30.01.1978

„Da war das Schicksal dazwischengetreten“

Welche Rolle spielte General Speidel in der Affäre Rommel, die 1944 mit dem erzwungenen Selbstmord des Feldmarschalls endete? In seinen kürzlich erschienenen Memoiren gibt der ehemalige Generalstabschef Rommeis eine Darstellung, die kritischer Überprüfung nicht standhält. Ein Vergleich mit den Quellen zeigt: Speidel hat entscheidende Vorgänge retuschiert, um sein eigenes Verhalten zu rechtfertigen- nicht nur in der Affäre Rommel.
Er galt als der Historiker unter den deutschen Generalen, seine militärgeschichtlichen Kenntnisse schienen ungewöhnlich. Wo immer "der Philosoph in Uniform", wie ihn seine Bewunderer nannten, in Debatten eingriff, zeigte er eine souveräne Beherrschung der Details.
Der Doktor der Philosophie und Vier-Sterne-General Hans Speidel hatte 1925 mit der Note "magna cum laude" promoviert, seine 1949 veröffentlichte Studie "Invasion 1944" zählte zu den Meisterstücken historiographischer Essaykunst, und auch seine Nachkriegs-Vorlesungen an der Tübinger Universität festigten seinen Ruf als Kenner der Zeitgeschichte.
Ein so kenntnisreicher Offizier schien dazu berufen, dereinst einmal die Triumphe und Frustrationen deutscher Militärs in einer Zeit gesellschaftlichen Umbruchs zu beschreiben und zu analysieren. Seit Speidel 1964 in Pension gegangen war, erhoffte sich die Fachwelt von dem Historiker-General aufschlußreiche Memoiren. Wie nur wenige seiner Kameraden verkörpert der heute 8Ojährige Hans Speidel die Zeitläufte deutschen Soldatentums: Kompanieführer im Ersten Weltkrieg, Offizier der Reichswehr, im Zweiten Weltkrieg Stabschef der deutschen Besatzungsarmee in Frankreich, später Generalstabschef Rommels, Sympathisant des Widerstands gegen Hitler, Mitbegründer der Bundeswehr, Oberbefehlshaber der Nato-Landstreitkräfte in Mitteleuropa -- welch eine Spannweite militärischer Karriere, welche Chance, Erfahrungen einer Generation für die Nachkommenden aufzuarbeiten!
Der Verlag Ullstein konnte sich denn auch glücklich schätzen, als es seinem Geschäftsführer Wolf Jobst Siedler 1973 gelang, Speidel zum Schreiben seiner Memoiren vertraglich zu verpflichten.
Doch seltsam: Je mehr Zeit verstrich, desto stiller wurde es um den Memoirenschreiber. Die ersten Kapitel des Manuskripts fielen so ärmlich aus, daß Siedler. dessen Formulierungskunst schon manchem Autor aus stilistisch-dramaturgischen Schwierigkeiten herausgeholfen hat, nach Bad Honnef aufbrach, um dem dort lebenden Speidel die Feder zu führen.
Siedler und Speidel zogen sich nach Südtirol zurück und mühten sich gemeinsam, das Manuskript mit farbigem Erzählstoff anzureichern. Der General versagte sich jedoch bald seinem Helfer; ihm schien es bedenklich, das Fehlverhalten toter Offizierskameraden an die Öffentlichkeit zu bringen.
Zudem wurde rasch deutlich, daß der General selber Mühe hatte, seine kompliziert gewordene Biographie auf einen plausiblen Nenner zu bringen. Da gab es manches in seinem Leben, was nicht zum Bilderbuch-Image des demokratischen Generals paßte -- Grund für Speidel, wesentliche Lebensepisoden eher zu verschleiern als zu erklären.
Trotz aller Bedenken entschloß sich Siedler, den Text zu veröffentlichen, und hatte Glück: Speidels Buch gelangte schnell unter die ersten Zwanzig der Bestsellerliste -- der Name des "Gneisenau unserer Zeit" (so Carlo Schmid über seinen ehemaligen Schulfreund Speidel) war noch immer werbewirksam genug, die Memoiren gut zu verkaufen*.
Nur die Kenner waren enttäuscht, denn allzu offenkundig sind die Mängel der Memoiren: Niemals zuvor hat Hans Speidel eine so beklemmende Unsicherheit in Details und eine so ungehemmte Liebe zu Klischees offenbart.
