30.01.1978

Der Mensch - ein Irrläufer der Evolution

Ist der Mensch durch einen Fehler in der Entwicklungsgeschichte mit drei -- schlecht koordinierten -- Gehirnen ausgestattet worden, einem Reptilien-, einem Säugetier- und einem menschlichen Gehirn? Das ist eine der Theorien, die der in England lebende Schriftsteller Arthur Koestler in seinem Buch „The Brain Explosion diskutiert -- auf der Suche nach einer Erklärung für den unaufhaltsamen Selbstzerstörungstrieb des Menschen.
Wenn man mich nach dem wichtigsten Datum in der Geschichte und Vorgeschichte der Menschheit fragte, würde ich ohne zu zögern den 6. August 1945 nennen. Seit den Anfängen des Bewußtseins bis zum 6. August 1945 mußte der Mensch mit der Aussicht auf seinen Tod als Individuum lehen. Seit dem Tage, an dem die erste Atombombe über Hiroschima die Sonne verblassen ließ, muß er mit der Aussicht auf seine Vernichtung als Spezies leben.
Wir haben gelernt, die Vergänglichkeit der eigenen Existenz zu akzeptieren und zugleich die potentielle Unsterblichkeit der Menschheit als gegeben hinzunehmen. Dieser Glaube hat seine Gültigkeit verloren. Wir müssen, was wir für unumstößlich hielten, revidieren.
Das ist keine leichte Aufgabe. Es dauert immer eine gewisse Zeit, bis eine neue Idee den menschlichen Geist durchdringt.
Fast ein Jahrhundert verging, ehe das Weltbild des Kopernikus, das den Stellenwert des Menschen im Universum so radikal reduzierte, in das europäische Bewußtsein eindrang. Die neue Abwertung unserer Spezies auf den Status der Sterblichkeit ist noch schwerer zu verdauen. Nur eine kleine Minderheit ist sich bewußt, daß die Menschheit, seit sie die nukleare Büchse der Pandora öffnete, von geborgter Zeit lebt.
Jedes Zeitalter hatte seine Kassandras. Dennoch gelang es der Menschheit, alle ihre düsteren Prophezeiungen zu überleben. Diese beruhigende Überlegung aber ist überholt; denn nie zuvor hat eine Gruppe oder eine Nation über das technische Gerät verfügt, diesen Planeten für Leben untauglich zu machen.
Innerhalb der überschaubaren Zukunft wird überall auf der Erde, von Nationen aller Hautfarben und aller Ideologien, atomares Kriegsgerät in großen Mengen produziert und gelagert werden. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Funke, der die Kettenreaktion auslöst, früher oder später absichtlich oder unabsichtlich gezündet wird, dürfte sich dementsprechend erhöhen; und langfristig wird sie sich der statistischen Gewißheit nähern.
Ein zweiter Grund, der auf eine niedrige Lebenserwartung des Homo sapiens in der Nach-Hiroschima-Ära hindeutet, ist die paranoide Veranlagung des Menschen, belegt durch seine bisherige Geschichte.
Ein nüchterner Beobachter von einem höher entwickelten Planeten, der die Geschichte der Menschheit von Cro-Magnon bis Auschwitz auf einen Blick überschauen könnte, würde zweifellos zu der Schlußfolgerung gelangen, der Mensch sei in gewisser Hinsicht ein bewundernswertes, im wesentlichen jedoch ein sehr krankes biologisches Produkt; gemessen an den Chancen eines dauerhaften Überlebens, fielen die Folgen seiner Geisteskrankheit schwerer ins Gewicht als alle kulturellen Leistungen.
Der Klang, der am nachhaltigsten durch die gesamte Geschichte der Menschheit widerhallt, ist der von Kriegstrommeln. Stammeskriege, Religionskriege, Bürgerkriege, dynastische Kriege, Kolonialkriege. nationale und revolutionäre Kriege, Eroberungs- und Befreiungskriege, Kriege, um alle Kriege zu verhindern und zu beenden, folgen einander seit Menschengedenken in einer Kette zwanghafter Wiederholung. Und es besteht aller Grund zu der Annahme, daß diese Kette sich auch in Zukunft fortsetzen wird.
In den ersten zwanzig Jahren nach Hiroschima in den Jahren 0 bis 20 n. H. -, nach unserer veralteten Zeitrechnung also zwischen 1946 und 1966, zählte das US-Verteidigungsministerium 40 mit konventionellen Waffen geführte Kriege. Mindestens zweimal -- bei der Berliner Blockade 1948 und bei der Kuba-Krise 1962 -- standen wir am Rande eines Atomkrieges. Russisches Roulette ist ein Spiel, das man nicht lange Zeit spielen kann.
Das auffälligste Kennzeichen für die Krankheit unserer Spezies ist der Gegensatz zwischen ihren einzigartigen technologischen Errungenschaften und ihrer ebenso einzigartigen Unfähigkeit, ihre sozialen Probleme zu meistern. Wir können Satelliten um ferne Planeten steuern, aber wir sind außerstande, die Situation in Nordirland in den Griff zu bekommen. Der Mensch kann die Erde verlassen und auf dem Mond landen, er kann aber nicht von Ost- nach West-Berlin wechseln. Prometheus greift nach den Sternen -- mit einem irren Grinsen im Gesicht und einem Totemzeichen in der Hand.
