18.12.1978

FRANKREICHIm Teufelskreis

Die beiden mächtigsten Gewerkschaften des Landes sind zerstritten. Die kommunistische CGT wirft der sozialistischen CFDT vor, sie habe sich mit den Mächtigen im Staat eingelassen.
E-Werker sperren den Strom, die Müll-Fahrer lassen den Abfall in den Straßen modern. Die Postboten liefern die Briefe nicht, die Schalterbeamten der Eisenbahn verkaufen keine Tickets: Von sozialem Frieden kann auch im Frankreich der Jahreswende 1978/79 nicht die Rede sein.
Rund 1,8 Millionen Arbeitslose addierte die KP-Zeitung "l"Humanité" zusammen, 1,3 Millionen zählte die Regierung. Und während im stets beargwöhnten östlichen Nachbarland Bundesrepublik die Konjunktur sich belebt und sogar die Arbeitslosenzahlen langsam fallen, gehören westlich des Rheins Massen-Entlassungen und Konkurse beinahe zur Routine.
In dieser Stunde der Not, erkannte Georges Séguy, Mitglied des Polit-Büros der KP und Generalsekretär der mächtigsten, 2,3 Millionen Mitglieder starken Gewerkschaft Confédération générale du travail (CGT), hoffen die Arbeiter "natürlich auf jene beiden Gewerkschaften, die am repräsentativsten sind", auf die CGT eben und die sozialistische Confédération francaise démocratique du travail (CFDT), mit ihren
* Beim Besuch im Elysée-Palast.
1,2 Millionen Mitgliedern zweitstärkste Arbeiterorganisation des Landes.
Doch bei den Funktionären gilt diesmal der Glaubenssatz, daß Einheit stark mache, nicht viel. Ähnlich der KPF und der Parti socialiste, die nach den verlorenen Parlaments-Wahlen vom März so hart aneinandergerieten, daß gemeinsame Oppositions-Politik vorerst unmöglich scheint, betonen auch die Gewerkschaften lieber ihre Differenzen als ihre Gemeinsamkeiten.
Jetzt erklärte sich CFDT-Chef Edmond Maire zwar bereit, mit CGT-Vertretern zu konferieren. Zugleich aber betonte er die Distanz zu den Kollegen: "Zwischen uns existieren Differenzen und Kontroversen über die Analyse der Krise, die Mittel, sie zu bekämpfen, über vorrangige Forderungen und Aktionsmöglichkeiten."
Den Plan der CGT, den Kampf der Gewerkschaften gegen die Sparpolitik der Regierung in einem nationalen Koordinationskomitee zu organisieren, lehnte Sozialist Maire ab: "Was sollen gemeinsame Aktionen, wenn sie keine Lösung der vorrangigen Probleme der Arbeiter bringen?"
Der Gewerkschafts-Chef, der mit einem der Sozialisten-Führer, Michel Rocard, befreundet ist, "will die Uhren neu stellen" und, so Maire, "den Teufelskreis durchbrechen, in dem das globale Nein der Unternehmer und die Globalisierung der Forderungen der Gewerkschaften sich gegenseitig verstärken und rechtfertigen".
Von spektakulären Aktionen und globalen Verurteilungen, wie sie die Kommunisten und ihre CGT empfehlen, hält der CFDT-Chef nicht viel: Nach seiner Ansicht "reichen sie nicht aus, die Arbeiterbewegungen attraktiver und stärker zu machen".
Nur rund 25 Prozent der etwa 21 Millionen Beschäftigten sind in sechs -- oftmals gegeneinander kämpfenden -- Gewerkschaften organisiert. Ein Versuch der CGT, ihre Mitgliederzahl an die Drei-Millionen-Grenze zu bringen, scheiterte: die Mitgliedszahlen stagnieren.
Bei den Betriebsratswahlen in den letzten Monaten verlor die CGT überdies um fünf Prozent der Stimmen, die sie zuvor gewonnen hatte.
Nur rund 500 000 CGT-Gewerkschafter sind zugleich Mitglieder der KP. Und knapp jedes dritte CGT-Mitglied stimmt bei Wahlen nicht für die Kommunisten, sondern für die sozialistischen Kandidaten.
Die 97 Bezirksverbände der CGT werden allesamt von Kommunisten geführt. Von 93 Mitgliedern des Exekutivkomitees sind nur sieben Sozialisten, die Mehrheit hingegen sind Genossen des Generalsekretärs Séguy, der 1977 zu seinem 50. Geburtstag von der Sowjet-Union mit einem Orden ausgezeichnet werden sollte. Und von den 16 Vorstands-Mitgliedern sind acht Kommunisten, aber nur zwei Sozialisten.
Unverhohlen hatte Gewerkschaftsführer Georges Séguy bei den Parlamentswahlen die Wahl von KP-Kandidaten den "einzigen Weg" genannt, der sich "den Arbeitern eröffnet", und die Verwirklichung des von der KP geforderten massiven Verstaatlichungsprogramms der Schlüsselindustrien gefordert.
Diese enge Bindung der CGT-Führer mit der KP scheint den Sozialisten verdächtig, zumindest unzweckmäßig. "Die kommunistische Partei", kritisierte Sozialist Maire nach der für die Linken peinlichen Wahlschlappe, "hat die Hoffnung getötet -- mit Hilfe ihres Sprachrohrs, der CGT."
Nachdem Maire auf eigenen Wunsch vom Staatschef Giscard d"Estaing in Audienz empfangen worden war und nach einer Unterredung mit Regierungschef Raymond Barre gar von einem "nützlichen Gespräch" und einer Klima-Veränderung gesprochen hatte, wurde der Graben zwischen den Gewerkschaften tiefer.
Die CGT kritisierte die CFDT als Gewerkschaft der Reformisten, die sich leichtfertig von den Machthabern täuschen ließen. Am Ende sei die CFDT womöglich gar bereit, mit dem Klassenfeind zu kollaborieren. Séguy: "Wir stellen uns über die wirklichen Ziele ernsthafte Fragen."
Auch öffentlich eskalierten die Gewerkschafts-Führer ihre Kontroverse: Gegenseitig rügten sie die "absolut unzulässige Aggression" oder "grobe Unwahrheiten" des Gegners.
Erst als sich in beiden Organisationen innergewerkschaftliche Opposition gegen den Machtkampf Maire-Séguy rührte, wurden die Töne leiser. Séguy etwa versprach unlängst den Delegierten des CGT-Kongresses in Grenoble, "einen oder auch zehn Schritte" in Richtung der anderen Arbeiter-Bewegung zu machen, "unter der Bedingung, daß sich Einheit und Kampf weiter entwickeln".
Davon wird vorerst wohl nicht allzuviel zu sehen sein, ganz zur Zufriedenheit der Regierung. Der Präsident und seine Minister brauchten die Macht der Massenorganisationen vorerst nicht zu fürchten, meinte zum Beispiel der Londoner "Economist": "Sie sind laut aber schwach."

DER SPIEGEL 51/1978
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