30.01.1978

TERRORISTENBefehl erhalten

Half die Pfälzer Pfarrerstochter Christine Kuby bei der Schleyer-Entführung? Ihre Festnahme in Hamburg enthüllte neue Hintergründe.
Immer wenn Martha Kuby, Pfarrfrau aus Enkenbach-Alsenborn/Pfalz, in einer Wohnkommune in der Lutrinastraße 16 zu Kaiserslautern nach Tochter Christine, 21, sah, erschien ihr "das Leben der jungen Leute dort als eine geregelte Sache". Auch wenn sie unangemeldet kam, fand die Mutter "Christines Zimmer stets ordentlich". Und vor allem, so beruhigte sie ihren Ehemann Alfred daheim: "Küche und Toilette sind picobello."
Mitte bis Ende August letzten Jahres verschwand das Mädchen aus dieser Idylle, und auch die Genossen von der Lutrinastraße wußten angeblich nur ein vages Reiseziel. "Nach Frankreich." Erst ein halbes Jahr später, am Sonnabend vorletzter Woche, tauchte die Arzthelferin Christine Kuby wieder auf -bewaffnet mit einer Pistole Colt/ Automatik, zwei Reservemagazinen mit Hohlspitz-Vollmantelgeschossen, 25 Weiteren Patronen des Kalibers 45 und Halfter.
Das Mädchen "Frances Mary Hayden" aus "Melbourne" (so der gefälschte Paß), das in der Glocken-Apotheke am Winterhuder Marktplatz in Hamburg mit einem gefälschten Rezept je 30 Ampullen der Schmerzmittel Fortral und Valoron verlangt hatte, schoß gezielt: Polizeimeister Jürgen Trapp, der die Dame hatte abführen wollen, blieb wahrscheinlich deshalb nur leicht verletzt, weil die Kugel seine Notizbücher in der Brustlasche traf. Streifenkollege Fitzner, der die Festgenommene bei einem Schußwechsel niederstreckte, bekam gar nichts ab.
Wegen versuchten Totschlags in U-Haft, gibt die schweigende Christine Kuby alias "Frances Mary Hayden" seither Staatsschützern wie Anverwandten Rätsel über Rätsel auf. Fahnder im Bundeskriminalamt (BKA) glauben, daß die Arzthelferin mindestens eine konspirative Wohnung kennt, in der sich heute verletzte oder drogensüchtige Terroristen aufhalten. Sie halten es aber auch für möglich, daß sie sogar bei der Schleyer-Entführung im vergangenen Herbst eine Rolle gespielt haben könnte.
Eingeweihte Staatsschützer sehen in dem Mädchen aus dem Pfälzer Pfarrhaus bereits jene Kurierin, die Schleyer-Ultimaten und Video-Botschaftcn bei Pfarrern in Wiesbaden und Mainz deponiert hatte. Überdies habe die Arzthelferin womöglich bei der medizinischen Betreuung des entführten Arbeitgeberpräsidenten mitgewirkt.
Begonnen hatte Christine Kubys Abstieg in den Untergrund, als sie 1974 bei dem Studenten Peter Schneider Nachhilfestunden in Mathematik nahm und dann über ihn Kontakt zu der Wohngemeinschaft in der Lutrinastraße fand zu einer zehnköpfigen Gruppe, die sich "Antifaschistischer Kampf" nannte und in der Pfälzer Provinz bemühte, im Geiste der RAF zu agieren und agitieren.
Mal versuchten die "Antifa"-Genossen, den Kaiserslauterer Prozeß gegen die RAF-Terroristen Klaus Jünschke und Manfred Grashof (beide lebenslange Haft) zu stören. Mal prügelten sie sich mit Polizisten, als ein Staatsanwalt die Asta-Räume in Kaiserslautern nach den Druckunterlagen des in der lokalen Studentenzeitung "Wampf" veröffentlichten Buback-Nachrufs durchsuchen ließ. Später gerieten sie in den Verdacht. einen Sprengsatz im Oberlandesgericht Zweibrücken gelegt zu haben.
Unterschlupf in der Kommune fand die Croissant-Konfidentin Elisabeth von Dyck. ebenfalls aus Enkenbach, die zusammen mit Baader-Anwalt Siegfrid Haag in der Schweiz Waffen für den Stockholm-Anschlag beschafft hatte und jetzt im Rahmen der Schleyer-Fahndung gesucht wird. Auch die später verhafteten RAF-Anwälte Arndt Müller und Armin Newerla, die von der Justiz als die Waffentransporteure von Stammheim verdächtigt werden, gaben den Genossen in der Lutrinastraße die Ehre: Mal diskutierten sie mit ihnen über "Gewalt zu welchem Zeitpunkt", mal dozierten sie über "den neuen Faschismus".