So will er allzeit ein Freund und Bewunderer Frankreichs gewesen sein, stets bereit, der deutsch-französischen Verständigung zu dienen. "Das Verhältnis zu Frankreich", weiß er, "war von deutscher militärischer Seite frei von Chauvinismus." Schon die Reichswehr-Führung habe nach dem Ersten Weltkrieg "ein gutes nachbarliches Verhältnis zu Frankreich" angestrebt.
Der Reichswehr-Leutnant Speidel dachte allerdings anders darüber. Der rief nach der Niederlage von 1918, darin nur einer von vielen Deutschen, seine Kameraden dazu auf, das Vaterland von der Bedrückung durch das übermächtige Frankreich zu befreien.
"Wir wissen", schrieb er 1925 in seiner Dissertation, "daß Deutschland nicht seinen letzten Kampf der Waffen und der Geister gekämpft hat. Neues Leben wird aus neuem Kampfe wachsen. Unsere Aufgabe ist es, uns auf ihn vorzubereiten ... Bereitsein ist alles!"
Heute freilich mag sich der Memoirensehreiber, der als Nato-Kommandeur auch französische Truppen unter sich hatte, an seine antifranzösische Kampfzeit nicht mehr erinnern. Speidel retuschiert nicht ohne Kühnheit: Aus dem Kampf gegen Frankreich wird eine Bemühung um deutsch-französische Verständigung, aus Jung-Speidels Wehrpropaganda eine Absage an den Nationalismus.
Ein Kriegstagebuch beweist: Speidel erinnert sich falsch.
Ähnlich pauschal und fehlerhaft wird Speidels Erzählung, sobald sie sich dem Zweiten Weltkrieg nähert. Der Pensionär gibt sich redlich Mühe, die Wehrmacht und ihre Führer von den Eroberungen und Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes zu distanzieren. Zwar räumt der NS-Gegner Speidel ein, daß auch manche Führer der Wehrmacht dem Erfolgs- und Hitler-Kult erlegen seien, doch die meisten nimmt er davon aus.
Dabei liebt es Speidel, die eigentlichen Nazi-Institutionen des Dritten Reiches gegenüber der Wehrmacht mit mehr Macht auszustatten, als sie tatsächlich besaßen. SS, Sicherheitsdienst (SD) und NS-Partei sind für ihn monolithische Organisationen, deren Macht
* Hans Speidel: "Aus unserer Zeit". Verlag Ullstein. Berlin; 512 Seiten: 36 Mark.
offenbar als Erklärung dafür dienen soll, daß die Wehrmachtführung für barbarische Befehle des Regimes anfällig war.
So sieht er 1940/42 im deutschbesetzten Frankreich "jede verantwortliche Arbeit des Militärbefehlshabers" von SS und SD "überwacht, paralysiert und sabotiert" -- eine kecke These, wenn man bedenkt, wie der damals noch kleine Haufen der SD-Funktionäre von eben diesem Militärbefehlshaber abhängig war.
Gleichwohl bedarf Speidel der düsteren Gesellen des SD" um das Licht des Militärbefehlshabers Frankreich, General Otto von Stülpnagel, desto heller erstrahlen zu lassen. Er ist "von europäischem Geist erfüllt", zwar etwas hart gegen Franzosen, dennoch ein "streng rechtlich denkender Mann, der jede Gewaltherrschaft ablehnte".
Der Autor Speidel läßt freilich durch kein Wort den Unmut erkennen, mit dem einst der Oberst Speidel die Nachgiebigkeit Stülpnagels gegenüber drakonischen Hitler-Befehlen verfolgte. Speidel war als Chef des Kommandostabes engster Mitarbeiter Stülpnagels, und jedes neue Zurückweichen des Militärbefehlshabers vor dem Führerhauptquartier stürzte auch Speidel in Gewissenskonflikte.
Denn der Kampf zwischen Résistance und Besatzungsmacht wurde immer härter, bis Hitler schließlich den Befehl erließ, Terroranschläge gegen deutsche Soldaten mit brutalem Gegenterror zu beantworten. Von Mal zu Mal wurde die Quote der Geiselerschießungen höher, die Stülpnagel und Speidels Kommmandostab auf Verlangen Hitlers festsetzen mußten.
Da aber Stülpnagel es auf keinen Fall zu Massenerschießungen kommen lassen wollte, schickte er Speidel Anfang November 1941 ins Führerhauptquartier, um Hitler zu einer differenzierteren Behandlung der Geiselfrage zu überreden. Speidel will "mit einem Teilerfolg" wieder abgereist sein. Worin dieser bestand, erfährt der Leser freilich nicht.
