23.10.1978

BUNDESWEHRStarker Mann

Eine sozialwissenschaftliche Studie beunruhigt das Verteidigungsministerium: Jedem zehnten Studenten der Bundeswehrhochschulen werden rechtsextremistische Ansichten zugeschrieben.
Hohe Bonner Verteidigungsbeamte sorgen sich um laschen Geist an den Bundeswehrhochschulen. Noch im Sommer forderte der stellvertretende Generalinspekteur Johannes Poeppel strafferes Studieren, mehr militärische Vorgesetzte und Uniformzwang für Studiosi ("militärisch sehr wünschenswert"); auch der Zaun um die Hochschulgebäude solle bleiben. Poeppels Alptraum: "ein einseitiger geistiger Einbruch in bestimmte Jahrgänge des Offiziersnachwuchses
Die Sorge scheint begründet, wenn auch Vize Poeppel über die Stoßrichtung irren mag. Denn der Einbruch droht derzeit eher von rechts. Eine Studie über politische Einstellungen bei Hamburger Bundeswehrstudenten scheint zu bestätigen, was durch einige neonazistische Zwischenfälle der letzten Jahre schon angedeutet war: An den Militärhochschulen gibt es einen harten Kern rechter Uhras*.
Die Autoren der Studie, ein Sozialwissenschaftler-Team, fanden heraus:
* Bundeswehrhochschüler neigen in "signifikant höherem Ausmaß" zu rechtsextremen Ansichten als vergleichbare Altersgenossen.
* Jeder zehnte von ihnen ist eindeutig als rechtsautoritär und antidemokratisch einzustufen.
* Nicht die "Verwirrungen einiger einzelner Querköpfe", sondern das "Bestehen einer Subkultur" sei zu konstatieren.
Von Februar bis März 1976 hatten die Forscher insgesamt 543 von seinerzeit insgesamt 1207 Militärstudenten
* Wolfgang Gessenharter/Helmut Fröchling/Burkhard Krupp: "Rechtsextremismus als normativ-praktisches Forschungsproblem Beltz Verlag (Weinheim und Basel).
in Klausur schriftlich befragt. Verteilt auf einen Fragebogen mit über 200 Positionen gab es 37 Fragen und Feststellungen von teils offener, teils versteckter politischer Brisanz. Darunter waren Obristensprüche wie "Es ist ein Hauptübel in unserem Volk, daß soviel kritisiert wird", aber auch scheinbar unverfängliche Gemeinplätze wie "Es beunruhigt mich, daß heutzutage alles so unsicher und wechselhaft ist. Man weiß nie, was man zu erwarten hat".
Je nach Anzahl seiner Zustimmungen erhielt der Kandidat ein Punktekonto von null bis 37, das die Autoren "Index Rechtsextremismus" (IRE) nannten. Nach der Auszählung wurden drei Index-Gruppen gebildet. Probanden im unteren Drittel (null bis zwölf Punkte) haben "keine bis schwache Ausprägung" des IRE-Werts" im folgenden Drittel (13-25 Punkte) "mittlere Ausprägung", im oberen Drittel (26-37) "starke bis sehr starke Ausprägung". 10,6 Prozent der Befragten landeten ganz oben.
Die Gegenüberstellung ergab folgende prozentuale Verteilung der drei Soldatengruppen auf die drei IRE-Abschnitte:
Zum Vergleich wurden zwei Kontrollgruppen aus 56 wehrpflichtigen Abiturienten und 73 Offizieren einer Memminger Luftwaffeneinheit gebildet. Problem bei den Abiturienten: Die IRE-Forscher mußten eine ältere Befragung, von 1972, auswerten.
Gegen einen zwischenzeitlich möglichen Einstellungswandel dieser Gruppe glauben die Wissenschaftler sich methodisch gewappnet. Sie unterstellen, wohl plausibel, daß solche neuen Tendenzen "zumindest nicht in die Richtung anwachsender rechtsautoritär-antidemokratischer Einstellungen" weisen würden. Sprich: Im Vergleich mit einer aktuell gebildeten Abiturientengruppe dürften die Hochschulextremisten womöglich noch weiter rechts abschneiden.
Die Autoren, zwei von ihnen Lehrer an der Bundeswehrhochschule" halten ihr Fazit "mit einiger Wahrscheinlichkeit" für repräsentativ. Ihr Ziel, betonen sie, sei nicht die Entlarvung einzelner als rechtsextrem oder die Analyse rechtsradikaler Verhaltensweisen bei der Bundeswehr; statt dessen solle die Studie den "Dialog" über Abhilfemaßnahmen eröffnen, beispielsweise die Öffnung der Anstalten auch für zivile Hochschüler.
Das Verteidigungsministerium allerdings bleibt fürs erste die Antwort schuldig. "Das Ding muß erst einmal auseinandergenommen werden", kündigt Amtssprecher Kurt Fischer an: Zwei wissenschaftliche Expertisen über die methodische Stichhaltigkeit des Hamburger Papiers sind in Auftrag gegeben worden.
Ein Gutachter hat auch schon geliefert, das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr. Es kreidet dem IRE-Werk "erhebliche Mängel" an. So arbeite die Studie mit einem fragwürdigen Begriff des Rechtsextremismus; es fehle an Repräsentativität; der Vergleich mit Abiturienten und Offizieren sei, methodisch und auch wegen der geringen Zahlenstärke beider Kontrollgruppen, zweifelhaft ausgefallen. Fazit des Gegengutachtens: "Die zentrale Aussage der Untersuchung ist empirisch nicht gesichert."
