14.08.1978

Ferien '78: „Ik bünn all dor!“

Blockierte Autobahnen, Fluglotsenstreiks, überfüllte Hotels und Campingplätze ließen für Millionen Urlauber den Start in die Ferien zum Horrortrip werden: Streß und Strapazen kennzeichnen, nach Ansicht von Ärzten und Urlaubsforschern, immer deutlicher die alljährliche „Massenflucht“ in die Erholung -- sie bringt inzwischen vielen Urlaubern eher Risiken für Leib und Seele.
Sechs Stunden schon warteten die 149 Neckermann-Reisenden im Flughafen Düsseldorf-Lohausen auf den Start in die Ferien. Dann endlich, um 0.50 Uhr, schwebte die Boeing 727 über den Rhein, die den mittlerweile erschöpften Urlauber-Trupp nach Gran Canaria bringen sollte.
Der Condor-Jet, aus Las Palmas kommend, hatte sich verspätet, weil die Luftstraßen über Südfrankreich stundenlang hoffnungslos überlastet waren. In Düsseldorf aber durfte das Flugzeug -- Nachtflugverbot -- nun nicht mehr landen.
So wurden die Neckermann-Kunden erst mal ein Stück zu Lande weitertransportiert. Im Bus fuhren sie zum benachbarten Flugplatz Köln-Wahn. Dort starteten sie, um 2.42 Uhr, mit einer Maschine der belgischen Luftfahrtgesellschaft TEA.
Doch bald nach Beginn des Nachtflugs erfuhren die Erholungsreisenden, daß der TEA-Clipper wegen eines Triebwerkschadens umkehren und notlanden müsse. Kurz nach Sonnenaufgang, um 5.15 Uhr, ging die Maschine zu Boden -- in Brüssel.
Zur Frühstückszeit, um 7.30 Uhr, war sie wieder flugtüchtig -- vorübergehend: Nach 75 Minuten Flugreise kehrte der TEA-Jet, abermals mit Triebwerkschaden, nach Brüssel zurück.
Erst Stunden später, gegen Mittag, konnten die übernächtigten Urlauber in ein weiteres Ersatzflugzeug umsteigen. Am Abend trafen sie schließlich in Las Palmas ein -- wo 149 andere Neckermann-Reisende seit fast 24 Stunden auf den Heimflug warteten.
Eine einmalige Reise-Groteske, ein Sonderflug für touristische Pechvögel? Mag sein, doch illustriert die Irrfahrt zugleich den Urlaubsstil der Saison: Hektik, Pannen-Streß und Frust regieren -- unverkennbar -- zunehmend auch die vermeintlich immer durchsonnte, entspannte Ferienwelt.
Weltweit rund 1,25 Milliarden touristische "Reisebewegungen" verzeichneten die Statistiker 1977; und etwa 25 Millionen Westdeutsche gehen in diesem Jahr auf Urlaubsreisen. Sie alle sind, glaubt man den schmalzigen Lockrufen der Reiseveranstalter. unterwegs zu ihren "Traumzielen", einem "sonnigen Stückchen Paradies" irgendwo im Süden oder droben "in der unberührten Schönheit einer eindrucksvollen Hochgebirgswelt".
Da wollen sie, so die Lyrik der Prospekte, durch "blühende Wiesen und Wälder" wandern, auf "palmengesäumten Promenaden flanieren" "schwimmen, bräunen, einfach mal faul sein" oder auch, als "moderne Aktiv-Urlauber", nach Herzenslust "golfen. reiten, Tennis spielen, segeln, surfen, fischen und schnorcheln" -- kurz: Ferien vom Ich" machen.
Aber zwischen den inbrünstigen Hymnen vom Ferien-Schlaraffenland und der Urlaubswirklichkeit wächst eine Kluft. Was etwa die Zeitungen in den letzten Wochen vom Aufbruch in die Große Ferien-Freiheit "78 widerspiegelten, erinnerte nicht selten an die Berichterstattung über einen Bürgerkrieg.
Von der Flüssiggas-Explosion auf einem überfüllten Campingplatz bei Tarragona -- rund 200 Tote -- bis zur Lkw-Blockade an Österreichs Grenzen reichten die Hiobsbotschaften. Am Brenner prügelten sich entnervte Touristen mit den Brummi-Piloten, die mit ihren Fahrzeugen den Weg in den Süden zusperrten. Vor Kufstein und Salzburg, im kilometerlangen Stau, mußte das Rote Kreuz die eingekeilten Urlauber mit Tee und Würstchen versorgen.
