22.05.1978

„Der muß wirklich verrückt sein“

Unser Didi sah sehr alt aus. Den letzten kleinen Berg, ganze 344 Meter hoch, hat er kaum noch geschafft. Sein Gesicht war aschfahl, der Schaum vorm Mund an den Lippen schon geronnen. Er atmete rasselnd und stoßweise. Sein Rad pendelte, als sei er betrunken.
Wenn alles mit rechten Dingen zuginge, hätte Dietrich Thurau hinter dem Ziel im Bergdorf Ravello südlich von Neapel einfach umfallen müssen. Beim "Giro d'Italia" ist das nicht möglich. Die Menge keilt den Champion ein, mit ihren Leibern den seinen stützend -- Didi hängt nach links vorn über den Lenker, zwei Minuten lang wird er hin und her geschwenkt.
Er sieht nichts und hört nichts. Hinter verschwollenen Lidern sind die Augen rot und halb geschlossen. Das Geschrei der Zuschauer erreicht ihn nicht.
Die "Tifosi", vom Rennfieber wie von einem Typhus geschüttelt, feiern einen kleinen Italiener namens Beppe Saronni, 20. Dieser Jüngling mit Pubertätspickeln im Gesicht hat Dietrich Thurau gerade sechs Minuten und 50 Sekunden abgenommen und am Vortag ja auch schon 4'17. Nun ist der "nordische Gott" Thurau, der Siegfried, der ausgezogen war, den Giro zu gewinnen, am Boden zerstört.
Einundvierzig Fahrer vor ihm -- drei Dutzend namenlose darunter und der alte Vater Felice Gimondi, 35. Didi reiht mit den Fäusten die entzündeten Augen. Schweiß und Straßenschmutz lassen die tiefen Stirnfalten wie Striemen erscheinen. Geschlagen schon am achten Tag des "Giro d'Italia" -- aber von wem?
"Er hatte heute morgen 38,5 Fieber", erzählt der Flame Willy Jossart, "sportlicher Leiter" des belgischen Thurau-Rennstalls "Ijsboerke". Das würde die schreckliche Niederlage erklären.
Nur: In Wahrheit hatte Thurau gar kein Fieber. Er sah zwar leicht verschwollen aus (wie so oft in letzter Zeit), hatte wohl auch schlecht geschlafen und hustete ein bißchen, mehr nicht. Am Startplatz zog er sich bedrückt in ein Daimler-Benz-Schneckenhaus zurück. Keine Autogramme und nur ein karger Kommentar: "Ich will den Giro gewinnen. Was anderes kann ich mir doch gar nicht leisten."
Das stimmt, Der "Sportler des Jahres" 1977 stand unter schrecklichem Erfolgszwang. Dietrich Thurau muß jetzt für jenen Lorbeer arbeiten, der ihm im letzten Jahr geflochten ward. Damals, als Didi 15 Tage lang das "Gelbe Trikot" der "Tour de France" trug, in drei Wochen zum Liebling der Nation aufstieg, dem Fahrradhandel eine Perspektive gab und allen das Gefühl: Wir sind wieder wer.
Seit den großen Tagen im letzten Sommer sitzt Dietrich Thurau für Deutschland im Sattel. Das hat ihn gezeichnet. Aus dem liebenswerten Jüngling ist ein Mann geworden, ein "Kapitän" mit eigenem Rennstall und neun Wasserträgern, die alle nur auf sein Kommando hören müssen. Ein Bauherr und Autor, im 80 000-Mark-Wagen den Nerzmantel. Breiter in den Schultern, noch dicker an den Schenkeln, im Gesicht um Jahre gealtert.
8000 Mark verdiente er pro Sechstage-Nacht, und der Winter hatte viele Nächte. 24 Wohnungen zählt das Mietshaus, das unser Didi in Frankfurt bauen läßt, und anderswo ein Penthouse -- für ihn, den Dreiundzwanzigjährigen, der jetzt noch bei den Eltern in einer Sozialwohnung lebt.
Um so schnell so hochzukommen, muß man hart treten. Jeden Tag hundert, oft zweihundert Kilometer. Im großen Haufen oder allein gegen die Uhr. Sechsundfünfzig zu zwölf Zähne läßt Thurau auflegen, als das erste Zeitfahren des Giro bevorsteht. 25 Kilometer im zwölften Gang. Diese Übersetzung ist schiere Gewalt. Kein Rennfahrer vor ihm hat sie je über solche Distanz benutzt. 56:12, das bedeutet: Um tausend Meter voranzukommen, muß Thurau nur 101 mal treten. Ex-Weltmeister Rik van Looy, jetzt Freiwilliger im Giro-Tross: "Er muß verrückt sein. Er muß wirklich verrückt sein!"
