21.08.1978

VERBÄNDELeicht lädiert

Der Bundesverband der Deutschen Industrie verabschiedet, nach sechsmonatiger Amtszeit, seinen Präsidenten Nikolaus Fasolt. Nachfolger des glücklosen Fliesenfabrikanten wird Rolf Rodenstock.
Manche der zehn Industriellen, die sich am vergangenen Freitag gegen elf Uhr in der Münchner Isartalstraße einfanden, waren geradewegs aus ihren Urlaubsorten angereist.
Aus Portugal kam Hans-Günther Sohl, Altpräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), vom Genfer See der Chef des Elektrokonzerns BBC, Hans Göhringer, Bauunternehmer Hermann Brunner kam aus Davos, Gastgeber Rolf Rodenstock, Fabrikant der gleichnamigen Brillen, hatte seinen Segeltörn nach Korsika sogar schon Mitte der Woche unterbrochen, um den Empfang des Zehnerklubs in seiner Münchner Firmenzentrale vorzubereiten.
Per Telephon hatte Sohl die Vizepräsidenten des BDI überraschend zu einer Arbeitssitzung gebeten. Der Anlaß: Verbandschef Nikolaus Fasolt war reif für den Rücktritt.
Seine in München versammelten Stellvertreter hörten das "gar nicht einmal so ungern" (ein BDI-Vizepräsident). Denn in seiner kurzen Präsidenten-Zeit hat der Bonner Fliesenfabrikant mehr durch private Probleme als durch spürbare Verbandsarbeit von sich reden gemacht. Und in Kanzler- und Gewerkschafter-Runden fiel Fasolt vor allem durch vornehmes Schweigen auf.
Das Bild des neuen BDI-Präsidenten war schon leicht lädiert, als Fasolt im Frühjahr Massenentlassungen beantragen mußte und seine Hausbanken um Hilfe für sein Unternehmen, das Wessel-Werk, anging. Falsche Produktionsprogramme, Billig-Konkurrenz aus Fernost und Mißmanagement hatten die Fasolt-Firma (Umsatz 1977: knapp 70 Millionen Mark) tief in die roten Zahlen gebracht. Der Firmenchef selber, berichtet das "manager-magazin" in seiner September-Ausgabe, habe dieser Fehlentwicklung weitgehend ahnungslos gegenübergestanden. Im Juni ging dem Fliesenfabrikanten dann gar ein Strafbefehl wegen Steuerhinterziehung zu. Wie eine Hundertschaft anderer Unternehmer hatte der Christdemokrat mit Spenden aus der Firmenkasse die Bonner Opposition bedacht. Die Spenden wurden dabei als steuermindernde Honorare deklariert -- für Scheinleistungen.
Verärgert stellten seine Kollegen in der BDI-Spitze fest, daß Fasolt ihnen vor seiner Bestallung nie von den steuerlichen Fehltritten und seinen betrieblichen Schwierigkeiten berichtet hatte. Um so ungenierter wurde in den vergangenen Wochen im BDI darüber diskutiert.
Bereits beim vorletzten Treffen des Zehnerklubs in der Düsseldorfer Thyssen-Zentrale am 30. Juni berieten die Stellvertreter im Beisein Fasolts über seine Fehlleistungen in Firma und Verband. Dennoch beschlossen sie damals noch, den höchsten Repräsentanten der deutschen Industrie weiter zu stützen. Ein knappes Dutzend Konzerne, darunter Daimler-Benz und Thyssen, erklärte sich bereit, für die Rückzahlung eines Millionenkredits seiner Hausbanken geradezustehen.
Um es dazu gar nicht erst kommen zu lassen, drängten Fasolts einflußreichste Beiratsmitglieder, Hermann Josef Abs und Alfred Herrhausen von der Deutschen Bank, den Präsidenten, sieh künftig mehr um seinen Bonner Betrieb zu kümmern. Abs, der sieben Prozent der Wessel-Anteile hält, hatte Fasolt von Anfang an dringend abgeraten, das zeitraubende Kölner Ehrenamt zu übernehmen.
Solche Sorge um das Wohlergehen des eigenen Betriebes hatte Brillenfabrikant Rodenstock, der vor Fasolt gefragt worden war, von einer Zusage abgehalten. Er könne, schrieb Rodenstock gegen Ende letzten Jahres seinen Vize-Kollegen. den Job erst übernehmen, wenn er seinen 30jährigen Sohn Randolf in die Geschäftsführung des Familienunternehmens eingearbeitet habe.
Am vergangenen Freitag, im Hause Rodenstock, trugen die führenden BDI-Vertreter dem Hausherrn das hohe Amt ein zweites Mal an.
Ganz anders als der durch seine privaten Probleme kompromittierte Fasolt, so meinen Freunde des publizitätsfreudigen Bayern, könne der in Verbandstaktik und Theorie gleichermaßen gewiefte Fabrikant und Wirtschaftsprofessor dem BDI wieder zu höherem Ansehen verhelfen.
Diesmal sagte Rodenstock zu -- obwohl Sohn Randolf seine Tätigkeit in Vaters Unternehmen noch nicht begonnen hat.
"Man kann", philosophierte der designierte BDI-Präsident am vergangenen Freitag, "seinem Schicksal nicht entgehen."

DER SPIEGEL 34/1978
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