitet hat, das heißt, die nicht bewaffnet war. Aber ich habe immer getrachtet, zu einer bewaffneten zu kommen. Es hat sich nicht ergeben, denn das war, vor allem für einen Ausländer, nicht so einfach. Da war das ein fester Entschluß, und ich habe gar keine Zweifel, daß ich den durchgeführt hätte.
Selbstmörder-Rettung: "Manchmal hat das Unglück recht"
In der Einzelhaft und nach der ersten Tortur habe ich meinen ersten Suizidversuch begangen. Nicht aus Angst, sondern weil ich die konkrete Befürchtung hegte, ich würde unter der Folter Adressen preisgeben. Ich kannte sehr wenig Adressen, aber zum Beispiel kannte ich die Adresse meiner damaligen Frau. Bei der Tortur gibt es Widerstandsgrade verschiedener Ordnung. Ich habe gewußt, wenn das jetzt lange weitergeht, dann würde ich das wahrscheinlich preisgeben. Und da habe ich einen Suizidversuch begangen, der natürlich lächerlich gescheitert ist. Vom Eimer ein rostiges Stück abgerissen und versucht, die Pulsadern zu öffnen. Das hat so wahnsinnig wehgetan, daß ich zunächst einmal ohnmächtig geworden bin in der Zelle. Und dann ist aus dem Suizid nichts geworden.
Später im KZ hab' ich die Zwangssituation, die man als solche hätte empfinden können, nicht als solche empfunden, sondern eigentlich als eine Herausforderung, durchzuhalten und zu überstehen. Also: Ihr sollt mich nicht haben. Mein Tod soll meine Sache sein. Von Euch lasse ich mich nicht kleinkriegen. Ich will versuchen, das zu überstehen.
Na ja, und danach gab es immer wieder Ekelsituationen, auch Müdigkeit. Kurz, der Gedanke war immer da und ist noch immer da, sonst hätte ich das Buch nicht geschrieben.
FRAGE: Hätten Sie dieses Buch auch früher schreiben können?
AMÉRY: Ich glaube, ich hätte es schreiben können und wohl auch schon früher schreiben sollen. Nur befand ich mich früher noch allzu bewegungslos in den Fesseln der Lebenslogik. Da habe ich zum Beispiel in meinem Buch "Über das Altern" den Freitod eine Narrengeschichte von Freiheit genannt. Da hat mich quasi die Logik überrollt, das heißt, die Logik hat das "überrollt, was ich eigentlich persönlich hätte sagen müssen und sollen.
FRAGE: Gehört eigentlich Mut dazu, den Freitod zu verteidigen? Es ist ja noch ein Unterschied, ob ich mit dem Gedanken im stillen Kämmerlein umgehe oder ob ich ihn wirklich hinschreibe und dann aus der Hand gebe.
AMÉRY: Wissen Sie, Mut. Wenn ein Schriftsteller über Dinge schreibt, die ihn persönlich angehen -- und ein Schriftsteller sollte über nichts anderes schreiben -, dann gehört dazu immer Mut. Es gehört auch sehr viel Mut dazu, eine Liebesgeschichte zu schreiben. Es gehörte sicher für Peter Handke sehr viel Mut dazu, ein Buch wie "Wunschloses Unglück" zu schreiben. Aber als eine Mutleistung würde ich mein Buch nicht bezeichnen. Eine Aufrichtigkeitsleistung, das würde ich für mich in Anspruch nehmen. Was immer dabei entstanden sein mag.
FRAGE: Gab es außer ganz persönlichen Anlässen auch irgendeinen, also, hat sich Ihr Verhältnis zu all dem, was um Sie herum geschieht, was man gesellschaftlich nennt, hat sich das verändert? Oder hat das eine Rolle gespielt?
AMERY: Das Politische hat sicher eine Rolle gespielt. Ich bin seit der Rückkehr aus dem KZ, wo ich mir einbildete, jetzt ist es überstanden, jetzt kommt eine neue und richtigere Welt, in der man wird leben können, also, da wurde ich von allen Seiten immer mehr enttäuscht.
Nicht nur, daß die Nazis Ehrenpensionen, bon, sollen sie meinetwegen Ehrenpensionen bekommen, daß irgendein SS-Henker Vorsitzender eines Industrieunternehmens wird. Das ist mir quasi schon egal. Nein, daß ideologisch, im Bedenken des Politischen sich eigentlich nichts gebessert hat.
