09.10.1978

„Keine Angst vor Krebs“

Die allgemeine Angst vor Krebs ist unbegründet. Sie beruht auf Irrtümern und Lügen. Die meisten Krebsarten sind gutartige Haustier-Krebse. Sie bedürfen keiner Behandlung.
Nur durch seelische oder/und körperliche Mißhandlung entsteht aus dem Haustier-Krebs ein Raubtier-Krebs. Eine der häufigsten Ursachen ist die ärztliche Rabiat-Strategie bei Krebs in Form von Panikmache, Rabiat-Diagnostik und Rabiat-Therapie. Auch ein Raubtier-Krebs ist heilbar, aber nicht mit Rabiat-Methoden.
Krebskrankheit ist eine Krankheit der Seele. Ohne intensive Mitbehandlung der Seele ist eine Krebskrankheit nicht heilbar.
Die Krebspanikmache durch Mediziner ist ein weltweiter Skandal. in einem Juni-Heft 1978 des "Journal of the American Medical Association" heißt es: "Krebsfurcht ist in den Vereinigten Staaten eine epidemische Krankheit." Man muß ergänzen: Nicht nur dort, sondern in der ganzen Welt.
"Eine Schlacht gegen den Krebs verloren." So stand es am 9. Juni 1978 auf der Titelseite einer weltweit verbreiteten deutschen Tageszeitung. Und im
* Beim Betrachten eines Röntgenbildes. Copyright by Molden Verlag, Presserechte: Ferenczy Presse Agentur München.
weiteren heißt es: "Amerika hat im Kampf gegen den Krebs eine Schlacht verloren. Der Kampf endete mit der Niederlage einer übermäßig aufgeblasenen Forschungsmaschinerie, deren Effektivität in keinem vernünftigen Verhältnis mehr zu den aufgewendeten Mitteln stand."
Im Jahr 1971 war der "Krieg" gegen den Krebs von dem früheren US-Präsidenten Richard Nixon verkündet worden. In den letzten fünf Jahren wurden in den USA mehr als vier Milliarden Dollar im Kampf gegen den Krebs ausgegeben. Das Nationale Krebsinstitut wuchs zum größten der elf Bundesgesundheitsinstitute in den USA. Die Bewilligungen an Geldern für das Nationale Krebsinstitut stiegen sprunghaft.
Mit generalstabsmäßiger Planung und dem Einsatz von Techniken des Mondflugzeitalters glaubte man den Krebs innerhalb weniger Jahre in den Griff bekommen zu können." Schon 1976, zum 200. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit, hatte man zuversichtlich gehofft, der Nation den Sieg über einige Formen des Krebses bekanntgeben zu können. Aber tatsächlich waren die in den letzten Jahren erzielten Erfolge minimal. Der Krebs läßt sich nicht wegplanen."
Der Direktor des Nationalen Krebsinstitutes, Arthur C. Upton, gab jetzt die Niederlage des Krebs-Generalstabs bekannt, ohne sie direkt zuzugeben. Man will im Nationalen Krebsinstitut von dem Konzept einer gründlich geplanten Krebsforschung wieder abrücken und sie auf eine "weit verzweigte Forschungsarbeit" umprogrammieren. "Der Initiative -- und Intuition -- einzelner Forscher soll wieder mehr Raum gegeben werden. Der ungebundene Geist eines einzelnen Kriegers ... vermag bisweilen mit weniger Aufwand mehr auszurichten als ein ganzer Stab von Generälen", lautet das Resümee der zitierten Tageszeitung.
Als ich diese "wissenschaftliche Studie -- aufbereitet für Patienten" vor gut zwei Jahren zu schreiben begann, glaubte auch ich noch an die Schulmedizin-These, daß jeder Krebs ein Raubtier-Krebs sei. In keinem medizinischen Lehrbuch steht es anders.
Dabei gibt es in der medizinischen Literatur schon seit Jahrzehnten untrügliche Beweise gegen die Raubtierkrebs-Theorie, das Stützkorsett der schulmedizinischen Rabiat-Strategie.
Der Leser mag sich fragen, wieso gerade ich darauf komme, daß die Krebsthesen der ärztlichen Wissenschafts-Funktionäre falsch sind. Meine Antwort: Viele andere haben das schon längst vor mir entdeckt. Aber sie konnten oder wollten nicht aus der asklepiadischen Eidgenossenschaft ausbrechen. Sie formulierten zu vornehm, zu standesgemäß. Dadurch drang es nicht an die Öffentlichkeit. Sie hatten alle noch etwas zu verlieren, wenn sie sich laut von ihren Kollegen distanzierten.
