27.02.1978

SCHWEIZGroßer Manitou

Der Touristen-Kanton Wallis trägt schwer an Korruption. Die dort übliche Vetternwirtschaft weitet sich zur Staatsaffäre aus.
Dieses Land", schwärmte Rainer Maria Rilke in französischen Versen über seine Walliser Wahlheimat, "liegt halbwegs zwischen Himmel und Erde."
Es liegt außerdem zwischen Simplon und Genfer See, besitzt das Matterhorn und den Rhône-Gletscher als Wahrzeichen alpiner Urwüchsigkeit und ist noch heute laut Touristenwerbung bei den ausländischen Wintersportlern als "Paradies aus Sonne und Schnee" geschätzt.
Bei ihren eigenen Landsleuten sind die Walliser vor allem berühmt für ihre "beispiellose Vermischung von Geschäft, Politik und Sport, die den Staatskörper vergiftet" (Zürcher "Weltwoche"); der schöne Alpen-Kanton sei eine "Filzokratie" geworden.
Denn was in der übrigen Schweiz als Begünstigung oder Amtspflichtverletzung gilt, ist für Walliser Magistratspersonen mal eine harmlose "Unregelmäßigkeit", mal ein kleiner "Betriebsunfall" der kantonalen Bürokratie -- Kavaliersdelikte allemal, deren Peinlichkeit vor allem darin gesehen wird, daß sie an die Öffentlichkeit kommen. "So wäscht im Wallis eine Hand die andere", heißt es in der Deutschschweizer Presse, wenn mal wieder ein Skandal "ganz nach Walliser Art" ("Basler Zeitung") in der Kantonshauptstadt Sitten entdeckt wird.
Wenige Wochen vor Inkrafttreten einer neuen Steuer für Grundstückgewinne kaufte die Walliser Regierung 70 000 Quadratmeter Land, ließ noch schnell die Grundbucheintragung vornehmen und ersparte so dem Verkäufer 200 000 Franken Gemeindesteuern.
Günstig kam auch ein Landbesitzer in Sitten weg. Ihm kaufte der Kanton Boden zu 50 Franken pro Quadratmeter ab, obgleich er das Land zum halben Preis hätte enteignen können. Die Kantonsherren befreiten den Verkäufer von der Gewinnsteuer und bevorzugten ihn zudem bei der Vergabe von Bauarbeiten.
Die Vorteile solcher Geschäftspraktiken kommen nicht etwa hilfebedürftigen Wallisem, sondern bevorzugt Parteifreunden zugute. Denn im Wallis gehören alle wichtigen Leute zur katholischen und konservativen "Christlichdemokratischen Volkspartei" (CVP).
Unumschränkter noch als die CSU in Bayern beherrscht die Walliser Staatspartei den Kanton und die Gemeinden. Im Kantonsparlament hat sie mit 83 von 130 Sitzen die absolute Mehrheit, in der Regierung hält sie vier der fünf Staatsratssitze.
Im Rhônetal zwischen Brig und Martigny, wo die chemische Industrie wegen ungenügender Vorschriften und mangelhafter Staatskontrollen schwere Fluorschäden angerichtet hat, sind Landwirtschaft, Gewerbe und Presse christdemokratisch beherrscht. Zur Staatspartei gehören die meisten Gemeindeväter, Dorfschullehrer und Pfarrer.
Dem von Rom abgefallenen ultrarechten Ex-Erzbischof Lefebvre besorgten Christdemokraten Gebäude und Baubewilligungen für sein Priestersemilar in Ecône. Dem Umweitschützer Franz Weber verhalfen sie zu einer Tracht Prügel, als er im Wintersportzentrum Verbier gegen den Bau einer Alpenflugpiste demonstrierte: Politik und Geschäft sind im Wallis untrennbar miteinander verbunden, Vetternwirtschaft und Spezitum Bestandteil des politischen Alltags.
Schon Jean-Jacques Rousseau war das Wallis 1761 als "einzigartig durch seine Regierungsform und durch die Sitten der Bewohner" aufgefallen. Seither haben die Walliser zwar "den Sprung von einer fast mittelalterlich geschlossenen Selbstversorgungswirtschaft in das Industriezeitalter vollzogen", erläutert die "Neue Zürcher Zeitung" das Walliser Phänomen, doch seien an ihnen "Aufklärung und Liberalismus gewissermaßen vorbeigegangen".
So gelten auch im heutigen Wallis für die einflußreichen Oberen andere Gepflogenheiten als für viele der karg lebenden Bergbauern, die meist als Arbeiter unten im Rhônetal dazuverdienen müssen.
Jahrelang konnte etwa CVP-Staatsrat Guy Genoud trotz klarem Verfassungsverbot nebenbei im Verwaltungsrat zweier Firmen sitzen. Auch der ehemalige CVP-Staatsrat Wolfgang Loretan stand während seiner Amtszeit einer Hotel- und Bädergesellschaft als Verwaltungsrat zur Verfügung.
Staatsrat Antoine Zufferey wiederum half dem Ingenieurbüro Zufferey Staatsaufträge zu beschaffen. Die Firma wird pro forma von seinem Bruder, einem Schullehrer, verwaltet.
Diesen im Wallis weitgesteckten Rahmen des Möglichen sprengte schließlich eine Korruptionsaffäre, die laut Zürcher "Tages-Anzeiger" im Stil "einer eigentlichen Mafia" ablief:
Spitzenbeamte der Kantonsverwaltung in Sitten hätten über Jahre hinweg heimlich der Firma Savro SA, dem größten Tiefbau-Unternehmen des Kantons, und ihrem Boß Andre Filippini ungerechtfertigte Gewinne verschafft.
Etwa fünf Jahre lang hätten die Beamten diverse Arbeiten und Lieferungen der Firma so fakturieren lassen, daß Beträge zweimal ausbezahlt wurden. Auch habe der Kanton wiederholt überhöhte Preise -- etwa bei der Lieferung von Autobahn-Leitplanken -- bezahlt, vermutet die Lausanner "Tribune-Le Matin". Als Gegenleistung, schrieb die Zürcher "Tat", soll Filippini fabrikneue Mercedes-Karossen zum Freundschaftspreis von 10 000 Franken besorgt oder sich mit Geldspenden erkenntlich gezeigt haben.
Schon zu Beginn der 60er Jahre war einem wachsamen Mitglied der kantonalen Straßenkommission aufgefallen, der Staat habe für den Unterhalt der Simplonstraße der Firma Savro überflüssige Arbeiten übertragen und dafür auch noch überhöhte Preise bezahlt. Doch die Reklamation endete nach Walliser Art: Der Schnüffler wurde gerügt, er habe sich in die Kompetenzen der Finanzkommission eingemischt.
Im Verwaltungsrat der Savro saßen neben Firmenboß Filippini und lokalen CVP-Honoratioren auch der frühere CVP-Staatsrat Marcel Gros und, vor allem, der pensionierte CVP-Bundesrat (Minister) und Filippini-Freund Roger Bonvin. Der ist nebenbei auch Verwaltungsrats-Präsident der Bädergesellschaft des Ex-Staatsrats Loretan.
Noch als Bundesrat hatte Bonvin 1971 die Volksvertreter der Eidgenossenschaft in Bern überreden können, dem Bau des Furka-Tunnels zuzustimmen, um damit eine winterfeste Bahnverbindung vom Wallis in die Zentralschweiz herzustellen.
Die Bauleitung des Tunnels erhielt damals Albert Coudray, ein Bekannter Bonvins. Wegen Unfähigkeit mußte er auf Druck der Berner Behörden fristlos entlassen werden, wurde aber prompt durch seinen Kompagnon Hünerwadel ersetzt, der wiederum als Cousin von Ex-Staatsrat Loretan ein Freund von Filippini und Bonvin war.
Auch Filippinis Firma Savro verdiente am teuren Tunnelbau. Schon bald setzten aber die Bundesparlamentarier in Bern eine Untersuchungskommission ein, die klären sollte, weshalb bei den Furka-Grabungen die Voranschläge um über 100 Prozent überschritten wurden. Wegen "widersprüchlicher Aussagen der Beteiligten", unter ihnen Ex-Bundesrat Bonvin, sind die Recherchen noch nicht beendet.
In seinem Heimatkanton überzog Filippini die Grenze des Erträglichen erst, als gerüchteweise bekannt wurde, daß er zusammen mit einem Spezi bei der Polizei, dem Hauptmann Pasquinoli, auch noch ins Waffengeschäft eingestiegen sei -- und, vor allem, nachdem er den Fußballclub von Sitten ruiniert hatte. Denn beim Sport hört auch bei Walliser Parteifreunden der Spaß auf.
Vor Jahren hatte sich der Bauunternehmer zum Vereinspräsidenten des FC Sitten wählen lassen und dem Verein durch Spielerverkäufe runde 1,4 Millionen Franken Einnahmen beschafft. Doch bei seinem Rücktritt im vergangenen Sommer hatte der Verein 200 000 Franken Schulden, niemand weiß, wo die Million geblieben ist.
Anfang September beschlagnahmte schließlich der Sittener Untersuchungsrichter André Franzé eine Tonne Akten der kantonalen Baubehörde, darunter auch den Briefwechsel mit der Savro -- die Unterlagen waren bereits zur Verbrennungsanlage gebracht worden.
Nach seiner Verhaftung wurde der "große Manitou" (so ein Staatsrat) 120 Kilometer weit nach Genf verfrachtet, damit die CVP-Kumpane daheim keine Möglichkeiten zu weiterer Manipulation erhielten. Ende Dezember wurde die Liquidation der Savro eingeleitet.
In Untersuchungshaft saßen oder sitzen inzwischen elf Walliser Beamte und Savro-Leute ein. "Bei all den feinen Herrschaften hier", staunte ein Gefängniswärter, "müssen wir in Zukunft mit der Krawatte zur Arbeit antreten."
Mit weiteren vornehmen Gefängnisgästen aus Sittens Polit-Prominenz wird auch in der Staatspartei gerechnet, seit durch Franzés Recherchen aus dem Savro-Skandal "eine Affäre "Staat Wallis"' ("Tat") geworden ist.
Im Berner Bundeshaus wurde der Volksvertreter Paul Biderbost von einem Deutschschweizer Kollegen begrüßt: "Es freut mich immer, wenn ich einen Walliser CVP-Kollegen sehe, der noch nicht verhaftet worden ist."

DER SPIEGEL 9/1978
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