Auch den weiteren Verlauf der Geschichte mag der Autor nicht erzählen:
Einen Monat später war die Lage schon so katastrophal, daß Stülpnagel auf einen fatalen Ausweg verfiel: Er schlug Hitler vor, Geiseln nicht mehr zu erschießen, sondern nach dem Osten zu deportieren -- ins KZ Auschwitz, das damals allerdings noch nicht Vernichtungslager war. Hitler stimmte zu, und ein paar Wochen später erstattete Oberst Speidel seine erste Vollzugsmeldung:
Im Zusammenhang mit diesen Maßnahmen wurde für das gesamte besetzte Gebiet die Überführung von 1000 Kommunisten und Juden in deutsche Haft angeordnet. Diese sind zur Deportation nach dem Osten bereitgestellt.
Inzwischen aber beschworen Speidel und seine Offiziere den Militärbefehlshaber, nicht länger Hitlers Brutalität mit seinem Namen zu decken und sofort zurückzutreten. Stülpnagel schwankte, dann trat er im Februar 1942 zurück. Einen Monat später erreichte auch Speidel die Versetzung zu dem im Osten kämpfenden V. Armeekorps -- noch rechtzeitig genug, um Adolf Eichmann, dem Transporteur des Massenmordes. aus dem Weg zu gehen, der die französischen Geiseln nach dem Osten abfahren ließ.
Der Memoirenschreiber aber läßt die Chance ungenutzt, seine Rolle im französischen Geiseldrama durch ein klärendes Wort zu erhellen. Er bleibt seinem Thema treu: dem Kampf deutscher Generale gegen den Wahnsinn Hitlerscher Kriegsbefehle.
Er läßt einen neuen Helden auftreten: Hubert Lanz, General der Gebirgstruppen. Er hatte Anfang 1943 von Hitler den Auftrag erhalten, mit hastig zusammengerafften Verbänden ("Armee-Abteilung Lanz") die Nordflanke der Heeresgruppe Don vor den angreifenden Sowjetarmeen zu schützen, den Raum Charkow einschließlich der Stadt zu halten und mit dem frisch eingetroffenen II. SS-Panzerkorps des SS-Obergruppenführers Paul Hausser im Südosten Charkows einen Gegenangriff zu führen.
Lanz habe, so erzählt Speidel, angesichts des ungünstigen Kräfteverhältnisses das Unsinnige des Hitler-Auftrags erkannt und versucht, bei einem Besuch im Führerhauptquartier am 6. Februar Hitler für eine beweglichere Kampfführung zu gewinnen. Doch Hitler habe an seinem Plan festgehalten. Daraufhin sei Lanz zu dem Kommandeur der SS-Division "Das Reich" geflogen, die den Angriff führen sollte, "und änderte selbständig den sinnlosen Angriffsbefehl". Speidel: "Der SS-Divisionskommandeur wandte sich daraufhin direkt an Hitler, um zu melden, daß Lanz einen Führerbefehl nicht ausführen wolle."
Speidel erinnert sich falsch. Die Intrige des SS-Kommandeurs hei Hitler hat nicht stattgefunden und Lanz ungefähr das Gegenteil dessen unternommen, was ihm der Freund Speidel zuschreibt. Beweis: die Eintragungen in dem kürzlich als Faksimiledruck veröffentlichten Kriegstagebuch (KTB) der Armee-Abteilung Lanz*.
Sie belegen, daß Lanz am 6. Februar um 22.35 Uhr vom Führerhauptquartier aus seinen Stab anrief, um ihm Hitlers Entscheidung mitzuteilen, und dabei erfuhr, vom II. SS-Panzerkorps sei eine wichtige Meldung eingegangen. Sie besagte, der für den nächsten Tag vorgesehene Angriff der Division "Das Reich" könne nicht stattfinden. Begründung: zu starke Feindkräfte im Angriffsraum.
Lanz mochte das nicht akzeptieren und flog sofort zum Gefechtsstand des Panzerkorps. Am Nachmittag des 7. Februar beschwor er Hausser, die "Reich" müsse unbedingt angreifen, das sei "Führerbefehl". Im KTB steht zu lesen: "0. B. (Lanz) fordert für Angriff 8. 2. alles nur irgend Mögliche aus der Div. zusammenzuziehen, um Angriff unter allen Umständen durchzuführen."
