31.07.1978

UNTERNEHMERRauchzart und knallhart

Im Handel mit Hochprozentigem ist der Rum- und Whiskykaufmann Moller-Racke längst Branchenerster. Seit Mitte Juli gehört ihm auch eine der renommiertesten Sektkellereien.
Emil Underberg, 37, ist nicht mehr in Sektlaune. Gerade hatte sich der Magenbitterfabrikant ("täglich Underberg und du fühlst dich wohl") in der feinen Sektfirma Christian Adalbert Kupferberg & Compagnie mit 52,5 Prozent als Mehrheitsaktionär vorgestellt, da verprellte ihn ein unerwarteter Gegenspieler.
"Allerhand", sagte Underberg, als ihm der Getränkehändler Harro Moller-Racke, 57, aus Bingen ("Racke rauchzart") den Erwerb einer Sperrminorität anzeigte. Dann reagierte Underberg: Weil Moller-Racke nicht an ihn verkaufen mochte, verkaufte er -- an Moller-Racke. Liebe auf den ersten Blick: Aus Kupferberg sei "mehr zu machen", fand der Käufer.
Das hörte sich bis Mitte Juli noch anders an. Seine 25,1-Prozent-Schachtel an Kupferberg sei lediglich "eine gute Anlage", eine reine "Finanzbeteiligung", beteuerte Moller-Racke noch vor drei Wochen. Mitnichten habe er dort unternehmerische Ambitionen.
Wohl währ. Moller-Racke nämlich war von Kupferberg zur Hilfe gerufen worden, um den neuen Großaktionär Underberg abzublocken. Damit der Einfluß der Eindringlinge begrenzt bleibe, hatten die Sektmanager im Familien- und Freundeskreis Aktien eingesammelt und das Paket dann der Binger Firmengruppe Pott + Racke zugestellt. Denn Emil Underbergs Debüt in der Sektbranche war allzu unkonventionell geraten.
Unschön war schon, wie die Mainzer Landesbank und die Frankfurter BHF-Bank, ohne den Kupferberg-Clan auch nur zu informieren, dem Newcomer Anfang Mai die Aktienmehrheit zugespielt hatten. Dann wurde Emil Underberg selber gleich ungemütlich. Als erstes werde er, schockte der junge Herr die gestandenen Sekt-Seigneurs, ihre "Commandit-Gesellschaft auf Actien" einer Sonderprüfung unterziehen.
Das aber wollten die beiden regierenden Kupferbergs, Christian Adalbert und Christian Andreas, und ihr Mitgesellschafter Heinz Hermann Freiherr Schilling von Canstatt nicht auf sich sitzenlassen: Sie baten Moller-Racke um seine "helfende Hand".
Racke-Aufsichtsrat Hans Friderichs von der Dresdner Bank -- er begann seinen Aufstieg zum Bonner Wirtschaftsminister als Angestellter der Industrie- und Handelskammer Bingen -war einverstanden: Für beiläufig 40 Millionen Mark landeten am Ende die insgesamt 77,6 Prozent der Kupferberg-Kellerei bei Pott + Racke.
Dafür bekommt der Binger ein Etablissement, das, stolz auf seine Exklusiv-Flaschengärung, im Gotha des deutschen Sektadels mit dem Umsatz von 80 Millionen Mark im ersten Halbdutzend rangiert. Attraktiv ist das Haus auch als Importeur guter Dinge wie "Johnnie Walker", des umsatzstärksten Scotch Whiskys der Welt.
Genau dieses Sortiment hätte prächtig in Emil Underbergs Programm gepaßt, der den Vertrieb der US-Marken Old Forester und Jack Daniel"s an Asbachs Sturm-Import verlor. Mehr als ihm lieb ist, ist er mit seinem Umsatz (170 Millionen Mark) deshalb auf seinen berühmten Magenbitter angewiesen.
"Das ist wie beim Skatspiel", tröstete jetzt Harro Moller-Racke den Verlierer: "Wir hatten eben die besseren Karten." Die hatte er schon, als er mit seinem "Racke rauchzart" zu "Deutschlands Whisky-König" ("Bild") mit der Nummer eins im Lebensmittelhandel aufstieg. "Der gute Pott" ist mit elf Millionen Flaschen der meistgetrunkene "echte Rum", der jugoslawische "Amselfelder" (28 Millionen) die führende Rotweinmarke.
Vor gut zehn Jahren war Harro Moller-Racke der kommerzielle Aufschwung aus den Niederungen der ererbten Weinbrand- und Essigfirma geglückt. Rigoros hatte er sein angestammtes Gemischtwarensortiment bis auf drei Posten ausgeputzt: Rum, Whisky und Wein. Getreu seinem Leitspruch "Investiert wird in den Markt und nicht in Steine", steigerte er Jahr um Jahr seinen Umsatz, zuletzt auf 233 Millionen Mark.
