21.08.1978

Das Geheimnis der „Scheersberg“

Um 23.15 Uhr landete die letzte aus Rabat kommende Air-France-Maschine auf dem Pariser Flughafen Orly. Einer der letzten Passagiere, die das Flugzeug verließen, war der Europa-Chef des marokkanischen Geheimdienstes, Oberst Habib Budidscha.
Nachdem er Paß- und Zollkontrolle passiert hatte, ging er auf eine Telephonzelle zu. Er wählte eine Nummer und sagte kurz: "Hier ist Ah. Ich habe etwas, das Sie interessieren wird."
Budidscha schwieg einen Augenblick und wartete ab, bis sein Kodename erkannt und der Sinn seiner Worte klargeworden war. "Es lohnt sich, daß wir es noch heute nacht besprechen. Sagen wir: in eineinhalb Stunden bei Ihnen."
Oberst Budidscha hatte gerade eine heikle Mission hinter sich gebracht.
Alle Rechte bei Steinmatzky's Agency Ltd., Israel.
Sein israelischer Kollege und Gegenspieler Mike Binder, Einsatzleiter des Mossad, hatte ihm angeboten, den Marokkanern ein Schiff mitsamt einer Ladung Uran abzukaufen. Die Entscheidung darüber aber konnte nur der Chef des marokkanischen Geheimdienstes, General Oufkir, treffen.
Die Sache hatte freilich einen Haken: Die Uranlieferung, an der die Israelis so intensives Interesse zeigten, war gar nicht für Marokko bestimmt, sondern für die indische Regierung; und die Inder hatten auch bereits bezahlt -- in Gold.
Der Aktion, mit der die Marokkaner Frau Indira Gandhi Uran für ihr ehrgeiziges Atomprogramm verschaffen wollten, lag ein raffinierter Plan zu Grunde. Zunächst hatten die Marokkaner unter dem Namen "Asmara Chemie" in Wiesbaden eine Firma gegründet, deren Geschäftsführer Herbert Schulzen und Herbert Scharf waren. Namens der in Casablanca ansässigen Firma Chimagar kaufte die Asmara ganz offen und ungeniert Uran, obwohl Chimagar noch nie mit spaltbarem Material zu tun gehabt hatte.
Der Kaufvertrag mit der belgischen Société Générale des Minerais wurde am 29. März 1968 unterzeichnet, acht Monate später sollte das Uran in Antwerpen angeliefert werden. Die belgischen Behörden wiesen die Firma Asmara jedoch darauf hin, daß Euratom ihr nie gestatten werde, das Uran nach Marokko zu schicken, wie es geplant war. Nach den Euratom-Vorschriften darf spaltbares Material nicht an Länder außerhalb der Europäischen Gemeinschaft verschickt werden. Und Marokko gehört nicht zur EG. Es fand sich jedoch eine Lücke. Nach Artikel 75 des Vertrags, an den Euratom gebunden ist, darf Uran in ein anderes EG-Land "verlagert" werden, um dort in Spezialbetrieben veredelt zu werden. Das veredelte Material muß dann an die Firma zurückgesandt werden, die es zur Behandlung verschickt hat.
Die Asmara schloß deshalb einen Vertrag mit dem italienischen Farbwerk Saica ab: Die Italiener sollten das Rohmaterial für die Asmara veredeln. War die Mailänder Firma, die noch nie Uran verwendet hatte, über dies merkwürdige Geschäft verblüfft, so ließ sie sich jedenfalls nichts anmerken. Das "andere Produkt", mit dem das Uran vermischt werden sollte, versprach die Asmara zusammen mit dem Uran und genauen Anweisungen zu liefern. Der doppelte Betrug des Obersten Budidscha.
Die Italiener erhielten einen Vorschuß von 12 000 Dollar. Aus Gründen der Sicherheit, so wurde dem Vorsitzenden der Saica mitgeteilt, werde man die 560 Tonnen mit dem "yellow-cake" als "plumbat" (Bleisalz) kennzeichnen. Nach der Verarbeitung solle das Material in denselben Tonnen, in denen es geliefert werde, an die Asmara zurückgehen.