Noch energischer als Lanz verlangte freilich sein Generalstabschef, im militärischen Jargon kurz "Chef" genannt, die strikte Befolgung von Hitlers Angriffsbefehl. Als am späten Abend das Panzerkorps neue Bedenken vorbrachte, wies er die SS-Führer ab: "Einwände werden nicht mehr angenommen."
Doch die Führer des Panzerkorps ließen sich nicht davon abschrecken, immer wieder neue Argumente gegen den Angriff vorzutragen. Um 21.55 Uhr meldete der Stab des Panzerkorps, "neuer Feind" konzentriere sich im Raum zwischen der "Reich" und deren Nachbardivision, man wolle aber noch die endgültige Meldung der "Reich"
* Befehl des Gewissens". Munin-Verlag, Osnabrück; 340 Seiten: 46.50 Mark.
abwarten, die dann sofort der Armee-Abteilung und dem Chef des Generalstabes des Heeres durchgegeben werde.
Um 23.20 Uhr traf die Meldung im Stab von Lanz ein -- es ist jene Meldung, von der Speidel behauptet, sie sei an Hitler gerichtet gewesen und habe Lanz denunziert, einen Führerbefehl zu mißachten. In Wirklichkeit bat darin der "Reich"-Kommandeur die Armee-Abteilung und den Generalstabschef des Heeres "dringend, von einem Vorstoß nach Süden absehen zu wollen", wie es im KTB heißt.
Der Lanz-Chef aber, empört über die Intervention der "Reich" beim Generalstabschef des Heeres, drängte die Generale der Waffen-SS erneut, den Angriff endlich zu befehlen. Ohne die Antwort des Generalstabs abzuwarten, bedeutete er am frühen Morgen des 8. Februar den SS-Führern: "Der Angriff ist zu führen. Führerbefehl!" Er wurde nicht müde, immer wieder den Generalen des SS-Panzerkorps das eine Stichwort zuzurufen: "Führerbefehl!"
Wer aber war dieser Chef, der so eifernd darauf bestand, Hitlers Befehle unbedingt zu befolgen? Kein anderer als der Generalmajor Dr. Speidel, der den Lesern der Memoiren schlicht verschweigt, welche Chef-Rolle er an der Seite von Lanz gespielt hat.
Doch die Mär geht noch weiter. Inzwischen hatte sich die Lage der Armee-Abteilung Lanz krisenhaft zugespitzt: Starke sowjetische Kampfverbände waren auf Charkow zugestoßen und drohten, die Stadt einzuschließen. Charkow war für die Deutschen verloren, doch Hitler hatte die Stadt zur Festung erklärt und verlangte, sie bis zur letzten Patrone zu verteidigen.
In diesem heiklen Augenblick, so suggeriert Speidel, ließ Lanz am 15. Februar Charkow gegen den Befehl Hitlers von dem SS-Panzerkorps räumen. Speidel lobt: "Lanz hatte mutig, der ernsten Lage entsprechend. gehandelt und der Truppe sinnlose Opfer erspart. Ohne seinen unermüdlichen Einsatz und seine Entschlußkraft an Ort und Stelle wäre es damals im Charkower Raum zu einer unübersehbaren Krise, vielleicht zu einem sowjetischen Durchbruch gekommen."
Wen will es jetzt noch wundern, daß auch diese Darstellung Speidels unzutreffend ist? Nicht Lanz hat Charkow eigenmächtig aufgegeben und damit das SS-Panzerkorps gerettet. sondern allein der SS-Haudegen Hausser. der hartgesotten genug war, eher den Zorn Hitlers und all seiner Lanz" und Speidels auf sich zu ziehen, als die eigene Truppe sinnlos aufreiben zu lassen. Als die Sowjets am Vormittag des 14. Februar die deutsche Abriegelungsfront im Norden, Nordwesten und Südosten Charkows durchbrachen, bat 1-lausser die Armee-Abteilung um die Genehmigung, mit dem Korps nach Süden ausbrechen zu dürfen.
Doch Lanz lehnte ab. Wenige Stunden zuvor hatte Hitler erneut befohlen, "sämtliche Stellungen" um und in Charkow zu halten, und prompt hämmerte Lanz den Kommandeuren ein, alles habe auf seinem Platz zu bleiben. Auch für Chef Speidel stand fest: "Weisung des Führers klar."
