05.06.1978

PRESSESozusagen ausgeliefert

In einer Studie haben Münchner Forscher die publizistische Monopol-Stellung eines bayrischen Provinzblattes analysiert. Nach Einspruch des Verlegers blieb die Untersuchung unveröffentlicht.
Die Leser des "Donau-Kurier" ("DK") im bayrischen Ingolstadt stießen letzten Monat im Lokalteil ihrer Zeitung auf eine mysteriöse Meldung: Kurier-Verleger Wilhelm Eugen Reißmüller, 66, habe, hieß es da knapp, eine einstweilige Verfügung gegen eine "Schmähschrift" erwirkt und die Verbreitung bestimmter Behauptungen verbieten lassen.
Vom Gegenstand des Verfahrens erfuhren die "DK"-Leser nichts: Eine satirische Zeitschrift aus München, der "Bayerische Informationsdienst" ("BID"), hatte in einem Bericht über "Reißmüller -- eine Karriere" die Vergangenheit des Verlegers untersucht, wobei dem Blatt freilich ein Fehler unterlaufen war: Das einstige NSDAP-Mitglied Reißmüller war 1946 nicht, wie "BID" behauptet hatte, als "Belasteter", sondern als "Entlasteter" entnazifiziert worden.
Der Streit um die ein Dritteljahrhundert zurückliegende NS-Vergangenheit des Lokalverlegers wäre belanglos
wenn der "BID"-Prozeß nicht auch ein Beispiel für die zumeist erfolgreichen Bemühungen Reißmüllers wäre, unbequeme Veröffentlichungen über ihn und seine erstaunliche Meinungsmacht im Bayrischen zu blockieren.
Der wohl aufschlußreichste Beleg ruht, bislang unveröffentlicht, im Archiv des Münchner Instituts für Kommunikationswissenschaft: eine längst fertige Studie über den "Donau-Kurier Ingolstadt, eine Zeitung mit Lokalmonopol" (Titel).
Die Untersuchung, die vom Bundespresseamt in Bonn finanziell gefördert worden war, verdeutlicht am Beispiel Ingolstadt die Folgen eines Phänomens, das mittlerweile rund 40 Prozent der Bundesbürger betrifft: Das anhaltende Zeitungssterben hat dazu geführt, daß von Jahr zu Jahr weniger Westdeutsche die Chance haben, sich aus mehr als einem Blatt über lokales Geschehen zu informieren. Bei vielen Lesern sei, so die Fachzeitschrift "Der Journalist", das Gefühl aufgekommen, "der einzigen Zeitung am Ort sozusagen ausgeliefert zu sein".
Um Meinungen und Mentalität des Monopol-Verlegers Reißmüller zu erkunden, hatte die Münchner Institutsassistentin Petra Dorsch mit ihm ein fünfstündiges Tonband-Interview geführt "ohne Auflagen" für die spätere Band-Auswertung, wie die Autorin Dorsch versichert. Der Verleger, der nach Lektüre des Gesprächsprotokolls "entsetzt" war, erklärte indes, er habe das Interview nur gewährt, um "Basismaterial" für die Studie zu liefern, und warnte den Institutsleiter Professor Otto B. Roegele: Die Bandaufnahme dürfe "in gar keinem Fall veröffentlicht werden", sonst sähe er sich "gezwungen, dagegen Schritte zu unternehmen".
Verständlich, denn Reißmüller war nicht zimperlich gewesen. Bayrische Verlegerkollegen, hatte er ins Mikrophon gesprochen, hätten "von Tuten und Blasen keine Ahnung", erfüllten bloß Repräsentationspflichten und könnten nicht einmal richtig Deutsch; im Deutschen Presserat werde nur "Blabla" geredet; "Donau-Kurier"-Redakteure seien phlegmatisch und pflegten "sogenanntes Gemüsebeetdenken".
Sich selber schätzte Reißmüller in diesem Gespräch stark positiv ein: Man sage, verriet er, an ihm könne man nicht vorbei; wenn er diskutiere, dann so lange, bis die anderen unter dem Tisch lägen; er sei jemand, dem ein "gewisses Pendant" fehle.