Er ist nicht verrückt -- nur eben sehr gewalttätig gegen sich selbst. Und dazu an diesem Tag auch noch erfolglos. Am Ziel fehlen ihm neun Sekunden zum begehrten "rosa Trikot" des Spitzenreiters. Völlig kaputt hängt er auf der Wartebank des "Controllo Medico". Er soll unter Aufsicht Urin lassen, doch das dauert, "weil manchmal alles verkrampft ist". Die Harnschau gilt der Doping-"Analisi"' deren Wert sich aus dem Sprachklang dieses Wortes durchaus richtig erschließt.
Den beiden wirklich schlimmen Totmachern kommt die Analisi nicht auf die Spur. Nach dem Nebennierenrindenhormon Cortison wird gar nicht erst gefahndet, weil dessen Abbauprodukte auch normalerweie im Harn vorkommen. Und muskelmehrende "Anabolika" setzt jeder Sportler vor Beginn eines Rennens ab. Die Detailkenntnisse hierzu vermitteln Sportärzte.
"Ich nehme nichts", sagt Didi Thurau, dessen Körperbau einen Anabolika-Verdacht nahelegen könnte und der sich, seit die Infektion in den Bronchien sitzt, auch fragen lassen muß, ob daran nicht Cortison schuld sei.
Das nämlich setzt nicht nur die Leistungsfähigkeit und die Schmerzschwelle der Muskulatur herauf, sondern mindert zugleich die Abwehrkräfte gegen jegliche Keime.
Weil es in den Hotelzimmern der Radsportler immer entsetzlich nach Medizin stinkt, nach Kampfer und Vitamin B, und jeder Masseur einen Handkoffer rezeptpflichtiger Arzneistoffe mit sich herumschleppt, haben die "Giro"-Organisatoren ihre Not, die Eisentreter jeweils im ersten Haus am Platze einzuquartieren. Die Sportlerzimmer müssen vier Tage lang gelüftet werden.
Auch die Küche fühlt sich falsch behandelt: Pedaleure essen morgens und abends jeweils gut 100 Minuten lang ohne Pause, Gang um Gang, und immer dasselbe: Suppe und Sahne, Steak, Reis, Nudeln, Huhn, Joghurt, Kompott, Kekse, Kuchen, Früchte -- rund 3000 Kalorien auf einen Schlag.
Das sorgsam ausgeklügelte Menü wird unterwegs durch kleine Happen ergänzt, die dem bedrohlichen Abfall des Blutzuckers, dem "Hungerast", vorbeugen sollen: Reisküchlein, Omelett, Honig- und Schinkenbrötchen, Ananas, Äpfel und Tomaten. Alles hübsch klein gehalten, damit es vorübergehend in den Rückentaschen des Renntrikots Platz hat.
Der gut gewartete Rennfahrerdarm rührt sich nicht zur Unzeit. Die Blase ist schwieriger zu disziplinieren. Favoriten pinkeln grundsätzlich vom Rad, damit der Konkurrent die Wassernot nicht zur Attacke mißbraucht.
Wenn gespurtet wird, verschwitzt sich ohnehin alles von allein. Dann kommt es nur darauf an, den Vordermann nicht zu verlieren. Der gibt den Windschatten her, und ohne solchen Sog ist jeder, auch der stärkste, bald verloren. Beim Giro hatte Didi Thurau wenig Schatten, stand allzuhell im Licht.
Das macht: Für Didi fährt höchstens seine Mannschaft, solange deren knapper Atem reicht. Auch in seinen kranken Tagen findet sich kein anderer Fahrer, weil der große Deutsche unter seinesgleichen kaum Freunde hat. "Der gibt ja nicht mal einen aus, wenn er sich verlobt", sagt Hans-Peter Jakst, beim Giro mit dabei für den römischen Rennstall "Selle Royal-Inoxpran".
Solche kleinen Gesten könnten jenen großen Schmerz lindern, den alle Berufsradfahrer durch Didis Honorarforderungen erdulden müssen: Weil der Frankfurter immer ganz tief in die Kasse langt, bleibt für die Kollegen wenig übrig. So besehen drückt Thurau -- "Ich will an das große Geld" -- nicht die Veranstalter, sondern seine Sportsfreunde. Auch dafür steht er jetzt im Wind.
In guter Haltung freilich. Von der Niederlage beim Giro wird er sich wohl nicht unterkriegen lassen. Vielleicht kann er Ende August auf dem Nürburgring sogar noch Weltmeister der Berufsradfahrer werden. Die körperlichen Voraussetzungen dazu hat er. Nur fehlt ihm, sagt Ex-Weltmeister Rik van Looy, die vernünftige Lebensplanung: "Nit immer "rumreisen, Interviews, Autogrammstunden, Kirmes. Rennen! Trainiere! Trainiere!" Also muß, meint van Looy, ein besserer Berater her, dazu eine Ehefrau und ein guter Arzt. Noch ist Thurau nicht verloren.
