17.04.1978

POPMUSIKUnterm Bett

In einer 17teiligen Fernsehserie und im dazugehörigen Buch „All You Need Is Love“ werden 100 Jahre Popmusik dargestellt.
Am 25. Juni l967 ging, wirklich einmal, eine Melodie um die Welt. Zahlreiche Nationen hatten ihre Fernsehnetze über Satelliten zum Programm "Our World" zusammengeschaltet. Als englischen Beitrag sangen die Beatles, für 700 Millionen Zuschauer, den eigens dafür komponierten Song "All You Need Is Love". Für den britischen Journalisten Tony Palmer, heute 34, war dies "der Höhepunkt in der Entwicklung der populären Musik".
Jetzt kündigt "All You Need Is Love" abermals weltweit eine TV-Sendung an -- als Erkennungsmelodie der Serie gleichen Namens über die Geschichte der Popmusik. In mehr als 27 Ländern werden die 17 Folgen von 55 Minuten Länge ausgestrahlt, darunter in den USA, in Neuseeland und dem sozialistischen Polen. Bei der westdeutschen ARD hat die Reihe am vergangenen Sonntag um 17.35 Uhr begonnen; Bayern 111 wiederholt sie im Abendprogramm.
Das deutsche Fernsehen hatte schon öfter (etwa in der Serie "Sympathy for the Devil") zu historischen Exkursen in Jazz, Blues, Rock und Soul gebeten: mal oberlehrerhaft, mal politisch-polemisch. Niemals aber wurden Facts und Gags, Anekdoten und Histörchen aus einem Jahrhundert Popmusik zu einer so informativen und unterhaltsamen TV-Revue verknüpft.
Für rund zehn Millionen Mark, die zum Teil von den Musikkonzernen EMI und Polygram aufgebracht wurden, drehte Tony Palmer fast drei Jahre lang in den Zentren des Schaugeschäfts und in Slums. Mit einer 60köpfigen Crew suchte er auf afrikanischen Savannen und amerikanischen Baumwollfeldern, in Kneipen und Filmarchiyen nach Wurzeln und Preziosen der populären Musik.
Mehr als 750 Stunden Film wurden besichtigt, rund 4000 Tondokumente ausgewählt. Darunter sind Kostbarkeiten wie eine Minstrel-Show aus dem frühen amerikanischen Tingeltangel, seltene Aufnahmen von Billie Holiday, Fred Astaire, Irving Berlin, Judy Garland und den Beatles sowie Interpreten-Porträts, die es angeblich gar nicht gibt: Wer wußte schon, daß der legendäre Folklore-Sänger Woody Guthrie je vor einer Kamera musiziert hatte? Eine Filmrolle mit Improvisationen des genialischen Saxophonisten Charlie Parker, sagt Palmer, "haben wir einem Fan buchstäblich unterm Bett weggeholt".
Wie Show-Leute sich die Geburt eines Songs vorstellen, wie sie auch dies sogleich naiv zur
Schau stellen, zeigt eine amüsante Hollywood-Sequenz: Das berühmte Musical-Team Richard Rodgers und Lorenz Hart ("The Lady Is A Tramp") hockte sich nach dem enttäuschenden Besuch bei einem Musikverlag an den New Yorker East River; Texter Hart ließ seine Blicke über die Skyline schweifen und trällerte: 2Well take Manhattan, the Bronx and Staten Island too ..."
Ob Blues oder Ragtime, Jazz oder Show, Musical oder Rock -- in all diesen unterschiedlichen Stilformen seit der Sklavenbefreiung 1865 ist nach Palmers These das Grundproblem für die Macher gleich geblieben: der Konflikt zwischen Qualität und Kommerz. In seinen Sendungen bringt er dafür Belege, die den Zusammenhang aller Pop-Stile beweisen sollen, und rechnet mit den Geschäftemachern ab.
Über alle Sozialkritik und Belehrung hinaus ist Palmers Serie aber auch als bloßes Spektakel zu genießen. Der an der Regiekunst von Ken Russell und Stanley Kubrick geschulte Filmemacher, der immerhin mehr als 30 Dokumentarstücke zum BBC-Programm beigetragen hatte, nutzte viele Aufnahme und Schnitt-Tricks.
Zur Charakterisierung mancher Rockmusiker verwendete Palmer ein Froschaugen-Objektiv: Bei Kameranähe blähen sich die Gesichter zur Karikatur. Wenn die "Staple Singers" gospeln: "When will we get payed" (Wann werden wir endlich bezahlt?), schneidet er zwischendurch auf offenbar streikende Südstaaten-Neger, die von Polizisten zusammengeknüppelt werden. Und hat er einmal, wie beim Musical "Chicago", keine Bühnenaufnahmen verfügbar, so läßt er einfach Standphotos zum Songrhythmus tanzen.
Weniger überzeugend wirken die journalistischen Tricks, mit denen sich der Autor als Experte und Legendenkiller interessant zu machen versucht. Daß der Jazz ausschließlich in New Orleans entstanden sei, daß ein Bandleader namens Alexander den Ragtime kreiert habe: Dergleichen von Palmer angeblich korrigierte Irrtümer waren längst vor ihm aus der Pop-Publizistik verschwunden.
Im Bild läßt Palmer vor allem jene Gewährsmänner zu Wort kommen, die ihm die besten Anekdoten liefern. Pop-Erfolge wie das Glenn-Miller-Orchester oder das Musical "My Fair Lady" werden gegenüber dem Swing-Bandleader Artie Shaw und dem Musical-Regisseur Rouben Mamoulian ("Oklahoma") schlicht unterbewertet.
Auch einige Fehler schleichen sich ein, einige mehr noch in dem aufwendig illustrierten Buch, das bereits zur TV-Serie erschienen iSt**. Zudem leidet die deutsche Ausgabe von "All You Need Is Love" an Übertragungsschnitzern. Über Jimi Hendrix heißt es beispielsweise im Original, er habe "auf seiner Gitarre masturbiert". Auf deutsch wurde ein sexueller Soloakt daraus. Die bekannte "Average White Band" gilt den Übersetzern bloß als "irgendeine weiße englische Band",
Die Bearbeiter der Fernsehserie haben derlei Nachlässigkeiten vermieden. Sie schickten den Musiker George Gruntz, Programmchef der Berliner Jazztage" quer durch die USA und ließen ihn an 25 Drehorten, unroutiniert und mit windzerzaustem Haar, fachlich korrekte Zwischentexte sprechen.
Tony Palmer kann mit dieser TV-Edition seiner imponierenden Materialsammlung zufrieden sein. Er hat sich, am Thema Popmusik wohl eher journalistisch als musikbistorisch interessiert, inzwischen ehrwürdigeren Projekten zugewandt: zunächst einer sechsteiligen Serie über Richard Wagner; danach plant er eine Opernregie.

DER SPIEGEL 16/1978
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