20.11.1978

VIETNAMGroße Gefahr

Katastrophale Zustände herrschten auf dem Flüchtlingsschiff „Hai Hong“ vor Malaysia.
Eine Gestankwolke aus Urin, Kot und Schweiß umgibt das Schiff. Menschen erleichtern sich an der Reeling, andere liegen reglos auf dem verrosteten Eisendeck des verfallenen Frachters.
Alle sind abgemagert und haben gerötete, fiebrigglänzende Augen. Die Kinder sind am ganzen Körper mit Ausschlägen und Schorfstellen bedeckt.
Auf allen vier Decks, in jedem verfügbaren Winkel, auf Treppen und Gangways, in den stickigen Löchern um den Maschinenraum herum, sogar ganz unten in den Tiefen der vier Frachträume warten Hunderte von Menschen darauf, das Schiff verlassen zu dürfen.
Nur wenige haben noch die Kraft zum Sprechen, und so lastet eine gespenstische Stille über dem Unglücks-Schiff. Diejenigen, die keinen Schattenplatz erringen konnten, drohen in der gleißenden Sonne zu verbrennen. Wer in die Laderäume floh, dem droht in dem nicht abließenden Wasser der morgendlichen, heftigen Tropenregen Lungenentzündung und Diarrhoe.
Seit über einer Woche hatte niemand an Bord eine ordentliche Mahlzeit eingenommen oder Frischwasser getrunken. Kranke können nicht behandelt werden, viele haben sich Arme oder Beine gebrochen, als sie die schmale, Acht-Meter-Leiter zum Laderaum hinunterwollten. Auf eine Tafel haben sie mit roter Farbe gemalt: "Wir sind in großer Gefahr."
Drei Meilen vor dem malaysischen Hafen Port Klang liegt die "Hai Hong", ein fünfzig Meter langes schrottreifes Frachtschiff von 1580 Tonnen. Ihre lebende Fracht: 2517 Flüchtlinge aus Vietnam, davon die Hälfte Kinder, die von Indonesien und Singapur schon abgewiesen worden sind.
"Wenn wir ihnen erlauben, hier von Bord zu gehen, schaffen wir damit einen Präzedenzfall, und dann werden immer mehr Schiffe hierher kommen", begründet P. Alagendra, Polizeichef der Provinz, die Ablehnung seiner Behörden, die Flüchtlinge der "Hai Hong" aufzunehmen.
Malaysia ist das begehrteste Gastland für Flüchtlinge aus Vietnam geworden, weil die Bedingungen in den Lagern dieses südostasiatischen Landes besser sind als in den Nachbarstaaten. So kommen derzeit rund 10 000 Flüchtlinge monatlich nach Malaysia -- aber bislang stets in kleinen Schüben, meist auf winzigen Booten.
"Hungrige Menschen sind wütende Menschen", fürchtet der Chef der Einreisebehörden von Fort Klang. Am ersten Tag hatte er das Schiff noch inspiziert -- allerdings nur von ferne: Er fürchtete, von den aufgebrachten Flüchtlingen als Geisel genommen zu werden.
Die Odyssee der "Hai Hong"-Flüchtlinge hatte einige Wochen zuvor begonnen. Mitte Oktober waren sie in kleinen Booten von verschiedenen Buchten in der Nähe des südlichen vietnamesischen Hafens Nha Trang aufgebrochen. Sie kamen fast alle aus Städten bis hinauf in Da Nang, gehörten vornehmlich zur einstigen Bourgeoisie und waren zumeist Mitglieder der chinesischen Kolonie -- seit Monaten von den Vietnamesen gejagt.
Viele hatten für die Flucht hohe Geldsummen aufgebracht. Der Vietnam-Chinese Huynh Tho berichtete, für sich, seine Frau und seine dreizehn Kinder insgesamt sechs Tael in Gold (im Wert von 2400 Mark) gezahlt zu haben. Zusammen mit etwa 60 anderen Flüchtlingen, die er zuvor nie gesehen hatte, stach Tho mit einem Fischdampfer in See, um nach mehreren Stunden am Frachter "Hai Hong" anzulegen.
Nachdem sie alle Flüchtlinge an Bord genommen hatte, nahm die "Hai Hong" Kurs auf Indonesien. Dort aber verweigerten die Behörden den Flüchtlingen die Genehmigung, an Land zu gehen, und schafften lediglich Reis und trockene Kekse an Bord. Der Frachter nahm Kurs auf Fort Klang, wo ihn am Donnerstag vorvergangener Woche eine Marine-Patrouille abfing und zwang, vor Anker zu gehen.
"Diese Menschen sind keine Bonafide-Flüchtlinge. Sie sind Auswanderer,
* Vor der Küste Malaysias.
die höchstwahrscheinlich mit der Einwilligung der vietnamesischen Behörden das Land verlassen haben", behauptet ein hoher malaysischer Beamter. "Wir wollen nichts mit ihnen zu tun haben."
Tatsächlich ist der früher unter dem Namen "Golden Hill" laufende Frachter erst vor kurzem von seinem malaysischen Reeder an eine Gruppe in Hongkong verkauft worden. Die wollte ihn angeblich verschrotten und verkaufte ihn erneut an eine malaysische Firma.
Viele vermuten deshalb eine chinesische Mafia in Hongkong hinter dem bislang größten vietnamesischen Flüchtlingstreck, ein Fluchthilfeunternehmen, das von seinen Passagieren gut zehn Millionen Mark kassierte -- und seinerseits mit Millionen Mark die vietnamesische Regierung bestach. "Die Vietnamesen sind dabei", entrüstet sich ein malaysischer Beamter, "ihre sozialen Probleme und insbesondere das ihrer chinesischen Kolonie zu exportieren."
"Doch auch wenn sie anfangs nicht echte Flüchtlinge waren, so sind sie es inzwischen geworden", urteilt ein westlicher Diplomat in Kuala Lumpur. "Daß sie von ganz gnadenlosen Gangstern ausgebeutet worden sind, macht sie zu zweifachen Opfern."
Während die Bundesrepublik am Donnerstag voriger Woche eine halbe Million Mark spendete, ließen Frankreich und Kanada erkennen, daß sie bereit seien, auch über das festgelegte Kontingent hinaus weitere Flüchtlinge aufzunehmen.
Schließlich sprangen auch US-Senator Edward M. Kennedy und der Vorsitzende der Republikaner, Bill Brock, für die Vietnamflüchtlinge ein. "Unsere abwartende Haltung", kritisierte Brock, "stellt unsere Menschenrechtspolitik ernsthaft in Frage."

DER SPIEGEL 47/1978
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