Ich habe bei jenen Arzt-Kollegen, die über die staatlich approbierten Ärzte herrschen, nichts mehr zu verlieren. Deshalb bin ich in einer besonders glücklichen Situation. Ich kann lauthals die Wahrheit sagen. Und weil ich es kann, muß ich es tun. Alle anderen können sich noch herausreden, ich nicht mehr.
Doch ich will es auch nicht. In den mehr als 30 Jahren meiner ärztlichen Tätigkeit war ich noch nie so glücklich wie heute. Weil ich noch nie so viel für Patienten tun konnte wie jetzt durch meine Fehde mit den Wissenschafts- und Standes-Funktionären der Ärzte.
Krebs ist ein Wort, das Angst und Schrecken verbreitet. Krebs gilt als die letzte Geißel des Raumfahrt-Zeitalters, die Bezwingung der Krebskrankheit als eine der wichtigsten Aufgaben der modernen Technik überhaupt.
Wer wünschte sich nicht, daß es gelänge, die Krebskrankheit auszurotten oder doch ihres Schreckens weitgehend zu entkleiden? Ähnlich wie das für Pest, Pocken, Tuberkulose und viele andere Krankheiten gelungen ist.
Wer könnte mehr daran interessiert sein als ein Arzt, der nur zu häufig mit den fortgeschrittenen Stadien der Krebskrankheit zu tun hatte und miterleben mußte, wie quälend diese Krankheit sein kann und wie machtlos er ihr gegenübersteht? Kein gewissenhafter und mitfühlender Arzt wird durch derartige Erlebnisse abgestumpft. Jedesmal leidet er mit den Kranken.
Ich bin seit mehr als 30 Jahren praktizierender Auch-Krebspatienten-Arzt, habe mehrere tausend Operationen wegen Krebs gemacht und mindestens ebenso viele Patienten an Krebs leiden und sterben gesehen.
Seit mehr als 30 Jahren belastet mich die ärztliche Ohnmacht gegenüber der Krebskrankheit. Von Jahr zu Jahr ist der Wunsch in mir stärker geworden, aktiv mitzuhelfen, auf dem Gebiet der Krebsbekämpfung weiterzukommen.
Mein bisheriger Beitrag zur Krebshilfe steht unter negativem Vorzeichen. Es begann damit, daß ich etwas in Zweifel zog, was eigentlich gar nicht zweifelhaft sein kann: die Nützlichkeit der Krebs-Vorsorgeuntersuchung.
Unter der Überschrift: "Beweis gegen Vorsorgeuntersuchungen" hatte zum erstenmal am 25. Juli 1976 in der "New York Times" der renommierte amerikanische Medizin- Professor an der Havard Medical School in Boston, Dr. Richard Spark. einige Argumente zusammengestellt.
Seine Schlußfolgerung: "Die jährliche Vorsorgeuntersuchung ist nicht für den Untersuchten, sondern nur für den Arzt gewinnbringend. Das gilt jedenfalls für den derzeitigen Stand der Entwicklung. Vorsorgeuntersuchungen sind ein anstrengendes und teures Ritual, das die Erwartungen nicht erfüllt hat."
Auch bei uns hatte es bereits kritische Stimmen gegeben. Dr. Hans-Joachim Schmoll -- ein Kollege des Sozialmediziners Prof. Dr. Manfred Pflanz, Medizinische Hochschule Hannover, des Erstinformanten über den Weltrekord bundesdeutscher Blinddarm-Operateure -- hatte im Februar 1976 (in der "Ärztlichen Praxis") geschrieben:
"Der Autor ist fast geneigt, den Schluß zu ziehen, daß die Nichtteilnehmet" -- an der Krebsvorsorgeuntersuchung -- "die klügeren Leute sind: Sie haben für sich selbst diese Diskrepanz realisiert zwischen dem Anspruch der Krebs-Früherkennungsuntersuchung und der negativen persönlichen Erfahrung mit Bekannten und Verwandten. Das heißt: Der Nachweis der Effektivität steht aus; dieser ist aber eine Grundvoraussetzung für die Teilnahme des Versicherten am Früherkennungsprogramm."
Können Vorsorge-Untersuchungen die Zahl der Krebstoten mindern?
Im September 1976 diskutierten Prof. Dr. Maria Blohmke, Leiterin der Abteilung für Sozialmedizinische Epidemiologie und Arbeitsphysiologie in Heidelberg und amtierende Präisidentin der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin. mit ihrem Mitarbeiter Dr. Ulrich Keil und der Zeitschrift "Ärztliche Praxis" über das Thema "Was ist unsere Krebsvorsorge wert?"