Routinemäßig kamen Alarmmeldungen übers Radio; wenn sich wieder ein Ferien-Fahrer auf der Autobahn in die Gegenfahrtrichtung verirrt hatte. Unermüdlich warnten die Verkehrsexperten vor jenen "Wahnsinnsfahrern", die wie gehetzt ohne Pause vom Ruhrgebiet bis nach Malaga oder Brindisi preschten.
Mal streikte an der Costa del Sol, mal an der italienischen Adria das Hotelpersonal -- die Urlauber saßen vor leeren Tellern. Dann wieder traten Italiens Zollbeamte, Frankreichs Fluglotsen oder Roms Fährleute in den Ausstand -- im römischen Hafen Civitavecchia harrten zeitweise mehr als
* Oben: Charterhalle in Düsseldorf-Lohausen: unten links: Autobahn München-Salzburg; unten rechts: spanische Atlantikküste bei Cádiz.
1000 obdachlose Touristen vergebens der Überfahrt nach Sardinien.
In den überlasteten Stützpunkten des Flugtourismus -- Frankfurt: über 60 Starts und Landungen pro Stunde -- drohte mitunter der Betrieb auch ohne die zusätzlichen Belastungen durch Lotsenstreiks zusammenzubrechen.
Als dann Mitte Juli die französischen Lotsen in den Bummelstreik traten, brach das Chaos aus: Die Wartehallen der Chartergesellschaften, wegen sich häufender Verspätungen vollgepfercht mit dahindösenden Passagieren, glichen allenthalben eher Flüchtlingslagern. In Paris zogen angetrunkene Touristen randalierend durch die Flughafengebäude, in London, wo rund 100 000 Urlauber festsaßen, kampierten die Reisenden nahe den Startpisten im Schlafsack oder im Zelt.
An der Côte d'Azur schließlich irrten in der letzten Woche Zehntausende von Urlaubern umher, die weder in den Hotels noch auf Zelt- und Campingplätzen eine Bleibe fanden -- zwischen Nizza und Toulon die größte Touristen-Invasion seit Menschengedenken.
Viele von ihnen waren vor dem schlechten Wetter in Norditalien und der Ölpest in der Bretagne an die französische Riviera geflüchtet, wo sie nun auf den Parkplätzen am Meer oder auch am Straßenrand übernachteten.
Kein Zweifel, das bizarre Getümmel der jüngsten Ferien-Völkerwanderung beweist deutlicher als je, daß der Fortschritt von der einst gemütlichen "Sommerfrische" zum weltweit rotierenden Massentourismus in einen strapaziösen Gewaltmarsch übergegangen ist. Wie auf Befehl setzt sich Jahr für Jahr in allen Industrieländern das Reisevolk in Bewegung. Und die totale Mobilmachung während der Ferienmonate läßt sich längst nicht mehr stoppen: Weder palästinensische Flugzeugentführer oder italienische Autodiebe noch verschmutzte Mittelmeerküsten und ein Bau-Boom, der früher idyllische Badeorte unter Beton-Quadern begraben hat -- buchstäblich nichts vermag das Touristen-Heer davon abzuhalten, das Ferien-Glück in der Ferne immer wieder aufs neue herauszufordern.
Hohe Wunschvorstellungen von Gluck und Entspannung.
Keine Urlaubssaison verging seit 1950, die der Tourismus-Industrie nicht satte Umsatzsteigerungen beschert hätte; selbst das Rezessionsjahr 1975, mit zeitweise 1,2 Millionen. westdeutschen Arbeitslosen, brachte einen neuen Reiserekord.
Und rund zehn Prozent mehr als im Vorjahr, nach Schätzungen mindestens 25 Milliarden Mark, werden die Bundesbürger auch 1978 wieder für ihren Urlaub aufwenden. Umfragen zufolge wollen sie, sogar wenn sie knapp bei Kasse sind, lieber auf neue Kleider verzichten als auf die Ferienfahrt; allenfalls Großanschaffungen wie ein Hauskauf oder schierer Geldmangel sind imstande, die wilde Reiselust zu dämpfen.
