03.04.1978

FERNSEHENPuzzle mit Puppen

„Jean Paul: Dr. Katzenbergers Badereise. Fernsehfilm von Gerd Winkler. Montag, 3. April, 21.20 Uhr. ZDF.
Mit diesem TV-Spiel kommt, dem ZDF zufolge, erstmals ein Werk von Jean Paul (1763 bis 1825) auf den Bildschirm. Bislang konnte der deutsche Klassiker dem literarischen Reißwolf Fernsehen entgehen.
Ihr stilistisches und kompositorisches Dickicht aus ironischen, idyllischen, parodistischen Einsprengseln, Anspielungen und Ausschweifungen schützt Jean Pauls Romane gegen den flotten Kahlschlag, mit dem die TV-Routiniers Literatur sonst kinoreif holzen.
Mit einer der "üblichen Literaturverfilmungen" -- werktreue Dialoge, historische Modenschau, fauler Kulissen-Zauber -- versuchte der Frankfurter Autor und Regisseur Gerd Winkler denn auch gar nicht erst, das Massenpublikum in Jean Pauls Irrgarten zu locken. Er griff vielmehr, zumindest mit halber Kraft der Phantasie, auf seinen alten Dreh zurück, den gewählten Stoff zu zerstückeln, umzuarbeiten, attraktiv zu entstellen.
In seinem bislang spektakulärsten Abendfüller, dem "Mike Blaubart" von 1967, hatte er den altfranzösischen Ritter Blaubart als neudeutschen Supermann mit Sport-Coupé, Maschinenpistole und neun Ehefrauen durch poppige Trick-Montagen ballern lassen und sich dafür die negative Traumnote Minus 6 geholt, einen Rekord an Empö-
* Mit Witta Pohl und Alwin Michael Rueffer
rung. Ein Hamburger Pastor empfahl damals seiner Gemeinde, aus Protest gegen das Blendwerk die Fernseher abzumelden
Die freche Experimentierlust seines "Blaubart" hat Winkler danach nicht mehr gepackt. Daß er sich bei seiner Flucht ins Schöngeistige an Jean Paul festlas, belegt jedoch seinen Spaß am Sperrigen.
Immerhin ist unter Jean Pauls Romanen "Dr. Katzenbergers Badereise", 1808 vollendet, vergleichsweise kurz und griffig in der Handlung. Doktor Katzenberger, Professor der Anatomie, Abnormitäten-Sammler. Geizkragen und Menschenverächter, reist nach Bad Maulbronn. um dort einen Rezensenten zu verprügeln, der sein wissenschaftliches Werk über Mißgeburten gründlich verrissen hat. Katzenbergers Tochter Theoda begleitet ihn, um an der heilbringenden Quelle den von ihr verehrten Dichter Theudobach endlich persönlich kennenzulernen.
Doch die Geschichte läuft anders. Statt seinen Kritiker, den Badearzt Strykius, durchzudreschen, läßt sich Katzenberger mit dem Geschenk einer sechsfingrigen Hand besänftigen; und Theoda, von dem Poeten enttäuscht, tröstet sich mit einem preußischen Offizier.
Diese Geschichte, rühmt Winkler, verlaufe "nahezu wie eine wohlgebaute Komödie". Sie hat, in der Tat, Tugenden einer klassischen Komposition. Aber wie eine pure Melodie, ohne harmonische Bezüge und Kontraste, rasch leerläuft, so wirkt die nackte Handlung der "Badereise" ohne ihr Sprachkleid ziemlich mager -- sie allein lohnt und liefert keinen Film von literarischer Ambition.
Zwar hat Winkler gelegentlich Dialog-Partien wörtlich aus dem Lese- ins Drehbuch übernommen, aber "stellenweise" diente ihm der Roman "lediglich als Spielmaterial" für eine Collage: Katzenbergers Ausflug wurde mit Episoden aus anderen Jean-Paul-Büchern unterbrochen, mit Sprüchen von Goethe und Kotzebue durchsetzt, mit Winklerschen Zutaten in die Länge gezogen.
Eine zeitgenössische Monstrositäten-Schau von fahrendem Volk, dem Spiel als präludierende Posse vorangestellt, stammt aus "Des Teufels Papieren" von Jean Paul. Die Puppen und die Geschlechtsteile, die in Katzenbergers skurrilem Kabinett herumstehen, ließ Winkler von dem Karlsruher Plastiker Jürgen Goertz formen.
Die Probe einer Massenhinrichtung am Wegesrand, für die der Hannoveraner Avantgarde-Künstler Leo Hüskes die Figuren bastelte, hat Winkler ebenso unbekümmert eingeflochten wie Theudobachs langatmige Dichterlesung oder den Auftritt eines Mönchs, hinter dem sich der Regisseur selbst verbirgt.
Kein übler Spaß, dieser pop-bunte Bilderbogen voll einprägsamer Gesichter und sommerlicher Landschaften, skurriler Blickfänge und optischer Seitensprünge. Nur: Dem Zauber des Romans mit seiner Schnörkel-Kunst und seiner Seelen-Malerei ist mit einem noch so einfallsreichen Puzzle nicht beizukommen. An dem Charakter-Deuter und Sprachvirtuosen Jean Paul läuft der Fernsehfilm glatt vorbei. Klaus (imbach
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 14/1978
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