Ergebnis: "Die wenigen Effizienzuntersuchungen. denen die propagierten Krebsvorsorgeprogramme unterzogen wurden, deuten darauf hin, daß weder die Morbidität (= Krankheitshäufigkeit) noch die Mortalität (= Sterblichkeit) der bekämpften Karzinome beeinflußt werden. Für den Epidemiologen ist dieses Ergebnis nicht überraschend: Die Programme wurden ohne Vorprüfung gesetzlich verankert, verursachen enorme Kosten und führen nicht selten zu einer ungerechtfertigten Beunruhigung der Betroffenen."
Abschließend sagte Keil: "Ich möchte hier noch einmal betonen, daß Epidemiologen und Präventiv-Mediziner natürlich nicht gegen die Früherkennung von Krankheiten argumentieren ... sondern die Kritik von epidemiologischer Seite richtet sich allein gegen die bisherige Praxis der Früherkennungsprogramme."
Auch mir geht es vordringlich um die Frage, ob Vorsorgeuntersuchungen eine geeignete Methode sind, die Zahl der durch Krebskrankheit gequälten, verstümmelten und getöteten Menschen wesentlich herabzusetzen. Nur darum geht es und um nichts anderes.
Der Prostatakrebs scheint als Beobachtungs- und Forschungs-Modell für das Verhalten von Festorgan-Krebsen, also den häufigsten Krebsarten -- im Gegensatz zum Fließorgankrebs (im Blut), für den eventuell andere Gesetze gelten -, wegen der Größe und Lage des Organs besonders geeignet. Nichts spricht dafür, daß für ihn andere Gesetze gelten als für Krebs in Magen und Darm, Lungen, Brustdrüsen und Gebärmutter. Diese sind großenteils ebenfalls Drüsenkrebse, Adeno-Karzinome.
Größe und Lage erleichtern die Beobachtung. Die Prostata ist relativ klein und liegt in "greifbarer Nähe". ihr kleines Volumen erleichtert es, kleine Krebsherde zu finden. Mikrokrebse also, die in größeren Organen -- Magen, Lunge, Brustdrüse -- leichter unentdeckt bleiben.
Bei günstiger Lage läßt sich der Krebsknoten in der Prostata fühlen und sein Wachstum mit dem Finger kontrollieren. Die Biopsie-Operation ist einfach. Metastasen sind mit simplen Röntgenaufnahmen leichter und zuverlässiger feststellbar als bei den meisten anderen Organkrebsen, weil sie sich im Knochenskelett absiedeln und bei entsprechender Größe fast unverwechselbare Bilder machen.
Ein Prostatakrebs geht fast immer in die offizielle Sterbeziffer-Statistik ein. Als Modell eignet sich der Prostatakrebs auch deshalb, weil er in seinem bösartigkeitsgrad zu den gefürchtetsten Krebsarten gehört. Gerade diese Krebsform wird propagandistisch besonders bemüht, um die Menschen zur Vorsorgeuntersuchung zu bewegen. Was alles geschieht, um die Männer ab 45 in die Arztpraxen zu treiben, läßt sich nur mit dem Begriff "Prostatakrebs-Panikmache" treffend genug umreißen.
Der Prostatakrebs ist: "Eine Zeitbombe im Gesäß des Mannes. In der Krebsmortalität des Mannes steht das Prostatakarzinom heute an dritter Stel-
* Oben: Forschungsreaktor mit steuerstand: unten l.: Enddarmuntersuchung an narkotisierter Ratte; r.: Entnahme von Hühnerembryonen aus angebrüteten Eiern.
le nach dem Lungen- und Magen-Darm-Krebs." So steht es im Lehrbuch der Urologie von Carl-Erich Alken und seinem Schüler Jürgen Sökeland, dem bereits in 7. Auflage erschienenen, meistverbreiteten urologischen "Leitfaden für Studium und Praxis" im deutschen Sprachraum.
In einem Augustheft 1975 der Zeitschrift "Medizinische Welt" schrieb der Mainzer Urologie-Ordinarius Rudolf Hohenfellner: "Statistisch ist das Prostatakarzinom der zweithäufigste Tumor der männlichen Population (= Bevölkerung) über 40, dem 16 von 100 000 der männlichen Population in Deutschland zum Opfer fallen."
Derartige Warnungen und Drohungen sind im medizinischen Schrifttum an der Tagesordnung. Sie werden von den Informations-Medien gefahrgläubig übernommen und verbreitet.