Was sie so mächtig in die Fremde zieht, ist -- sonderbar -- bis heute kaum recht ergründet worden, Dabei handelt es sich bei dem alljährlichen Exodus von Millionen um ein Massenphänomen, das in der Kulturgeschichte nie zuvor beobachtet wurde. Jahrtausende hindurch reiste kaum jemand einfach so zum Spaß in der Welt umher. Wer immer unterwegs war, zog als Söldner, Kreuzfahrer, Kaufmann und Kurier durch die Lande, war Seemann oder auf der Flucht. Samt und sonders" so notierte der Lyriker und Essayist Hans Magnus Enzensberger, empfanden die Reisenden ihre Fahrten als lästige Mühsal und einen Aufenthalt in der Ferne fast wie eine Art "Exil".
Das war einmal: Die vagabundierenden Neuzeitmenschen suchen und finden, wie sie selber bekunden, fern der Heimat nur Angenehmes -- Erholung, Entspannung und Amüsement.
Offensichtlich frei vom Reise-Streß ihrer Vorfahren, wollen die Neckermann- und Tigges-Klienten -- so jedenfalls die Ergebnisse der Markt- und Sozialforscher -- am Reiseziel gelassen "abschalten", den "Alltag" vergessen, sich in der "frischen Luft" ergehen oder auch mal in Ruhe ein paar Kulturdenkmäler betrachten. Keine Spur von Mühsal: Fast 90 Prozent aller Urlauber, so ermittelte der Münchner Psychologe und Ferienforscher Reinhard Schober, sind mit ihrem Reiseerlebnis vollauf zufrieden.
Allerdings, die meisten Freizeitforscher mißtrauen dem euphorischen Urlauber-Urteil. Als zu dürftig mutet sie an, was die Touristen in der Ferne treiben: Sie gehen, so eine SPIEGEL-Untersuchung, in ihrem Ferienort spazieren. sie plaudern mit Bekannten, machen Ausflüge, schwimmen und schlafen viel -- Motive genug für eine Autogewalttour bis nach Sizilien oder einen Flug in den Senegal?
Wohl kaum, meint etwa der Hamburger Freizeit-Wissenschaftler Horst W. Opaschowski: Was die Urlauber von ihren Ferien tatsächlich erwarten, reicht nach Ansicht des Pädagogik-Professors weit hinaus über die Erholungsbedürfnisse abgeschlaffter Zivilisationsmenschen.
Vielmehr, glaubt er, sucht die Mehrheit der Touristen auf Urlaubsreisen vor allem die Entschädigung für ein ganzes Jahr voller Alltagseinerlei und monotoner Arbeit in den Büros, Fabriken oder Kaufhäusern; die Ferien sollen "Abenteuer", "Versuchungen" und "neue Erlebnisqualitäten" bringen.
"Unsere Leistungs- und Erfolgsgesellschaft", so lautet Opaschowskis These, habe längst die Urlaubserwartungen in geradezu "illusionäre Höhen" getrieben; an die jährlichen Ferien, urteilt er, würden mittlerweile "so hohe Wunschvorstellungen von Glück und Entspannung geknüpft, daß die Realität notwendig dahinter zurückbleiben" müsse -- "Verstimmungen", Frustrationen und Streß seien deshalb für viele Urlauber "fast vorprogrammiert".
Dennoch werden, wie Opaschowski konstatiert, Enttäuschungen -- weil nicht sein kann, was nicht sein darf
zumeist nach Kräften verdrängt oder bagatellisiert: Auch wenn die Urlauber ihre hochgesteckten Erwartungen nicht verwirklichen können, so spielen sie doch immerhin die gängige "Rolle des glücklichen Urlaubers".
Anders, in der Tat, läßt sich der stoische Gleichmut kaum erklären, mit dem etwa Adria-Touristen den Lärm und die übervölkerten Küsten am "Teutonen-Grill" ertragen oder, bei Hochsommerhitze, die Nervenprobe im Verkehrsstau bestehen.
"Man drängt sich an den Stränden", so beschrieb jüngst der Wiener Verhaltensforscher Professor Otto König in einer Tourismus-Studie die Lage in vielen Ferien-Zentren, "steht Schlange vor Läden und Restaurants und haust in Unterkünften, die an Elendsquartiere erinnern -- wenn man einem Arbeitnehmer während
seiner Arbeitszeit solche Belastungen zumuten würde", schätzt König, "würden die Gewerkschaften sich mit vollem Recht einschalten".
