27.11.1978

„Was für ein trostloses Leben“

Das Gefühl, nicht ein Arbeitszimmer, sondern eine Bühne betreten zu haben, stellt sich ein, noch bevor der Hauptakteur seinen Auftritt beginnt. Schwer zu orten, woher es stammt. Die Szene ist von vertrauter Unaufdringlichkeit: heligraue Möbel, blau und orange bezogene Polster, ein Stich an der Wand, Akten auf dem Tisch -- ein Chefzimmer wie bei der Ärztekammer, einem Wirtschaftsanwalt, einer deutschen Stiftung für irgendwas.
Vielleicht sind die Vorzimmermenschen einen Tick zu servil, zu angespannt beflissen. Man ahnt die Hände, die einem den Weg "zum Präsidenten" weisen, immer zugleich an der Hosennaht.
Vielleicht liegen die Aktenordner ein bißchen zu zufällig herum, werden zu demonstrativ gesucht und glücklich gefunden, um Gesagtes zu untermauern -mit Fakten, die ebenso zufällig schon längst in der Zeitung standen.
Die Inszenierung wird offenkundig, sobald der Chef hinter dem Schreibtisch hervorkommt. Die freundliche Begrüßung ist echt und doch Kino.
Gespielt wird das Stück: Das Leben ist ein Jammertal. In der Rolle des von aller Welt verfolgten Opfers brilliert Horst Herold, 55, Deutschlands oberster Polizist, Chef des Bundeskriminalamtes (BKA).
Daß er in "ausgesprochen mieser Verfassung" sei, sagt er sofort, für den Fall, daß man die Sprache der herabgezogenen Mundwinkel nicht zu deuten weiß. Verfolger, Kritiker, Dummköpfe, Verleumder sieht er überall um sich herum. In den Ländern findet er kein Vertrauen; in der Opposition hat er nur Feinde, in der Regierungskoalition kaum Freunde.
Und obendrein sind da natürlich die Terroristen, die ihm nach dem Leben trachten: "Ich sitze hier, wie in einem Hohlspiegel eingefangen, in einem Kreis von Gegnerschaften."
Horst Herold kann es ja verstehen, die Terroristengefahr ist ärger denn je. Und was hat er vorzuzeigen? "Fahndungsdefizite", "Ergreifungsdefizite". Die Panne von Erftstadt lastet auf ihm, die Blamage von Michelstadt. Mit genüßlicher Melodramatik zählt Herold auf, was gegen ihn gesprochen wird.
Was für ihn hätte sprechen können, wurde ihm verdorben, als Belgrad die vier in Jugoslawien festgenommenen deutschen Terroristen freiließ. Von Herolds Triumph, der Zielfahndung, ist keine Rede mehr; dafür hängt ihm an, was als Begründung für die verweigerte Auslieferung vorgeschoben wurde: nicht ausreichendes Beweismaterial.
Und da sitzt er nun, "in meinem Stammheim", wie er sagt -- quasi eingesperrt in der stacheldrahtbewehrten Betonburg am Wiesbadener Neroberg, auf Schritt und Tritt selbst im eigenen Amt begleitet von einem Wächter mit Funkgerät und Pistole, sobald er seinen Schreibtisch verläßt. Eine resignierte Armbewebung: "Was für ein trostloses Leben. Welch ein Verzicht auf menschliches Glück."
Herold schläft auch im Amt. Ein paar Räume im Neubau, dicht am Lagezentrum, sind sein Privatrefugium, in das er keinen hereinläßt. "Da verkrieche ich mich", mal vier Stunden in der Nacht, mal sechs.
Gewiß, er könnte ja jederzeit sein Amt zur Verfügung stellen. Daran habe er "auch immer gedacht in den letzten Wochen". Das wäre doch ein "Akt der Fürsorge", ihm "ein anderes Kommando zu geben". Er sei ja schließlich "auch gesundheitlich kein Riese".
Und so weiter und so fort. Immer wieder, immer aufdringlicher. Gleich wird er sich die Haare raufen, auf der Tischplatte zusammenbrechen. Freunde haben es erlebt. Sind da nicht Tränen? Eine Hand ringt er schon, oh Gott.