Euratom fand das Geschäft mit Saica in Ordnung und erteilte der Asmara die Genehmigung, das Uran von Antwerpen nach Genua zu verschiffen. Der ursprüngliche Plan der Marokkaner sah vor, das Frachtschiff nicht nach Genua gehen zu lassen, sondern es nach Casablanca umzuleiten, das Uran dort auf ein anderes Schiff zu verladen und es dann nach Indien zu schicken.
Und nun waren also die Israelis dazwischengekommen. General Oufkir wußte, daß eine Änderung der Geheimoperation großen Ärger mit den indischen Partnern bedeuten würde. Doch andererseits: Der Mossad-Funktionär Mike hatte dem Marokkaner vor Jahren einen wichtigen Dienst erwiesen -- Oufkir schuldete ihm eine Gegenleistung.
Oberst Budidscha, der eigens aus Paris nach Rabat geflogen war, um das Geschäft mit Israels Geheimdienst und dessen Chef, General Meir Amit, von Oufkir genehmigen zu lassen, konnte seinen Chef überreden. Die Inder, so argumentierte er, würden es sich gar nicht leisten können, den illegalen Uranhandel öffentlich zuzugeben, und die Verschwiegenheit der Israelis sei ohnehin sicher. Oufkir akzeptierte.
Kaum zwei Stunden nach seiner Rückkehr aus Marokko saß Budidscha in Paris einem ungewöhnlich schwergewichtigen Mann gegenüber, der es sich nicht hatte nehmen lassen, noch mitten in der Nacht seinen Gast zu empfangen: Oberstleutnant Fuad Abd ei-Nasser, Leiter der ägyptischen Gegenspionage in Europa und ein Vetter des Präsidenten. Nasser und Budidscha verstanden sich ausgezeichnet.
Budidscha erzählte dem Ägypter, was die Israelis wünschten. Fuad spürte sofort, daß ihm ein Kuhhandel vorgeschlagen werden sollte. Offensichtlich wollte der Marokkaner ein Geschäft mit den Israelis machen und die Inder betrügen, und jetzt war er dabei, einen doppelten Betrug einzuleiten. Er bot das Uran den Ägyptern an.
Budidscha: "Die Israelis offerieren mir zehn Prozent der Summe, die das Material wert ist. Das sind 350 000 Dollar. Ich könnte es so arrangieren, daß sie es nicht kriegen, und statt dessen könnte es nach Alexandria gehen."
"400 000 Dollar?"
Budidscha stand auf. "Abgemacht." Am 7. November 1968 setzte sich Budidscha wieder mit Mike in Verbindung und teilte ihm mit, daß General Oufkir dem Urangeschäft zugestimmt habe. Jetzt drängte der Marokkaner; er wollte genau wissen, wie die Operation weitergehen sollte. Mike antwortete ausweichend.
"Ein Frachter, die "Scheersberg' wird in Antwerpen die Tonnen mit dem Uran übernehmen. Wer offiziell die Schiffseigner sind, wissen wir. Auch über die Mannschaft sind wir informiert. Es ist kein Marokkaner dabei. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie dafür sorgen könnten, daß man auch zwei Ihrer Leute anheuert. Bei dieser speziellen Art Fracht wird sich das ohne weiteres begründen lassen." "Ihr werdet als
Frachtgut verladen."
Der Oberst begriff sofort. "Sprechen Sie ruhig aus, worum es Ihnen in Wirklichkeit geht. Denn Sie wollen doch nicht im Ernst, daß Ihnen zwei meiner Leute in die Quere kommen!"
Mike: "Also gut. Ich möchte, daß Sie mir zwei Sätze original marokkanischer Seemannspapiere überlassen. Amtlich abgestempelt. Ich würde sie in Marseille abholen lassen."
"Dann müssen Sie mir Paßphotos der beiden Männer geben."
Mike spürte eine Gefahr. Er wußte, daß der Oberst unaufrichtig war, und auf gar keinen Fall durfte er das Leben zweier seiner besten Männer aufs Spiel setzen.