Und da bin ich sehr stark enttäuscht worden vom Verhalten der Linken. Ich habe mich ein Leben lang als ein Mann der Linken gefühlt. Ich bin in einer von Kommunisten geleiteten Widerstandsgruppe gewesen. Ich hatte seinerzeit, als ich ausschließlich in der Schweiz veröffentlichte, weil ich von Deutschland nichts wissen wollte -- ich habe erst 1964 begonnen, wieder in Deutschland zu veröffentlichen -, damals habe ich mich beruflichen Schwierigkeiten ausgesetzt, weil ich ein Linker war. Es war in der Zeit des Kalten Krieges, das ging dann wirklich ans Mark der ökonomischen Existenz. Ich habe mich diesen Schwierigkeiten ausgesetzt immer im Bewußtsein, ein Linker zu sein.
Heute weiß ich nicht mehr recht, was das heißen soll. Die Linke, auf die ich große Hoffnungen gesetzt habe, auch noch zur Zeit der Studentenbewegung, auch noch im Mai "68 in Paris, hat sich durch ihr schwaches Denken, durch ihr unsinniges Verhalten mir so entfremdet, daß ich heute den Weg zu ihr so schwer finde wie sie den Weg zu mir. Ich bin für die Leute heute ein abgetakelter Liberaler. Ich will das natürlich gern sein, bon, ja.
Bei den Frankfurter Römerberg-Gesprächen zum Beispiel hab' ich das gespürt. Als ich sagte, ich sei ein-Mann der Linken, da ging durch einen Teil des Auditoriums ein höhnisches Gelächter. Aber es ist nicht so, daß das meine persönliche Eitelkeit verletzt, das ist einem Mann in meinen Jahren egal. Ein Mann in meinen Jahren, der ist nicht mehr eitel. Da muß er schon sehr dumm sein, wenn er mit 63 Jahren eitel ist. Nein, es ist die Enttäuschung, daß diese Leute es nicht besser, nicht vernünftiger gemacht haben. Der Radikalenerlaß ist eine schreckliche Sache. Aber die Linke hat es den Leuten allzu leicht gemacht. Eine gewisse Linke. Sie hat den Leuten ja die Waffen in die Hand gegeben.
FRAGE: Welche Linke meinen Sie da?
AMÉRY: Immer wieder spreche ich vor jungen Leuten, die dann, merke ich zu meinem Entsetzen, gar keine Gedanken im Kopf haben. Sie haben nur ein Vokabular.
FRAGE: Gab es für Sie in der Studentenbewegung auch Leute, die Ihnen Hoffnung gemacht haben?
AMÉRY: Ja, ich hatte auch sehr positive Erlebnisse. Es gab in Köln Leute, die mich auf der Straße angesprochen haben, mich fragten, ob ich der Améry sei, und die mich mitgenommen haben in ihre Kommune, wo ein Geist allgemeiner Herzlichkeit und Kameradschaftlichkeit herrschte.
FRAGE: Und Rudi Dutschke zum Beispiel?
AMÉRY: Ich kenne ihn nicht genug, und ich habe nie persönlich mit ihm zu tun gehabt. Aber ich hatte immer das Gefühl, daß das ein sehr ehrlicher und sehr moralischer Mensch sei. Ein Gefühl, das ich bei Cohn-Bendit überhaupt nicht hatte. Also, diese politischen Dinge haben auch eine Rolle gespielt. Auf der einen Seite die immer widerlichere Selbstbehauptung der Rechten mit der "Tendenzwende" und all dem, was dahinter sich breitmacht und sich noch breiter machen wird, wie ich befürchte, einerseits. Andererseits die mangelnde fehlende, sei es Kraft, sei es Bereitschaft der meisten jungen Linken, wirklich einmal über ihr Vokabular hinauszudenken.
FRAGE: In Ihrem Buch erscheint ja der Freitod oder die Möglichkeit zum Freitod als die allerletzte und vielleicht auch einzig realisierbare dauerhafte Freiheit. Und auch als der letzte Widerstand, dem nichts von Resignation anhaftet.
AMÉRY: Da bin ich nicht neu, das hat schon Nietzsche gesagt.
FRAGE: Sie leisten trotzdem schreibend auch noch immer die, ich nenn das jetzt mal die kleinen Widerstände. Also: Sie schreiben immer noch gegen den Radikalenerlaß; oder Sie schreiben über die neuen Tendenzen zur Rehabilitierung des Faschismus. Was treibt Sie eigentlich an, so etwas noch zu machen?
