27.11.1978

STAMMHEIMZunge gelöst

Die Bundesanwaltschaft baut sich „Kronzeugen“ für künftige Prozesse auf: Die Angeklagten Speitel und Dellwo belasten in Stammheim RAF-Verteidiger und die vier von Belgrad freigelassenen Terroristen.
Der Mieter der Wohnung in der Wiesenstraße in Köln war ein gewisser Hartmann -- das müßten dann Sie gewesen sein, Herr Speitel." "Ja, das dürfte dann wohl ich gewesen sein" -ungewohnte Dialoge zwischen Richter und Angeklagtem in einem Stammheimer Prozeß, Small-Talk über Terrorszene und Illegalität.
Seit Freitag vorletzter Woche sagen Volker Speitel und Hans-Joachim Dellwo in der Stuttgarter Gerichtsfestung aus. Sie reden unaufgefordert, von Stichworten des Vorsitzenden Richters nur manchmal milde angestoßen. Wenn man sich erst einmal "von der RAF losgesagt" habe, meint Speitel, "würde Schweigen nur noch der RAF nutzen und mir selber schaden".
Nun redet er, und es wird ihm selber nutzen. Nach sechswöchigem Untertauchen in die Illegalität ("Das war deprimierend, die ganze Struktur war eine Wohnung in Frankfurt") war Speitel Ende 1975 wieder nach Stuttgart zurückgekehrt, um dort in der "Bürofraktion" zu arbeiten und die RAF-Häftlinge von der Anwaltskanzlei Croissant aus "zu unterstützen
Schon bald aber wurde Speitel -- ebenso wie der Mitangeklagte Hans-Joachim Dellwo -- von Andreas Baader und den anderen RAF-Genossen der ersten Stunde aus dem Gefängnis heraus als Kurier aktiviert. Gemeinsam mit den heute zur Fahndung ausgeschriebenen Elisabeth von Dyck und Ralf Baptist Friedrich hielten Speitel und Dellwo "den Kontakt zwischen Legalen und Illegalen", aber auch zwischen den einsitzenden Häftlingen und ihren Komplizen im Untergrund.
Bemerkenswert bereitwillig schildert Volker Speitel, "wie das lief": Die Stuttgarter Anwälte Arndt Müller und Armin Newerla brachten von ihren regelmäßigen Stammheim-Besuchen "kleingefaltete Päckchen" mit -- "dünnes Papier, das kreuz und quer mit Tesafilm verklebt war". Kehrte einer der beiden Verteidiger vom Knastbesuch ins Croissant-Büro zurück, war die erste Frage: "Hast was mitgebracht?"
Meistens hatten sie etwas in der Tasche, und die Kuriere machten sich damit auf den Weg. Volker Speitel: "Man schüttelte eventuelle Verfolger ab, fuhr mit dem Auto in den Wald, jumpte heraus und lief lange herum, ehe man ein öffentliches Verkehrsmittel nahm." Nie habe ein Kurier nachgesehen, was sein Päckchen enthielt. Denn "die waren kodiert, sozusagen versiegelt", beispielsweise dadurch, "daß Gudrun ein Haar mit reinklebte". Zwischenstation war immer "eine zuvor bestimmte Kneipe, in der man angerufen wurde". Schließlich kam es dann zum Treff.
"Mit wem?" will der Vorsitzende Richter Eberhard Foth jedesmal wissen, und stets fallen Speitel und Dellwo dieselben Namen ein: Sieglinde Hofmann, Brigitte Mohnhaupt, Rolf Clemens Wagner und Peter Boock jene vier mutmaßlichen Top-Terroristen also, deren Freilassung aus jugoslawischer Haft just am Tag von Speitels ersten öffentlichen Aussagen bekannt wurde.
Daß es nur Zufall sein könnte, wenn die beiden "Meistersinger" ("Süddeutsche Zeitung") vornehmlich das Jugoslawien-Quartett belasten, mochte in Stammheim spätestens dann niemand mehr glauben, als es Dellwos Rechtsanwalt Harald Pitz auf die Nachricht von der Freilassung jener vier entfuhr: "Da war eine ganze Menge umsonst."