Ich sehe zu, daß Sie die Photos bekommen ... in Marseille", sagte Mike gleichgültig. "Ich schicke jemanden hin, Sie bestimmen den Treffpunkt."
Beide erhoben sich. Sie gingen auseinander, ohne sich die Hand zu geben.
*
Die kleine Anzeige in der Antwerpener Zeitung mit der gefetteten Zeile "Autowerkstatt zu verkaufen" war eine von Dutzenden in der Rubrik "Grundstücke und Geschäfte", und so überraschte es den Werkstattbesitzer Emile Golder, daß er so bald angerufen wurde.
Der Anrufer ging auf Golders Vorschlag, sich das Objekt erst einmal anzusehen, nicht ein. "Das wäre nur Zeitverschwendung", sagte er. "Ich wüßte nur gern die genaue Größe, Höhe, Breite, Abmessungen des Tors und auch, was für Geräte und Werkzeuge da sind."
Eine Stunde später fuhren zwei Männer in einem grauen Peugeot 404 vor. Der eine hatte dichtes, flachsblondes Haar. Golder sah sofort, daß er der Fachmann war. Der andere hatte ein langes, ausdrucksloses Gesicht.
Der Fachmann besichtigte alles sehr genau. Vor allem prüfte er die Schlösser am Haupttor und an der Hintertür. Auch die Ölgrube und die Luftdruckpumpe besahen sie sich eingehend. Dann entschied der Fachmann: "Ich zahle Ihnen die Pacht für drei Monate bar im voraus."
Noch am selben Abend bog eine Scania-Zugmaschine in die dunkle, menschenleere Straße. Von dem Dutzend Straßenlaternen funktionierte nur eine einzige. Der Lastzug' der einen sechs Meter langen Container transportierte, fuhr langsam zur Einfahrt der Werkstatt.
Zehn Minuten später kam der graue Peugeot 404 und parkte in der Nähe der Werkstatt. Zwei Männer stiegen aus. Sie gingen vorsichtig auf dem unebenen Kopfsteinpflaster. Das Viertel, eines der ältesten und am meisten verwahrlosten der Stadt, war nicht weit vom Hafen entfernt; es roch hier nach Meerwasser und toten Fischen.
Plötzlich hielt am anderen Ende der Straße ein schwarzer Citroen, in dem eine dunkelhaarige junge Frau und ein blonder Mann saßen. Die beiden warteten eine Weile, dann machten auch sie sich auf den Weg zu der Werkstatt. Durch eine verrottete Holztür betraten sie den Hof.
Einer der Männer blieb als Wache zurück, während die anderen zur Rückseite der heruntergekommenen Werkstatt gingen. Sie kannten sich von früher: Sharon Manners, die Agentin; Seev Biran, der Kapitän; Ruby Goldman, der Mechaniker; Benny Arnheim, der Funker; Gad Ullman, der Killer.
"Jetzt wißt ihr, mit wem ihr arbeitet", sagte Mike anstelle einer Einführung. "Und gleich erfahrt ihr auch, warum ihr hier seid."
Dann deutete er auf den Container im Hof. "In den nächsten sechs Tagen müßt ihr diesen Kasten als eure Unterkunft einrichten. Schweißgeräte und anderes Werkzeug sind schon drin. Lebensmittel, Klimaanlage, Vorrichtungen für die natürlichen Bedürfnisse -- alles ist da. Drei Tage lang müßt ihr drinnen bleiben, ehe irgend etwas passiert. Ihr werdet als Frachtgut auf ein Schiff verladen. Zwei von unseren Männern kommen als Mannschaftsmitglieder an Bord. Sie sollen euch aus dem Container rauslassen. Dann übernehmt ihr das Schiff."
Die Besprechung über die technischen Details und den genauen Zeitplan der Operation dauerte bis in die Nacht. Dann trennte sich Mikes Team.
Zwei Männer in Dufflecoats und Rollkragenpullovern verließen den Hauptbahnhof von Marseille. Sie gingen mit ihren abgestoßenen Koffern ein Stück zu Fuß, dann ließen sie sich von einem Taxi zum alten Hafen fahren -- unverkennbar Matrosen.
