27.11.1978

FERNSEHENSpontan posaunt

Die ARD verbannte sie auf Sonntagmorgen, nun wiederholen sie die Dritten Programme zur besten Sendezeit: Die Serie „Goldener Sonntag“, eine pfiffige Kreuzung aus Komik und Aufklärung.
Die Alten sind in Urlaub, nun steht die Bude kopf. Am Wochenende haben die drei Kinder in der elterlichen Wohnung eine Riesenparty gefeiert, Sohn Bengt mit seiner Freundin im ehelichen Schlafgemach gepennt. Da kehren, am Sonntagvormittag, die Eltern unerwartet aus den Ferien zurück und platzen in das heimische Chaos -- der Teufel ist los.
Oder: Es ist Ostern, und Vater wird 50. Zur Feier des Tages hat sich die Familie im Restaurant zum Mittagessen angemeldet. Doch bei der Vorbereitung zum feinen Mahl geht es drunter und drüber: Das Bad ist ständig besetzt, das Baby schreit, Vater bat die Oma am Bahnhof verpaßt, Tochter Nora will partout in vergammelten Jeans essen gehen -- heiliger Zirkus.
Oder: Tochter Magda möchte nach erfolgreich abgeschlossenem Studium Lehrerin werden. Empört berichtet sie daheim, wie sie sich, als Folge des Radikalenerlasses, bei der Behörde einer Anhörung unterziehen mußte. Schon sieht der Papa sein Kind als "Feind der Demokratie" verdächtigt -- eine Familie probiert den Aufstand.
Insgesamt 17mal, seit Mai 1976, war am Sonntagmorgen, zwischen Kinderstunde und Höfer-Runde eingeklemmt, Rabatz im ersten Kanal: Da lief in der Etagenwohnung einer namenlosen Familie der "Goldene Sonntag" ab, und statt Andacht machte sieh auf dem Bildschirm stets Aufruhr breit.
Da wurde gealbert, gefrotzelt, geredet, geheult, da flogen Tassen und Thesen durch die Zimmer, da schaffte der Südfunk Stuttgart, womit sich das deutsche Fernsehen sonst so schwer tut: Klamauk durch Aufklärung zu vertiefen,Hintersinn mit Possen aufzulockern. Die Serie "Goldener Sonntag" entpuppte sich -- frisch, frech, frei -- zur Rappelkiste für mündige Bürger.
"Tieftraurig und lustig zugleich", dabei "immer gegen den Strich gebürstet", empfand "Zeit"-Kritiker Momos/ Jens die "pointenreiche Belehrung" mit ihren "vielen Kabinettstücken". Der "Welt" hingegen schauderte vor dieser TV-Familie, die "zum tiefroten Idealkollektiv hochstilisiert" werde und ihren "ideologischen Unfug" am "rotgoldenen Sonntag" verbreiten dürfe.
Mehrfach hatten die Stuttgarter versucht, ihre sehenswerte Kurzweil vom zuschauerschwachen Sonntagmorgen (durchschnittliche Sehbeteiligung: unter zehn Prozent) auf einen günstigen Abendtermin zu verlegen.
Doch die Stundenplaner der ARD gingen am dafür geeigneten Montag. gleich nach der Tagesschau, lieber mit der "Kur" und ähnlich seichtem Kram baden, als vergnüglich und lehrreich über Gastarbeiter und Emanzen, Sex, Umwelt und Terrorismus palavern zu lassen. Serien-Betreuer Werner Schretzmeier: "Einige hatten einfach Angst, dieses Ding am Abend zu servieren."
Dennoch könnte die Geschichte vom zeitweise arbeitslosen Bauzeichner Hans Dieter (Hanns Dieter Hüsch). seiner wieder berufstätigen Frau Ingeburg (Ingeburg Kanstein) und den drei inzwischen erwachsenen Kindern, die am dritten Advent mit der 18. Folge endgültig auslaufen wird, erst nach ihrem Finale in der ARD so richtig populär werden: Im kommenden Jahr wollen nämlich wenigstens drei Dritte Programme (5 3. WDR III, Nordkette) dem flotten Quintett zum Comeback verhelfen und die gelungensten Folgen zur besten Sendezeit wiederholen.
Die pfiffige und natürliche Spiel- und Schwatzfreude der fünf Stuttgarter Temperamente, eines liberalen und sehenswerten Gegenstücks zu den krakeelenden Tetzlaffs, führt Regisseur Schretzmeier auf die "Geistesgegenwart eines fabelhaft eingespielten Teams" zurück und auf eine "höchst unkonventionelle Produktionsweise".
So wurde jede Folge in zehn Tagen en suite verfertigt: Zwei Tage bastelten die Macher am Buch, drei brauchten sie zur Probe, fünf für die Dreharbei* Mit Ingeburg Kanstein und Hanns Dieter Hüsch
ten. Gesamtkosten pro Folge: knapp 300 000 Mark.
Ihren Live-Charakter verdankte die Serie Schretzmeiers lockerer Hand. Die Schauspieler brauchten sich nie an das vorgegebene Drehbuch zu halten, "wenn beim Improvisieren Besseres herauskam"; sie konnten den Handlungsfaden auch ganz neu spinnen. Die letzten drei Folgen entstanden sogar "ohne eine einzige Dialogzeile": Die Handlung war festgelegt, die Wortwechsel wurden "spontan herausposaunt".
Die Erfahrungen mit "diesem tollen Experiment" möchte Schretzmeier auch nach dem Ausklang des "Goldenen Sonntag" weiterverwerten. Im kommenden Frühjahr will er eine neue TV-Familie gründen, die die "alltäglichen, aber doch höchst entlarvenden Probleme" eines kleinen Privattheaters erhellen und dabei "politisch weitaus tiefer gehen" sollen.
Die ersten vier Folgen will der Südfunk zwischen August und Oktober 1979 ausstrahlen. Wetten, daß die kleinmütigen Programmchefs der ARD auch diese Geschichte wieder auf den Sonntagmorgen verbannen?

DER SPIEGEL 48/1978
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