25.09.1978

KRIMINALITÄTDunkle Stimme

Im Oktober will die Baden-Badener Staatsanwaltschaft Anklage gegen den mutmaßlichen Bundesbahn-Allentäter „Monsieur X“ erheben. Doch trotz vieler Gutachten sind die Indizien von zweifelhaftem Beweiswert.
Zweieinhalb Jahre lang narrte ein Unbekannter Polizei und Bundesbahn. Mal wuchtete er Schienen auseinander, worauf der Güterzug entgleiste, mal kappte er mit Betongewichten beschwerte Drahtseile, so daß die Fahrleitung durchhing, oder er klinkte in die Drähte Stahlbügel ein, in denen sich die Stromabnehmer von E-Loks verfingen.
Schriftlich bekannte sich der Attentäter zu 13 Anschlägen auf die Rheintal-Strecke zwischen Bruchsal und Freiburg; stets hinterlegte er am Tatort seine Visitenkarte: "Neues von Monsieur X" (SPIEGEL 40/1977).
Den folgenschwersten Sabotageakt verübte Monsieur X am 17. Oktober vorigen Jahres: Sechs Minuten vor Mitternacht geriet der "Italia-Expreß" auf dem Weg von Kopenhagen nach Rom kurz vor Freiburg mit 140 Stundenkilometern aus der Spur: Der Bahn-Attentäter hatte auf 20 Meter Länge an 33 Schwellen 132 Schrauben gelöst. Zwei der zwölf Waggons kippten um, 19 Reisende wurden zum Teil schwer verletzt.
Wieder hinterließ der Unbekannte eine Botschaft: "Verantwortlich für dieses Unglück" sei die "Bundesbahndirektion in Karlsruhe", von der Monsieur X zuerst 100 000, später 2500 000 Mark zu erpressen suchte. Hämisch vermerkte der Saboteur zu dem Schaden, der sich bis dahin bereits auf mehr als drei Millionen Mark summiert hatte: "Nun wird's wesentlich billiger!"
Die bei der Baden-Badener Kripo eingerichtete Sonderkommission, die schon 1200 Personen und 3000 Schreibmaschinen überprüft hatte und regelmäßig an der Bahnlinie patrouillierte, war dem Verzweifeln nahe -- Monsieur X schien nicht zu fassen.
Doch genau vier Monate nach dem Anschlag auf den Italia-Expreß, am 17. Februar, nahm die Polizei in Freiburg einen Verdächtigen fest: den gelernten Buchdrucker Hermann Kraft, 51, der in einer Hinterhof-Werkstatt Ausströmersteine und anderes Zubehör für Aquarien herstellte und die Ware mit einem bejahrten Ford-Kombi an seine Kundschaft auslieferte.
Die Spur 2498 hatte zu Hermann Kraft geführt, und der Tip war vom Stuttgarter Landesamt für Verfassungsschutz gekommen. Freilich erschien Kraft dabei in der Rolle eines Verbin-
* Kraft ließ sich nach Anlaufen der Fahndung einen Bart wachsen.
dungsmannes. nicht des Erpressers selbst.
Französische Geheimdienstler nämlich hatten Kraft anhand seiner Freiburger Autonummer (FR-CE 295) identifiziert. als er in einem Straßburger Hotel einen Erpresserbrief an die Bundesbahn abholte. Der Brief war an "Herrn Ziegler" adressiert -- ein Kodename. den alle Briefe zwischen Monsieur X und Bundesbahn trugen. Da jedoch ein Herr Ziegler in dem Hotel weder abgestiegen noch angemeldet war, hatte der Hotelier den Geheimdienst alarmiert, der den Brief öffnete und dem Abholer auflauerte. Warum Kraft den Brief abholte. obwohl er nach dem Denkmodell der Staatsanwälte selber der Absender gewesen sei, bleibt unklar.
Im Oktober will Baden-Badens Leitender Oberstaatsanwalt Reiner Haehling von Lanzenauer gegen den Aquarienhändler Anklage erheben: wegen versuchten Mordes, gefährlicher Eingriffe in den Bahnverkehr und räuberischer Erpressung. Doch trotz der mysteriösen Straßburger Enttarnung und einer Vielzahl von Gutachten, die der Staatsanwalt in Auftrag gab, ist längst nicht ausgemacht, ob Kraft als Monsieur X überführt werden kann -- wenngleich ähnliche Attentate nach Krafts Festnahme nicht mehr vorkamen.
Denn die Expertisen sind, wie der Oberstaatsanwalt selbst einräumt, teils widersprüchlich, teils von zweifelhaftem Beweiswert. Besonders enttäuschend für den Ankläger: Ein Stimmabdruck-Vergleich ist, obschon sieben Erpresser-Anrufe auf Band mitgeschnitten wurden, wegen der schlechten
* Auf einer Pressekonferenz.
Tonqualität nicht möglich. Selbst die kriminaltechnische Abteilung der Polizei in Jerusalem, die "in dem Ruf steht, die besten technischen Apparaturen zu haben" (Kraft-Anwalt Udo Kemptner), mußte passen.