AMÉRY: Die Antwort ist überraschend einfach. Es ist das Bewußtsein, solange ich überhaupt noch da bin und solange ich diesen letzten Entschluß, den ich schon einmal gefaßt habe, nicht noch einmal fasse, daß es so lange zu meiner Aufgabe gehört, das zu tun.
FRAGE: In ihrem Buch steht an einer Stelle ein Ausdruck, der für mich Ihre ganze Haltung charakterisiert. Da ist vom empörten, vom empörten Lebensekel die Rede. Also kein resignierter.
AMÉRY: Nein, nein, kein resignierter.
FRAGE: Suizidäre Stimmung also, nicht ein müdes "nach mir die Sintflut". Und Ihre Empörung richtet sich vor allem gegen einzelne Wissenschaften, gegen die Psychologie, gegen die Soziologie, die bei Ihnen als die Buttel der öffentlichen Ordnung dastehen.
ÄMÉRY: Als Büttel der öffentlichen Ordnung, ja. Es ist aber nicht so, daß ich jegliche Art von Psychologie ablehne. Das wäre ja ein Unsinn, das zu tun. Ich halte es für ganz richtig und vernünftig, daß, wenn ein I7jähriger junger Mensch -- sei es mit sexuellen Schwierigkeiten oder daß er rauschgiftsüchtig ist -- sich an einen Psychologen wendet. Und dabei mögen dann richtige Ratschläge und therapeutische Ergebnisse herauskommen.
Ich glaube nur, daß die gesamte Terminologie und die ganze Vorstellungswelt der Psychologie nicht mehr gilt für den Suizidär. Dem geschieht da ein ungeheuerliches Unrecht. Da wirkt die Psychologie dann so deplaciert und lächerlich wie jemand, der einem Unglücklichen sagt: Sei doch nicht unglücklich.
FRAGE: Sie kennen vielleicht die in Büchern und im Fernsehen betriebene Praxis der Lebenshilfe, die vom Fettbauch über ungezogene Kinder und Einsamkeit bis zu kaputten Ehen und der Angst vorm Leben alles repariert und wieder ins Lot bringt. Ist es diese frisch-fröhliche Sorgenkind-Psychologie, von der Sie nichts wissen wollen?
AMÉRY: Lebenshilfe, ach ja. Wissen Sie, manchmal hat das Unglück recht gegen das Glück und die Krankheit recht gegen die Gesundheit. Wenn ich so amerikanische psychoanalytische Krankenberichte lese, dann halte ich plötzlich nichts mehr von Lebenshilfe. Dann ist mir der lieber, der unglücklich ist.
Es gibt einen wunderbaren Satz von Shaw: "Happiness for pigs". Und so ähnliche Sätze gibt es auch bei Schopenhauer.
Ich erfinde jetzt einfach zwei Gestalten. Da ist ein unglücklicher, depressiver Mensch, wie die Psychoanalyse sagen würde und wie ich nie sagen würde. Er übt seinen Beruf mit Widerwillen aus, oder er übt ihn vielleicht gar nicht aus. Er hat einen Ekel vor dem Heiraten und will auch keine Kinder haben, will sich nicht fortsetzen. Der kann doch, muß nicht, eine menschlich ranghöhere Figur sein als der brave Mann, der aufgrund von Lebenshilfe eine Familie beisammenhält und Kinder in die Welt setzt.
FRAGE: Von welcher Position aus engagieren Sie sich, und Sie engagieren sich ja, für die Anerkennung des Freitods als ein Menschenrecht?
AMÉRY: Im letzten Grund gehört der Mensch in seiner Entscheidung, zu leben oder zu sterben, sich selbst. Ich glaube, daß der Mensch im wesentlichen nur sich selbst gehört. Ich bin aber zu einem vernünftigen Übereinkommen bereit. Ich habe Verständnis dafür, daß man sagt, um Gottes willen, jetzt hat sich der umgebracht, da ist eine unversorgte Frau und da sind drei Kinder. Ich habe also Verständnis für diesen allgemeinen Einwurf der Sozialmoral.
Nur gehört meine noch größere Sympathie dem, der den Schritt tat, und das ist ein entsetzlicher Schritt, besonders, wenn er überlegt ist und aus einem intensiven Todesdenken herauskommt. Zumal, das ist kein Ehrentitel, und das sollen Sie gar nicht schreiben, wenn man so viel Tod um sich herum gesehen hat wie ich. Ich bin in Bergen-Belsen über Berge von Leichen gestiegen, der Tod ist ein guter alter Bekannter.
