20.11.1978

Die Armee - Spielzeug und Helfer des Schah

Das Schicksal des Schah und seiner Dynastie hängt fast gänzlich von der Armee ab. Ihr hat der Herrscher Rüstungsgüter für Milliarden Dollar gekauft, die Offiziere sind privilegiert und sehen in der Armee ihre einzige Aufstiegschance. Ci. Machtergreifung religiöser Fanatiker wäre für die westlich gedrillten Militärs eine Katastrophe.
Schah Resa Pahlewi, die "Sonne der Arier", Oberbefehlshaber der größten Armee in Nah- und Mittelost und der finanzstärkste Rüstungskäufer im Westen, hatte große Pläne mit dem iranischen Kaiserreich.
"In fünf bis sechs Jahren", so verkündete der persische Autokrat bis vor kurzem noch großspurig, "wird der Iran zur fünftstärksten Militärmacht der Welt aufsteigen."
Seit jedoch Tausende von aufgebrachten Bürgern Woche für Woche "Mordebad Schah" -- Tod dem Schah -- fordern, sind seine Großmachtträume zerronnen, geht es für den von den USA gehätschelten Verbündeten am Persischen Golf nur noch ums politische Überleben.
Von dem hermetisch abgeriegelten Niawaran-Palast aus, beschützt von der schahtreuen Wachbrigade, versucht Schah Resa mit Hilfe seiner Generäle Herr der explosiven Lage im Lande zu werden.
Die Militärs zeigen ihre Stärke. Kampfhubschrauber kreisen über den Städten und verfolgen aufständische Demonstranten; an allen strategisch wichtigen Punkten sind Kampfpanzer aufgefahren, in den Straßen patrouillieren schwerbewaffnete Soldaten.
Denn was Schah Resa auch immer fehlen mag -- die Liebe seines Volkes, das Vertrauen der Opposition in seine Versprechungen, freie Wahlen abzuhalten, ein von der Mehrheit anerkannter Regierungschef -, eines besitzt er noch im Überfluß: Soldaten und Waffen.
Die Antwort auf die Frage, wie es denn mit dem Schah in Persien weitergeht, hängt deshalb ganz überwiegend vom Militär ah: Wie lange ihn die Generäle mit der Macht ihrer Gewehre vor dem Sturz bewahren.
Noch kann der Schah seinen 413 000 Soldaten Befehle erteilen, lassen seine Kommandeure zuweilen auf Demonstranten schießen, ist das Militär häufig genug einziger Schutz der Ausländer vor dem Fremdenhaß der Volksmenge.
Und daran dürfte sich vorerst kaum etwas ändern, auch wenn es Anzeichen dafür gibt, daß es in der Truppe gärt. Persische Oppositionelle berichten über die standrechtliche Erschießung von Soldaten, die sich geweigert haben sollen, auf Demonstranten zu schießen, und über fünfzig junge Polizisten, die sich in Isfahan mit Anti-Schah-Demonstranten solidarisiert haben.
Die Mehrheit der Soldaten steht wohl noch immer hinter dem Schah und seiner Militärregierung. Für die Militärs, vor allem aber für die höheren Offiziere, käme ein Wechsel in der politischen Führung einer Katastrophe gleich: Von den religiösen Führern, wie auch von der Nationalen Front, hätte die westlich orientierte Armee sicherlich nichts Gutes zu erwarten.
Der Schah hingegen ist für sie die Garantie, daß alles auch zukünftig so weiterläuft wie bisher und der großmachtsüchtige Herrscher sie mit allem versorgt, was gut und teuer ist.
Das Geld für seine immer neuen und noch kostspieligeren Kriegsspielzeuge lieferten dem Schah die ehedem ständig steigenden Öl-Einnahmen. Jeden vierten Petro-Dollar opferte er so für Waffenkäufe in den USA.
Die Aufrüstung seiner Armee hat den Schah schon immer mehr beschäftigt als alle Staatsgeschäfte zusammengenommen. Während etwa zivile Minister oft lange auf einen Termin bei ihrem Herrscher warten mußten, hatte die höchste Generalität bei Hofe ständig Zutritt.
