06.11.1978

TROTZKI-MÖRDERNeue Rätsel

Wollte Trotzkis Mörder Ramón Mercader die Hintergrunde seines Verbrechens enthüllen?
Die drei Männer, die am späten Nachmittag des 6. Mai 1960 in der kubanischen Hauptstadt Havanna das soeben gelandete Flugzeug aus Mexico City verließen, passierten die Grenzkontrolle ohne besondere Formalitäten. Zwei der Passagiere, Oldrich Novicky und Eduard Fuchs, gehörten der tschechoslowakischen Botschaft in Mexiko an. Auch ihr Begleiter, ein rundlicher Herr mit Doppelkinn und Hornbrille, wies einen Diplomatenpaß der CSSR vor -- ausgestellt auf den Namen Jacques Vandendreschd.
Doch die Grenzbeamten wußten, daß der 47jährige Reisende, der aussah wie ein gesetzter Geschäftsmann von Ende Fünfzig, weder Tscheche noch Diplomat war.
Der Mann, der sich als Vandendreschd ausgab, war erst wenige Stunden zuvor aus dem Staatsgefängnis von Mexico City entlassen worden, wo er unter dem Namen Jacques Mornard eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren verbüßt hatte -- weil er am 20. August 1940 Leo Trotzki, den Gründer der Roten Armee und Widersacher Stalins, in dessen Villa in einem Vorort von Mexico City ermordet hatte.
Zusammen mit seinen beiden Betreuern fuhr der freigelassene Mörder zu einem Landhaus der tschechoslowakischen Botschaft außerhalb Havan-
* Mit Verband. Mercader wurde bei seiner Verhaftung verletzt.
nas. Wenige Tage später flog er weiter nach Prag.
Die sorgfältig geplante Übersiedlung in den Sowjetblock war die letzte gesicherte Meldung, die über den "infamsten Mörder unseres Jahrhunderts" ("The New York Times") in den Westen drang. Mornard verschwand hinter dem Eisernen Vorhang, ohne daß sich die Hintergründe seines Verbrechens lückenlos hätten aufklären lassen.
Der Mörder selbst äußerte sich nur jur Tat: Er habe unter einem Vorwand Trotzki in seinem Büro aufgesucht und mit einem Eispickel, den er im Regenmantel verborgen hatte, "einen furchtbaren Schlag" auf dessen Kopf geführt.
Erst spätere Nachforschungen ergaben, daß Ramón Mercader, so die wahre Identität des Attentäters, in Diensten des sowjetischen Geheimdienstes NKWD stand. Sein späteres Opfer lernte er über die Schwester einer Trotzki-Sekretärin kennen.
Jetzt scheint es, als gebe selbst Mercaders Tod noch neue Rätsel auf. Denn als vor gut zwei Wochen sein Bruder Luis aus Moskau verkündete, Ramón sei in einem Krankenhaus in Havanna an Knochenkrebs gestorben, mischten sich sogleich Ungereimtheiten in die Meldungen vom Ableben des geheimnisvollen Mörders.
So bat der Havanna-Korrespondent der spanischen Nachrichtenagentur EFE, Federico Villagráu, am 12. Oktober, sechs Tage vor Mercaders Tod, den stellvertretenden Direktor des kubanischen Regierungskrankenhauses um die Erlaubnis zu einem Interview mit dem prominenten Patienten. Drei Stunden später beschied ihn Major Agramonte angeblich Mercaders behandelnder Arzt, der Trotzki-Mörder sei "niemals in diesem Krankenhaus" gewesen.
Der Wachtposten vor der Klinik versicherte dem Journalisten dagegen: "Diese Person befindet sich in einem schwerkranken Zustand, und alle Besuche sind verboten."
Auch kann nicht stimmen, was Luis Mercader, der seit dem Ende des spanischen Bürgerkriegs in Moskau lebt, West-Korrespondenten kurz vorher erzählte: Sein Bruder Ramón habe die Sowjet-Union schon vor achtzehn Monaten verlassen, um sich in Kuba behandeln zu lassen.
Denn Ende Mai 1977, zu einem Zeitpunkt also, als sich Ramón Mercader nach den Angaben seines Bruders bereits in Havanna hätte befinden müssen, suchte er auf der internationalen Buchmesse in Warschau Kontakt mit westlichen Verlagsvertretern.
Der CSSR-Emigrant Ota Filip, als Lektor des Frankfurter Fischer Verlags in Warschau dabei, erinnert sich an ein kurzes Gespräch mit dem Mörder: "Ramón Mercader sah krank und alt aus. Er redete davon, einen Ausreiseantrag nach Jugoslawien zu stellen. Angeblich arbeitete er an seiner Autobiographie, die er über Jugoslawien in den Westen bringen wollte."
Arrangiert hatte das seltsame Treffen ein gemeinsamer Bekannter Filips und Mercaders: der Exiltscheche Hanus Weber, der nach dem Prager Frühling die CSSR verließ und heute als Redakteur des schwedischen Fernsehens in Stockholm arbeitet.
Weber, Fernsehjournalist schon in der Tschechoslowakei, hatte 1960 aus westlichen Zeitungen von der Übersiedlung des Trotzki-Mörders nach Prag erfahren. Neugierig begann er nach Mercaders Verbleib zu forschen -- und wurde bald fündig: Mercader arbeitete als wissenschaftlicher Angestellter im parteieigenen Institut für Marxismus-Leninismus.