In diesem Geiste hielt Kraftfahrzeugsehlosser Dietrich Faber, ein Cousin Gudrun Ensslins, die Provinz-Guerillos auf Kurs. Der Sog der Gruppe war so stark, daß Christine Kuby zum Beispiel auf ein sozialpädagogisches Studium in Speyer verzichtete und statt dessen eine Lehre als Arzthelferin absolvierte -- nur um in Kaiserslautern bleiben zu können.
Verwandte registrierten einen raschen Persönlichkeitswandel: "Über ihr fröhliches Wesen", sagt Vater Kuby, "wurde was drübergelegt, das sie veränderte." Als eine der wenigen in der Gruppe ohne feste Zweierbindung blieb die Pfarrerstochter im Genossenkreis weitgehend isoliert.
In dieser labilen Situation, so mutmaßt Pfarrer Kuby, Leiter der pfälzischen Evangelischen Akademie, habe die Tochter plötzlich im letzten Sommer aus RAF-Kreisen "ein Kommando, einen Befehl erhalten" und sei dann diesem "Kommando gefolgt".
Mit Christine Kuby tauchte im Sommer ein anderer Einzelgänger aus der Lutrinastraße ab: der Bruder ihres einstigen Nachhilfe-Lehrers, Gert Schneider, 29. Er wurde am 10. November in Amsterdam -- zusammen mit dem mutmaßlichen Schleyer-Entführer Christoph Wackernagel -- nach einer Schießerei mit Polizeibeamten gefaßt" Christine Kuby soll nach Polizeivermutungen eine der beiden Frauen gewesen sein, die damals am Tatort mit einem orangefarbenen Simca das Weite suchten. Zudem stammt ihr gefälschter australischer Paß ("Hayden") -- wie der Falschausweis Wackernagels aus einer Serie von Identitätspapieren, die Terroristen am 31. Mai im D-Zug Paris-Kopenhagen gestohlen hatten,
Vor allem aber der gefälschte Paß ("Jod Serge Leseur"), den Schneider bei der Festnahme hei sich trug, verblüffte die Ermittler von "Interpol": Unter dem 15. Oktober 1977 trägt das Papier einen Sichtvermerk "Beograd", unter dem Datum 10. November 1977 einen Sichtvermerk "Praha".
Fahnder vermuten, daß Belgrad und Prag Zwischenstationen auf dem Wege in den Irak und zurück waren. Indizien weisen darauf hin, daß sich Schneider im Irak von Mitte Oktober an knapp vier Wochen in einem palästinensischen Ausbildungslager der Guerilla-Organisation PLFP aufhielt. Erst am Morgen seiner Festnahme sei er nach
* Oben: Paßbild von Christine Kuby mis gefälschtem australischem Paß; unten: nach einer Operation in der U-Haft-Anstalt Hamburg.
Amsterdam zurückgekehrt. Mit ihm reiste, so die Ermittler, Christine Kuby.
Für noch bemerkenswerter als die Sichtvermerke halten BKA-Beamte teils verschlüsselte Notizen aus Schneiders Gesäßtasche, die -- von Polizeischüssen zerfetzt -- nur blutverschmiert und in Fragmenten erhalten geblieben sind. Textprobe:
Das Zeug für Saki (Shit + K.) ist verdammt notwendig + dringend, es sieht so aus hier, daß man ein ständiges zweites Depot einrichten muß ... Mossad-Buch (A 1 od. Atelier) ND-Report ... letzte Texte v. U. die Fotos ranschaffen (such das kleine Zeug an family-letters nach + nach mitschleppen). dieselbe Video-Ausrüstung wie wir ... spindy-Erklärungen + Kopien von den Bändern (auf leden Fall Herold-Band).
Die Notizen gelten als erster eigener Hinweis der Terroristen auf ihre logistischen Gegebenheiten und Pläne seit Schleyers Tod. BKA-Auswertungen ergaben, daß der Text teils die gleichen Code-Worte ("Depot", "A 1") enthält wie die sogenannten Haag-Papiere, die bei der Festnahme des Anwalts gefundenen Regiepläne für Terroranschläge. Formulierungen in den Notizen aus der Schneider-Tasche wie "Video", "Kopien von den Bändern", "family-letters" erinnern die Fahnder an Texte der Schleyer-Entführung. Über Code-Worte wie "spindy-Erklärung" oder "Herold-Band" können sich die Ermittler noch keinen Reim machen.
Soviel scheint klar: Der Text, wahrscheinlich von der mutmaßlichen Schleyer-Entführerin Brigitte Mohnhaupt geschrieben, spricht von einem Konfidenten ("Saki"), der "dringend" Medikamente oder Stoff ("Shit + K.") benötigte. Und der Stoff-Beschaffung für einen Dritten im Untergrund diente offenkundig auch Christine Kubys Ausflug in die Hamburger Glocken-Apotheke.

DER SPIEGEL 5/1978
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