Bis es ihm selbst zu viel wird. Ein schneller abschätzender Blick: "Glauben Sie ja nicht, daß ich ein Seelchen bin." Da ist er plötzlich ganz cool.
Dann kommt die andere Platte -- die Heldenoper. Muhammad Ah Herold, der weiße Ritter im Kampf gegen Verbrechen, Unfähigkeit und Dummheit.
Auch das ist ja nicht ohne Wahrheit. Das Bundeskriminalamt mit seinen fünf elektronischen Rechnern ist Herolds Werk. Da hat sich seine Arbeit "in Beton vergegenständlicht". Und "was für ein lächerlicher und verkommener Haufen" dieses BKA doch war, als er es übernahm.
"Daß dieses System in der Welt jetzt einzigartig ist", braucht ihm niemand zu sagen. Er sagt es selbst. Aber er hört es gern, wenn der Bundeskanzler ihn dafür lobt, daß er das BKA "zu einer der modernsten Behörden zur Verbrechensbekämpfung in der Welt ausgebaut hat".
Daß Wissen Macht ist, wer hätte es so gut begriffen wie Horst Herold, der Informationen hortet wie ein Alkoholiker Schnaps, der sich dazu versteigt, mit diesem Wissen, mit seiner Informationsflut Grundstrukturen menschlichen Zusammenlebens ablösen zu können. Gehorsam, Führung, Kompetenz, Entscheidungskraft -- das alles will er zu "Befolgungsreflexen" einer lückenlosen Informationslage machen. "Der Kampf gegen die Terroristen ist mühsame Kleinarbeit."
Der Gigantomane Herold als Weltenretter. Das beschwört in der Tat beklemmend das Bild eines Doktor Mabuse herauf, der zwischen den Computern und Karteien seines Kriminalamtskellers den Weg zur Allmacht sucht, wie es Regierungssprecher Klaus Bölling manchmal als ein öffentliches Zerrbild von der Dämonie des BKA in der Bevölkerung befürchtet.
Nur, das ist zum großen Teil pompöses Theater, inszeniert von einem Mann, der die Welt gern in Kolossalgemälden oder Karikaturen sieht und darstellt. Nicht nur das macht Horst Herold zum ungewöhnlichsten Mann an der Spitze einer deutschen Behörde. Seine Stärken und seine Schwächen haben viel zum Mythos des Bundeskriminalamtes beigetragen. Denn im Ernst sind Person und Amt bei diesem Mann nicht zu trennen.
Natürlich nimmt Horst Herold alle Übertreibungen zurück, sobald er seinen Überrumpelungscoup gelungen glaubt: Den Jammer -- "das muß doch alles hinter meiner Beamtenpflicht zurücktreten". Die Rücktrittsabsichten -- "ich kann doch nicht fahnenflüchtig werden". Die Machtspintisierereien mittels Computer -- "das sind doch nur Maschinen, und ich laufe mit der Ölkanne herum, um sie zu warten".
Bei Horst Herold, so scheint es, ist immer auch das Gegenteil von dem wahr, was er sagt. Htl oder hott, das gibt es nicht bei diesem Mann, den seine Freunde ebenso beredt als "Lipizzaner" wie als "Ackergaul" beschreiben. Stets gilt alles sowohl als auch.
Da ist der große Stratege, der den Terrorismus als "vorrevolutionäres Indiz", als "Präludium" für ein weltweites Beben ansieht -- und den zu zerschlagen ihm natürlich eine "historische Aufgabe" ist. Doch noch bevor die Protzgebärde vom Weltenretter Herold ihre volle Wirkung erreicht, bringt der Polizist Herold geschwind die Retusche an: "Der Kampf gegen die Terroristen ist mühsame, sorgfältige Kleinarbeit."