Eine rein "auditive Aussage", die noch während der Fahndung den möglichen Täterkreis eingrenzen sollte, schrieb Monsieur X eine extrem hohe Stimmlage zu -- "auch bei Nichtverstellen der Stimme" -- und eine "südbadische Mundart" mit "Einschlägen von Schweizerdeutseh": "Ein Zugezogener" dürfte "kaum in Frage kommen". Kraft, gebürtiger Thüringer, hat indes eine eher dunkle Stimme.
Ohne Aussagekraft ist auch ein Blutgruppenvergleich. Eine Analyse der Speichelspuren an Kuverts und Briefmarken von fünf Erpresser-Briefen ergab wohl, daß Monsieur X ebenso wie Hermann Kraft die Blutgruppe 0 hat. Nur: Die kommt bei rund 37 Prozent aller Bundesbürger vor.
Auch die Phantom-Zeichnung, die nach den Angaben eines jungen Verkäufers in einem Freiburger Metallwarengeschäft gefertigt worden war' wo Monsieur X Schrauben gekauft haben soll, weist nach Ansicht der Kraft-Anwälte Kemptner und Jürgen Laubscher "keinerlei Ähnlichkeiten" mit dem Verhafteten auf. Die Polizei-Zeichnung, meint Laubscher, zeige "einen ganz anderen Haaransatz" und lasse überhaupt auf "einen eher bulligen Menschentyp schließen"; Kraft hingegen habe ein schmales Gesiebt.
Der Verkäufer konnte Kraft bei der ersten Gegenüberstellung nicht als seinen Kunden identifizieren, erst Wochen später glaubte er, Kraft zu erkennen, Oberstaatsanwalt Haehling freilich mag eine "überzeugende Ähnlichkeit nicht von der Hand weisen", auch wenn das Phantombild "vielleicht etwas zu rund und füllig geraten" sei.
Als "ein wichtiges Beweismittel von hohen wissenschaftlichen Graden" stuft Haehling eine "vergleichende Stilanalyse" ein, deren Beweiswert die Kraft-Anwälte freilich ebenfalls anzweifeln. Da sei etwa Übereinstimmung darin konstatiert worden, daß Kraft wie Monsieur X "so daß" konsequent falsch (in einem Wort) und "Computer" hartnäckig mit "K" schreibe, das Wörtchen "und" gelegentlich abkürze sowie einige "weit verbreitete Redewendungen" benutze.
Daß in Krafts Werkstatt Vierkantstahl entdeckt wurde, der "bei Anschlägen verwendeten Bügeln ähnlich sieht". erscheint selbst Ankläger Haehling nicht eben beweisträchtig: Bei dem Bastler und Tüftler sei "eine Menge von solchem Zeug gefunden" worden.
Eher "verdächtig für den Oberstaatsanwalt ist der Umstand, daß Kraft "sein Aussehen veränderte", nachdem in der Regionalpresse eine Fernsehfahndung angekündigt worden war: Kraft ließ sich einen Schnurrbart wachsen und tauschte seine alte Hornbrille gegen ein modisches Modell mit dünnem Rand.
Kraft paßt freilich nicht einmal ins Täterbild der Kripo. die hinter Monsieur X einen Bahnbediensteten vermutete oder zumindest jemand, der mit Bahninterna vertraut ist und sich an der Bundesbahn rächen wollte. Daß Krafts Vater "Arbeiter bei der Reichsbahn der DDR gewesen sein soll". ist auch für Hachling kein Indiz.
Und ein Motiv kann auch der Oberstaatsanwalt. wenn denn Kraft der Saboteur gewesen sein sollte, nur vermuten: Kraft, ein leidenschaftlicher Roulettspieler' der "selbst ein System ausgetüftelt hat" (Haehling), habe eben "Einsatzkapital" gebraucht. Die Anwälte indes versichern, Kraft habe immer mit kleinen Einsätzen gespielt ("Er blieb immer leicht im Plus").
In der Baden-Badener Spielbank lernte Kraft allerdings angeblich jenen Unbekannten kennen, in dessen Auftrag er den in dem Straßburger Hotel deponierten Brief abgeholt haben will. Kraft behauptet, für den Mann, der sich Alfred Brockmann genannt und als Privatdetektiv ausgegeben habe. manchmal Botengänge gegen Honorar ausgeführt zu haben.
Ist Kraft auch durch diesen geheimnisvollen Kontakt offensichtlich in den Fall Monsieur X verstrickt, sieht Oberstaatsanwalt Hachling doch "einen schwierigen Indizienprozeß" auf sich zukommen: "Niemand hat gesehen, wie Monsieur X die Schrauben an den Schienen gelöst hat." Als Zeugen hat der Ankläger mithin "nur Geschädigte aus dem Italia-Expreß, die lediglich sagen können. wie sie aus dem Bett gefallen sind".

DER SPIEGEL 39/1978
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