Den Massen entrückt, pendelte Schah Resa per Hubschrauber zwischen seinen Palästen, Luftwaffenstützpunkten und Armeegarnisonen hin und her, inspizierte seine Truppen auf entlegenen Übungsplätzen und ließ sich am liebsten seine neuesten Waffen vorführen. Am Freitag demonstrierte er seine Macht mit einer bombastischen Truppenparade in Teheran.
Komplizierte Waffensysteme und komplette Militäranlagen ließ der technikbesessene Kaiser seine Emissäre im Westen gleich en gros einkaufen. Seinen Militärkadetten versprach er "von Atomwaffen abgesehen die besten Waffen, die wir auftreiben können".
Nach außen begründete der Schah diese gigantische Rüstung stets mit der Lage seines Landes: Es müsse den Ausgang des Golfes gegen jeden Feind offenhalten, damit die lebensnotwendigen Öltransporte ungehindert den Ozean erreichen könnten.
Über Jahre hin ließ der Herrscher Wüstenpisten zu Betonbahnen für seine aufwendige Luftwaffe ausbauen, er verdreifachte seine Flotte innerhalb von nur fünf Jahren und bestellte in den USA das superteure fliegende Frühwarnsystem "AWACS" noch früher als die Nato.
Persien wurde bei weitem stärkste Militärmacht im Orient und gleichzeitig bester Kunde der amerikanischen wie der britischen Rüstungsindustrie.
Für seine Öl-Milliarden bekam der Herrscher auf dem Pfauenthron zwar stets das neueste Rüstungsgut, aber seine Piloten und Schiffsbesatzungen waren oft unfähig, die komplexen Waffensysteme zu beherrschen.
"Hier müssen sie bei Null anfangen", gab ein Vertreter des US-Flugzeugkonzerns Grumman im Iran zu. "Man kann sich vorstellen, wie lange die dafür noch brauchen werden."
Einstweilen müssen 30 000 amerikanische Techniker, Instrukteure und Waffenspezialisten die Einsatzfähigkeit der Streitmacht gewährleisten.
Fallen einzelne Elektronikteile oder gar ganze Waffensysteme aus, muß häufig direkt die amerikanische Hersteller-Firma einspringen -- Wartung und Logistik der persischen Armee sind selbst nach jahrelanger amerikanischer Ausbildung ohne direkte amerikanische Unterstützung mangelhaft.
Aber die amerikanischen Berater trainierten nicht nur die Armee des Schah. Seit der Waffenstrom ins Land floß, rissen die Korruptionsaffären nicht ab. Untersuchungen des Pentagon genauso wie die der Regierungen beider Staaten mußten sich immer wieder mit Schmiergeldern und Provisionen, Preismanipulation und Bestechung in Höhe vieler Millionen Dollar befassen. Allein bei der US-Flugzeugfirma Grumman, Lieferant der F-14 an den Iran, ging es um 24 Millionen Dollar.
Zwar feuerte der Schah nach einem besonders gravierenden Bestechungsskandal die gesamte Führungsspitze der Marine und ließ auch schon den einen oder anderen Offizier ins Gefängnis werfen -- mehr als eine kosmetische Korrektur einer ansonsten munter weiterlaufenden Korruptionspraxis wurde dennoch nicht vorgenommen.
Ganz gewiß hat die immense Aufrüstung der Streitkräfte und die Bevorzugung der Offiziere vor allen anderen Bevölkerungsgruppen mit dazu beigetragen, daß die Soldaten heute der einzige Machtfaktor im Iran sind, auf den der Schah noch zählen kann.
Vor allem ist er sich der Loyalität der hohen Generäle sicher, die er durch persönlich ausgesprochene Beförderungen, Geschenke und großzügige Privilegien an sich gebunden hat,
Kaum ein anderer Staat sorgt so gut für seine Troupiers wie der Iran. Die Soldaten des Kaisers verdienen mehr, kaufen billiger und wohnen besser als Beamte und Angestellte. Mit steuerfreien Monatsgehältern zwischen 2000 und 3000 Mark liegen die uniformierten Staatsdiener der unteren Führungsebene im Einkommen fast doppelt so hoch wie die zivilen. Dazu kommen selbst für Truppenoffiziere minderer Ränge Vergünstigungen, wie sie in Westeuropa Staatsdienern dieser Grade nicht zustehen: Dienstwohnungen, Dienstwagen, Dienstpersonal.