Herold jammert, weil ihm zum Jammern ist, aber er jammert lustvoll und mit Gewinn. Er renommiert, weil er stolz ist auf seine Erfolge. Aber sie sind für ihn zugleich Bürden. Denn "jeder Erfolg ist bei mir mit Druck verbunden", steigert sein eigenes Erwartungs- und Anspruchsniveau, macht dem "manischen Verbesserer" (Herold) die Wegstrecke deutlich, die bis zur Perfektion noch zurückzulegen ist. Und "Perfektion" ist sein magisches Wort, er will selbst noch die "Perfektionsgüte perfektionieren
"Am liebsten würde er alles auf Millimeterpapier festhalten", hat ein Politiker im großen Krisenstab beobachtet. Alles, das heißt bei Herold aber eben auch wirklich alles -- jeder Ablauf, jeder Zusammenhang, jede Person von der Wiege bis zur Bahre, von der chemischen Zusammensetzung ihrer Scbweißtropfen bis zur Wortwahl beim Nachtgebet.
Wenn es Dialektik nicht gäbe, Herold hätte sie erfunden. Immer ist bei ihm alles gleichzeitig da, in rasanter Geläufigkeit: pingeligstes Detail und grenzenlose Ganzheit; Konstruktives und Destruktives; Optimismus und Pessimismus; Verstand und was sonst vom Menschen bleibt.
Die Spanne, die sein vagabundierender Geist permanent durchrast, ist an der Sprache ablesbar. Bei der Beschreibung sachlicher Details gelingen ihm präzise und nuancierte Formulierungen. Weil er aber den Stellenwert jeder einzelnen Information immer hochrechnet zu "ganzheitlicher Betrachtung" -- und zwar sofort, in "Echtzeit" -, versagt ihm die Sprache den Dienst. Wenn Herold Gefühle zeigt, wirken sie gekünstelt.
Dann überschlägt er sich, übertreibt maßlos, überdeckt Ohnmacht durch ein "oszillierendes Pathos" (CSU-MdB Oscar Schneider). Das wird eine Rede wie Donnerhall -- von Informations-"Strömen" und -"Fluten", -"Lawinen" und -"Spiralen".
Wer so lebt und denkt, der braucht den Computer geradezu, um nicht auseinanderzufallen. Was Wunder, daß manche meinen, Horst Herold sei selbst ein Computer. Aber der Widerspruch seiner Freunde kommt vehement: Dieser gesellige, charmante, witzige Mensch habe mit einem Automaten nichts zu tun.
Der Einwand ist ebenso berechtigt wie kennzeichnend. Denn keiner seiner Freunde und Mitarbeiter würde sagen, Herold biete den Eindruck einer geschlossenen, in sich ruhenden Persönlichkeit. Gelassenheit, Ausgeglichenheit, Selbstgenügsamkeit sind Begriffe, die sich in seiner Charakterisierung nicht einstellen. Horst Herold ist im schillernden Sinn dieses Wortes immer außer sich.
Wie ein offenes Regelsystem beginnt Herold erst zu funktionieren im Kontakt mit dem jeweiligen Gegenüber, entspricht dessen Erwartungen. Er hat eine geradezu legendäre Sensibilität entwickelt, sich auf seinen Partner einzustellen. "Mindestens fünf Antennen" sagen ihm Mitarbeiter im Bonner Innenministerium nach, mindestens. Aber Schaltstelle in allen Kontaktkreisen bleibt immer Herolds Verstand.
So entsteht nicht Nähe, es verschwinden Grenzen. Abhängigkeiten entwickeln sich, und höchst manipulativ geht es zu. Wer dem Sog nicht gewachsen ist, nimmt Schaden. Dafür gibt es Beispiele., in Herolds privatem Leben wie im Beruf.
Innenminister Werner Maihofer zum Beispiel scheiterte nicht zuletzt, weil er den Abstand zu seinem BKA-Chef verlor, voll heroldisiert wurde. Bei Herold selbst haben Beamte des Innenministeriums "regelrechte Entwöhnungserscheinungen" entdeckt, als Maihofer ausgeschieden war.
Aus derart eindringlichem und neugierigem Austausch speist Herold sein Bedürfnis nach Gefühlen und Geselligkeit, nach mitmenschlicher Wärme und Trost und vor allem nach Anerkennung. Gerät er selbst in die Gefahr, Emotionen freizulassen, bremst er sofort. Wenn er Gefühle zeigt, wirken sie gekünstelt. Sobald es ihm an die "verwundbare Seele" geht, übertreibt er bis zur Karikatur. "Ich exhibitioniere mich", sagt er dann.
