03.04.1978

Posten-Poker um Gaus-Nachfolge

Außenministerium und Bundeskanzleramt rangeln derzeit um Nachfolge und Weiterverwendung von Bonns Ständigem Vertreter in der DDR, Staatssekretär Günter Gaus.
Sollte Gaus, wie vorläufig terminiert, gegen Ende des Jahres Ost-Berlin verlassen, will Genscher ihn nur dann auf einen prominenten Botschafterposten berufen, wenn für seine hauseigenen Spitzendiplomaten keine Planstelle verlorengeht.
Als abschreckendes Beispiel nennt Genscher die Bestallung des abgehalfterten Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Schütz, zum Missionschef in Israel, die im Auswärtigen Amt anstehende Beförderungen blockierte.
Ein Wechsel nach Genschers Wunsch wäre es, wenn Gaus als Uno-Botschafter nach Genf ginge. Dieser Posten entspricht in seiner Dotierung der höchstmöglichen Einstufung (B 9 = gut 100 000 Mark Jahresgehalt) und ist seit Februar vakant, nachdem der bisherige Amtsinhaber, Carl-Werner Sanne, als neuer Staatssekretär ins Entwicklungshilfe-Ministerium geholt wurde.
Das Bundeskanzleramt würde eine Versetzung Gaus' nach Genf akzeptieren. Problematisch jedoch ist die Terminfrage: Die Vertretung in Genf kann nicht länger als ein paar Monate unbesetzt bleiben.
Staatssekretär Sanne, als früherer deutsch-deutscher Unterhändler erfahren, wird inzwischen in Bonn als möglicher Gaus-Nachfolger in Ost-Berlin genannt. Weitere Kandidaten sind der Abteilungsleiter im Innerdeutschen Ministerium, Jürgen Weichert, und der Berlin-Bevollmächtigte der Bundesregierung, Dietrich Spangenberg.
Keinen Einfluß auf die Bonner Personalentscheidungen sollen die Umbesetzungspläne der DDR haben, die ihrerseits den westdeutschen Residenten Michael Kohl in nächster Zeit abberufen will. Für Kohl wird
* Am 8. November 1972 mit DDR-Staatssekretär Michael Kohl (l.) und dessen Bonner Amtskollegen Egon Bahr bei der Paraphierung des Grundlagenvertrages.
vermutlich der stellvertretende DDR-Außenminister und Gaus-Verhandlungspartner Kurt Nier in die Bundesrepublik kommen. Im Gespräch ist außerdem Herbert Häber, Leiter der West-Abteilung im SED-Zentralkomitee. Häber war im Januar Verhandlungspartner des Bonner Sonderemissärs Hans-Jürgen Wischnewski, der sich derzeit, wie in Bonn zu hören ist, für neue Geheimkontakte mit Ost-Berlin rüstet -- zur Vorbereitung eines Treffens zwischen Kanzler Helmut Schmidt und SED-Chef Erich Honecker.

DER SPIEGEL 14/1978
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