25.09.1978

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Die Chancen von Herzinfarktopfern, wieder normale Belastbarkeit zu erlangen, haben sich verbessert: durch kontrolliertes Training in Infarkt-Sportgruppen.
Nach einem Herzinfarkt verordneten die Ärzte dem Sowjetrussen Georgij Buschujew, 50, "etwas mehr Bewegung". Er machte sich aus seiner Heimatstadt Riga auf und marschierte täglich 50 Kilometer. Als er nach 11 000 Kilometern in Wladiwostok ankam, versicherte er: "Ich fühle mich glänzend:
Lange nachdem der Volksmund den gängigen Herzschlag zum modischeren Herzinfarkt stilisiert hatte, kämpfen noch immer zwei Ärztefraktionen um die rechte Therapie: Sportmuffel empfehlen möglichst viel Schonung. sportfreudige Therapeuten raten gezielte Bewegung an. Die Bewegungsfraktion gewinnt zunehmend Anhänger.
In der Bundesrepublik werden jährlich schon etwa 150 000 Menschen von Infarkten betroffen. 1977 starben 75 764 daran.
Nun begannen Internisten. Patienten, die dem Infarkttod knapp entronnen waren, noch im Bett zu leichten Muskelübungen zu ermuntern. In Rehabilitations-Kliniken übten die Genesenden schon wieder unter ärztlicher Kontrolle.
Der Hamburger Internist Dr. Hans-Georg Ilker versuchte, entlassene Infarktopfer durch ein wohlbedachtes. ineinandergreifendes Trainingssystem allmählich wieder an normale Belastungen zu gewöhnen. In der Hamburger Turnerschaft von 1816. dem ältesten Turnverein der Welt. gründete er 1971 die erste Sportgruppe für Infarktgenesende: Das "Hamburger Modell" entstand.
Anfangs, schrieb Ilker, verhielt sich "der größte Teil der Hausärzte eher zurückhaltend" und übte sogar einen "gewissen Bremseffekt" aus. Durch die Erfolgserlebnisse der Teilnehmer breitete sich der Rehabilitations-Sport dennoch aus. Als Fernziel stellen sich die Infarktspezialisten ein Netz von Sportgruppen vor, das alle Bewegungswilligen erfaßt.
Mittlerweile trainieren im Bundesgebiet ungefähr 100 Infarktgruppen mit mehr als 2000 Mitgliedern. In Hamburg bildeten sich in 17 Vereinen vom Eimsbüttler Turnverband (ETV) bis zur Hamburger Turnerschaft Barmbek-Uhlenhorst (HTBU) 18 Infarktgruppen mit etwa 750 Teilnehmern.
Die Infarktärzte gründeten eine "Arbeitsgemeinschaft für kardiologische Prävention und Rehabilitation". Ihre Mitglieder beaufsichtigen die Infarkt-Sportgruppen unentgeltlich. Angeleitet wird jede Gruppe von einem besonders geschulten Trainer. Für Notfälle stehen EKG- und Beatmungsgeräte bereit. Die Kosten, 17 Mark pro Monat und Patient, übernehmen in Hamburg schon Krankenkassen.
Infarktpatienten dürfen indes erst nach gründlicher Untersuchung teilnehmen, nicht bevor sie auf dem Fahrradergometer drei Minuten lang 75 Watt Leistung vollbringen. Das entspricht etwa einer Fahrgeschwindigkeit von 20 km/h.
Unter den Teilnehmern im Alter von 27 bis 71 Jahren findet sich der Kaufmann, der regelmäßig für seinen Klub Tennis spielte, jährlich einige Wochen im extremen Tropenklima zubrachte und, scheinbar topfit, vom Infarkt überrascht wurde, aber auch der Rohrleger, den mehrere Risikofaktoren auf einen Infarkt gleichsam zutrieben: Er arbeitete unter Streß im Schichtdienst' rauchte stark und litt unter Bluthochdruck und Übergewicht.
Das Training wird sorgsam dosiert und in Phasen aufgeteilt: 20 Minuten laufen die Patienten zur Übung der Ausdauer, dann trainieren sie mit Handgeräten, etwa Keulen, möglichst alle Muskelpartien. Zum Schluß spielen sie Prellball oder Volleyball, jedenfalls kein Kampfspiel.
Die Ärzte halten alle an. bei jedem Anzeichen von Überforderung auszusetzen. Zur Kontrolle messen die Infarktsportler jeweils nach den Übungsphasen ihren Puls. Er sollte nicht häufiger als 120- bis 140 mal pro Minute klopfen.
Das Vereinstraining ergänzen die Infarktsportler durch mehrmaliges Heimtraining. Ziel ist die Fähigkeit, ununterbrochen etwa 5000 Meter zu traben, einen Kilometer zu schwimmen oder 30 Kilometer zu radeln. Dann sind sie, anders als viele, die sich dem freiwilligen Infarkttraining nicht unterziehen, auch imstande, beruflich wieder Anschluß zu finden und sich nach Kontrolluntersuchungen in einer normalen Abteilung des Sportvereins fit zu halten.
Als eine Art psychologische Lebenshilfe runden Filmvorträge, Ernährungsberatung und Aussprachen über Infarktkranke und Flugreisen, Intimleben, Genußmittel und Saunabesuch das Training ab. "Die Reduzierung von Risikofaktoren und die bessere kardiale Leistungsfähigkeit" seien "übereinstimmend" erreicht worden, faßt ein Erfahrungsbericht in der Fachzeitschrift "Herz und Kreislauf" zusammen. Der Nutzen dieser Behandlung bei geeigneten Patienten sei unumstritten. Aus "vorher verängstigten Infarktpersönlichkeiten" würden wieder normale, voll im Leben stehende Menschen.
Erst zweimal ereigneten sich tödliche Zweitinfarkte während des Sportprogramms. Absolut gesichert sind sogar Trainingsexperten wie Karl Adam nicht, der erfolgreichste Rudertrainer der Welt. Er starb 1976 am zweiten Infarkt, während er 4000 Meter trabte.
Ganz risikolos erwies sich der Infarktsport nicht einmal für die Aufsichtsärzte, die "als Partner, nicht als Autorität", das Programm überwachen und zugleich daran teilnehmen. Bei zwei kaum trainierten Ärzten riß die Achillessehne.

DER SPIEGEL 39/1978
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