Um auf dem Strom einander widersprechender Darbietungsformen so etwas wie Identität sichtbar zu machen, springt er auf Rollen wie auf Flöße: "ich als Polizist", "ich als Marxist", "ich als Franke", "ich als Berufsbeamter".
Aber das verläuft schnell wieder -- von seinem Marxismus bleibt der dialektische Materialismus als Denk-Methode über, nebst einigen gut sozialdemokratischen Reformzielen. Sein Frankentum entpuppt sich als Fleiß und Genauigkeit und Sauberkeit. Sein Beamtenselbstverständnis endlich dient vor allem der Tarnung der Person: "Ich habe in der Öffentlichkeit keine Rolle zu spielen."
Man sieht nur: Horst Herold geht nicht gut mit sich um. Er arbeitet zuviel, und er schläft zuwenig. Er überfordert sich permanent. "Ja, ich setze mich unter Druck."
Fast mit Freude berichtet Herold darüber, wie er sich physisch drangsaliert. Im Krieg hat ihn ein Lungenschuß getroffen. "Jeder Arzt würde mich damit polizeidienstunfähig schreiben", sagt er. Er lacht dabei, es ist nicht einfach ein Lungenschuß, es ist ein "prachtvoller Lungenschuß".
Das verächtliche Mißtrauen über die eigene Unzulänglichkeit überträgt er auf alle. Eine unübersehbare Menschenverachtung versucht er mit seinen Erfahrungen als Polizist zu erklären; mit den "zweihundert Leichen, vor denen ich gestanden habe". "Daher", so sagt er, "rührt mein Skeptizismus, weil ich ein Leben lang die Menschen ohne Maske gesehen habe."
Das klingt lahm. Er weiß, daß er über die Folgen redet, nicht über die Ursache. Die ist: Der Mensch ist unvollkommen, eine "Schwachstelle" wie er selbst. Herold flüchtet aus dieser ihn offenbar peinigenden Erkenntnis in Arbeit. Er verliert sich in ihr, verausgabt sich. Die Amerikaner würden Herold einen "workaholic" nennen -- einen, der sich in Arbeit berauscht und sich in diesem Rausch verwirklicht.
Da brechen Gefühle, die er im Umgang mit Menschen unterdrückt, hervor. Daß "seine Augen glitzern", daß er "verliebt ist in seine Computer", daß er "intim ist mit jedem Detail", berichten alle, die mit ihm arbeiten. Er verliert, sagt ein Mitarbeiter, jeden Abstand -- "wie ein zehnjähriges Kind, das mit seinem Spielzeugauto nicht Autofahren spielt, sondern wirklich Auto fährt". Herold, der sein BKA vor-
* Oben: Wohnhaus, in dem Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer gefangengehalten wurde; unten: Terroristen Adelheid Schulz. willy Peter Stoll und Christian Klar vor dem Start zu einem Erkundungsflug am 6. August 1978.
führt, das ist ein kindlicher Herrgott.
Kein Wunder, daß jeder Zweifel am Amt ihn persönlich trifft, daß er jede Kritik an seiner Person als Angriff auf das Amt betrachtet. Das BKA, heißt es im Bonner Innenministerium, sei Herolds "anderes Ego". Und wenn etwas in seiner Arbeit nicht klappt, dann schlägt das psychosomatisch auf seine Organe durch. Mißerfolge gehen ihm an die Nieren oder legen sich auf den Magen.
Trotz dieses Mangels an Distanz verflachte er bis heute nie zum Fachidioten. Seine rastlose Vervollkommnungssucht trieb ihn immer zur Erweiterung seiner Arbeitsbereiche -- mit Philosophie und Sozialgeschichte, Technologie und Theologie beschäftigte er sich. Er hat nach eigener Einschätzung "die größte Sammlung marxistischer Literatur -- Primärquellen natürlich -- in Westdeutschland", nicht nur gesammelt, auch gelesen.
Das alles bewahrte ihn vor einer Erstarrung des Denkens -- für Herold gleichbedeutend mit einer tödlichen Lähmung. Deswegen auch entfloh er der Juristerei, weil er es "unerträglich fand, als Jurist immer nur nach rückwärts zu blicken und historisch abgeschlossene Tatbestände zu beurteilen".