In Nachwort zu meinem letzten Buch ("Sprechstunde") hieß es: "Vorsicht Arzt! Diese vorsorgliche Warnung sollte neben jedem Arzt- und Klinikschild stehen. Denn viele Ärzte verdienen das Vertrauen ihrer Patienten nicht, jedenfalls nicht in dem Umfang. in dem es gutgläubig entgegengebracht wird.
Solche Sätze wurden zum Teil als starke Übertreibung gewertet. Wozu Ärzte fähig sind, ergibt sich aus einer Handlungsweise im Zusammenhang mit der Programmierung der gesetzlichen Vorsorgeuntersuchung, die man nur unter die Rubrik "Diagnostische Betrugsmanöver" einordnen kann.
Auf die amtlichen Krebsvorsorge-Untersuchungsformulare für Männer wurde als Krebsverdachtszeichen die "Überkastaniengroße Prostata" aufgenommen (siehe Seite 209).
Normalerweise hat die Vorsteherdrüse des erwachsenen Mannes die Größe einer Edelkastanie. Bei sehr vielen Männern ist sie größer. Das gilt besonders ab 50, weil sich hier bei den meisten eine sogenannte Prostata-Hypertrophie, eine Übergröße durch eine gutartige Wucherung der Innendrüse entwickelt (siehe Graphik Seite 209).
Dazu schrieb der West-Berliner Urologie-Ordinarius Prof. Dr. Reinhard Nadel kürzlich: "Das Wachstum dieser periurethralen Gewebe" -- die Innendrüse liegt um die Harnröhre herum (= periurethral) -- "beginnt bereits mit dem 50. Lebensjahr. Wie häufig allerdings das sogenannte Prostata-Adenom ist, kann kaum gesagt werden, da es hierüber keine statistisch relevanten Zahlen gibt und die Angaben in der Literatur außerordentlich schwanken. Man kann wohl davon ausgehen, daß ca. 70 bis 80 Prozent aller Männer nach dem 60. Lebensjahr ein mehr oder weniger großes "Adenom haben."
Entsprechend hat man die Häufigkeit höchstwahrscheinlich auch zu dem Zeitpunkt eingeschätzt, als bundesdeutsche U rologenführer und prominente Arzt-Funktionäre ihre Köpfe zusammensteckten. um das ab 1. Juli 1971 gültige Formular "Krebs-Früherkennung Männer" zu entwerfen.
Dazu Carl-Erich Alken (im "Deutschen Ärzteblatt:) "1970 wurde die Prostatakarzinom-Vorsorge auf dem Ärztetag in Stuttgart programmiert. 1971 wurde sie gesundheitspolitisch realisiert."
Jeder zweite Mann vorn 45. Lebensjahr an -- dem Beginn des Anspruchs auf kostenlose Vorsorgcuntcrsuchung -- könnte vielleicht für die "weiterführende Diagnostik" selektiert werden, wenn die "überkastaniengroße Prostata" als Krebsverdachtszeichen ins Formular kam, mögen die Optimisten unter den federführenden Wissenschafts- und Standes-Funktionären gehofft haben.
Das wären mehr als vier Millionen Männer -- wenn es gelänge, alle Maniier vor der "Zeitbombe im Gesäß" (Alken) gründlich das Fürchten zu lehren. Wenn sich fast alle dem Zeigefinger der zahlreichen Untersuchungs- (und Abrechnungs-)Berechtigten anvertrauten. Jenem Finger, mit dem man nicht
* Die Frage nach "überkastanicugroßer Prostata nein/ja wurde entfernt.
nur fühlen, sondern vor allem auch drohen sollte: "Der gestreckte, erhobene Zeigefinger wurde von Alken nicht zu Unrecht als Symbol für die Vorsorge-Untersuchung gewählt", dozierte der Urologie-Chefarzt Peter Faul ("Medizinische Welt").
Jeder ausreichend informierte Urologe der zivilisierten Welt weiß aber, daß die überkastaniengroße Prostata kein Krebsverdachtszeichen ist.
Warum wohl wurde dieses Symptom in das Vorsorgeformular aufgenommen? Darf man im Ernst annehmen, die verantwortlichen bundesdeutschen Urologen hätten nicht gewußt, daß eine vergrößerte Vorsteherdrüse ebensowenig für Prostatakrebs spricht, wie graue Haare ein Verdachtszeichen für Hirnarterienverkalkung sind?
Was hätten Urologen und sonstige Beteiligte an der "weiterführenden Diagnostik" verdienen können, wenn der Wunschtraum einer fast hundertprozentigen Mobilmachung der Männer ab 45 für die Arzt-Zeigefinger gelungen wäre?