In einem Restaurant am Quai du Port bestellten die beiden Bouillabaisse, Fruits de mer und, zum Hinunterspülen des exzellenten Mahles, eine Flasche herben Weißwein. Während sie das Hauptgericht aßen, trat ein Kellner an ihren Tisch.
"Darf ich Ihnen als Dessert crème caramel empfehlen?" fragte er lächelnd. Die beiden Männer blickten ihn scharf an. Dann nickten sie, und kurz darauf kam der Kellner mit dem Nachtisch zurück. Als er sein Tablett auf den Tisch stellen wollte, tat er, als verliere er das Gleichgewicht. Nachdem er die Balance wiedergefunden hatte, lag auf dem Schoß des älteren Matrosen ein dicker Briefumschlag.
Der Matrose war der Israeli Meir Azulai, Ausbilder in der Mossad-Abteilung für Sondereinsätze, sein Begleiter, Shauli Mizrachi, gehörte zur Mossad-Abteilung für arabische Angelegenheiten.
Meir öffnete den Umschlag. Er enthielt zwei Ausweise in grünem Plastikeinband: Seemannspapiere mit dem amtlichen Stempel des marokkanischen Innenministeriums. Es würde nicht schwierig sein, die Namen und Daten einzusetzen. Der Oberst von der Pariser Außenstelle des marokkanischen Geheimdienstes hatte seinen Teil der Abmachung erfüllt.
Die beiden Männer verließen das Restaurant und gingen langsam auf den alten Hafen zu. Bis zur Abfahrt ihres D-Zuges nach Paris hatten sie noch zwei Stunden Zeit.
Als sie an eine fast menschenleere Kreuzung kamen, überholte sie ein Mercedes, der kurz vor ihnen bremste. Ehe der Wagen stand, sprangen drei Männer heraus. Sie trugen Berettas mit aufmontierten Schalldämpfern. Der Fahrer blieb hinter dem Steuer sitzen und ließ den Motor weiterlaufen.
Die beiden Matrosen machten einen Satz rückwärts, doch da versperrten ihnen fünf dunkelhäutige Gestalten den Weg.
Budidscha stellt den Israelis eine Falle.
Passanten berichteten später der Polizei, der Kampf sei sehr kurz und ungemein brutal gewesen. Die überfallenen Matrosen seien schließlich zusammengeschlagen und in den Mercedes geworfen worden. Einen toten Angreifer und ein paar Verletzte habe man fortgetragen, während der Mercedes mit quietschenden Reifen davongefahren sei.
In einem streng bewachten Raum irgendwo in Marseille beugten sich wenig später zwei Männer über die grün eingebundenen marokkanischen Seemannspapiere: Fuad Abd el-Nasser. der für Europa zuständige Mann des ägyptischen Geheimdienstes, und Oberst Habib Budidscha, Nassers marokkanisches Pendant.
Wie später festgestellt wurde, befanden sich noch zwei andere Männer in diesem Raum. Es waren gelernte "heavies" -- von Budidscha in der Kunst der Folter ausgebildete Schwergewichtler.
Ihre Opfer waren grausam zugerichtet worden. Meir Azulai war gestorben, ohne ein Wort gesagt zu haben. Shauli Mizrachi, der jüngere, weniger erfahrene Mann, war zusammengebrochen. Er hatte einige Aussagen gemacht. Dann hatte man ihn erschossen.
Der Kunstmaler, der auf der windgeschützten Seite des Schuppens vor seiner Staffelei saß, hatte erst nach einiger Mühe die Erlaubnis erhalten, sich mit seiner Leinwand im Antwerpener Hafen niederzulassen. Ein gutmütiger Polizeibeamter ließ ihn schließlich nach genauer Ausweiskontrolle passieren.
Jetzt arbeitete er mit außergewöhnlichem Fleiß. Er kam frühmorgens, und packte seine Sachen erst wieder zusammen, wenn es dämmerte. Er fertigte zahllose Skizzen an, bevor er eine Leinwand nach der anderen bemalte.