Als seine Gesuche nichts fruchteten, begann Hausser zu drohen: Wenn bis 16.30 Uhr kein Befehl eintreffe, der ihm erlaube, die Stellungen des Korps räumen zu lassen, werde er selber den Befehl erteilen. Aber was antwortete ihm Speidel? Notiz im KIB: "Der Chef des Gen.Stbs. der Armee-Abtl. Lanz wiederholt den Befehl des Oberbefehlshabers, daß gemäß Führerbefehl die sämtlichen Stellungen um Charkow unter allen Umständen zu halten sind."
War Rommel ein Widerstandskämpfer?
In der Mittagszeit des 15. Februar war Haussers Geduld erschöpft. Er gab Befehl zum Abmarsch. Kurz vor 13 Uhr ließ Hausser an Lanz funken: Um Truppe vor Einschließung zu bewahren und Material zu retten, wird 13 Uhr Befehl zum Durchschlagen hinter Udy-Abschnitt am Stadtrand befohlen." Prompt funkte Lanz zurück: "Charkow ist unter allen Umständen zu verteidigen." Hausser antwortete nicht mehr -- und rettete sein Korps.
Speidel aber mußte zeitlebens mit der Tatsache fertig werden, daß ihm ausgerechnet ein Führer der Waffen-SS Zivilcourage gegenüber Hitler-Befehlen demonstriert hatte. Um sieh selber als NS-Gegner stärker zu profilieren, bedient sich Autor Speidel eines imposanten Zeugen, des Mannes, den er zu den großen Figuren der Anti-Hitler-Fronde zählt: des Generalfeldmarschalls Erwin Rommel.
Allein die innige Zusammenarbeit mit Rommel verleiht seinem eher blassen Widerständler-Profil schärfere Zuge: Weder Nazi noch aktiver Antinazi, mit keiner der konspirativen Anti-Hitler-Gruppen in Heer oder Beamtentum liiert, verband ihn erst seine Rolle an der Seite Rommels dem innerdeutschen Widerstand.
Kaum war im April 1944 bekannt, daß Speidel als Generalstabschef zu Rommels Heeresgruppe B im Westen versetzt worden sei, da wandte sich ein Widerstandskreis um den Stuttgarter Oberbürgermeister Karl Strölin an ihn: sein Anliegen: Rommel für die Beseitigung der NS-Herrschaft zu gewinnen.
Dabei will Speidel "von der veränderten Einstellung des Feldmarschalls zu Hitler" erfahren haben. Das habe er, erzählt Speidel, gleich nach seiner Ankunft auf dem Gefechtsstand der Heeresgruppe B im Paris-nahen Schloß La Roche-Guyon am 15. April bestätigt gefunden.
"Meine erste Abgrenzung politischer Gedanken mit Rommel", schreibt Speidel, "ergab völlige Übereinstimmung, wobei er in der ihm eigenen temperamentvollen Weise über die Maßlosigkeit Hitlers im menschlichen, militärischen und staatlichen Bereich und dessen Verachtung europäischer Gedanken sprach." Rommel sei auch sofort bereit gewesen, über Speidel den Kontakt zu Strölin aufzunehmen.
Er, Speidel. sei von Rommel dann beauftragt worden, mit Strölin in Freudenstadt zu verhandeln. Dort hätten sie, so Speidel weiter, am 27. Mai 1944 ein Programm zum Sturz des Hitler-Regimes verabredet. Das Programm habe vorgesehen, Hitler zu beseitigen, noch ehe die jeden Tag zu erwartende Frankreich-Invasion der Alliierten begann. und Rommel aufzufordern, "sich für die Rettung des Reiches zur Verfügung zu halten". Rommel: "Hitler ist ein Phantast."
Rommel sei, deutet Speidel an, zur Tat bereit gewesen. Noch nach dem Beginn der Invasion habe Rommel den Oberstleutnant Caesar von Hofacker, einen der führenden Verschwörer im Westen, empfangen, der am 9. Juli in La Roche-Guyon "namens der Widerstandskräfte in Deutschland" an den Feldmarschall appellierte, "den Krieg im Westen möglichst bald selbständig zu beenden".
Daraufhin sei von den eingeweihten Militärs in Paris ein Aktionskalender aufgesetzt worden. Kernpunkte: "Festlegung der Voraussetzungen für einen Waffenstillstand mit den Generalen Eisenhower und Montgomery ohne Beteiligung Hitlers. Räumung der besetzten Westgebiete, Rückführung des Westheeres hinter den Westwall."
Doch auch diese Darstellung Speidels geht weit an der Wirklichkeit vorbei. Rommel hat nie endgültig mit Hitler gebrochen, er war kein aktiver Teilnehmer des 20.-Juli-Putsches. Rommel über das Attentat gegen Hitler: "Wahnsinn. Unglaublich. Gegen den Führer! Niemand hat das gewollt."