Die Rechnung soll hier nicht weitergeführt, sondern nur eins klargestellt werden: Es war ein Viel-Millionen-Geschäft, das sich bei der Planung 1970 am kalkulatorischen Horizont der Medizin-Funktionäre mit dem Krebssymptom-Betrug "überkastaniengroße Prostata" abzeichnete.
"Viele Millionen Mark
für diagnostisches Betrugs-Indiz."
Fast vier Jahre -- vom 1. Juli 1971 bis 31. März 1975 -- blieb das Krebsverdachtszeichen, das keines ist, auf den Formularen. Wer dafür gesorgt hat, daß es danach gestrichen wurde, ist mir nicht bekannt.
Daß die Rechnung nicht voll aufging, daß trotz massiver Krebspanikmache nur etwa zwölf Prozent der berechtigten Männer von dem kostenlosen Angebot Gebrauch machten, kann man den Verantwortlichen nicht zugute halten.
Auch nicht, daß die ermächtigten Manneskrebs-Vorsorgeärzte nur bei 25 Prozent der Untersuchten eine überkastaniengroße Prostata tasteten -- und nicht (wie zu erwarten) bei mindestens der Hälfte. Was deshalb nicht verwunderlich ist, weil 80 Prozent der Rektaluntersucher zu den weniger Erfahrenen zu rechnen sind: Allgemeinärzte (56 Prozent), Internisten (22 Prozent), Hautärzte (ein Prozent). Im Vergleich zu Urologen und Chirurgen dürften bei ihnen Feinfühligkeit der Zeigefinger, Größenvorstellung von einer Edelkastanie und Umsetzungsvermögen weit öfter Probleme machen.
Nach dem " Battelle"-Bericht* für 1972 stand die Spürsicherheit für über-
* Bericht des Frankfurter Batelle-Instituts über Krebsvorsorge-Programme.
kastaniengroße Vorsteherdrüsen bei den beiden Randgruppen, den Urologen und den Internisten, im Verhältnis 139:81. Sicher hängt das nicht allein mit größerer Geschäftstüchtigkeit zusammen.
Geht man von den Untersuchungszahlen aus -- 1972 0,9 Millionen, 1973 = 1,1 Millionen und 1974 = 1,2 Millionen -, so sind vom 1. Juli 1971 bis 31. März 1975 schätzungsweise vier Millionen Männer vorsorgeuntersucht worden. Bei rund 25 Prozent wurde das falsche Krebsverdachtszeichen gerastet, also bei zirka einer Million Männer.
Wie viele dieser Anwärter für die "weiterführende" Rabiat-Diagnostik von ihren Ärzten dann auch dazu überredet werden konnten, ist aus den Batteile-Berichten für 1972, 1973 und 1974 leider nicht zu entnehmen. Mehrere Hunderttausend dürften es gewesen sein, die unnötig belästigt, gequält, krankgemacht und/oder sogar getötet wurden. Viele Millionen Mark wurden für ein diagnostisches Betrugs-lndii ausgegeben und durch Betrug kassiert.
Angesichts dieser Tatsache mutet es geradezu grotesk an, wenn im letzten Battelle-Bericht zur "Krankheitfrüherkennung Krebs, Frauen und Männer (Deutscher Ärzte-Verlag 1977) steht: "ln diesem Zusammenhang sind schließlich noch Überlegungen zu erwähnen, die Beteiligung" -- an den Vorsorgeuntersuchungen -- "durch finanzielle Anreize zu fördern bzw. die Nichtbeteiligung mit finanziellen Sanktionen zu belegen ..."
Wegen Nierensteinen in die Klinik -- Prostata entfernt.
Man sieht, wie weit es die Med-Mafia-Funktionäre gebracht haben. Wenn das Mode wird, was im letzten Battelle-Bericht diskutiert wird, läßt sich angesichts von 33 Prozent durchschnittlicher Krebshäufigkeit der Männer ab 45 leicht ausrechnen: Entmannung, Blasenverstümmelung oder Ausrottung aller Männer ab 45 in wenigen Jahren.
Wie ich schon in meinen früheren Büchern begründet habe, sagen Krankengeschichten sehr viel mehr Zuverlässiges über den Wert ärztlicher Strategie bei einer Krankheit aus als Statistiken. Das gilt jedenfalls dann, wenn die Patienten oder ihre Angehörigen den Wahrheitsgehalt der niedergeschriebenen Krankengeschichte in allen Einzelheiten kontrollieren können.