Von Schuppen 17 schien er besonders begeistert zu sein. Von seinem Platz aus konnte er im Innern der Lagerhalle fast jeden Ballen und jeden Container erkennen. Außerdem malte er den langen Kai bis hin zum alten Ölhafen. Manchmal benutzte er sogar einen Feldstecher, um die Einzelheiten besser sehen zu können.
Am 16. November arbeitete er mit besonderer Geschwindigkeit. Es war der Tag, an dem das Motorschiff "Scheersberg" von Rotterdam her eintraf. An diesem Abend brach der Maler früher als sonst auf. Er kam nicht wieder.
In der Autowerkstatt unweit des Hafens befestigten zwei Techniker eines der Bilder sorgfältig an der Innenwand des Containers, der eben auf den Anhänger der Scania-Zugmaschine gehoben wurde.
Nebenan im Büro brüteten fünf Männer über einer der Zeichnungen, die der Maler für sie angefertigt hatte. Immer wieder besprachen sie jede Phase der Operation und versuchten, jeden möglichen Zwischenfall einzukalkulieren.
Kapitän Thomas Green schätzte es gar nicht, mit seinem Frachter "Dominic" so weit von der Haupteinfahrt des Hafens entfernt anlegen zu müssen. Es bedeutete lange Wege, vor allem nachts, wenn man sich in der Stadt amüsiert hatte. Aber es ließ sich nicht vermeiden: Die Uran-Ladungen der "Dominic" wurden immer an abgelegenen, gutbewachten Kais gelöscht. Gelegentlich wurde das Uran von plombierten Euratom-Lastwagen in einen anderen Teil des Hafens gebracht und dort wieder auf Schiffe verladen. So war es auch mit der Ladung am 16. November 1968. Die langen Lkw mit dem Zeichen der Euratom fuhren der Reihe nach vor, wurden mit Uran-Tonnen beladen und fuhren hintereinander zum Güterkai 33-West.
Auf der "Scheersberg", einem in Deutschland gebauten Frachtschiff, das unter liberianischer Flagge fuhr, waren die Arbeitsscheinwerfer schon eingeschaltet worden, ehe die Urantonnen eintrafen. Euratom-Sicherheitspersonal und auch Hafenpolizisten behielten das Schiff genau im Auge.
Die "Scheersberg" verfügte über zwei Laderäume, sie war 80 Meter lang und machte pro Stunde 12 Knoten. Man sah dem ungepflegten Frachter nicht an, daß er erst 13 Jahre alt war. Große Rostflecken verunzierten das Frachtdeck, auch die Seitenwände hatten lange keine frische Farbe mehr bekommen, der Schornstein war gänzlich rußgeschwärzt.
Kein Wunder, daß man sich bei der Hamburger Reederei Aug. Bolten Ww. Miller's Nachfolger gefreut hatte, das Schiff an einen mysteriösen "Herrn aus Nah- oder Fernost" loszuwerden, der aus seiner Brieftasche deutsche Banknoten im Wert von nicht ganz 300 000 Dollar gezogen hatte, um das Schiff für eine Firma namens Biscayne Traders Shipping Gorporation zu erwerben.
Der Erste Offizier, Barney MacDowell, schritt das Deck ab, um die schlecht gewartete Ausrüstung, die unordentlich herumlag, zu prüfen. Von der Reederei, der das Schiff gehörte -- der Biscayne Traders Shipping Corporation -, hatte MacDowell noch nie etwas gehört. Als er in Antwerpen an Bord gegangen war, hatte man ihm nur gesagt, der Reeder heiße Fritz Kopke.
MacDowell sollte das heikle Absetzen der schweren Bleitonnen und mehrerer großer Container im Laderaum der "Scheersberg" überwachen. Mit Enttäuschung wurde ihm bewußt, daß er keine Chance haben würde, in dieser Nacht noch einmal von Bord zu gehen. Der Zeitpunkt des Ablegens war auf der Freistundentabelle bereits eingetragen: 6 Uhr morgens. Das bedeutete, daß sie in etwa neun Tagen in Genua eintreffen würden.