Beeindruckt von Reißmüller, einem Onkel des "FAZ"-Mitherausgebers Johann Georg Reißmüller, waren auch die Münchner Zeitungskundler. Ihr Fazit: "Bevor der Stadtrat mit seinen Beratungen beginnt, hat der Verleger sich schon eingeschaltet und mit der Autorität seiner kommunikativen Macht am Telephon oder in Privataudienz seinen Wünschen Nachdruck verliehen."
An ein ehemaliges Stadtoberhaupt, den 1970 verstorbenen Josef Listl, erinnerte sich der Verleger so: Er, Reißmüller, habe mal einen Oberbürgermeister gehabt, den er "auch an das Ruder gebracht" habe. Vom derzeitigen OB Peter Schnell werde er "natürlich oft gefragt". Und auch der Stadtrat lebe vom "Donau-Kurier", "das spüren die da drüben".
Befragt nach den "zehn wichtigsten Personen" der Stadt, nannten 60 repräsentativ ausgewählte Ingolstädter ausnahmslos Reißmüller an erster Stelle, den "ungekrönten König" der Kommune. Einer kommentierte: "Wenn Sie nach den zehn einflußreichsten Leuten fragen, müssen Sie zehnmal Reißmüller schreiben."
Häufig bestimmte, so ein Resultat der Studie, "Angst vor dem Verleger ... das Verhalten der Interviewpartner", von denen einer bemerkte: "Wenn irgend etwas herauskommt, sehen wir uns vor Gericht wieder." Ehemalige "Kurier"-Redakteure bestätigten. "Wenn in Ingolstadt eine Person der Öffentlichkeit von Reißmüller nicht mehr unterstützt wird, muß sie verschwinden."
All das ist für den Verleger "rein gelogen", zumindest "bewußt einseitig dargestellt". Reißmüller ("Ich bin der Motor der Redaktion und kein 08/15-Verleger") sieht in den ungedruckten Forschungsergebnissen eine "gezielte Propaganda gegen mich in meiner Substanz", geeignet, "mein Berufsethos zu untergraben".
Seinen politisch-publizistischen Standort deutete Reißmüller 1972 in einem Jubiläumsartikel an. Da schrieb er über die "bodenständigen Akzente" einer unabhängigen Lokalzeitung und wetterte gegen die "Medienspezialisten der SPD", die eine "Einheitspresse" anstrebten. Denn schließlich sei es, mahnte der Monopolist, "noch gar nicht so lange her, daß wir die äußere Freiheit durch die Gleichschaltung der Presse verloren hatten".
Er muß es wissen: Seinem Schwiegervater, dem Sanitätsrat Ludwig Liebl, der zeitweilig dem NSDAP-Ortsverein vorstand und den NS-Reichsärztebund gegründet hatte, gehörte einst die "älteste nationalsozialistische Provinzzeitung Deutschlands" (laut "Handbuch der deutschen Tagespresse", 1944), der "Donaubote" in Ingolstadt. 1935 übernahm das Parteiorgan nach massiver Pression auch das letzte freie Blatt am Ort, die liberale "Ingolstädter Zeitung", deren Jahrhunderttradition heute der "Donau-Kurier" Reißmüllers für sich beansprucht.
Reißmüller war von 1937 bis 1945 Verlagsleiter des NS-Blattes sowie Mitglied der Reichspressekammer. Salbungsvolle Worte liebte er offenbar damals nicht weniger als heute vor allem an Festtagen. Der "Donau-Kurier" zu Pfingsten 1978: "Wir stehen wieder mitten in einem Beiseiteschieben aller ethischen und moralischen Werte." Diesen Befund unterschrieb Wilhelm Reißmüller mit seinem Namen.
Der NS-"Donaubote" zu Weihnachten 1938: "Danken wir es dem Führer ... Er hat uns auch das Weihnachtsfest wiedergegeben." Das unterzeichnete der Autor mit seinen Initialen: "W. R."

DER SPIEGEL 23/1978
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