Statistiken und daraus abgeleitete Wahrscheinlichkeitsrechnungen könnten zwar eine wertvolle Hilfe für Wertmessung einer Diagnostik- oder Therapie-Methode sein. Ihre Erstellung ist aber mit vielen Fehlerquellen, ihre Auswertung mit vielen Irrtumsmöglichkeiten belastet.
Ihr Hauptnachteil ist die Anonymität und damit die Unkontrollierbarkeit. Das verführt viele dazu, nicht nur sehr oberflächlich zu forschen und unkritisch auszuwerten, sondern sogar derartige Statistiken zu manipulieren. Gründe gibt es dafür in der Medizin sehr viele. Es scheint so, daß in keinem Wissenschaftszweig Forscher und solche, die vorgeben, Wissenschaftler zu sein, in dem Umfange käuflich sind wie in der Medizin. Käuflich im weitesten Sinne des Wortes.
Dabei wird wohl in den seltensten Fällen der Kaufpreis für einen falschen oder irreführenden "Forschungsbericht" direkt ausgehandelt. Im allgemeinen wird er indirekt bezahlt: durch Finanzierung von Forschungsprojekten, deren apparative und personelle Hilfsmittel auch anderweitig verwendbar sind. Durch Bezahlung von Forschungsreisen ins In- und Ausland. Durch Bezahlen der aufgebrachten Arbeitszeit. Durch großzügige Spenden in irgendwelche Fonds. Oder bei Erfolgs-Statistiken über Operationsmethoden durch Privatpatienten und Krankenkassen.
So kommt es, daß Veröffentlichungen in sogenannten wissenschaftlichen Ärztezeitschriften im Hinblick auf die Erfolgsbewertung von Diagnostik- und Therapie-Methoden größtenteils unbrauchbar sind.
Nicht mit Statistiken also kann man beweisen, ob eine Methode gut oder schlecht ist, sondern zur Zeit nur durch die kontrollierbare und ausführliche Beschreibung von Krankengeschichten.
Deshalb beginne ich auch diesmal mit den Krankengeschichten von "Patienten", wobei dieser Begriff in sehulmedizinischem Sinne gebraucht wird: Patient ist jeder, der einen Arzt konsultiert, egal ob krank oder gesund.
Hier die erste von sieben Krankengeschichten: Patient Werner Holbein -- Haustierkrebs seit zwölf Jahren.
Am 14. April 1978 schrieb mir der 64 Jahre alte Architekt Werner Holbein* aus einer westdeutschen Großstadt folgenden Brief:
"Betr.: "Mach aus dem Haustier kein Raubtier."
Bezug: Interview-Veröffentlichung im SPIEGEL vom 27. Februar 1978.
Sehr geehrter Herr Professor Dr. Hackethal!
Die o. a. Veröffentlichung Ihres Interviews veranlaßt mich, Ihnen nachstehende Erfahrungen mitzuteilen:
Im Jahre 1966, also vor zwölf Jahren, wurde ich von meinem Hausarzt bei auftretenden Nierenkoliken in das Josefs-Hospital in X. eingewiesen. Dort wurde bei Narkose ein Katheter eingeführt, und ich wurde die Nierensteine ohne operativen Eingriff los.
Auf dem Flur der Urologischen Abteilung dieses Krankenhauses kam ich mit dem Patienten des Nachbarzimmers ins Gespräch. von dem ich dann erfuhr, daß er aus dem gleichen Grunde wie ich in das Krankenhaus eingeliefert worden war, aber dann durch Operation seine Prostata herausgenommen worden sei.
Auf meine verwunderte Frage, ob er denn Prostatabeschwerden gehabt habe, berichtete er mir, daß dies nicht der Fall gewesen sei, jedoch habe Herr Dr. Gerlach, der Chefarzt der Urologischen Abteilung, gelegentlich einer üblichen Tagesvisite seiner anwesenden Frau erklärt, daß es sich gut treffe, daß sie gerade da sei, weil er ihr zu eröffnen habe, daß bei ihrem Mann die Prostata entfernt werden müsse.
Er pflege es so zu handhaben, den Ehefrauen von betroffenen Patienten das so auseinanderzusetzen, im übrigen sei das Ehepaar ja wohl in dem Alter, in dem man keine Kinder mehr kriege und dergleichen mehr.
ich war über diesen Bericht, insbesondere angesichts der Tatsache, daß der Leidensgenosse keinerlei Beschwerden seiner Prostata erlebt hatte, einigermaßen verwundert und erklärte das diesem Zimmernachharn auch ganz ausdrücklich, worauf er meinte: Was er denn anders habe entscheiden können, wenn dieser Arzt, der doch ein anerkannter Fachmann sei, ihm die Notwendigkeit einer solchen Opereration mit solcher Dringlichkeit vor Augen geführt habe?