Um ihren Schutzbefohlenen vor unliebsamen Nachstellungen zu schützen, hatte die Sicherheitsabteilung des Zentralkomitees der KPC Mercader mit neuem Namen und falscher Legende ausgestattet: Er sei, so hieß es, amerikanischer Staatsbürger, der vor McCarthys Kommunisten-Hatz nach Prag geflohen sei.
Die offizielle Lesart hielt Webers Nachforschungen nicht stand. Der Journalist fand heraus, daß es zwar wirklich einen Amerikaner dieses Namens gegeben hatte; doch war er schon vor Mercaders Freilassung 1960 in die USA zurückgekehrt.
In Prag wurde Mercaders Identität rasch "einer ganzen Reihe von Leuten" (Weber) bekannt. Doch kaum jemand suchte Kontakt zu dem Trotzki-Mörder. Obwohl Mercader in seiner Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt war, lebte er in nahezu totaler Isolation. Schon damals machten sich erste Anzeichen seiner Krankheit bemerkbar: Mercader fuhr, wie Weber sich erinnert, stets nach Karlsbad zur Kur.
Über den Mord-Anschlag und seine Gefängnis-Jahre in Mexiko ließ Mercader nie ein Wort fallen -- und Weber wagte auch nicht, ihn danach zu fragen. Immerhin zeigte das Studiengebiet, dem Mercaders Interesse im Institut für Marxismus-Leninismus galt, daß er seine Vergangenheit noch nicht bewältigt hatte: Der Trotzki-Mörder beschäftigte sich vorwiegend mit Trotzki und der Geschichte des Trotzkismus.
Zudem begann der Mann, der auf Stalins Geheiß den wohl prominentesten Dissidenten in der Geschichte des Sowjetkommunismus umgebracht hatte, Sympathien für Oppositions- und Reformbewegungen in den sozialistischen Ländern zu zeigen. Er begrüßte Alexander Dubceks Bemühungen um die Liberalisierung des Regimes und war über den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen 1968 tief betroffen.
Der Gesinnungswandel vom Stalin-Agenten zum Dubcek-Sympathisanten war freilich, wie Weber vermutet, nicht nur Folge besserer Einsicht, sondern beruhte auch auf persönlichem Ressentiment.
Denn Mercader meinte, die Sowjets hätten ihm seine Dienste schlecht gelohnt. Zwar hatte Stalin ihn nach Trotzkis Tod zum Helden der Sowjet-Union ernannt. Aber von Ehrungen war in Prag keine Rede mehr. Nicht nur, daß die Sowjets Mercader den Orden nie aushändigten, sie vermieden auch jeden Kontakt mit ihrem Ex-Agenten, in dem sie offenkundig nur noch einen lästigen Geheimnisträger sahen.
Der vergessene Mörder sann, wie er Weber Ende der sechziger Jahre anvertraute, auf Rache: Er trug sich mit dem Gedanken, seine Memoiren zu schreiben und in den Westen zu schleusen.
Merkwürdig genug: Kaum hatte Mercader diesen Entschluß gefaßt, nahmen sich die Russen seiner wieder an. Bald nach der Besetzung der CSSR holten sie ihn nach Moskau, unter dem Vorwand, ihn dort besser ärztlich behandeln zu können.
Auch dort verbrachte Mercader seine Zeit mit historischen Studien in Staatsarchiven und in der Lenin-Bibliothek, wo ihn vor zwei Jahren ein österreichischer Kommunist zufällig traf. Verblüfft berichtete der Genosse in Wien, Trotzkis Mörder sei am Leben und äußere sich "aus altersbedingter Einsicht verständnisvoll über russische Dissidenten".
Auch von seinem Memoiren-Projekt wollte er nicht lassen. Über Mittelsmänner benachrichtigte er Weber, Teile seines Manuskripts seien abgeschlossen und an sicherem Ort deponiert.
Noch aus einem anderen Grund hatte Moskau Anlaß, eine Diskussion über den Mord an Trotzki zu fürchten: Im April dieses Jahres bestätigte der mexikanische KP-Führer Valentin Campa in seinen Erinnerungen, daß der Mordbefehl von Stalin persönlich kam -- erstmals hatte ein Eingeweihter das bis dahin von allen Beteiligten strikt eingehaltene Schweigen durchbrochen.
So kam die Nachricht vom Tod des ehemaligen Stalin-Handlangers im richtigen Augenblick. Anders scheint kaum begreiflich, warum die Angehörigen die Todesmeldung überhaupt publik machten, statt wie bisher -- zu schweigen. Wollte man dem Westen signalisieren, daß die Hoffnung auf Mercader-Memoiren illusorisch sei?
Die widersprüchlichen Meldungen aus Moskau und Havanna (wo Mercaders Tod bis jetzt nicht offiziell bestätigt wurde) ließen allerdings vergangene Woche die Spekulationen wieder wild ins Kraut schießen. So mochte der französische Historiker Pierre Broué, Experte für die Geschichte des spanischen Bürgerkriegs und der trotzkistischen Internationale, nur in Anführungsstrichen von Mercaders Tod sprechen; er schließt ein abgekartetes Desinformationsspiel nicht aus.
Auch der Mercader-Vertraute Weber in Stockholm glaubt, den Sowjets könne am Schweigen des Trotzki-Mörders so viel gelegen sein, daß sie womöglich eine voreilige Todesmeldung lancierten: "Noch im September habe ich aus Moskau eine Nachricht von Mercader bekommen. Weder war er sterbenskrank, noch ist er in den letzten Jahren je in Kuba. gewesen."

DER SPIEGEL 45/1978
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