Flensburgs Rum-König ("Pott") Norbert Lorek-Schierning -- inzwischen Rackes Juniorpartner -- hatte es anders gehalten: Mit ehrgeizigen Bauten, einer Spirituosen-Fabrik in Rinteln an der Weser und einer riesigen Rum-Destillerie in der Karibik, gab er Millionen aus, die ihm dann im Kampf um die besten Plätze im Supermarkt fehlten. Mit harter Werbung für "echten Rum" hatten seinerzeit die Franzosen dem traditionellen Rum-Verschnitt ("die Sonne Jamaicas") aus Flensburg den Garaus gemacht. "Besser, weil echt"" empfahl Moller-Racke als Allein-Importeur die Weltmarke "Rhum Negrita" aus Frankreichs führendem Rum-Handelshaus Bardinet in Bordeaux. Auch die Gerichte, im "Rum-Krieg" von beiden Seiten angerufen, konnten den Vormarsch der "Echten" nicht stoppen. Zwar war eine Flensburger Strafkammer "durch Probieren überzeugt", daß purer Rum "so gut wie ungenießbar ist", doch immer mehr Leute kauften das neumodische Zeug.
Frankreichs Rum verfinsterte Lorck-Schiernings "Sonne Jamaicas" aus Flensburg gründlich. Der EWG-Zoll machte den "Echt-Rum"-Import aus den französischen Übersee-Departements immer billiger, die Jamaica-Drittland-Einfuhren der Schleswig-Holsteiner immer teurer, der Flensburger gab auf. Er fusionierte seine Firma mit Rackes Destille und begnügte sich mit einer Minderheitsbeteiligung.
Der laute Rum-Krieg war Moller-Racke recht zuwider. Lieber richtet cr sich leise in Marktlücken ein. Mit "Racke rauchzart" zum Beispiel, einer Mixtur von Maltwhisky der Racke-Tochter im schottischen Glasgow und Korn aus deutschen Landen ("Racke rauchzart hat den Duft reifer Getreidefelder im Sommerwind"), kreierte er ein Produkt, das als "Whisky neuer Geschmacksrichtung" vom Start weg außer Konkurrenz lief -- mit zwei Millionen Flaschen im letzten Jahr.
Für Tokajer Szamorodner hat Moller-Racke gar das "Vertriebsmonopol", wie die Weinzunft klagte, seit Ungarns Staatshandelsfirma Monimpex den 37 bundesdeutschen Importeuren, die zu arg gepanscht hatten, fristlos kündigte und dem Binger den Allein-Vertrieb übertrug. Er war den Staatsmonopolisten durch den Erfolg seiner Ostgeschäfte aufgefallen.
Racke versorgt den Ostblock über eine jugoslawische Lizenzdestille mit bis zu 400 000 Flaschen "Rauchzart"-Whisky. Im Gegenzug beglückt er den Westen mit dem serbischen "Amselfelder", einer Weinlage so groß wie ganz Baden. Den Amselwein, "der von manchen Kennern und Weinliebhabern schlicht als Zuckerwasser abgetan wird" ("FAZ"), machte Racke immerhin zum Bestseller. Nachdem der "Restzucker" je Liter von 24 auf 14 Gramm reduziert war, erwies sich "Amselfelder" mit einer Million Flaschen sogar in der Schweiz als verkäuflich.
Rackes deutscher Markenwein "Martinskeller" hingegen, beim Taufakt vom Mainzer Weinbauminister Otto Meyer noch als "richtungsweisender Schritt in die Zukunft" gepriesen, endete im Nichts. "Das war unser zweiter Flop", fand der Prozente-Händler und strich ihn aus dm Inlandprogramm. Der erste Flop war "rauchzart mit Soda" -- "Wasser zu Whisky-Preisen", wie die Kenner witzelten.
Mit Kupferberg kaufte sich der Absatzstratege in einen "ausgesprochenen Wachsrumsmarkt" ein. Aparte Perspektive: Kupferberg ist im Vertriebsverbund mit der potenten Weinbrennerei Scharlachberg Sturm & Co. liiert. Und der neue Kupferberg-Besitzer selber ist mit der Schwester des geschäftsführenden Scharlachberg-Gesellschafters Ingelore Asbach verheiratet.
Verglichen mit Oetkers "Fürst Metternich" befinde sieh Kupferbergs Nobelmarke "Fürst Bismarck Sect", so gibt er sich schon als Kenner, "in einer Art Dämmerzustand". Molter-Racke, des ist die Branche gewiß, wird ihn bald zum Sprudeln und die Konkurrenz zum Schäumen bringen.

DER SPIEGEL 31/1978
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