Ich hatte diese Geschichte meiner eigenen Frau, die mich besuchte, kaum erzählt, als die Türe aufging und Herr Dr. Gerlach mit Gefolge zur Visite hereinspazierte. Nachdem er meine Frau begrüßt hatte, bat er sein Gefolge hinaus, und es spielte sich nun der gleiche Vorgang ab, den mein Zimmernachbar mir berichtet hatte.
* Die Namen von Patienten, Krankenhäusern und Ärzten wurden vom Autor geändert.
Herr Dr. Gerlach sagte zu meiner Frau, daß es ganz gut sei, daß sie gerade anwesend sei, denn er habe ihr zu erklären, daß eine von ihm während meiner Narkose durchgeführte Routineuntersuchung die dringende Notwendigkeit eines operativen Eingriffs mit Entfernung der Prostata ergeben habe.
Wir seien ja nun beide in einem Alter, in dem man ohnehin keine Kinder mehr kriege und das "sexuelle Element einer Ehe auch keine Rolle mehr spiele" -- Herr Holbein war damals 52 Jahre alt! -, "weswegen die durch Entfernung der Prostata zu erwartende Auswirkung auf die Potenz wohl auch das kleinere Übel sei".
Ich war nun nicht etwa, was sicher viele gewesen wären, angesichts der Parallelität des meiner Frau von mir kurz zuvor erzählten Berichtes meines Zimmernachbarn sprachlos, sondern erklärte Herrn Dr. Gerlach, daß nicht meine Ehefrau, sondern ich alleine über meine Prostata verfüge, und sagte ihm unmißverständlich, daß meine Prostata dort bliebe, wo sie sei.
Herr Dr. Gerlach wurde daraufhin heftig und erklärte mir, daß er dann jede Verantwortung ablehnen müsse, was meine Frage auslöste, worin denn seine Verantwortung bestünde, für meinen Körper sei allein ich verantwortlich.
Die Diskussion wurde schließlich so heftig, daß ich ihm sagte, daß ich meinerseits als Architekt und Statiker wohl genau wisse, was Verantwortung sei, daß ich in der Tat für Fehler sehr hart in die Verantwortung genommen werden könne, er hingegen könne sich seinen eigenen Friedhof leisten, weil es allenfalls bei einer im Bauch eines Patienten vergessenen Operationsschere möglich sei, einen Kunstfehler eindeutig zu beweisen und den dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. "Der Abbau des Lebenswillens war unübersehbar."
Herr Dr. Gerlach legte mir dann in höchster Erregung nahe, sofort "sein" Krankenhaus zu verlassen, was ich dann auch unmittelbar tat. Heute, nach zwölf Jahren (Herr Dr. Gerlach starb selbst bereits vor einigen Jahren), bin ich weiterhin und hoffentlich noch lange ohne jegliche Beschwerden meiner Prostata, von der ich nur weiß, daß ich sie noch habe, und die Sache könnte wohl vergessen sein.
Jedoch war ich vor ein paar Jahren In dem gleichen Krankenzimmer, allerdings nicht als Patient, sondern um meinen Bruder zu besuchen, dem gerade die Prostata herausgenommen worden war,
Ich kam schwerlich darüber hinweg. daß ich durch meine Erfahrung nicht diese Operation habe verhindern können. Ich hatte zu spät, das heißt erst nach der Operation, von derselben erfahren.
Nun, mein Bruder wurde mit einer Infektion der Harnwege durch antibiotika-resistente Bakterien, die sich durch keinerlei Maßnahmen und auch nicht durch Unmengen von entsprechenden Medikamenten und Injektionen beseitigen oder mildern ließ, und als Bettnässer entlassen.
Das seelische Leid, das er erfuhr, auf das Niveau eines bettnässenden Säuglings gekommen zu sein, drückte sich in dem mir gegenüber permanent geäußerten Todeswunsch und seiner an mich gerichteten Bitte, ihm dazu zu verhelfen, geradezu herzzerreißend aus.
Der dieses Thema behandelnde Bericht im SPIEGEL, mit der von Ihnen vertretenen Ansicht, weckt diese Erinnerungen wieder auf, und veranlaßt mich, da ich in meiner eigenen Erfahrung und der meines verstorbenen Bruders Ihre geäußerte Ansicht so sehr bestätigt sehe, Ihnen diesen Brief zu schreiben. Mit freundlichen Grüßen ..."
