25.09.1978

FILMTHEATERNackte Wand

Was im Kino gespielt wird, bestimmt in manchen Städten nur ein Mann: Heinz Riech, der seine Kette von Filmtheatern jetzt weiter verlängerte.
Die Stimmung war freundschaftlich, als sich vor kurzem die Besitzer der größten und der zweitgrößten Kino-Kette der Bundesrepublik trafen. "William", sagte die Nummer eins, Heinz Riech aus Freekenhorst in Westfalen, zur Nummer zwei, William Forman aus Hollywood, "ich muß dir ein paar Leute wegengagieren."
Die Ankündigung des Branchenführers, "im Spaß oder im Ernst, ich weiß gar nicht mehr" (Riech), wurde durch die Wirklichkeit noch übertroffen. Der Deutsche bekam nicht nur die Angestellten, sondern auch die Kinos der Konkurrenz.
Für mehr als 20 Millionen Mark übernahm Riech Anfang September 50 Prozent der Anteile an Formans Olympic-Kinobetriebs GmbH & Co. in München, die bisher der US-Unterhaltungskonzern Music Corporation of America (MCA) besessen hatte. Riech trat in die Geschäftsführung der Olympic ein, die zur anderen Hälfte noch Forman gehört,
"Für die war das wie "ne lästige Fliege". urteilt Riech über seine Neuerwerbung. Für den westdeutschen Kino-Markt aber ist es ein dicker Brocken. Auf einen Schlag verlängerte Riech seine Kette von rund 100 Kinos noch einmal um die Hälfte auf nunmehr 159 Filmtheater.
Wenn im Münchner Stachus-Kino-Center "Bruce Lee. der Meister des schwarzen Gürtels" wieder zuschlägt, im Frankfurter Gloria Palast "Der tödliche Schwarm" Panik und Entsetzen verbreitet oder im Hamburger Kino-Center "Alle Lüste dieser Welt" locken, dann kommt einer immer auf seine Kosten: Kino-König Riech.
Die Konkurrenz dagegen fühlt sich von Westdeutschlands größter Kino-Kette abgehängt. Seit sich die Nummer eins und die Nummer zwei der Branche zusammentaten, gibt es in der Bundesrepublik nur einen mächtigen Kino-Konzern -- und dann lange, lange nichts. Erst mit gehörigem Abstand folgen drei Filmtheater-Betriebe mit jeweils rund 30 Kinos.
Riechs Beteiligung an Olympic, vermutet Hans-Walter Peters von der Fritz-Rothschild-Gruppe (18 Kinos), "wird bei einigen Kollegen die Sorgenfalten hochtreiben".
Dazu gibt es Grund genug. Bei insgesamt über 3000 westdeutschen Kinos nimmt sich Riechs Reich zwar auf den ersten Blick bescheiden aus. Doch die Statistik täuscht Vielfalt nur vor. Mehr als 1500 Kinos bieten kein tägliches Programm mehr. Eine Spitzengruppe von rund 500 Filmtheatern kassiert die Hälfte des Branchenumsatzes.
Und Riechs Kinos gehören, was den Umsatz betrifft, fast alle zur Spitzenklasse. Filmtheater unter einer halben Million Mark Jahreseinnahmen sind für ihn nicht interessant. Seine Kette spielt ihm jährlich 100 Millionen Mark ein -- rund ein Siebtel dessen, was Westdeutschlands Lichtspieltheater über Eintrittskarten, Kino-Werbung sowie den Verkauf von Getränken und Süßigkeiten erwirtschaften.
In vielen Großstädten hat Riech schon die Übermacht. In Hamburg etwa liegt sein Marktanteil nach dem letzten Zukauf in der Innenstadt bei fast 58 Prozent. In Frankfurt bei über 50 Prozent. "Ich halte mich für tüchtig", gibt Riech freimütig zu.
In Berlin brachte ihm die Olympic-Beteiligung zu bislang sechs Kinos wettere neun ein. Noch einmal neun Filmtheater der Knapp-Betriebe (Zoo-Palast) sind mit Riech in einer Verwaltungsgemeinschaft verbunden.
In einigen kleineren Städten sind die Riech-Kinos fast allein am Platze, so in Wolfsburg, wo Riech fünf von sechs Häusern dirigiert. In Hannover gehört ihm schon seit Jahren rund die Hälfte aller Kinos.
In der Provinz hatte der gebürtige Ostpreuße mit dem Aufbau seiner Gruppe begonnen. Im Münsterland
in Telgte, Albersloh, Gremmendorf, Rinkerode, Brackwede und Freekenhorst -- machte "das einzige Kind gutsituierter Bürger" (Riech über Riech) nach dem Krieg Dorfkino. Das Vorführer-Handwerk hatte er als Truppenbetreuer. bei der reichsdeutschen Wehrmacht -- mit Streifen wie "Der weiße Traum' und "Wiener Blut" -- gelernt und später als Gefangener der Amerikaner perfektioniert.
Nach dem Krieg begann Riech sofort seine Erfahrungen zu nutzen und richtete in Kleinstädten Kinos ein. In den sechziger Jahren mehrte er sein Geld mit Tankstellen, Supermärkten sowie im Großhandel mit Spirituosen und Tabakwaren, ehe er auch in Großstädten Filmtheater kaufte oder baute.