Die Verladung der 560 Bleitonnen, auf denen deutlich das Wort "plumbat" aufgemalt war, ging sehr langsam vor sich. Die Dockarbeiter ärgerten sich offenbar, daß sie von so vielen Wachmännern beobachtet wurden, und arbeiteten mit halber Geschwindigkeit. Selbst das Zählen schien bei einem so einfachen Frachtgut unnötig kompliziert zu sein.
Inzwischen wurden in der nahegelegenen Autowerkstatt die letzten Vorbereitungen getroffen, um den Container für den Einsatz fertigzumachen. Die Außenseiten waren rot gestrichen worden. Dann wurden Lebensmittel-, Wasser- und sonstige Vorräte sorgfältig verpackt.
Der schwarze Citroen fuhr vor der Werkstatt vor. Mike war vor drei Stunden überraschend zu einer Zusammenkunft mit Budidscha gebeten worden. Die Bitte des Marokkaners, ihn noch einmal unter vier Augen sprechen zu können, machte Mike mißtrauisch. Budidscha hatte plötzlich den Zahlungsmodus geändert. Er wollte die Bestechungssumme von 350 000 Dollar nicht, wie vereinbart, auf sein Konto haben, sondern in bar.
Das kam Mike merkwürdig vor. In der Welt der Geheimdienste gibt es keinen Spielraum für Abweichungen einmal getroffener Vereinbarungen. Schließlich waren sie alle Profis, und Profis halten ihr Wort. In der internationalen Spionagegemeinschaft bedeutet schon die bloße Andeutung, jemand sei "nicht vertrauenswürdig", daß keiner mehr eine Abmachung mit ihm trifft -- und daß seine Lebenserwartung sinkt. Budidscha mußte das genausogut wissen wie Mike.
Mike hatte im Café Papillon schon fünf Minuten gewartet, ehe der Oberst eintraf. Sie sprachen kurz miteinander. und dann schob Mike den Koffer, den er zwischen den Beinen stehen hatte, dem Marokkaner zu. Budidscha gab ihm zu verstehen, daß alles in Ordnung sei, und Mike ging.
Auf der Rückfahrt zur Werkstatt fuhr Mike mehrere Umwege und änderte ständig sein Tempo, während Gad Ullman, der ihn zu dem Treff begleitet hatte, unentwegt durch das Heckfenster blickte, um sicher zu sein, daß ihnen niemand folgte. Erst als Mike absolut sicher war, bog er in die verlassene Straße, in der seine Männer auf ihn warteten.
Er parkte seinen Wagen neben dem Lastzug. Kaum war er ausgestiegen, da schlossen sich die schweren hölzernen Torflügel. Der Mann, der am Eingang Wache hielt, meldete, daß sich nichts Ungewöhnliches ereignet hatte. Die Straße glich einem Friedhof.
In einer Stunde mußte der Container die Werkstatt verlassen. Dem Verladeplan des Frachters entsprechend mußte das Hafentor spätestens um 19.30 Uhr passiert sein. Mike rief das Team im Werkstattbüro zusammen. Überfall auf die Mossad-Werkstatt.
Benny Arnheim, der Funkexperte mit dem Perfektionismus-Tick, nutzte die Zeit, um sein Gerät "noch ein einziges Mal" abzustimmen, "um absolut sicher zu gehen", wie er sagte. Als er behutsam an einem der Knöpfe drehte, schrak er plötzlich zusammen. Schnell hintereinander tippte er verschiedene Tasten an, dann verließ er wortlos den Container, sprang von dem Lastwagen herunter und ging langsam um das Fahrzeug herum, wobei er jede Schraube prüfte.
Die anderen beobachteten ihn verdutzt. Sie sahen, wie er zu Mikes Citroen hinüberging, hineinblickte, nacheinander alle Türen öffnete. Er machte die Motorhaube auf, dann kniete er sich auf den Boden und blickte unter das Chassis. Vorsichtig griff er nach dem kleinen Gerät, das da unter dem Wagenheck steckte: Es war ein Miniatursender. Irgendwo in der Nähe saß also jemand, der Mikes Spur verfolgt hatte.
Benny Arnheim brauchte den anderen nicht zu erklären, was er da in der Hand hielt.