Ich bat den seit mindestens zwölf Jahren, wenn nicht seit 20 Jahren gesunden Prostatakrebsträger um das Einverständnis zur Veröffentlichung dieses Briefes. Er antwortete, "daß ich selbstverständlich mit der vollinhaltlichen Verwendung meines vorausgegangenen Briefes vom 14. April 1978 einverstanden bin, wobei ich durchaus auch mit meinem Namen dafür stehe. Denn schließlich ist das, was dieser Brief enthält, unbestreitbar und durch Zeugenaussagen jederzeit zu erhärten".
In meinem Zwischenbrief an Werner Holbein hatte ich unter anderem geschrieben: "Wie stand es um Ihre sexuelle Aktivität? (Die Urologen scheinen grundsätzlich davon auszugehen, daß Männer spätestens ab 60 keinen Geschlechtsverkehr mehr ausüben und das auch gar nicht wollen. Sie wissen nicht, daß die sexuelle Aktivität bei vielen über 80jährigen erhalten ist.)"
Die Antwort darauf: "Ich bin medizinisch und biologisch zu wenig vorgebildet und glaube auch im übrigen, daß über Sexualität im Alter die widersprüchlichsten Vorstellungen bestehen. Als ich noch jünger war, hat es mich durchaus interessiert, von älteren Männern zu erfahren, wie das so mit dem Sex im Alter ist. Aber ich fand wenige, die darüber zu sprechen bereit waren. Nur diese Erfahrung macht es mir annähernd verständlich, daß es Urologen gibt, die davon ausgehen, daß ein Mann mit 60 keinen Geschlechtsverkehr mehr ausübt und auch nicht mehr daran interessiert ist. Wenn das aber die Norm wäre, so bin ich die Ausnahme von dieser Regel.
Ich weiß auch nicht, welche Folgen eine Entfernung der Prostata damals in dieser Beziehung gehabt hätte. Aber ich bin froh, die inzwischen vergangenen zwölf Jahre in dieser Hinsicht ungetrübt erlebt haben zu können. Nun bin ich nahezu 65 Jahre alt und zweifellos auch etwas ruhiger geworden.
Das ist jedoch keineswegs ein allgemeines Nachlassen sexueller Potenz. sondern wohl mehr eine Minderung der auslösenden Reizwirkungen, die, für mich gilt das jedenfalls, sehr stark von Jugend und Gesundheit weiblicher Reizeindrücke abhängt.
Meine Frau ist auch 65 Jahre alt, und sie würde gerade diesen Satz nicht gerade mit Begeisterung lesen, obwohl sie sich sagen müßte, daß Naturgegebenheiten sich nun mal nicht ändern lassen. Allerdings gebe ich zu, daß ich mich nicht aufschwingen würde, nach Bangkok zu fliegen, um dort die entsprechenden sexuellen Erlebnisse haben zu können. Aber das würde ich auch heute als junger Mann nicht tun. vor allem wegen der Angst, mir dort eine Syphilis einzuhandeln.
Zusammenfassend kann ich also sagen, daß ich die von Ihnen erwähnte Auffassung von Urologen. daß mit 60 Jahren Sex aufhört, ganz und gar nicht teilen kann."
Auf meine Frage nach dem weiteren Schicksal seines Bruders schreibt Werner Holbein: "Mein Bruder kränkelte dann entsetzlich dahin, wobei die psychische Belastung und der dadurch sich ergebende Abbau des Lebenswillens unübersehbar waren. Er starb schließlich am 23. August 1973, also etwa 14 Monate nach der Operation ...
Er ist regelrecht dahingesiecht und starb, als meine Schwägerin mit ihm zusammen in einen Erholungsort fuhr. Dort angekommen, unternahm meine Schwägerin allein einen kurzen Spaziergang, von dem sie zurückgekehrt meinen Bruder tot auf dem Bette liegend vorfand. Ober die eigentliche Auslösung des Exitus vermag ich daher nichts zu sagen und habe von meiner Schwägerin darüber auch keine genaue Auskunft erhalten und auch nicht erbeten."
Vielleicht interessiert es die Urologen, daß es Männer gibt, die es vorziehen zu sterben, wenn sie zum impotenten Hosen- und Bettnässer operiert wurden.
Im nächsten Heft
Patient Kurt Wolf: Krebsdiagnose Hüh-Hott-Hüh -- Patient Christian Hansen: Heimtückische Entmannung -- Patient Fritz Horn: Bei Star-Patienten Extra-Service

DER SPIEGEL 41/1978
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