Der britische Historiker David Irving, der soeben eine kritische Rommel-Biographie vorgelegt hat, fand keine Indizien, die auf eine grundsätzliche Gegnerschaft Rommels gegen Hitler schließen lassen. Im Gegenteil: Irving vertritt die These, daß der Lieblings-General Hitlers zwar längst an der "Vernunft" und Feldherrnkunst des Diktators zweifelte (Rommel: "Hitler ist ein Phantast"), aber die Übel des Dritten Reiches, sofern er sie bemerkte, nicht Hitler, sondern dessen Umgebung anlastete**.
In der Tat stand Rommel noch im Frühjahr 1944 so sehr im Banne seines Führers, daß er ernsthaft an eine erfolgreiche Beendigung des Krieges unter Hitlers Führung glaubte. Mit wachsendem Ärger hörte General von Falkenhausen, ein echter Gegner des Regimes, Rommel zu, als der ihm die deutschen Siegesaussichten im Westen erläuterte.
Auch gegenüber dem ehemaligen Regimentskameraden Strölin hatte Rommel noch im Februar bei einer Zusammenkunft in seinem Haus politische Distanz demonstriert. Als Strölin sich im Kreis der Rommel-Familie über die Verbrechen des Regimes ausließ, unterbrach ihn der Feldmarschall: "Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie solche Äußerungen in Gegenwart meines minderjährigen Sohns unterlassen würden!"
Erst die sinnlosen Durchhalte-Befehle des Diktators während der Invasionsschlacht erschütterten Rommeis Hitlergläubigkeit und machten ihn bereit für den Plan, durch eine selbständige Aktion des Westheeres -- ohne und
* Links: OKW-Chef Keitel: in Paris, 1940.
** David Irving: "The Trail of the Fox Weidenfeld and Nicolson, London: 448 Seiten; 7,95 Pfund Sterling. Deutsche Ausgabe im Herbst bei Hoffmann und Campe, Hamburg.
notfalls auch gegen Hitler -- den Krieg im Westen zu beenden. Doch einen Anschlag auf Hitler mochte er nicht billigen. Das weiß niemand besser als sein ehemaliger Generalstabschef.
Speidel vermeidet denn auch jede konkrete Auskunft über Rommels Haltung zum Widerstand. Obwohl er seitenlang den Text seines Buches "Invasion 1944" übernimmt, läßt er alle Passagen weg, in denen Rommel als Partner der Verschwörer figurierte.
Speidels frühere Behauptung, Rommel habe Hitler verhaften und durch ein Gericht aburteilen lassen wollen, fehlt ebenso wie die Angabe, Rommel habe das Strölin-Programm gebilligt und erklärt, die "vorbereitenden Maßnahmen" seien eingeleitet und er selbst "zu jedem Einsatz bereit". Selbst den Aktionskalender der Pariser Verschwörer kürzt Speidel drastisch: Die Programmpunkte "Festsetzung Adolf Hitlers" und "Sturz der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" fehlen.
Nur in einem Punkt wird Speidel konkret -- und das auf eine Manier, die jeden Historiker bestürzen muß. In "Invasion 1944." hatte Speidel über Rommels Haltung geurteilt:
Er mußte um des Volkes willen Außergewöhnliches auf sich nehmen, wenn alle anderen Mittel erschöpft waren. Er konnte noch einmal in einer mündlichen und schriftlichen Darlegung aller seiner Gedanken zu überzeugen versuchen, um Hitler die Möglichkeit zur Umkehr zu geben. Dann aber, wenn auch dieser Ruf wie die vorhergehenden ungehört verhallte, war er seines Eides ledig. Dann war die Pflicht zur Tat gegeben, die eine Pflicht gegen das Vaterland bedeutete.
Diese als Speidel-Meinung erkennbare Textstelle funktioniert nun der Autor in seinen Memoiren zu einer Rommel-Äußerung um:
Der Feldherr müsse, so sagte er oft in jenen abendlichen Gesprächen des Frühjahrs 1944, um des Volkes willen außergewöhnliche Entscheidungen fällen, wenn alle anderen Mittel erschöpft seien. Er wollte jedoch noch einmal in einem mündlichen Vortrag Hitler zu überzeugen versuchen, um ihm die Möglichkeit zur Umkehr zu geben. Dann aber, wenn auch diese Warnung wie alle vorhergehenden ungehört verhallen sollte, sei er seines Eides ledig. Dann sei die Pflicht zur Tat gegeben, die eine Pflicht gegenüber dem Vaterland bedeute.