Aber noch einmal zurück. Ja, es ist gut zu verstehen, wenn man sagt, das hätte er nicht tun dürfen, Frau und Kinder zurücklassen. Nun, ich antworte darauf: Sie arrangieren sich. Die Frau mit den Kindern wird irgendwie durchkommen, der Mann wird auch sehr schnell vergessen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, wie wahnsinnig wenig der Mensch gilt in der Welt. Er ist ein Nichts. Nein, die große Sache erledigt der, der sich umbringt.
FRAGE: Es ist ja ziemlich rätselhaft, warum die Gesellschaft eigentlich den Selbstmörder ächtet. Ich kann überhaupt kein Interesse entdecken, das sie daran haben könnte. Trotzdem tut sie es, obwohl, statistisch gesehen, die Zahl der Selbstmörder weder den Produktionsprozeß noch das Produktionsvolumen beeinträchtigt.
AMÉRY: Im letzten Grunde aus dem Prinzip der Arterhaltung. Das ist zutiefst im kollektiven Unbewußten verankert. Tiere bringen sich nicht um, kein Tier begeht Selbstmord. Mit den Lemmingen ist das wieder eine andere Sache, die sind falsch programmiert.
Alle Geschichten vom treuen Hund, der sich am Grab seines Herrn zu Tode hungert, haben sich als Legenden erwiesen. Die Natur sieht den Suizid nicht vor. Und darum ist der Freitod für mich in so hohem Maße ein integrierender Bestandteil des Humanums. Diese Möglichkeit, das, was der Theologe die Schöpfung nennt, zu verneinen, totaliter zu verneinen, ein Weltende sozusagen selber zu veranstalten.
FRAGE: Der Terminus der Arterhaltung kommt in Ihrem Buch regelmäßig in negativer Bedeutung vor, etwa, wenn Sie von der "arterhaltenden Zivilisationsmeute" sprechen oder in leichter Abwandlung von der "lebenserhaltenden Gesellschaft". Wogegen richtet sich Ihr Vorwurf?
AMÉRY: Er richtet sich einmal gegen die allgemeine Akzeptierung dessen, daß ist, was ist. Er richtet sich gegen die achselzuckende Akzeptierung der Schöpfung im Namen der Lebenslogik. Wer sich das Leben nimmt, der nimmt sozusagen die Schöpfung zurück. Und das Buch ist ja bewußt aus der Sicht des Suizidärs geschrieben. Und wenn es gelegentlich einen vehementen Ton hat, dann, um dem Suizidär endlich auch einmal sein Recht werden zu lassen. Ich gründe ja keinen Selbstmörder-Klub. Ich will nur, daß dem sein Recht wird. Ein Selbstmord wird in Familien verheimlicht, man sagt es nicht, davon spricht man nicht.
FRAGE: Verstehe ich Sie richtig? Sie wenden sich also, wenn Sie gegen Lebenslogik und Arterhaltung zu Felde ziehen, nicht gegen den Wunsch und womöglich die Lust zu leben, sondern gegen den Wunsch zu überleben unter egal welchen gesellschaftlichen Verhältnissen, gegen den nackten Lebenswunsch ohne jede Vorbedingungen?
AMÉRY: Ganz richtig: gegen den Lebenswunsch ohne jede Vorbedingungen. Und vor allem gegen die Anmaßung der Gesellschaft, gegen die Anmaßung der Gesellschaft dem gegenüber, der aus ihr ausbricht. Da ist der Suizid ein Skandal, Deserteur, Fahnenflüchtiger, die geheiligte Gesellschaft, die geheiligte Familie!
FRAGE: Diese betretene Aufregung oder das schamvolle Schweigen angesichts eines Selbstmords erinnert mich an eine ganz triviale Beobachtung: Wenn einer sich das Rauchen abgewöhnt hat und der kommt jetzt unter seine alten Bekannten, die alle genau wissen, daß das Rauchen schädlich ist und daß sie sich an Herz und Kreislauf versündigen, da. gibt es dann immer die Versuche, den an die eigenen Raucher-Ängste erinnernden Ex-Raucher wieder zum Rauchen zu überreden. Entweder spottet man, du fängst sowieso in zwei Tagen wieder an, oder es heißt kumpelhaft, na komm, nun rauch schon eine. Das ist für mich der umgekehrte Fall der Furcht vor dem Selbstmörder.
Und ich frage mich, ob die moralische Ablehnung des Selbstmords nicht bereits eine heimliche eigene Neigung dazu beinhaltet. Sie schreiben an einer Stelle, der Suizidär blicke auf die Welt als auf eine Welt, die abgelebt und zukunftslos ist. Und da hab' ich mir sofort an den Rand geschrieben: Gucken so nicht Millionen auf die Welt? Alle, die keine Aufstiegs- oder Entfaltungschance haben? Die wissen, ich verdiene und tue heute dies bis an mein Ende.