"Wo hast du es entdeckt?" fragte Mike.
"Es steckte unter deinem Hintern", lautete die Antwort.
Mike schlug fluchend mit der Faust auf den Tisch. "Dieser Schweinehund! Deshalb also diese letzte Zusammenkunft ... "Er schickte den Lkw-Fahrer zum Tor, um den Wachhabenden draußen zu unterstützen. Dann sagte er: "Ich erwarte Besucher. Sie können jeden Augenblick hier sein."
Die Stimme des Lkw-Fahrers unterbrach ihn: "Irrtum. Sie sind schon da."
Lautlos kamen sie, hintereinander, auf der anderen Seite der engen Straße. Sie bezogen Position an der Einfahrt gegenüber der Werkstatt. Ein schwarzer Mercedes stand mit ausgeschalteten Scheinwerfern in der Nähe. In der Dunkelheit war es schwierig, die Männer zu zählen, doch den Schatten nach vermutete Mike, daß es sechs Leute waren, die sie überfallen wollten.
Mike gab den anderen seine Befehle. Der Lkw-Fahrer stieg in das Fahrerhaus und löste die Handbremse. Die Klappen des Containers wurden geschlossen. Zwei Männer stellten sich an die Flügel des Holztors, bereit, sie aufzureißen.
Das Holztor schwang auf, als der Fahrer den Motor anließ. Langsam fuhr der Lkw an. Die Scheinwerfer des Lkw blendeten auf, während er direkt auf die Hausmauer gegenüber der Werkstatt zusteuerte.
Die Schießerei begann, als die Vorderräder an die Bordsteinkante auf der anderen Seite der Straße stießen. Der Motor war abgewürgt. Geschosse prasselten an das Fahrerhaus, Glas zersplitterte. Zum Glück hatte auch Mikes Gegner nur Profis eingesetzt. Wie die Israelis benutzten sie Waffen mit Schalldämpfern. Keine Seite wollte, daß sich die belgische Polizei einmischte.
Als alles vorbei war, zählten Mikes Männer sechs Tote. Das Mossad-Team hatte einen Mann verloren -- den Lkw-Fahrer. "Wir befassen uns später mit ihnen", sagte Mike. Er wies Ruby an, die Beschädigungen am Lkw soweit wie möglich auszubessern. "Wir dürfen am Hafentor nicht mit einem Vehikel auftauchen, das wie ein Sieb aussieht", meinte er.
Als sie die enge Straße verließen, waren von dem Kampf, der kurz zuvor getobt hatte, kaum noch Spuren zu sehen. In der Gosse lagen Glassplitter, auf dem Pflaster gab es ein paar Blutspritzer, und die Hauswände und Türen in der Nähe waren von Einschüssen zernarbt, doch in der Dunkelheit war das nicht zu erkennen. Und wenn das Tageslicht kam, würde das Team schon weit weg sein.
Ohne Schwierigkeiten passierten sie die Sperre am Hafen. Mike selbst saß am Lenkrad des Lastwagens. Es war neblig und kalt. Der Wachmann hielt sich mit den Dokumenten, die ihm vor die Nase gehalten wurden, nicht lange auf. Mit geübtem Auge warf er einen Blick darauf, und ohne auch nur seine Taschenlampe auf den Lastzug zu richten, winkte er sie weiter und lief dann zurück in sein behaglich warmes Wachlokal.
Am Schuppen angelangt, beobachteten die beiden Männer im Fahrerhaus des Lastzuges, wie ein Gabelstapler näherkam. Der Gabelstaplerfahrer warf einen Blick auf den Lkw. Offensichtlich war er überrascht: Der neue Container paßte nicht zu der Zahl der Fahrten, die er nach dem Arbeitsplan dieser Schicht zu machen hatte.
Er brachte seinen Gabelstapler neben dem ersten der drei übriggebliebenen roten Container zum Stehen, die noch in die "Scheersberg" verladen werden sollten. Er wollte gerade mit seinem Manöver beginnen, da traf ihn eine Eisenstange im Genick. Der Mann fiel nach vorn, er war nicht tot, würde aber eine Zeitlang bewußtlos bleiben. Sein Angreifer legte ihn behutsam auf den Boden.