Forscherstreit war unausbleiblich, denn die in Hamburg zutage geförderten Einsichten in die Mentalität junger Offiziere sind alarmierend. Jene zehn Prozent künftiger Truppenführer, die nach Ansicht der Studien-Autoren durch Rechtslastigkeit "die Normen ihres Berufes eindeutig verletzten", enthüllten sich in der Tat auf fast schon furchterregende Weise als Spießbürger in Uniform -- rassistisch, dünkelhaft, unduldsam, für Vorurteile ebenso empfänglich wie für Heilslehren vom starken Mann.
Die Frage "Würde sich für Sie persönlich auf die Dauer viel ändern, wenn wir hier eine Diktatur hätten?" bejahte nicht einmal die Hälfte der Extremen. Um so beifälliger wurden im Fragebogen solche Einstellungsmuster angekreuzt, die auf rabiaten Rechtsdrall deuten. Auch alter Schmäh von Quasselbude, Parteiengezänk und Volksganzem scheint da plötzlich wieder hochzukommen; vorwiegend spiegelt sich Überdruß am demokratischen Zustand, streckenweise sogar NS-Reflex im Politik-Verständnis der Hochschul-Rechtsaußen.
90 Prozent von ihnen meinen: "Der Einfluß der Politik stört nicht selten den vernünftigen Ablauf der Dinge" (Zustimmung im Hochsehulschnitt: 35 Prozent). 84 Prozent meinen: "In der Politik geschieht doch selten das, was dem kleinen Manne nützt" (Schnitt: 26). Fast ebensoviel sind für den Satz: "Wer dauernd durch Demonstrationen zeigt, daß ihm etwas nicht paßt, sollte doch lieber gleich unseren Staat verlassen" (Schnitt: 35).
Und in einer verworrenen politischen Situation sollen, so ein von 56 Prozent der radikalen Leutnants goutierter Fragebogenvorschlag, "auch verantwortungsbewußte Demokraten nicht unbedingt davor zurückschrecken, für eine begrenzte Zeit alle staatliche Macht einer einzelnen, starken Persönlichkeit zu übertragen".
Dem antidemokratischen Gehabe der extremen Gruppe entsprechen Biertisch-Einsichten über die zivile Umwelt, etwa zum Thema Gastarbeiter. Nur ein knappes Drittel meint, den Ausländern sollten in Deutschland sämtliche Berufe offenstehen, knapp die Hälfte hätte es nicht "gern oder nicht so gern", wenn ein Gastarbeiter ihr Nachbar wäre, und nur 35 Prozent sind der Ansicht, daß Ausländer, gleiche Ausbildung vorausgesetzt, "genausogut wie Deutsche" arbeiten.
Nicht weniger als 37 Prozent der Extremen glauben allen Ernstes, deutsche Babys seien "intelligenter als Gastarbeiterkinder". In den meisten Fällen werden die radikalen Angebote des Fragebogens von der Extremgruppe mehr als doppelt so oft gutgeheißen wie vom Schnitt aller Bundeswehr-Hochschüler.
Alarmierendes fanden die Hamburger Militärforscher auch beim Vergleich mit der Luftwaffengruppe heraus. Unter den Fliegern nämlich fanden die Hamburger Bestätigung für die geläufige Ansicht, daß die politische Horizontverengung mit der Dienstzeit beim Kommiß zunimmt ("signifikante Beziehung zwischen der Höhe der IRE-Werte und der Zugehörigkeitsdauer zur Bundeswehr").
Aus diesem Raster fällt die schon früh gefestigte Borniertheit der Hamburger Extremgruppe bedenklich heraus. Und sollte die auf dem Fliegerhorst ausgemachte dienstaltersbedingte Entwicklung von reaktionären Einstellungen weithin gültig sein, dann wäre den radikalen Hamburgern der Weg in die rechte Sackgasse sicher und womöglich, wenn auch mit weniger Verve, noch vielen anderen der an Hamburgs Bundeswehrhochschule studierenden Jungoffiziere.
Denn neben dem hohen Extremistenanteil an der Bundeswehrhochschule hatten die Forscher auch bei deren Studenten insgesamt überdurchschnittliche Neigung zu extremen Ansichten festgestellt. Sie kamen zum Schluß, daß die Militär-Studenten "einen signifikant höheren Mittelwert auf IRE haben als die Gruppe der Wehrpflichtigen mit Abitur". Nach den Daten müsse bei den Rechtsextremen mit "mittel- oder längerfristig andauernden Einstellungsstrukturen" gerechnet werden.
Das Wehgeschrei von christdemokratischen Wehrexperten, die sogleich die Wissenschaftler-Befunde als "diletttantisch" stempelten (Peter Kurt Würzbach), klingt voreilig. Denn die Forscher sind bei der Extremistenlese überaus behutsam verfahren; nur rechtsextreme Weltbilder, die nach ihrer Ansicht wirklich normverletzendes Gewicht besitzen, sollten heraussortiert werden.
Wahrscheinlich auch hätten sich bei einer Feinmessung, die nicht ausschließlich auf den Extremismus vom äußersten Rand abstellt, bei einer weit größeren Gruppe bedenkliche Abstufungen der Rechtslastigkeit konstatieren lassen. Nur infolge des methodisch sehr eng gefaßten Extremismusabschnitts auf der Skala kam also am Ende über die Hälfte der Befragten mit dem nicht weiter aufgeschlüsselten Index "mittlere Ausprägung" davon.
"Per saldo", sagt Professor Wolfgang Gessenharter, Mitautor der Studie, "haben wir die rechten Einstellungen mit Sicherheit nicht zu klein angegeben."

DER SPIEGEL 43/1978
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