11.12.1978

ARCHITEKTURGoldener Schrein

15 Jahre nach dem ersten Entwurf ist Scharouns Spätwerk fertig: Ende dieser Woche wird die Staatsbibliothek in West-Berlin eröffnet -- nach einer Bau-Chronik scandaleuse.
In der Nacht vor dem Abgabetermin für das Wettbewerbsmodell, als seine Mitarbeiter den Entwurf immer noch einmal korrigieren und verbessern wollten, sagte Architekt Hans Scharoun: "Laßt doch! Die Idee trägt ja."
Sie trug. Als "meisterhaft" erkannte die Jury den Vorschlag mit der Kennziffer "1100". Scharoun erhielt den ersten Preis, und der Auslober die Stiftung Preußischer Kulturbesitz -- erteilte ihm den Auftrag, die neue Staatsbibliothek zu bauen.
Das war vor fast 15 Jahren. Am Freitag dieser Woche, sechs Jahre nach Scharouns Tod und nach einer Bau-Chronik scandaleuse, wird Deutschlands neueste (und schönste) Bücherei in West-Berlin, Potsdamer Straße 33, festlich eröffnet. Und noch immer gilt Scharouns Wort.
Die Idee, Grundriß, Innenraum und Außenform "vom Vorgang her", dem "Weg des Buches", zu gestalten, trägt den Stahlbetonkoloß am Tiergartenrand ebenso wie seinerzeit Scharouns Idee für die benachbarte Philharmonie, "Musik in der Mitte". Die Ausmaße sind diesmal allerdings von anderem Kaliber, ungefähr viermal so groß wie bei dem Musikhaus -- der Konzertsaal ließe sich bequem im allgemeinen Lesesaal unterbringen.
229 Meter lang, 152 Meter breit und 44 Meter hoch, entspricht der Bücher-Bau etwa dem Volumen von rund 700 Einfamilienhäusern auf drei Fußballfeldern: 420 000 Kubikmeter auf einer Fläche von 20 000 Quadratmeter.
Doch nicht derlei Zahlen verhalfen dem Werk seit dem Richtfest vor fünf Jahren zu dem Schlagwort "Jahrhundertbau"; wieder ist es, vor allem, eine Raumschöpfung.
Bandartig, über 160 Meter, in einer drei Etagen hohen Halle, erstreckt sich eine Lese-Landschaft: ohne Trennwände, mit eingehängten Plateaus, Balkonen und Galerien in unterschiedlichen Höhen.
Kunst- und Tageslicht fließen durch pyramidenförmige Glasdächer und aus 200 Kunststoffkugeln ineinander -- im Urteil des Scharoun-Mitarbeiters Edgar Wisniewski ein "undramatisches, neutrales, zeitloses Licht" aus einer bewußt "richtungslosen" Decke.
Die Physiognomie der neuen Staatsbibliothek -- im Endausbau geplant für acht Millionen Bände -- wird freilich durch das kantige Hochmagazin bestimmt, eine vielgeschossige Regalanlage mit 20 000 Quadratmeter Nutzfläche. nach Scharouns Willen rundherum goldgetönt, um "symbolhaft auf den Schatz der Bibliothek zu verweisen".
Dieser Schatz, im letzten Krieg lädiert und geplündert und durch die Spaltung zwischen Berlin (Ost) und Berlin (West) geteilt, umfaßt derzeit 2,8 Millionen Bände, drei Millionen Bilder, 400 000 Karten und Atlanten, 300 000 Autographen, 83 000 Musikhandschriften sowie 340 Nachlässe von Dichtern, Komponisten und Gelehrten.
Die Bibliothek führt 32 370 (überwiegend ausländische) Zeitungen und Zeitschriften, sammelt Dissertationen und amtliche Drucksachen und hält historische Handschriften und andere Kostbarkeiten in besonders gesicherten "Objektschutzbunkern" in den Kellergeschossen.
Neben Manuskripten von Bach und Beethoven, Mozart, Schubert und dem Nachlaß von Mendelssohn-Bartholdy werden in diesem Orkus karolingische und ottonische Handschriften verwahrt, ein Pergamentexemplar der Gutenbergbibel und die einzige bebilderte Handschrift des Nibelungenliedes aus dem Mittelalter. Der Gerhart-Hauptmann-Nachlaß ist so umfangreich, daß er eigene Räume beansprucht.
Drei Millionen Bände und mehr als 70 000 Handschriften besaß die Preußische Staatsbibliothek bereits bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges -- als eine der bedeutendsten Bibliotheken Europas.
Die ersten Borde hatte einst der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg mit seiner Privatsammlung gefüllt; er ließ im Jahre 1661 die "Churfürstliche Bibliothek zu Cölln an der Spree" im Apothekenflügel des Residenzschlosses einrichten. Unter Friedrich dem Großen bekam sie Format; sie siedelte in einen Neubau, die sogenannte Kommode, über.