Der Gabelstapler hatte jetzt einen neuen Fahrer. Er nahm den für die "Scheersberg" bestimmten Container auf die Gabel und fuhr mit ihm, ohne daß es jemandem auffiel, an eine dunkle Stelle neben dem Schuppen, wo er den Kasten abstellte. Dann kehrte er zu dem wartenden Lastzug zurück und hob den Mossad-Container elegant vom Anhänger herunter.
Zehn Minuten später wurde der Container im Laderaum der "Scheersberg" säuberlich neben ähnlich gestrichene Container gestellt. Zwei Stunden danach war die Beladung des Frachtschiffes beendet.
Die gestempelten Papiere, die der Lkw-Fahrer abgab, als er mit seinem Lastzug den Hafenbezirk verließ, weckten keinerlei Verdacht. Der Wachtposten sah sofort, daß auf dem Anhänger des Lastzuges noch immer der rote Container stand. Die Israelis hatten nach dem Verladen ihres eigenen Containers den für die "Scheersberg" bestimmten, den sie zuvor am Schuppen abgestellt hatten, auf ihren Lastzug gehoben.
"Diese Idioten entscheiden sich dauernd anders", schimpfte der Lastzugfahrer. "Erst sagen sie mir, ich soll ihn heute abend als Sonderlieferung herbringen, und dann muß ich ihn wieder wegfahren."
Der Wachmann nickte mitfühlend. "Mach dir nichts draus. Was willst du denn, du kriegst doch bestimmt Überstunden bezahlt. Also wozu die Aufregung?"
Als sie von der Sperre des Hafenbezirks aus nicht mehr gesehen werden konnten, verließ Mike den Lkw. Seine Stimme war rauh und klang unfreundlich, als er dem Fahrer sagte, er solle zur Werkstatt zurückfahren und mithelfen, das Durcheinander aufzuräumen.
"Ich habe noch etwas Dringendes zu erledigen", setzte er hinzu.
Es war am 17. November um 12 Uhr, rund sechseinhalb Stunden nachdem die "Scheersberg" den Antwerpener Hafen verlassen hatte und aufs Meer hinausfuhr, da beschloß Willem Smitt von der Brüsseler Polizei, sich den schwarzen Mercedes, der mit dem Kennzeichen einer diplomatischen Vertretung in der Rembrandtstraße parkte, etwas genauer anzusehen. Das Ende des
marokkanischen Chefagenten.
Smitt hatte schon vorher gemerkt, daß der Mann am Steuer schlief, und seitdem war er dreimal an dem Wagen vorbeigegangen. Der Polizist trat leise an den Wagen heran und klopfte an die Scheibe. Keine Reaktion.
Jetzt erst fiel dem Polizisten auf, daß der Mann den Kopf recht merkwürdig hielt und seine Lippen blaugrau aussahen. Smitt riß die Autotür auf und drückte vorsichtig auf den Arm des Mannes. Als er ihm dann noch auf die Schulter klopfte, rutschte die Leiche vom Sitz und fiel wie ein Kartoffelsack auf das Straßenpflaster.
In der pathologischen Abteilung der Brüsseler Polizei faßte der diensttuende Arzt auf einer Schreibmaschinenseite zusammen, was die sorgfältige Untersuchung der Leiche ergeben hatte: "Tod infolge Wirbelsäulenbruchs in Höhe des Genicks." Weitere Einzelheiten wiesen eindeutig darauf hin, daß ein heftiger Schlag mit der Faust oder einem Gegenstand das Leben des Opfers abrupt beendet hatte.
Erst abends stand fest, wer das Opfer war: Oberst Habib Budidscha, stellvertretender Kulturattaché der marokkanischen Botschaft in Paris. Im nächsten Heft
Der Kampf der Agenten im Laderaum -- Die Nato sucht nach dem verlorenen Uranschiff -- Wie die "Scheersberg" verschwand

DER SPIEGEL 34/1978
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/1978
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Das Geheimnis der „Scheersberg“