Solche Redigierkunst verrät etwas von der verzweifelten Art, mit der Speidel "die geniale Gestalt eines Rommel" für sich und die Widerstandsgeschichte retten will. Diesem Zweck dient offensichtlich auch Speidels Bericht fiber das Ende Rommels.
Denn inzwischen war, wie es Speidel umschreibt, "das Schicksal dazwischengetreten": Am 17. Juli war Rommel bei einem britischen Tieffliegerangriff schwer verwundet worden, drei Tage später der Putsch gegen das Regime gescheitert. Gestapo und SD eröffneten eine erbarmungslose Verfolgungsjagd auf Regime-Gegner.
Von seinem Krankenlager aus, so weiß Speidel noch genau, habe Rommel den Rachefeldzug der Gestapo mit immer galligeren Ausfällen gegen Hitler verfolgt. Rommel: "Dieser pathologische Lügner ist nunmehr völlig wahnsinnig geworden!" Und schon habe ihn eine Vorahnung seines nahenden Endes beschlichen. "Es droht mir Gefahr. Hitler will mich beseitigen", habe er einem Freund anvertraut.
Auch den Grund für Rommels Befürchtung kennt Speidel: Der Feldmarschall habe gewußt, daß er seit Monaten "vom Sicherheitsdienst fiberwacht wurde". Dadurch sei dem Regime Rommels Zusammenarbeit mit dem Widerstand bekannt geworden. Drei Generale retten Speidel vor dem Volksgerichtshof.
Auch hier trägt der Chronist Speidel allzu dick auf. Selbst damals hielt Rommel seinen Führer noch für ansprechbar. Am 1. Oktober entwarf er einen Brief an Hitler, der neben einem Plädoyer für den in Bedrängnis geratenen Speidel auch den Schlußsatz enthielt: "Nur ein Gedanke hat mich stets beherrscht: Für Ihr Neues Deutschland zu kämpfen und zu siegen. Heil, mein Führer!"
Gleichwohl fühlte sich Rommel bedroht. Verhaftete Widerständler hatten vor der Gestapo ihn als Mitwisser des Komplotts genannt, und zu dem Belastungsmaterial gehörte auch die Aussage jenes Mannes, der sein Freund und engster Mitarbeiter war: Speidel.
Speidel war, von einem Mitverschwörer belastet, am 7. September verhaftet worden und dann in Gestapo-Haft geraten. Seine Vernehmer hielten ihm eine Aussage Hofackers vor: Der Oberstleutnant hatte zu Protokoll gegeben, er habe bei seinem Besuch in La Roche-Guyon am 9. Juli vor dem Gespräch mit Rommel dessen Stabschef Speidel aufgesucht und ihn über das bevorstehende Attentat gegen Hitler informiert.
Die Gestapo-Beamten wollten von Speidel wissen, ob er diese Information an Rommel weitergegeben habe. Doch Speidel bestritt energisch die Aussage Hofackers. Er erklärte, daß ihn Hofacker niemals über die Attentatspläne informiert habe.
Der Memoirenschreiber schweigt sich über den ganzen Vorgang aus, doch Irving fand ein unveröffentlichtes Manuskript Speidels aus dem Jahr 1945, in dem aufgezeichnet ist, was nach der Erinnerung Speidels im September 1944 weiter geschah: Hofacker und Speidel seien gegenübergestellt worden, wobei Hofacker den Kameraden "hervorragend gedeckt" (Speidel) habe. Anschließend sei Hofacker von seiner ursprünglichen Aussage wieder abgerückt.
Immerhin galt Speidel der Gestapo als so belastet, daß sie seinen Fall vor den Ehrenhof der Wehrmacht brachte, jenes berüchtigte Gremium, das im Sinne des Regimes verdächtige Offiziere aus der Wehrmacht ausstoßen und damit dem Zugriff des Volksgerichtshofes preisgeben konnte. Am 4. Oktober 1944 wurde der Fall Speidel verhandelt; die Anklagerede hielt Ernst Kaltenbrunner, der gefürchtete Chef des Reichssicherheitshauptamtes.
Was damals gesprochen und entschieden wurde, weiß der Rechercheur Irving aus den Aufzeichnungen des Generalleutnants Heinrich Kirchheim" der zu den fünf Mitgliedern des Ehrenhofes gehörte.