Die Realeinkommen der Soldaten werden zusätzlich aufgewertet durch ein Netz von Kettenläden, ähnlich den ostdeutschen "Intershops", in denen Armeeangehörige zu staatlich subventionierten Discountpreisen einkaufen können.
Weil sie die meisten Waren zollfrei einführen, bieten die "army stores" ein breiteres und luxuriöseres Sortiment als gewöhnliche Läden. Und auch einflußreiche Zivilisten in Teheran wissen: Wenn nirgendwo in der Stadt mehr getrüffelte Leberpastete zu haben ist -- der "army store" an der Sepah Avenue hat immer noch welche.
Mit vielen hohen Militärs ist der Schah persönlich sehr gut befreundet: Entweder sind es alte Mitschüler oder wie der jetzige Regierungschef, General Gholam Resa Azhari, Offizierskameraden. mit denen er gemeinsam die Kriegsschule besucht hat.
Azhari, von 1961 bis 1963 Militäradjutant des Schah, gilt seit dieser Zeit als dessen enger Vertrauter. Der Kaiser wußte genau, warum er die Generäle in die Regierung aufnahm: Wenn er stürzt, ist es auch mit ihrer bevorzugten Stellung im Staat zu Ende. Und das, so Schah Mohammed Resas Kalkül, werden sie wohl mit allen Mitteln zu verhindern suchen.
Einen Putsch von ihrer Seite hat er nicht zu befürchten. Keine Kompanie nämlich kann in Persien marschieren, ohne daß der Schah persönlich seine Zustimmung erteilt hätte: Ergebnis einer ausgeklügelten Kommandostruktur, die den Schah und seinen eigenen Stab jederzeit in die Lage versetzt, alle
* Bei einem amerikanischen Flottenbesuch in der Marinebasis Bandar Abas.
Befehle in den Streitkräften zu kontrollieren.
Auch unter den jüngeren Offizieren hat sich bislang keine Schah-Opposition gezeigt. Für sie, die häufig aus weniger begüterten Verhältnissen stammen, bieten die Streitkräfte oft die einzige Möglichkeit, auf der sozialen Erfolgsleiter weiter nach oben zu kommen -- gewiß kein Grund, gegen den Schah zu putschen.
Inzwischen wird der Schah nicht nur von der Armee, sondern auch von deren wichtigsten Waffenlieferanten, den USA, offen gestützt. Außer riesigen Erdöl-Vorräten und Industrieanlagen fielen einem möglicherweise antiwestliehen Regime obendrein die prall gefüllten persischen Waffenarsenale in die Hände -- ein für Washington beklemmender Gedanke angesichts des nördlichen Iran-Nachbarn Sowjet-Union.
Für noch bedrohlicher halten westliche Strategen die Aussicht, ein sozialistisch orientierter Iran könnte der Sowjet-Flotte Hafenrechte am Indischen Ozean einräumen und Moskau damit die Kontrolle aller Öl-Transporte aus dem Golf in Richtung Westeuropa und den USA bescheren.
Noch aber sitzen die Amerikaner sowohl in Persien als auch an der Gegenküste zum Iran, den Öl-Emiraten und Saudi-Arabien, politisch fest mit im Sattel. Notfalls wollen sie diese Macht mit Waffengewalt verteidigen.
Die Truppen dafür stehen schon bereit. So trainiert die US-Armee in der Wüste Nevada seit Monaten Soldaten für einen möglichen Einsatz am Golf. Zwei Armee-Divisionen und ein Manne-Expeditionskorps -- insgesamt fast 100 000 Soldaten -- sollen im Ernstfall den westlichen Industrienationen in der Zukunft auch das weiterhin sichern, was sie zu ihrer Existenz brauchen: die Öl-Vorräte am Persischen Golf.

DER SPIEGEL 47/1978
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