Doch kaum jemand beklagt sich. Und gründlicher noch als alle äußeren Widrigkeiten verleugnen die Touristen meist ihr Unvermögen, jene sprichwörtlichen "Ferien vom Ich" zu verwirklichen -- den Wunsch, so Freizeitforscher Opaschowski, wenigstens einmal im Jahr "aus den sozialen Alltagsordnungen ausbrechen zu können".
Der ideale Urlaub --
Rummel oder Bergeinsamkeit?
Am klarsten, meint der Hamburger Wissenschaftler, zeige sich dieses Manko bei jenen Freistil-Urlaubern, die sich -- eine Art Kultur-Nomaden -- mit Zelten und Wohnwagen auf den 6500 westeuropäischen Campingplätzen tummeln.
Offenbar entschlossen auf der Suche nach einem zigeunerhaften Kontrast zum grauen Büro- und Etagenleben. treiben die Campingurlauber, so Opaschowski dann doch nur "dasselbe, was sie auch zu Hause in ihrer Freizeit tun: zum Beispiel Skat spielen, Kreuzworträtsel lösen, Fernsehen, in die Kneipe gehen" -- und obendrein fügen sie sich auch noch willig einer meist rigiden Lagerordnung.
Aber auch den übrigen Ferienreisenden gelingt es meist nicht, im Urlaub die eingeschliffenen Verhaltensmuster ihres Normallebens loszuwerden. Durchtränkt von einem strengen Arbeitsethos, im Beruf auf Disziplin und Pünktlichkeit getrimmt und gänzlich ungeübt in der Kunst, freie Zeit souverän zu nutzen, verfallen die Urlaubei nahezu zwanghaft in den gewohnter Alltagstrott.
Schon der Start gerät vielen zum Leistungswettbewerb, zu einer Art Rallye bei der das Ziel auf dem denkbar kürzesten und schnellsten Weg erreicht werden muß: Rund 60 Prozent aller Auto-Urlauber, so ermittelte die Fachgemeinschaft "Mensch und Verkehr", jagen ohne Zwischenetappen zum Bestimmungsort; manche bewältigen zwischen 1000 und 2000 Kilometer an einem einzigen Tag.
Auf Umwege lassen sich 30 Prozent der Auto-Touristen auch dann nicht ein, wenn ein Stau entsteht. Während der wenigen kurzen Pausen nehmen sie eine Stärkung durchweg nur im Stehen zu sich -- im Durchschnitt, so maßen die Reiseforscher, entfernen sich die Urlauber kaum mehr als fünf Meter von ihrem Fahrzeug.
Am Urlaubsziel angekommen, schaffen sich viele Touristen alsbald gleichsam einen "Gegenalltag" (Opaschowski): Pünktlich erscheinen sie zum Kurkonzert, zur (Wasser-)Skistunde oder zur Kaffee-Runde; nach festem Zeitplan absolvieren sie ihr Bad im Meer oder im Swimming-pool, und sorgfältig haken sie nach der Besichtigung die Sehenswürdigkeiten der Umgebung ab.
Zwischendurch kämpfen sie, wie daheim, um Privilegien und, gewissermaßen. die Sicherung ihres sozialen Besitzstands, einen Fensterplatz im Speisesaal, einen Liegestuhl in der ersten Reihe am Strand oder auch nur um die größten und leckersten Happen vom kalten Büfett. Wobei sich die Deutschen, wie ein Neckermann-Reiseleiter berichtet, ganz besonders hervortun -- treffe man einen Engländer, der sich so verhalte, "dann kann man sicher sein, der war bei der Rheinarmee".
Dahinter steckt nicht nur Geltungsdrang oder Gefräßigkeit, sondern mehr noch ein längst eingefleischtes Kosten-Nutzen-Denken, das etwa ein Tourist aus Dormagen exemplarisch verdeutlichte, als er beim Rückflug aus Griechenland seine Kinder ans Boeing-Bullauge nötigte, mit dem Befehl: "Schaut raus, das haben wir teuer bezahlt, nun sollt ihr es auch genießen.
Einhellig bestätigen Reiseleiter und Freizeitforscher, daß die Kategorien der Pflicht und Leistung für die meisten Urlauber auch in den Ferien heilig bleiben: Weder brütende Hitze noch ein Brummschädel nach stundenlanger Busfahrt können sie etwa daran hindern, planmäßig die Akropolis oder die Pyramiden zu erklettern und dort für das obligatorische Ferien-Photo zu posieren.