Am Monte Faito in Süditalien -- zehn Kilometer steil bergan auf einem drei Meter breiten Holperpfad -- schlägt er das Angebot, sich beim Fahrer eines starken BMW-Motorrades einzuklinken, glatt aus: "Ein großer Radfahrer hängt sich nicht ein." Dabei ist das gang und gäbe.
Auch der 61. Giro ist nämlich ein durch und durch italienisches Unternehmen. Eine Mischung aus hartem Sport und humaner Schummelei, von manchen Kennern das "irregulärste Rennen der Welt" genannt. Diesmal 3586 Kilometer in zwanzig Tagen, über 31 Pässe, manche 2000 und mehr Meter hoch. Dem alten Felice Gimondi, der die große Doppelschleife durch ganz Italien jetzt zum Vierzehnten Mal bewältigt (und der dreimal siegte), legen, wenn's not tut, am Berg gleich zwei Kameraden die Hand auf den Rücken. Schiebung muß seins
"Der Giro", hat schon vor Jahren Frankreichs "Tour"-Star Jacques Anquetil geklagt, "wird im Fahrstuhl gewonnen." Soll heißen: Heimische Publikumslieblinge können auf Zuschauerhilfe rechnen, manche auf einen Lift von Mann zu Mann. Die Schubkette trägt indes keinen Ausländer nach oben. Gepuscht und gelärmt wird nur für Italien.
Wo soviel Temperament gebündelt ist, hat Trauer keine Chance. Am Tag, als Aldo Moro starb, standen eher noch mehr Zuschauer am Straßenrand als sonst. Wenn gestreikt wird, ist gut Jubeln. Dicke Kapuzinermönche schrien nach "Moser! Moser!", dem italienischen Weltmeister. Von Moro war keine Rede.
Auch am nächsten Morgen fand Vincenzo Torriani nur ein paar leise Worte. Der allmächtige Organisator des Giro (SPIEGEL 27/1952), ein Choleriker von hohen Graden, ließ die 130 Fahrer auf dem Marktplatz der Hafenstadt La Spezia in lockerem Haufen auffahren. Was Torriani flüsterte, war nicht zu verstehen. Heiserkeit, das schlimmste Berufsleiden eines Schreihalses, hat ihm die Stimme genommen. Deshalb verließ er sich, wie auch sonst, auf seine große Trillerpfeife.
Beim ersten Pfiff nahmen die Rennfahrer ihre Mützen vom Kopf, beim zweiten setzten die meisten sie auch wieder auf -- mehr war nicht. Dann ging die Post ab. 183 Kilometer nach Süden, eine "fröhliche Brigade", wie am nächsten Tag zu lesen war. Rechts und links vom Giro brach der normale Verkehr zusammen, mußten schwarze Leichenwagen und Krankenautos mit Blaulicht am Straßenrande warten. Der Giro hat Vorfahrt. Ein Riesenzirkus, bei dem auch die Kleindarsteller wissen, was sie den Massen schuldig sind.
Kommt ein Ort in Sicht, krümmen die Radfahrer den Rücken. Niemand soll denken, daß sie "bummeln". Jeder Fahrer der kopfstarken Begleitkarawane tut das Seine und drückt voll auf Gas und Hupe. Es wird vorgeführt, was das für ein tolles Leben ist, wenn keine Verkehrsregeln mehr gelten.
Dabei gibt der Giro, anders als die "Tour de France", auch dem Laien eine Chance. Niemand hindert die "Dilettanti" am Versuch, ein paar Hundert Meter mitzustrampeln. Keiner scheucht die Kinder weg, wenn sie sich der Rennfahrerkäppis bemächtigen. Weil auch jeder Hund ein freier Italiener ist, kamen einige unter die Räder.
"Wir danken dir, Torriani!" steht alle paar Kilometer auf handgemalten Schildern. Ganz lange drückt der Giro-Imperator in Benevento Didis Hand -- da war das Debakel vom Mittwoch letzter Woche fast schon abzusehen: 500 Meter vor dem Ziel der 10. "Giro"-Etappe stieg Dietrich Thurau, der 23jährige Favorit aus Frankfurt, vom Rad und gab auf.
Dem Vincenzo Torriani, als er zwei Tage vorher den Wagenschlag öffnete und Didi freundlich in die Augen blickte, war wohl schon klar, daß der kühle Blonde aus dem Norden erstens leidend ist und zweitens in Italien nicht siegen kann.
"Das ganze Volk", flüsterte er, "liebt Sie. Bleiben Sie bei uns!" Didi hat gelächelt und dem Torriani was gehustet. ·

DER SPIEGEL 21/1978
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