19.06.1978

Castro gegen Carter: „Eine große Lüge“

Amerikas Präsident behauptete, Washington habe Beweise dafür, daß kubanische Soldaten die nach Zaire eingefallenen Aufständischen ausgebildet und bewaffnet hätten. Doch Carter verheimlichte, daß Fidel Castro ihm mitgeteilt hatte, er habe sich bemüht, die Invasion zu verhindern: Neue Glaubwürdigkeitskrise in Washington.
Der Máximo Lider war in seinem Element. Neun Stunden lang, bis in den frühen Morgen des vorigen Dienstag, redete Fidel Castro auf seine Besucher ein: zwei Kongreß-Abgeordnete aus Washington und, zeitweilig, drei amerikanische Journalisten.
Seine Soldaten, beteuerte der Kubaner immer wieder, seien an der Invasion der Zaire-Provinz Shaba Mitte Mai weder direkt noch indirekt beteiligt gewesen. Er selbst habe vielmehr -- leider erfolglos -- versucht, die Invasion zu verhindern. Wenn irgend jemand etwas anderes behaupte, so sei das "eine Lüge".
Castro: "Keine halbe Lüge, es ist eine absolute, totale, komplette Lüge. Es ist keine kleine Lüge, es ist eine große Lüge. Es ist keine unwichtige Lüge, es ist eine wichtige Lüge."
Der Redefluß des Kubaners, eindeutig für Amerikas Öffentlichkeit bestimmt, markierte einen weiteren und gewiß noch nicht den letzten Höhepunkt in der Auseinandersetzung über die Frage, ob und in welcher Form das kubanische Afrika-Korps in die blutige Shaba-Invasion verwickelt war.
Auf dem Spiel steht die gesamte Entspannungspolitik zwischen Ost und West einschließlich der für beide Seiten als lebensnotwendig anerkannten Rüstungskontrolle. Und auf dem Spiel steht, erstmals wieder seit Vietnam und Watergate, die Glaubwürdigkeit einer amerikanischen Regierung.
Denn die hatte, sechs Tage nach Beginn der Shaba-Invasion. durch einen Sprecher des State Department klipp und klar verkündet, Kuba habe die Rebellen ausgebildet.
Wiederum sechs Tage später präzisierte Jimmy Carter persönlich, "daß Kuba offensichtlich nichts tat, um sie (die Rebellen) am Überschreiten der Grenze zu hindern".
Das schien nur logisch zu sein: Seit, zu Henry Kissingers Zeiten noch, ein kubanisches Expeditions-Korps den Bürgerkrieg in Angola zugunsten des Sowjet-Freundes Agostinho Neto entschied, gilt es für amerikanische Regierungen als ausgemacht, hinter jedweden Unruhen in Afrika die angeblich im sowjetischen Auftrag operierenden Kubaner zu vermuten. Und weil das im Falle Äthiopien und Somalia nachweisbar so gewesen ist, mußte es wohl auch im Falle Shaba so sein.
Da mochte Kubas Außenministerium getrost "kategorisch" protestieren; Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski behauptete, Kuba trage "einen Teil der politischen und moralischen Verantwortung für die Invasion und sogar für die damit verbundenen Ausschreitungen". Lauthals bot Brzezinski dem Senat Beweise an.
Was dann von CIA-Chef Turner geliefert wurde, schien, auf den ersten Blick jedenfalls, das Urteil des Präsidenten tatsächlich zu bestätigen.
Thomas P. O'Neill, Sprecher des Repräsentantenhauses, nach einem Gespräch im Weißen Haus: "Es steht für mich außer Frage, daß der Präsident dem amerikanischen Volk die Wahrheit gesagt hat." Auch Howard H. Baker, Oppositionsführer im Senat, hatte "nicht den geringsten Zweifel" daran. daß Carter die Kubaner zu Recht beschuldigt habe.
Bei genauerem Hinsehen freilich kamen sogar hohen Regierungsbeamten Zweifel an der Stichhaltigkeit des Beweismaterials und an der Glaubwürdigkeit der von Turner bemühten Kronzeugen.
So zeigten Satelliten-Photos Rebellen-Lager nahe der Zaire-Grenze und die Entladung eines kubanischen Schiffes in Angola -- mehr nicht.
Und die Zeugenaussagen stammten nicht von CIA-Agenten, sondern fast ausschließlich aus zweiter oder dritter Hand. von Personen, die Turner etwa so beschrieb: "Ein Mann, von dem man annimmt, er sei einer der aufständischen Invasoren gewesen, der verwundet und als Gefangener im Hospital verhört wurde."
Auf Betreiben des Senators McGovern ("Ich halte die Zeugen für zweifelhaft") ließ sich der Außenpolitische Ausschuß des Senats schließlich von der Regierung das gesamte Beweismaterial vorlegen.
Und da zeigte sich, daß die Administration einiges verschwiegen hatte, nämlich die zweite Hälfte einer Erklärung, die Castro bereits am 17. Mai, also zwei Tage vor der ersten offiziellen Anschuldigung Kubas durch das State Department, gegenüber dem amerikanischen Chefdiplomaten in Habana, Lyle Lane, abgegeben hatte.
Inhalt: Er, Castro, habe mehr als einen Monat lang -- wenngleich vergebens -- versucht, durch Einschaltung des damals leider erkrankten Angola-Präsidenten Neto die bevorstehende Shaba-Invasion zu stoppen.
Das stand nun doch zu deutlich im Gegensatz zu Carters späterer Behauptung, Kuba habe "offensichtlich nichts" getan, den Einmarsch der Rebellen zu verhindern.