Tourismus-Kritiker Enzensberger sieht darin den Ausdruck eines schlechten Gewissens, das den Durchschnittstouristen im Zustand der Ferien-Faulheit angeblich heimlich plagt. Er lindere das Schuldgefühl, meint Enzensberger, indem er sich auch im Urlaub gewissen. Leistungsnormen unterwerfe -- womit er eingestehe, "daß er die Freiheit, auf die er aus zu sein vorgibt, gar nicht erträgt".
Wie die Mehrheit der Urlauber die Ferien-Freiheit zu nutzen hat, steht allerdings von vornherein fest: Im "Mindesturlaubsgesetz" von 1963 wird der oberste "Urlaubszweck" verbindlich definiert -- die Ferien sollen der "Erholung" dienen, genauer, der "Wiederherstellung der Arbeitskraft des Arbeitnehmers" (so ein Gesetzeskommentar).
Doch was der Erholung zuträglich ist, wird im Gesetz nicht näher bezeichnet; und nicht einmal die Mediziner haben bis heute herausfinden können, wie letztlich der ideale Erholungsurlaub aussehen sollte.
Auf einem ADAC-Ärztekongreß in München -- Thema:" Die ärztliche Problematik des Urlaubs" -- kamen 1972 zwei Dutzend Experten kaum über die Erkenntnis hinaus, daß die medizinisch und psychologisch richtige "Urlaubsgestaltung eine sehr komplexe und ausgesprochen individuelle Angelegenheit" darstelle (so der Innsbrucker Medizin-Professor A. Hittmair): Zwischen dem Rummel in Ruhpolding oder Torremolinos und der Berghofeinsamkeit in einem Alpenhochtal gebe es für jeden Urlauber-Typ die angemessene Ferien-Variante; nur müsse jeder selber entdecken, was für ihn bekömmlich sei.
Das aber fällt den Urlaubern offenbar immer schwerer. Je vielfältiger in den letzten Jahren das Angebot an Urlaubszielen wurde, desto häufiger treffen die Erholungssuchenden nach Ansicht der Fachleute Fehlentscheidungen. Früher, erläutert der Diplom-Psychologe Heinz Hahn vom Starnberger Studienkreis für Tourismus, "waren ja Reisen eine Sache sorgfältiger Vorbereitung"; heute dagegen wisse "kaum jemand, daß ein Milieu- und Klimawechsel auch für den sportlich Trainierten ein harter Schock" sein könne. Für drei Wochen das Scheinglück einer befreiten Gesellschaft.
So reisen etwa übergewichtige Touristen" die sich tunlichst in gemäßigtem Klima Bewegung verschaffen sollten, statt dessen an einen Tropenstrand, wo sie täglich stundenlang träge in der Sonne liegen -- forcierte Erholung bis zum Kollaps.
Andere, eher ruhebedürftig, lassen sich zu den Strapazen einer Besichtigungsreise nach Mexiko oder Indien verleiten, von der sie, so ein Reiseleiter, "oft ziemlich erholungsreif zurückkehren".
Speziell bei Fernreisen sehen sich viele Touristen, zuvor ahnunglos, nicht nur einer exotischen Küche, sondern auch einer fremdartigen und aggressiven Bakterienflora ausgeliefert. Einige Millionen Urlauber jährlich, so schätzen die Mediziner, verbringen ihre Ferien unter Dauer-Krämpfen und Fieberzuständen.
Ihre Knochen, nicht selten gar ihr Leben riskieren, sommers wie winters, Tausende von Touristen in den Alpen, wo sie, mäßig trainiert und schlecht ausgerüstet, zum Gipfelsturm antreten oder in der weißen Saison halsbrecherisch über die Hänge wedeln: Etwa 500 Kletterer pro Jahr stürzen sich dabei zu Tode, rund 150 000 Skifahrer-Knochen müssen allein in Österreich in jedem Winter gegipst und genagelt werden.
Unter Dauerstreß mit manchmal dramatischen Folgen geraten zudem immer mehr Touristen, die -- meist reiseungewohnt -- den Aufenthalt in fremden Ländern als eine Art Psychoschock erleben. Durchweg ohne Sprachkenntnisse und auf die neue Umgebung nicht genügend vorbereitet, fühlen sie sich im Ausland isoliert, verlassen und oft sogar bedroht.