Dabei habe ich die zusätzlichen Schrecken der biochemischen Kriegführung noch nicht einmal erwähnt, auch nicht die Bevölkerungsexplosion, die Umweltverschmutzung und dergleichen -- Erscheinungen, die, so bedroh-
* Die deutschsprachige Ausgabe von Koestlers Buch wird unter dem Titel "Janus beim Scherz Verlag, Bern und München erscheinen.
lich sie an sich auch sein mögen, das Bewußtsein der Öffentlichkeit ungebührlich von der einen zentralen, überragenden Tatsache abgelenkt haben: daß unsere Spezies seit dem Jahre 1945 die teuflische Fähigkeit erworben hat, sich selbst zu vernichten, und daß, nach ihrer bisherigen Geschichte zu urteilen, alle Aussicht besteht, daß sie
* Die weißen Flecken auf dem Bild sind durch radioaktive Strahlung hervorgerufen.
diese Fähigkeit bei einer der wiederkehrenden Krisen in nicht allzu ferner Zukunft einsetzen wird. Das Ergebnis wäre die Umwandlung des Raumschiffes Erde in einen Fliegenden Holländer, der mit seiner toten Besatzung im Sternenmeer treiben würde.
Wenn aber diese Aussicht wahrscheinlich ist, was hat es dann für einen Sinn, daß wir unsere bruchstückhaften Bemühungen fortsetzen, den (vom Aussterben bedrohten) Panda-Bären zu retten und zu verhindern, daß unsere Flüsse zu Kloaken werden? Oder Vorsorge für unsere Enkel zu treffen oder auch nur weiterhin Bücher zu schreiben? Auf diese Frage gibt es zumindest zwei gute Antworten.
Die erste liegt in den beiden Worten "als ob". Der Mensch hat keine andere Wahl, als von Fiktionen zu leben -- so zu tun, als ob die von unseren Sinnen wahrgenommene Welt die absolute Realität darstellte; so zu tun, als ob der Mensch einen freien Willen hätte, der ihn für seine Handlungen verantwortlich macht; als ob es einen Gott gäbe, der tugendhaftes Verhalten belohnt. und so weiter.
Ähnlich muß der Einzelne so leben, als sei er nicht zum Tode verurteilt, muß die Menschheit für ihre Zukunft planen, als seien ihre Tage nicht gezählt. Nur kraft dieser Fiktion vermochte der menschliche Geist ein bewohnbares Universum herzustellen und ihm einen Sinn zu verleihen.
Zweitens: Noch haben wir es mit Wahrscheinlichkeiten zu tun, nicht mit Gewißheiten. Noch immer besteht Hoffnung auf das Unerwartete, Unvorhergesehene.
Seit dem Jahre Null des neuen Kalenders trägt der Mensch eine Zeitbombe um den Hals und muß ihrem Ticken lauschen -- das mal lauter, mal leiser, dann wieder lauter ist -, bis sie entweder explodiert oder es ihm gelingt, sie zu entschärfen. Wir können nichts weiter tun, als so zu handeln, als ob dafür noch genügend Zeit wäre.
Aber das Entschärfen der Bombe wird ein radikaleres Vorgehen erfordern als UN-Resolutionen, Abrüstungskonferenzen und Appelle an die vielgerühmte Vernunft. Derartige Appelle sind schon seit der Zeit der jüdischen Propheten stets auf taube Ohren getroffen, ganz einfach weil der Homo sapiens kein vernünftiges Wesen ist. Denn wäre er vernünftig, würde er seine Geschichte nicht so total verpfuscht haben. Und nichts deutet darauf hin, daß er im Begriff wäre, ein vernünftiges Wesen zu werden.
Der erste Schritt zu einer möglichen Therapie ist eine richtige Diagnose dessen, was mit unserer Spezies schiefgegangen ist.
Es gab unzählige Versuche zu einer solchen Diagnose. Keine aber war sehr überzeugend, weil keine von der Hypothese ausging, daß der Homo sapiens möglicherweise ein biologischer Irrläufer sein könnte, eine evolutionäre Mißgeburt.
Die Evolution hat viele Fehler gemacht. Für jede noch bestehende Spezies sind in der Vergangenheit Hunderte von Arten zugrunde gegangen. Die Fossiliensammlungen unserer Museen sind gleichsam ein Papierkorb für die verworfenen Modelle des Großen Konstrukteurs.
Die Indizien aus der Vergangenheit des Menschen und der zeitgenössischen Hirnforschung deuten gleichermaßen darauf hin, daß irgendwann während der letzten Entwicklungsstadien des Homo sapiens etwas in die Irre gegangen ist. Es ist, als sei da ein Defekt, ein möglicherweise verhängnisvoller Konstruktionsfehler im vorgegebenen Schaltplan -- genauer gesagt, in den Bahnen unseres Nervensystems -- mit eingebaut, und vielleicht erklärt dieser Fehler jene Paranoia, die wie ein roter Faden die Menschheitsgeschichte durchzieht.