Der promovierte Völkerrechtler (Doktorarbeit: "Der fehlerhafte rechtsgeschäftliche Staatsakt im Völkerrecht") geriet dann über eine Nebenbeschäftigung als Dozent an die Polizei in Nürnberg, wurde 1967 dort Polizeichef. Damals schon begann seine Karriere als "Kommissar Computer".
Auch die Polizeiarbeit garantierte ihm zunächst die Breite, die er brauchte -- bis er sich mit der Terroristenbekämpfung mehr und mehr verengte. Als "bedrückend" empfinden es nun Herolds Freunde, wie er sich in dieser Aufgabe verzehrt; weder ihm noch der Sache dient der Distanzverlust.
Dabei sind ihm -- verständlich bei seinem Menschenbild -- die Terroristen als Personen verhältnismäßig gleichgültig: austauschbar, wie er ja richtig vorausgesagt hat. "Ich bekämpfe den Terrorismus, nicht Terroristen", sagt er. Er tut es systematisch und im kleinsten Detail, wie es seine Art ist.
Niemand weiß soviel über die einzelnen Terroristen wie Horst Herold, darüber sind sich alle Fachleute einig. Er kennt -- im wahrsten Sinne des Wortes -- "das Schwarze unter dem Fingernagel der Meinhof", die Konfektionsgröße von Stoll, hat vor Augen, "wie Adelheid Schulz über den großen Onkel latscht".
Er hat alle Terroristen "digitalisiert", in Einzelheiten zerlegt -- Haare, Stimme, Fingerabdrücke, Säurewerte des Speichels -- und in den Computer gefüttert. So liebt er die Menschen: berechenbar.
Den bisher in der öffentlichen Diskussion bevorzugten, eher subjektiven Erklärungsversuch des Terrors, die Konzentration auf psychische Eigenarten, auf Herkunft und Anlagen der Täter, hält der BKA-Chef für eine "sehschlitzartige Verengung". Stets ist es ihm auch um die Analyse der historischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen gegangen.
Dies freilich mit der verwirrenden Folge, daß in Herolds Denken und Reden so etwas wie ein bürgerkriegsartiger Zustand entstanden ist, bei dem er -- in seinem bombensicheren Lagezentrum im BKA -- die Armeen des Guten führt. in seiner Sprache wird es deutlich, wenn er vom "Gegner" und seiner "Armee" spricht, von ihrer "Logistik" und "Strategie", von der Front und von "Scharmützelphasen" und künftigem "Guerillakrieg".
Gegen den Vorwurf, er rede herbei, was er bekämpfe, wehrt sich der BKA-Chef mit dem Hinweis auf die blutigen Geschehnisse der letzten Jahre. "Habe ich da nicht eher untertriehen in meinen Prophezeiungen? Das sind doch keine Geistertäter."
In seinen jungen Jahren hat Herold als Leutnant im Stab der Heeresdivision "Brandenburg" Sabotage-Einsätze hinter den feindlichen Linien geplant. "Das kommt mir jetzt zustatten", sagt er.
Es ist ihm wohl auch im Wege. Zwar vermag er sich heute in seine Gegner hineinzudenken -- sicherlich mit erheblichen Nachteilen für die Terroristen, die in ihm und seinen Computern, wie er aus Zellenzirkularen weiß, einen Hauptfeind sehen. Aber ganz sicher bleibt dieses Verfahren auch nicht ohne schädliche Folgen für ihn.
Wer stark genug ist, dem Chef der deutschen Polizeimacht ein Festungsleben aufzuzwingen, der muß ein ebenbürtiger Feind sein. Folge: Herold perfektioniert den Gegner, stilisiert ihn zu einem Stück deutscher Wertarbeit: exzellente Leute, aber leider auf der falschen Seite. Er mißt sie und sich mit gleicher Elle -- verhalten sie sich dumm, wie in Michelstadt, rutschen sie aus seinem Raster.
Daß er durch die Erftstädter Panne um den ganz großen Schlag gebracht wurde -- die Befreiung Schleyers und die Festnahme des harten Terroristen-Kerns -, hat er nicht verwunden. Das sei für Herold, so glauben Mitarbeiter im Innenministerium, "so etwas gewesen wie Waterloo für Napoleon".
