12.06.1978

Magier im geplanten Chaos

Weil sein nächstes Großprojekt "La Città della Donne" finanziell noch immer nicht steht, hat Federico Fellini eine "kleine Sache, die kaum was kostet", vorgeschoben. In der römischen Filmstadt Cinecittà dreht er zur Zeit "Die Orchesterprobe". eine Produktion des italienischen Fernsehens, an der die Münchner "Albatros Film" als deutscher Partner beteiligt ist.
Dabei mag Fellini das Fernsehen gar nicht. Es sei bebilderter Rundfunk, meint er, habe mit Film so gut wie nichts zu tun und belästige die Leute eigentlich nur mit seiner permanenten Neugier und unstillbaren Interview-Wut. Doch die italienische Filmkrise zwingt ihn, vorübergehend auf den Bildschirm auszuweichen. Schlechte Zeiten für einen Regisseur, dessen Phantasie so überbordend wie kapitalintensiv ist.
Bei der "Orchesterprobe" will sich Fellini nun strikt an den vorgegebenen bescheidenen Rahmen eines kaum mehr als einstündigen Fernsehfilms halten. Statt großer Stars hat er sich jene Gruppe kauziger Kleindarsteller zusammengeholt, die vereinzelt bereits in seinen früheren Filmen auftauchen. Er filmt in einer einzigen Dekoration und leistet sich lediglich den Luxus, mit dem kinoüblichen 35-Millimeter-Format zu drehen.
Ein fertiges Drehbuch gibt es nicht, lediglich eine vorgegebene Situation, die sehr viel Raum für Fellinis Improvisationskunst läßt. In einer verlassenen Kirche probt ein Orchester für einen Konzertabend und wird dabei von einem Fernsehteam beobachtet. Die einzelnen Musiker geben wortreich-eitle Statements ab und preisen ihr schon fast erotisches Verhältnis zu ihren Instrumenten, das in krassem Gegensatz zu ihrer von Pensionärsträumen und Gewerkschaftsforderungen überschatteten Arbeitsmoral steht.
So bewegen sich die Proben auch ständig am Rande des Chaos, der Dirigent versinkt zusehends in Verzweiflung, die er durch gelegentliches Duschen zu lindern sucht. Zudem beeinträchtigt von außen eindringender Baulärm die nötige Konzentration. Nichts paßt mehr zusammen, bis schließlich unvermittelt ein Abreißbagger mit seiner Betonbirne eine der Mauern niederwalzt. In der dichten Staubmasse findet sich das Orchester erstmals zusammen. Die Musiker versuchen, laut Vorlage, "die Bewegung des Dirigenten zu erkennen, die letzten differenzierten Botschaften aus einer Welt der Harmonie, die schon verschwunden ist".
Ein aufs Orchesterformat verkleinertes Theatrum mundi also? Fellini redet ungern über kulturkritischen Hintersinn. Es habe ihn schon immer verwundert, zu sehen, wie sich eine Gruppe vollkommen verschiedener Menschen zur Realisierung einer musikalischen Idee zusammenraufen müsse. Aus dem blanken Widerspruch zwischen der hehren Welt musikalischer Harmonie und der von Gezänk und Hinterhältigkeit geprägten Handwerkerarbeit sprühen komödiantische Funken.
So offensichtlich die Parallelen zur Produktion eines Films auch sind -- Fellinis Dreharbeiten verlaufen in einer von zärtlicher Harmonie geprägten Atmosphäre. Wie ein milder Zirkusdirektor agiert er inmitten dieser bunt zusammengewürfelten Darsteller, von denen kaum einer je ein Instrument in der Hand gehabt hatte. Keine Bewegung, kein Detail. das er nicht selber vorspielt.
Immer und immer wieder probt er etwa, wie sich ein Cellist, der aussieht wie ein wegen Boogie-Mesalliancen abgedankter Tangokönig, am Hintern zu kratzen habe. Die Ergebenheit des Teams basiert auf Fellinis magischer Faszination, die niemals autoritäre Tricks benötigt.
Es gibt Regisseure, denen die Dreharbeiten nur ein lästiges Bindeglied zwischen Drehbuchschreibe und Montage sind. Ganz anders Fellini: Er klammert sich an kein Buch, hat den Film im Kopf und sieht sich deshalb auch niemals die Muster, das bereits abgedrehte Material an, bevor er in den Schneideraum geht. Es könnte ihn beeinträchtigen, meint er. Auch die Dialoge entwickelt er hauptsächlich erst im Moment der Aufnahme. Während des Drehens spricht er den Darstellern die Sätze vor oder läßt sie einfach plappern und legt ihnen erst bei der Synchronisation die richtigen Worte in den Mund.
Das erfordert allerdings eine bereitwillige Harmonie zwischen ihm und seinen Akteuren. Die altgedienten Mitglieder des Zirkus Fellini sind eingestimmte Instrumente seiner Virtuosität. Neulinge haben es da schwer, zumal wenn ihnen auch noch die mediterrane allegria abgeht.
Der Hamburger Schauspieler Balduin Baas beispielsweise findet sich da kaum zurecht. Er spielt den wichtigen Part des Dirigenten. Fellini hat noch nie mit ihm gearbeitet, engagierte ihn nur nach Photographien. Am ersten Drehtag stellt sich heraus, daß Baas nicht nur nicht dirigieren kann, sondern daß es ihm unmöglich ist, Musik in Körperbewegungen umzusetzen. Er hält den Taktstock wie ein Anstreicher seinen Schlabberpinsel. Ein Dirigent, der hinter der Kamera die Bewegungen vormacht, bemüht sich vergebens. Baas wird nervös, verkrampft sich zusehends bei jeder Aufnahme.
Da läßt Fellini heimlich einfach die Proben mitdrehen, und Baas, der nicht weiß, daß gefilmt wird, lockert sich, bringt zumindest 50 Prozent des Erwünschten. Der Rest läßt sich durch geschickte Montage vertuschen.
So schmilzt selbst hanseatische Steifheit, ohne daß ein wütendes Wort fällt, iu knetbarem Wachs, das geplante Chaos der Orchesterprobe ist gerettet. Auf Fellinis Magie ist Verlaß.

DER SPIEGEL 24/1978
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