So brachte der ehemalige Filmvorführer bald die zehn Millionen Mark zusammen, die er als Anzahlung für seinen ersten Coup brauchte. Weihnachten 1971 überraschte Riech die gesamte Kino-Branche, als er zum "Liebhaberpreis" (Riech) von über 40 Millionen Mark Bertelsmann die Ufa-Theater AG abkaufte. Zur Ufa-Kette, Nachlaß aus Joseph Goebbels' Propagandaministerium und damals doppelt so groß wie Riechs Kino-Kette, gehörten einige der besten City-Kinos in Westdeutschlands Großstädten.
Während ringsum in Kleinstädten und am Rand der Großstädte die Kinos dichtmachten (innerhalb weniger Jahre sank die Zahl der Filmtheater um die Hälfte), wuchs der Riech-Konzern weiter -- nun vor allem durch Zellteilung. Aus großen Filmpalästen mit über 1000 Plätzen, die nicht mehr zu füllen waren, machte der Freckenhorster Kino-Center mit mehreren kleinen Vorführräumen. Den Hamburger Ufa-Palast etwa zerteilte er in acht Kinos.
Das Center-Prinzip. das sich Riech in den USA abgeguckt hatte und das mittlerweile auch von seiner westdeutschen Konkurrenz nachgeahmt wurde. brachte Rationalisierungserfolge: Kassierer. Platzanweiser und Vorführer müssen meistens für mehrere Kino-Räume zugleich arbeiten, die Kapazität wird besser genutzt, weil das Programm vielfältiger ist.
Das Publikum allerdings erlebt dabei nicht nur frohe Stunden. Im Münchner Stachus-Kino-Center etwa wird das Projektionsbild lieblos und unscharf an die nackte Wand geworfen, die erste Sesselreihe steht dicht vor dem Filmbild, aus der Nachbarzelle ist der Ton des parallel laufenden Films zu hören.
Die Kasse aber stimmt. Am 14. eines jeden Monats hat Riech, der bis zur Übernahme der Ufa im westfälischen Warendorf nebenbei ein IBM-Rechenzentrum betrieben hatte, eine detaillierte Computer-Abrechnung für jedes seiner Kinos auf dem Tisch. Rote Zahlen sind da nicht zu sehen.
Da war der Kino-König seinen Konkurrenten wohl schon immer weit voraus. Bei Olympic, Riechs jüngstem Zukauf, wußten die Chefs nie so genau, was lief. Olympic-Partner Forman, einer der größten Filmkettenbesitzer in den Vereinigten Staaten, klagte seinem deutschen Kollegen, er habe seit 1976 keine Bilanz mehr aus München gesehen.
Dem anderen Partner, der MCA. muß es ähnlich ergangen sein -- und jetzt gab Riech den Amerikanern die Quittung für ihre Schlamperei. "Wenn sie die Zahlen gekannt hätten", weiß der gewitzte neue Geschäftsführer, "wären die nie aus dem Unternehmen gegangen."
So aber überließ der US-Konzern dem Deutschen bereitwillig seine Anteile fast zu dem gleichen Preis, zu dem sieh die Amerikaner Ende 1975 in die deutsche Kette eingekauft hatten.
Nach dem Rückzug der filmerfahrenen MCA kann Riech den Verleihfirmen überzeugender denn je günstige Konditionen abringen; Kassenschlager dienen ihm die Verleiher als erstem an. Denn Ketten und Kino-Center sichern den Verleihern eine wesentlich intensivere Auswertung der Filme. Wenn ein Streifen den großen Saal eines Centers nicht mehr füllt, wird er nicht wie früher abgesetzt, sondern "geht in den zweiten Stock', wie Horst Kindermann vom Warner-Columbia-Filmverleih weiß.
Auch auf die Wünsche des Publikums muß ein Quasi-Monopolist kaum Rücksicht nehmen. Ein Kino-Ketten-Besitzer, dem die meisten Häuser am Platze gehören, kann dafür sorgen, daß nicht zwei Film-Hits konkurrierender Verleihfirmen zur gleichen Zeit laufen.
Die Ware, die Riech seinem Publikum bietet, stammt meist aus demselben Fach, seine Favoriten sind bekannt: "Belmondo, Bond und Bud Spencer". Doch auch mit dem "Katastrophenfilm großen Stils" glaubt Riech gutes Geld machen zu können.
Damit ihm nichts entgeht, wird Riech seinem Sohn Volker, 28, demnächst ein Büro in Paris einrichten. Der trainierte Fünfkämpfer und Betriebswirt soll die Kino-Szene der französischen Metropole beobachten, wo die meisten US-Filme schon Monate vor der deutschen Erstaufführung laufen.
Auf die Filmkritiken, rät Vater Riech dem Sohn, solle er nicht viel geben. Entscheidend für die Wahl eines Filmes sei die Länge der Schlange vor der Kino-Kasse.

DER SPIEGEL 39/1978
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1978
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FILMTHEATER:
Nackte Wand