Seither kommt die Kritik knüppeldick. Daß er ein bloßer Theoretiker sei, praxisfern arbeite, wurmt ihn am wenigsten. Ein Polizeioffizier, der heute noch an der Spitze seiner Mannen Kriminellenhochburgen stürmt, muß ihm ein Anachronismus sein -- Herold steht an der Spitze seiner Informationen. Der notorische Besserwisser aus Franken baut unermüdlich weiter am System der institutionalisierten Besserwisserei -- dem BKA. Daß er damit die Terroristen am Ende erwischt, ist ihm schiere "Selbstverständlichkeit".
Ernster schon nimmt er die Warnungen seiner Freunde vor dem "Dimensionsverlust" durch die Isolierung im Amt. "Das ist gefährlich", räumt er ein, "das kann sachlich durchschlagen."
Was er dagegen tut, ist so überzeugend nicht. Er liest "die Feuilletons sämtlicher deutscher Zeitungen". Er telephoniert mit seinen Freunden, weint sich bei ihnen aus. Er genießt es, wenn etwa Willy Zirngibl, Chef des Bonner Büros der "WAZ", traurig sagt: "Horst, du bist ein armes Schwein."
Aber wenn ihm der Minister Baum Briefmarken und weibliche Betreuung als Ablenkung anpreist, winkt er resignierend ab: "Ich kann doch nichts machen." Soll er vielleicht "mit sechs Mann Bewachung zu einem fröhlichen Zechgelage gehen oder ins Theater"? Nur ein höhnisches Achselzucken hat er für die Aufforderung seines ärgsten Verfolgers, des früheren rheinland-pfälzischen Innenministers Heinz Schwarz, Herold müsse "mal wieder die Vögel zwitschern hören und die Sonne aufgehen sehen".
Das einzige, was Herold wirklich mit Sorge sieht, ist der Abstand, den Gerhart Baum zu ihm hält -- "der gestrenge Herr", der "natürlich auf sein linksliberales Image achten muß".
Herolds Furcht, daß er nicht so hoch in der Gunst seines neuen Ministers stehe wie bei dessen Vorgängern Genscher und Maihofer, ist unbegründet. Baum ängstigt nur, wie Herold sich selbst verschleißt und wie er in seinem technologischen Verbesserungsdrang politische Einschätzung vermissen läßt. Hotelmeldepflicht und diebstahlsicheres Kfz-Kennzeichen, Grenzkontrollen und Umgang mit elektronisch gespeicherten Daten -- Herold sieht alles nur noch unter dem Gesichtswinkel polizeitechnischer Machbarkeit.
Ob er manchmal daran denke, daß es bis 1984 nicht mehr weit ist? Solche Ängste vor dem totalen Staat hält er für typisches Intellektuellengeschwätz, Literatenphantasien: "Es geschieht doch alles nur zum Schutz der Gesellschaft, für ein Höchstmaß an Gerechtigkeit."
Wie immer fühlt sich Herold in seiner persönlichen Integrität getroffen, wenn nur der Apparat gemeint ist. Aber daß er ein untadeliger Demokrat ist, "ein durch und durch rechtsstaatlicher, republikanischer Jurist" (Regierungssprecher Klaus Bölling), bezweifelt niemand, der ihn kennt. Eine Forderung nach dem gezielten Todesschuß oder nach Sicherungsverwahrung hat von ihm niemand gehört.
Wohl aber sind Zweifel angebracht, daß es des "totalen Triumphes der sittlichen Person" bedürfe und zugleich "einer grundsätzlich auf Einsamkeit angelegten Person", um -- wie Herold meint -- das Bundeskriminalamt zu leiten. Das könnte man sich auch eine Nummer kleiner vorstellen -- nicht nur im Interesse Horst Herolds.

DER SPIEGEL 48/1978
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/1978
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Was für ein trostloses Leben“

  • Ex-US-Botschafterin über Trump: "Das passiert halt in sozialen Netzwerken"
  • Airline testet Ultralangstreckenflug: Stretchen nicht vergessen!
  • Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen
  • Emotionaler Hoeneß-Abschied: "Dieser Tanker muss geradeaus fahren"