Tatsächlich hatten Speitel und Dellwo in wochenlangen Gesprächen mit dem ermittelnden Bundesanwalt Joachim Lampe "immer wieder nachgelegt", wie ein Justizbeamter sagt, und die Häftlinge in Jugoslawien belastet.
"Die Mohnhaupt"' formuliert Speitel ganz im Tenor der Ermittler, sei "der Kopf gewesen" und "mit klaren Anweisungen aus dem Knast gekommen". Freilich sei sie schnell radikaler und auch brutaler geworden, als "Andreas und die anderen" das wollten.
Dellwo und Speitel hatten -- nachdem ihre Zunge erst einmal gelöst war -- der Bundesanwaltschaft immer wieder neues, höchstwillkommenes Material geliefert, von dem sich die Ermittler erhofft haben mochten, es werde die Waagschale in Belgrad schließlich doch noch zu ihren Gunsten senken. Speitel-Anwalt Peter Boßert: "Wenn man das richterliche Vernehmungsprotokoll von Dellwo in Sachen Ponto an die Jugoslawen gegeben hätte, hätten die vielleicht anders entscheiden müssen."
Nun müssen die beiden Kronzeugen auf der Anklagebank (Speitel: "Für die sind wir jetzt natürlich Verräter") die reaktivierten Terroristen mehr denn je fürchten. Anwalt Boßert: "Das Kügele für Speitel ist schon gegossen." Beiden Angeklagten kommt es vor allem darauf an, daß die Bundesanwaltschaft ihnen Zugeständnisse macht, um die 80-Bert schon im Januar "gerungen" hat, wie er damals dem SPIEGEL bestätigte. Dellwo-Anwalt Harald Pitz letzte Woche: "Ob Zusagen gemacht worden sind, kann ich nicht sagen. Wenn Zusagen gemacht worden sind, sage ich nicht, welche."
Boßert und seinem Kollegen Pitz -- beides bürgerliche Anwälte ohne jeden Anflug linken Engagements -- war es gelungen, ihre Mandanten dahin zu bringen, daß sie, so Roßert, "uns auch als Wahlverteidiger akzeptierten". Er und sein Kollege verstanden sich "durchaus als Makler".
Was sie im einzelnen gemakelt haben, bleibt vorderhand im dunkeln. Daß ihr Geschäft nicht ganz erfolglos blieb, läßt sich dem Redefluß der Angeklagten entnehmen. Was die Anwälte erreichen wollten -- und womöglich auch erreicht haben -, ist die. Zusage, daß Speitel und Dellwo nach der Strafverbüßung eine neue Identität erhalten, also "saubere" Papiere auf andere Namen. Geld genug, um "möglichst bis Australien", so ein Freund, zu kommen, erwartet jedenfalls Dellwo von einer Illustrierten, der er seine Bekenntnisse schon zur Veröffentlichung vermacht hat.
"Die zahlen einen hohen Preis", weiß jenes Mädchen, das im Stammheimer Gerichtssaal peinlich genau jedes Wort von Dellwo und Speitel mitschreibt, um es für die Verteidiger in anderen RAF-Verfahren festzuhalten. Tatsächlich packen die beiden mehr aus, als das Gericht an Beweisen braucht, um sie der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zu überführen.
Die Bundesanwaltschaft wirft dem Angeklagten Speitel vor, sich Ende 1974/Anfang 1975 einer kriminellen Vereinigung angeschlossen, sich an der Erforschung von Möglichkeiten für eine Befreiungsaktion beteiligt und eine konspirative Wohnung angemietet zu haben.
Beiden Angeklagten gemeinsam wird angelastet, "ab Frühjahr 1977 die Kommunikation der in Stuttgart-Stammheim einsitzenden RAF-Mitglieder mit in Freiheit befindlichen Terroristen durch Kurierdienste gewährleistet und damit eine terroristische Vereinigung unterstützt zu haben". Beihilfe oder gar Mittäterschaft bei einer der blutig verlaufenen Terroraktionen -- Delikte mit hoher Strafandrohung -- wirft die Bundesanwaltschaft den beiden geständnisfreudigen Angeklagten nicht vor.