Bei seelisch labilen Reisenden, so entdeckte der österreichische Psychotherapeut Professor Heinz Prokop, könne das Schockerlebnis latente psychische Konflikte verschärfen und zu gefährlichen Krisen steigern -- so komme bei vielen Schizophrenen die Krankheit erstmals im Urlaub offen zum Ausbruch.
Prokop, der in seiner Praxis in Innsbruck 87 seelisch entgleiste Urlauber analysiert hat, stellte fest, daß sich beispielsweise ohnehin kontaktscheue Touristen in der Fremde oft vollends einkapselten und schließlich paranoide Symptome entwickelten. Bei anderen führten seit langem schwelende Partnerschaftsprobleme zu explosiven Zusammenstößen oder auch, in der Gemeinschaft von Reisegesellschaften, zu wahnhafter Eifersucht.
Mit abnormen Verhaltensweisen -- von schweren Depressionen bis zum Suizidversuch -- reagierten vor allem junge Touristen auf belastende Urlaubssituationen. Für sie, die vielfach aus Geldmangel dicht gedrängt in primitiven Gemeinschaftsquartieren oder Zeltlagern hausen, bringen die Ferien offenbar besonders häufig einen Ausnahmezustand, den sie nur unter Streß ertragen -- "in überwärmten, schlecht durchlüfteten oder zugigen Autobussen", "dem Staub und Straßenlärm ausgesetzt" und eingespannt in "ein bis ins kleinste Detail festgelegtes Programm, das dem einzelnen kaum die Freiheit persönlicher Entscheidungen gestattet", wie Professor Prokop notierte.
Doch zum "Wetterwinkel möglicher Krankheiten", formulierte der Hannoveraner Sozialmediziner Professor Manfred Pflanz, werde der Urlaub in vielen Fällen auch, weil sich die Touristen schon bei den Reisevorbereitungen allzusehr verausgabten. In der ersten Urlaubswoche seien sie deshalb; infolge verminderter Widerstandskraft, an Leib und Seele besonders anfällig. Mindestens drei zusammenhängende Wochen sollte, laut ärztlicher Empfehlung, aus diesem Grund ein Erholungsurlaub dauern. Der "Erholungsgipfel", so die Experten, liege meist erst in der dritten Ferienwoche -- er schließt allerdings ein Formtief nach der Heimkehr keineswegs aus.
Denn viele Urlauber, beobachtete der Kölner Psychiatrie-Professor Manfred Bergener, leiden im Anschluß an die Ferien an einem "Holiday-Syndrom": Sie klagen über Schlaflosigkeit. Erschöpfung und unklare Angstzustände und finden nur mit ärztlicher Hilfe ins Normalleben zurück.
Was die Mediziner bei ihren Urlaubspatienten diagnostizieren, erleben nach ihrer Überzeugung, wenngleich abgeschwächt, auch immer mehr Normal-Touristen." Erschöpfung, Hektik und Unlustgefühl", so der Innsbrucker Professor Prokop" "werfen ihre Schatten in den Freizeitbereich hinein."
"Obwohl der Mensch seit Beginn des Jahrhunderts einen Freizeitzuwachs von jährlich etwa 1700 Stunden gewonnen" habe, klagt Prokop, wisse "er nur wenig damit anzufangen" -- "der kostbare Rohstoff Urlaub" könne kaum mehr "sinngemäß verwertet werden".
In der sich formierenden Freizeitgesellschaft, konstatierte Urlaubsforscber Opasehowski" nehme insbesondere der Tourismus immer deutlicher den Charakter einer "Realitätsflucht" an -- einer Massenflucht aus der Alltagswirklichkeit in ein imaginäres Reich der Freiheit.
Ein eindrucksvolles Beispiel dafür liefert laut Opaschowski die "totale Ferien-Philosophie" des "Club Méditerranée". ln einem "künstlich geschaffenen Ferien-Idyll" -- "abgeschlossen und unzugänglich für die einheimische Bevölkerung" -- werde "dem Urlauber hier für drei Wochen das Scheinglück einer befreiten Gesellschaft vermittelt"; in Wahrheit aber biete der "Club" nur den üblichen Ferien-Leerlaut, allerdings virtuos "überspielt, gesteuert und absorbiert ... von den hauseigenen Unterhaltern".
Auch Enzensberger sieht hinter dem exzessiven Urlauber-Reisebetrieb einen Fluchtreflex wirken, der wie er glaubt -- die Bewohner der Industrie-Länder von jeher mit elementarer Gewalt hinaustreibe in die von der technischen Revolution noch nicht zerstörten Regionen.