Und das warf dann auch die Frage auf, warum die Regierung Carter aus Castros Erklärung nur den Teil übernommen hatte, der ihr gefiel: daß nämlich der Kubaner von der geplanten Invasion schon vorher gewußt habe.
Verschreckt erklärte ein hoher Beamter des State Department, Washington habe der Beteuerung Castros nicht geglaubt und deshalb Teil zwei der Erklärung zurückgehalten. um den Kubaner nicht als "Lügner" bezeichnen zu müssen.
Carters Pressesprecher Jody Powell wurde da schon deutlicher: "Ich weiß von keiner Pflicht dieser Regierung, alle privaten Erklärungen in einem öffentlichen Forum bekanntzumachen"
Die schnoddrige Antwort warf eine neue Frage auf: War. in dem chaotischen Durcheinander, das in der amerikanischen Außen- und vor allem Afrika-Politik herrscht, der Präsident überhaupt über den Inhalt der Castro-Erklärung in vollem Umfang unterrichtet gewesen, als er dem Kubaner öffentlich vorwarf, nichts zur Verhinderung der Invasion getan zu haben?
Bis Mitte voriger Woche schien es, daß Carter seine Anklage lediglich auf zusammenfassende Ausarbeitungen seiner Mitarbeiter stützte. Und die hatten offenbar nur zitiert, was ihnen gefiel.
Unverständlich blieb dabei vor allem, wie Carters Berater glauben konnten, der zweite Teil der Castro-Erklärung vom 17. Mai lasse sich auf Dauer unterdrücken, Das zeugte, ein weiteres Mal, von der außenpolitischen Unerfahrenheit der Carter-Mannschaft -- und völliger Fehleinschätzung des Máximo Lider in Habana.
Der Kubaner, das hätte ihnen jeder Castro-Kenner sagen können, mußte alles daransetzen, die Welt mit seiner Version der Ereignisse vertraut zu machen -- nicht zuletzt, weil er aufgrund der nun schon drei Jahre währenden amerikanischen Behauptung, Kuba sei lediglich ein willenloser sowjetischer Satellit, der für Moskau Stellvertreter-Kriege führe, um seine Position als einer der wichtigsten Sprecher der blockfreien Staaten bangt.
Außerdem liegt den Kubanern daran, das Verhältnis zum Nachbarn USA, der sich durch Kubas Afrika-Abenteuer provoziert fühlt, nicht über Gebühr anzuspannen. So meldete "Newsweck", bei einem Gastspiel des kubanischen Nationalballetts in Washington habe sich ein kubanischer Diplomat bei einem US-Kollegen beschwert: "Warum reiten Sie immer auf unserer Afrika-Sache herum? Warum sehen Sie nicht mal auf die Deutschen?" -- gemeint war das 4500 Mann starke "Afrika Korps" (so "Newsweek" auf deutsch), das die DDR angeblich in den Staaten Afrikas stehen hat.
Als sich die Regierung in Washington noch wand. wie sie auf den Vorwurf reagieren solle, Beweismaterial unterschlagen zu haben, ging Castro denn auch zum Angriff über und zieh die Amerikaner der Lüge, nicht den Präsidenten, der an einer Annäherung zwischen Kuba und den USA interessiert sei, nicht Amerikas Außenminister Vance "der eine konstruktive --- vernünftige Haltung zu den Problemen" einnehme, nicht Washingtons Uno-Botschafter Andrew Young, "der anständig und nett zu uns ist",
Gelogen, so Castro, werde von "irgend jemandem in der Administration, der den Kongreß und den Präsidenten manipulieren will".
Der Schurke konnte für Castro nur Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski sein. Castro: Die amerikanische Version der kubanischen Rolle in der Shaba-Invasion "war eine fabrizierte Lüge, fabriziert in Brzezinskis Büro".
Vielleicht war Castro mit diesem persönlichen Angriff zu weit gegangen, denn nun kam sogar die sonst stets auf Enthüllung bedachte "Washington Post" ihrer Regierung mit einem Leitartikel zu Hilfe: Castros "Verleumdung eines einzelnen Beamten" sei "gehässig -- und durch nichts begründet".
Und sogar Andrew Young, sonst eher ein Kritiker Brzezinskis, unterstützte nun dessen Verurteilung der sowjetisch-kubanischen Rolle im Zaire-Konflikt. Er hätte, so Young, vermutlich lediglich weniger scharfe Formulierungen gewählt als Brzezinski.
Im übrigen, fügte er hinzu, "bin ich sehr zufrieden mit der Art, wie sich die Dinge in Afrika entwickeln ... Wir haben keine Afrika-Politik gehabt, aber jetzt zeichnet sich eine ab, und ich billige sie".
Wie diese Afrika-Politik aussieht, hat bisher aber offenbar nur Andrew Young erkannt. Das Hin und Her in Washington zeigt bislang nur, daß die USA noch immer nicht wissen, was sie von der sowjetisch-kubanischen Aktivität in Afrika halten und wie sie darauf reagieren sollen.
Jimmy Carter, auf seiner Pressekonferenz am vorigen Mittwoch befragt. ob er denn nun Castro für einen Lügner halte, wich aus: "Ich habe wirklich kein Verlangen, über die Massenmedien einen öffentlichen Disput mit Mr. Castro anzufangen."

DER SPIEGEL 25/1978
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