Speitel schildert vor Gericht, wie er während seiner Zeit als Illegaler im Herbst 1975 -- Rechtsanwalt Siegfried Haag habe ihn angeworben -- die deutsche Botschaft in Bern ausgespäht hatte. Dellwo hat ähnliche Erfahrungen hinter sich: einschlägige Recher-
* Aufgefunden im Oktober 1977 hinter der Fußleiste in einer Terroristen-Zelle.
chen im EG-Gebäude zu Luxemburg während einer Außenministertagung.
Speitel gibt unumwunden zu, Waffen besorgt und in den Untergrund geschafft zu haben; er macht kein Geheimnis daraus, auf welche Weise er Waffen, Sprengstoff "und jede Menge elektronisches Zeugs" organisiert und in den siebten Stock der Justizvollzugsanstalt Stammheim geschmuggelt hat. Aus der Zelle hätten Baader und seine Komplizen fast täglich Bestellungen aufgegeben. Speitel über Speitel: "Der Adressat war immer ich."
Die Transporteure, die Rechtsanwälte Müller und Newerla, waren dabei -- folgt man Speitels Angaben -- nicht mehr als nützliche Idioten. Müller "war ein ganz cooler Stoiker, auf den konnte man sich verlassen, Newerla war ein Schlamper, den konnte man nicht so gut einsetzen" (Speitel).
Die Hierarchie der RAF und ihrer Helfer war nach Speitels Aussagen klar: "Erst kamen die Gefangenen, dann die Illegalen, dann wir und dann erst die Anwälte." Er wäre "nie auf die Idee gekommen, denen zu sagen, was sie rein- und rausschleppten". Die hatten "zu funktionieren", die "konnte man scheuchen" -- nichts als die Wahrheit oder der Versuch, die Komplizen von einst zu entlasten?
Nachdem der Probelauf mit dem Unterteil eines Bügeleisens und mit Heizspiralen für einen Kocher erfolgreich gewesen war, hatte Speitel fast täglich ein Päckchen für Baader und die Seinen gepackt, mal mit Sprengstoff, mal mit einer Kamera, mal mit Waffen oder Munition.
Im Gerichtssaal identifizierte er die Pistolen, die er auf diesem Weg in den Knast lancierte und mit denen sich Baader und Raspe später umgebracht haben. Speitel demonstrierte, wie er am Rücken der Handakten ein Rechteck aus dem eingehefteten Papier herausgeschnitten, die Kanten mit Buchbinderleim verklebt, das Transportgut darin befestigt und dem jeweiligen Transporteur übergeben habe. Wenn hingegen "das Zeug in der Unterhose" untergebracht wurde, "machten das die Anwälte selbst". Speitel fragte allenfalls nur mal: "Sitzt auch alles richtig?"
Das Risiko war laut Speitel "gleich Null", denn "sobald ein Bulle die Handakten anfaßte oder einem an die Wäsche wollte, mußte der halt abbrechen und umkehren", und das sei ja schließlich auch einigemal vorgekommen.
Sosehr Speitel und Dellwo das Jugoslawien-Quartett und jene beiden Rechtsanwälte belasten, so auffällig sparen sie andere Namen aus. Der ihres ehemaligen Genossen Croissant beispielsweise wurde am ersten Verhandlungstag nur ein einziges Mal erwähnt und eher entlastend: "Er war rein anwaltlich tätig" (Speitel). Weder Richter noch Bundesanwalt hakten nach.
Die Themen im Speitel-Dellwo-Verfahren, so scheint es, sind benannt, die Rollen verteilt und auch das Ende schon vorprogrammiert: Der Prozeß soll binnen fünf Verhandlungstagen abgewickelt werden. Für den 14. Dezember ist schon das Urteil eingeplant.
Die Prognosen sind einhellig: Die Strafe wird milde ausfallen, und auf Revision wird schnell verzichtet werden. Damit verwandeln sich die Angeklagten in Zeugen für die nächsten Prozesse und müssen dann aussagen, ob sie noch wollen oder nicht. Denn sobald ihr eigenes Urteil rechtskräftig ist, verlieren sie das Zeugnisverweigerungsrecht.
Vor ihrer Ausreise ins Unbekannte werden die beiden "Meistersinger" von Stammheim noch so manchen Auftritt absolvieren müssen, bis ihnen die Gage ausgezahlt wird.

DER SPIEGEL 48/1978
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