Kaltenbrunner, so die Erinnerung Kirchheims, habe Speidel des Verrats an Führer und Reich bezichtigt, weil er es unterlassen habe, die Mitteilungen Hofackers über das bevorstehende Attentat an Rommel weiterzugeben; Speidel führte allerdings zu seiner Entlastung an, er habe sehr wohl pflichtgemäß den Feldmarschall informiert, und es sei schließlich nicht seine Schuld, wenn Rommel die Warnung nicht weitergereicht habe.
Eben diese Speidel entlastende, aber Rommel desto schwerer belastende Einrede nutzten nun die Speidel-Sympathisanten im Ehrenhof (die Generale Kirchheim, Guderian und Kriebel) dazu, den Antrag Kaltenbrunners auf Ausschluß Speidels aus der WehrmaCht abzulehnen. Ihr Argument: Wenn Speidel sage, er habe Rommel informiert, so sei es an der Gestapo, ihm das Gegenteil zu beweisen.
Speidel war gerettet (er blieb in Gestapo-Haft), doch das Schicksal Rommels war besiegelt. Am 12. Oktober 1944 befahl Hitler dem OKW-Chef Keitel, den Fall Rommel zu liquidieren -- durch Verhaftung und Prozeß oder durch einen Selbstmord des Feldmarschalls. Rommel zog den Freitod vor.
Die Hinterbliebenen mußten folgern, daß die Aussage Speidels zu dem von Hitler erzwungenen Selbstmord Rommels beigetragen hat, obwohl heute Sohn Manfred Rommel, Oberbürgermeister von Stuttgart, Speidel in Schutz nimmt: .Mein Vater war bis zur letzten Stunde überzeugt, daß Speidel loyal war. Selbst in den letzten 20 Minuten seines Lebens bewegte ihn die Sorge um Speidel."
Am 27. April 1945 aber hatte Manfred Rommel in einer eidesstattlichen Erklärung, der sich seine Mutter am 9. Juli anschloß und die im Konstanzer "Südkurier" am 1. Oktober 1945 veröffentlicht wurde, einen erheblich anderen Sachverhalt festgehalten:
Mein Vater, der Generalfeldmarschall Erwin Rommel, ist am 14. Oktober 1944 in Herrlingen nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern ist auf Befehl des Reichskanzlers Adolf Hitler beseitigt worden, In meiner letzten Unterredung mit meinem Vater teilte mir derselbe mit, er sei der Mitbeteiligung am 20. Juli verdächtigt worden. Sein früherer Generalstabschef, Generalleutnant Speidel, der wenige Wochen vorher verhaftet war, hätte ausgesagt, daß mein Vater führend am 20. Juli 1944 beteiligt gewesen wäre und nur durch seine Verwundung an der direkten Teilnahme verhindert wurde.
"Ich mache aus Rommel den Helden des ganzen deutschen Volkes."
Ist dies letztlich der Grund. daß Speidel seither mit dem Eifer eines Büßers bemüht ist. Erwin Rommel zur Überlebensgröße emporzustilisieren -- mit Kombinationen. Deutungen und Erinnerungstäuschungen, die beinahe schon verzweifelt anmuten? Bereits 1946 schwor er sich in einem amerikanischem Gefangenenlager: "Ich werde aus Rommel den Helden des ganzen deutschen Volkes machen."
Wo immer die Erinnerung an Rommel lebendig wurde, wo immer das Fehlverhalten deutscher Generale zur Diskussion stand, stets war der General Speidel zur Stelle, um Vergangenes milde und verständnisvoll zu erklären.
Doch das Trauma Rommel blieb dem General bis heute. David Irving kann einen Besuch im Hause Speidels nicht mehr vergessen, bei dem er im Kreise der Familie mit dem General erörterte, wie es zu der Erklärung Kaltenbrunners gekommen sei. Speidel hatte dafür eine einfache Erklärung: Er habe keine solche Aussage vor der Gestapo gemacht; wenn Kaltenbrunner eine vorgelegt habe, so sei es eine Fälschung gewesen.
Irving wollte daraufhin wissen, wie es dann zu erklären sei, daß Speidel in einem Briefwechsel mit dem General Kirchheim im August 1945 dieses entscheidende Argument nicht vorgebracht habe. Speidels Angehörige beugten sich gespannt vor, doch der General wußte keine Antwort.
Erst nach einer Weile sprach Hans Speidel das Schlußwort: "Herr Irving, ich habe ein reines Gewissen."

DER SPIEGEL 5/1978
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