Nicht zufällig, meint er. sei die Tourismus-Mode zuerst in der seinerzeit führenden Industrienation Westeuropas aufgekommen -- in England, wo der Abstinenzler Thomas Cook 1841 die erste Gesellschaftsreise arrangiert und vier Jahre später das erste Reisebüro der Welt etabliert hatte.
Bis heute haben die romantischen Reisebilder von damals, wie Enzensberger registrierte, ihren Magnetismus nicht verloren, obwohl sie weithin nur noch auf dem Papier der Touristik-Prospekte existieren. Während die Industriegesellschaft immer mehr Zivilisationsflüchtlinge in Marsch setzte, startete sie zugleich eine Hetzjagd, die zunehmend an den Märchen-Wettlauf vom Hasen und dem Igel erinnert.
Wie der düpierte Hase, der nach jeder verlorenen Runde verbissen aufs neue losspurtet, so gibt sich auch das Millionen-Heer der Touristen nicht geschlagen, das mittlerweile zwischen Padua und Palermo, Rimini und Rhodos fast überall die gleichen genormten Auffangstellungen vorfindet -- "ik bünn all dor!"
Und die Realität holt die Urlauber immer schneller ein -- selbst in jenen luxuriösen und entrückten Ferien-Oasen, die inzwischen, etwa in Süditalien, häufig von bewaffneten Patrouillen gesichert und dennoch mitunter von der Mafia geplündert werden,
Geradezu symbolisch markieren die Urlauber-Gettos, oft hinter Stacheldraht und Schlagbäumen, das Ende des ehrwürdigen Klischees vom "völkerverbindenden" Effekt des Reisens. Der Massentourismus, erklärt Verhaltensforscher König, bewirke eher das Gegenteil, nämlich eine "ausgesprochene Abneigung" der Gastgeber-Völker gegen die Ferienreisenden.
Spätestens seit der Alptraumreise der Lufthansa-Boeing "Landshut" nach Mogadischu trübt eine latente Katastrophenangst die Urlaubsstimmung -- die Politik beginnt das Gastrecht außer Kraft zu setzen: Nicht nur arabische Terroristen, auch etwa Italiens und Spaniens Gewerkschaften benutzen die Urlauber längst unverhüllt als Geiseln, als Faustpfand im Verteilungskampf. Bei der Rückschau am Stammtisch wird die Reifenpanne zum Abenteuer
Das mag die Erholung schmälern, doch schwerlich den festen Glauben der Urlauber an den Glück und Freiheit spendenden Ferienzauber. Mit Sicherheit, so wissen die Touristiker, werden im nächsten Jahr noch mehr Reiselustige die Koffer packen und, wie in den letzten Wochen, zermürbt, doch ergeben die Molesten des Massenbetriebs auf Straßen und Flughäfen auf sich nehmen
Denn nach der Rückkehr, wenn der Hund aus dem Tierasyl heimgeholt und die Urlaubsbräune verblichen ist, werden die Reiseerlebnisse, gute und schlimme. wie zu Homers Zeiten zum Gegenstand dramatisierender Erzählungen.
Bei der Rückschau am Stammtisch wird dann etwa die eher mäßige Hotelkost zum täglichen Festschmaus, die Reifenpanne in Jugoslawien lustvoll zum spannenden Abenteuer stilisiert.
Hier finde -- so Psychologe Hahn -- auch Herr Jedermann die für ihn sonst seltene Gelegenheit, sich einmal kräftig zu profilieren: "2000 Kilometer in 20 Stunden", das sei "allemal eine Leistung, von der zu reden sich lohnt".
Enttäuschungen, meint Tourismus-Theoretiker Enzensberger, dürfe der Urlaubsreisende nun mal nicht laut werden lassen -- die Zuhörer würden ihm ein solches ·.Eingeständnis seiner Niederlage als soziales Versagen ankreiden".
So kann die Reisesehnsucht, Selbstbetrug oder nicht, ungestört weiterwachsen. Ein Tourist aus Dortmund beispielsweise, der jüngst in der Türkei niedergeschlagen und ausgeraubt wurde. will im nächsten Jahr wieder zum Bosporus reisen. "Warum nicht", findet er, "gefährlich lebt man heutzutage überall."

DER SPIEGEL 33/1978
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