Und die Zukunftslosigkeit, die einen alltäglich umgibt, die kommt ja, abgesehen von unserem zu Tode erstarrten gesellschaftlichen Leben, auch so zustande, daß ich weiß, so wie jetzt geht das 50 Jahre weiter. Ist das nicht die Situation von Millionen?
Und Sie schreiben dann auch ein paar Seiten weiter von den "Grauzonen", in denen sich verschämte Suizidäre tummeln, eingeschüchtert von der Lebenslogik und der lebenserhaltenden Gesellschaft. Das würde ich gern ge-
* Anschlag auf einem Hochhaus in München.
nauer wissen. Wer tummelt sieh nach Ihrer Einsicht in welcher Grauzone?
AMERY: Das ist einfach eine Lebenserfahrung. Ich habe x Menschen kennengelernt, die leben so ihren Alltag, und wenn man zu einem vertieften Gespräch mit ihnen kommt, dann sind es häufig zutiefst des Lebens überdrüssige Menschen.
Aber nachdem nun einmal über dem Selbstmord das allgemeine Verbot liegt, das christliche sowieso und auch das der Gesellschaft, wagt er nicht, so wie er nicht wagt, wenn er sich fragt, wieso geht's dem so gut und mir so schlecht, dem etwas zu stehlen und auf diese Weise die Ungerechtigkeit auszugleichen, so wie er auf diesen Gedanken nicht kommt, sowenig wagen diese Leute an den Selbstmord auch nur zu denken, weil sie in der Tat eingeschüchtert sind von der Lebenslogik.
Um sie herum heißt es doch immer nur: durchhalten, man wird es schon schaffen, es wird schon werden. Die ganze positive Lebensphraseologie. Man spricht ja auch vom positiv eingestellten Menschen,
FRAGE: Wenn Sie von "arterhaltender Zivilisationsmeute" oder von "lebenserhaltender Gesellschaft" reden, dann denke ich an ganz konkrete gesellschaftliche Erscheinungen, wie die mörderische Trimmbewegung oder die furchterregende Fitnessmentalität, alles Phänomene, die mir eben ganz unmittelbar wie Vorstufen zum Selbstmord vorkommen, wie allerletzte Rettungsversuche.
AMÉRY: Ich denke natürlich auch, in dieser Gesellschaft lebend, an diese Gesellschaft. Ich würde aber ganz gewiß nicht sagen, daß man in bestehenden sozialistischen Gesellschaften nicht von einer arterhaltenden Zivilisationsmeute sprechen könnte oder daß dort die Situation des Suizidanten eine völlig andere wäre als hier.
Ich glaube eben auch, daß der Freitod als Akt der Befreiung unabhängig ist von Gesellschaftsformen. Ich kann mir überhaupt keine Gesellschaftsform denken, die nicht Zwang im Sinne der Lebenslogik bedeuten würde. Was will denn der Suizidär? Er will nun einmal gar keine Ziele mehr haben, außer dem einen, dieser Bekräftigung des Freiheitsaktes.
FRAGE: Will er keine Ziele mehr haben, oder hat er keine Ziele mehr?
AMÉRY: Nein, er will auch keine mehr haben. Also der Suizidär, den ich im Auge habe, der will gar keine mehr haben. Er hat sie womöglich noch.
Ich kann nicht sagen, Joseph Roth hätte keine Ziele mehr gehabt. Der hat sich ganz bewußt zu Tode getrunken. Oder Klaus Mann. Es wäre für ihn unendlich viel noch zu tun gewesen. Er wollte nicht mehr. Es war genug.
Und ich glaube nicht, daß die jeweils in Frage kommenden Erklärungen der psychologischen Motivation ausreichen. Diese Motivationen sind da, ja. Darunter aber sind, was ich eben die Grundbefindlichkeiten nenne.
Was für mich der Kernpunkt ist. Wir gehen in einem Leben, das uns zum Tode verurteilt, dem Scheitern entgegen, und das Bewußtsein dieses notwendigen letzten Scheiterns kann einen Menschen aufstehen machen gegen das Gesamtgeschick, gegen die Gesamtschöpfung, um zu sagen: Nein, nicht das Geschick, sondern ich mache es, und ich will kein Ziel, ich will die Ziele alle nicht, die Ihr mir da propagiert.

DER SPIEGEL 44/1978
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