1945 waren die Bücher auf 29 Schlösser, Klöster und Bergwerke in allen Gauen des Reiches und darüber hinaus verteilt. Vieles war verloren, vernichtet, verschollen -- gelegentlich tauchen noch Einzelstücke hei Auktionen und in Antiquariaten auf.
Nach der Auflösung des Staates Preußen durch alliiertes Kontrollratsgesetz im Jahre 1947 bedurfte es erst der Errichtung einer "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" durch Bundesgesetz im Jahre 1957, um die Rückführung der im Westen geretteten Bestände nach West-Berlin einzuleiten.
Der West-Berliner Senat gedachte sie würdig zu behausen -- im neuen Kulturzentrum am Tiergartenrand. Auch ein Baumeister war schon gefunden: der damalige Senatsbaudirektor Werner Düttmann präsentierte das Modell für einen 65 Meter hohen Stapel-Bau im Kisten-Design der Zeit.
Doch von diesen Plänen blieb nur der Standort. Dem Stiftungsrat schien Düttmanns Bücher-Kiste denn wohl doch nicht recht angemessen; er veranstaltete 1963 einen Wettbewerb, und Düttmann fand Zeit fürs Märkische Viertel und Kaufhaus-Kuben am Kurfürstendamm.
Sieger Scharoun wurde mit Ausarbeitung der Pläne und erster Kostenermittlung beauftragt; und damit begann ein Projekt, dem anderthalb Jahrzehnte lang, während der gesamten Entstehungszeit, typische Merkmale eines Meisterwerks anhafteten: Chaos, Kräche und Querelen sowie eine Schlamperei in den Kalkulationen, die den SPD-Abgeordneten Rudolf Walther über einen "Genie-Zuschlag" lästern und die "Berliner Morgenpost" über ein "Millionengrab" klagen ließen.
Nicht nur der Architekt und der Bundespräsident, der den Grundstein legte (Lübke), starben über den Bau. Während alle Termine und alle Kosten überzogen wurden, wechselten Bauleiter und Statiker, mehrere Ingenieurbüros kapitulierten vor den außergewöhnlichen Anforderungen, Scharouns Planungsbüro wurde aufgelöst, und alle Beteiligten -- voran die federführende Bundesbaudirektion -- holten sich Rüffel von Finanzministerium und Bundesrechnungshof.
Tatsächlich wurde wohl selten ein so umfangreiches offiziöses Bauwerk auf derart schwankendem Grund gebaut.
Als Heinrich Lübke im Oktober 1967 symbolisch den Hammer schwang, war der Bau bereits fünf Monate im Gange: Wegen ungünstiger Auftragslage in der Bauwirtschaft hatten die Berliner den Baubeginn einfach vorgezogen; Ausführungszeichnungen waren noch nicht fertig, die Pläne zeigten lediglich die Grundzüge der architektonischen Konzeption. Kosten und Termine waren über den Daumen gepeilt: knapp 90 Millionen Mark für vier bis fünf Jahre.
Ein Jahr später hatte Scharoun den Hauptteil des gigantischen Schreins entworfen; und im Sommer 1970 wurden die Baukosten mit 155,34 Millionen Mark scheinbar präzise, aber noch immer viel zu niedrig veranschlagt: Es wurden schließlich 230 Millionen.
Zwei Jahre nach Scharouns Tod -- nachdem die Planung von Beton auf Stahl und wieder auf Beton umgestellt worden war -- las der Rechnungshof dem West-Berliner Ehrenbürger posthum die Leviten.
Der Architekt sei "nicht in der Lage" gewesen, rechtzeitig ausführungsreife Pläne zu liefern; "zahlreiche Pläne waren mangelhaft". Zudem habe Scharoun die Pläne "noch während der Ausführung ständig geändert".
Auch das Finanzministerium mokierte sich nach Durchsicht der Bücher über das Bau-Genie und sein unerfülltes Pläne-Soli: Der Architekt habe "zahlreiche Pläne erst geliefert, als die Bauarbeiten, für die sie benötigt wurden, bereits begonnen hatten".
Seine Meinung über die verlangte Plan-Wirtschaft hatte Scharoun zwei Jahre vor seinem Tod verkündet, 1970, als er den Erasmus-Preis entgegennahm: Er wünschte, "daß es zu keiner zu frühen Erstarrung der lebenskräftigen Bewegung, der lebendigen Wandlung, kommen möge, zu keiner voreiligen Perfektion -- auch nicht im Bereiche des Technischen".
Vielmehr sei es die "Improvisation, die den Weg der Entwicklung offenhält".

DER SPIEGEL 50/1978
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