Hier einige der auffälligsten pathologischen Symptome, wie sie sich in der verhängnisvollen Geschichte unserer Spezies widerspiegeln:
* Das allgegenwärtige Ritual des Menschenopfers (zum Beispiel die Bereitschaft des Abraham, aus reiner Liebe zu Gott seinem Sohn die Kehle durchzuschneiden), das von den vorgeschichtlichen Anfängen über die Höhepunkte präkolumbianischer Zivilisationen und in einigen Teilen der Welt bis hin zum Anfang unseres Jahrhunderts reicht:
* die ständige Bereitschaft des Menschen, gegen seine eigenen Artgenossen Krieg zu führen. Einzig der Mensch (von einigen noch umstrittenen Befunden bei Ratten und Ameisen abgesehen) tötet Angehörige seiner eigenen Spezies, sowohl individuell als auch kollektiv, aus Motiven, die von sexueller Eifersucht bis zum metaphysischen Dogmen-St reit reichen;
* die paranoide Kluft zwischen rationalem Denken und irrationalen, auf Gefühlen beruhenden Überzeugungen;
* der Gegensatz zwischen der genialen Fähigkeit der Menschheit, die Natur zu erobern, und ihrer Unfähigkeit, die eigenen Probleme zu meistern -- symbolisiert durch die neue Grenze auf dem Mond und die Minenfelder quer durch Europa.
Bisher haben wir uns im Bereich der Tatsachen bewegt. Wenn wir uns jetzt von den Symptomen den Ursachen zuwenden, müssen wir auf mehr oder weniger spekulative Hypothesen zurückgreifen, die in den Bereich der Neurophysiologie, der Anthropologie und der Psychologie fallen.
Die neurophysiologische Hypothese stützt sich auf die sogenannte Papez-MacLean-Theorie der Gefühle (Dr. Paul D. MacLean ist Leiter des Laboratoriums für Hirnentwicklung und Verhaltensforschung am National Institute of Mental Health, Bethesda. Maryland).
Diese Theorie basiert auf den nach Anatomie und Funktionsweise fundamentalen Unterschieden zwischen den archaischen Hirnstrukturen, die dem Menschen mit den Reptilien und den niederen Säugetieren gemeinsam sind, und dem spezifisch menschlichen Neokortex, den die Evolution darübergestülpt hat -- ohne sicherzustellen, daß beide richtig koordiniert sind.
Die Folge dieses evolutionären Mißgriffs ist eine gespannte, häufig in eruptiven Konflikten sich entladende Koexistenz zwischen den tiefen, frühen Strukturen des Gehirns einerseits -- den Zentren vor allem des instinktuellen und emotionalen Verhaltens
und andererseits dem Neokortex, jenen Zonen des Gehirns, denen der Mensch Sprache, Logik und Denken in Symbolen verdankt.
MacLean formulierte es so: "Der Mensch befindet sich in der mißlichen Lage, daß er von der Natur mit drei grundlegend unterschiedlichen Hirnpartien ausgerüstet wurde, die trotz ihrer verschiedenen Struktur zusammenwirken und sich untereinander verständigen müssen.
"Die älteste dieser Partien stammt noch von den Reptilien. Die zweite ist von den niederen Säugetieren ererbt, und die dritte ist eine späte Entwicklung der Säugetiere, die ... den Menschen eigentlich zum Menschen gemacht hat. Um diese drei Gehirne in einem bildlich zu umschreiben: Wenn ein Psychiater den Patienten bittet, sich auf die Couch zu legen, verlangt er eigentlich von ihm, sich neben einem Pferd und einem Krokodil auszustrecken."
Vor kurzem hat MacLean noch eine andere Metapher geprägt: "Modern ausgedrückt, könnte man sich diese drei Gehirne auch als drei biologische Computer vorstellen, jeder mit der ihm eigenen Subjektivität und Intelligenz, dem eigenen Sinn für Zeit und Raum sowie eigenem Gedächtnis und eigenem Antrieb ..."
Während die vorsintflutlichen Strukturen im Zentrum unseres Gehirns -- Kontrollorgan für Instinkte, Leidenschaften und Antriebe -- von den flinken Händen der Evolution kaum berührt wurden, hat sich der Neokortex der Hominiden in den vergangenen 500 000 Jahren mit geradezu explosionsartiger Geschwindigkeit erweitert. Für das Tempo dieser Entwicklung gibt es in der Geschichte der Evolution kein Beispiel, manche Anatomen haben es schon mit krebsartigem Wachstum verglichen.
Es scheint, als folge auch das eruptive Wachstum dieser Gehirnpartien in der zweiten Hälfte des Pleistozän jener Exponentialkurve, die uns in jüngster Zeit so vertraut wurde -- Bevölkerungsexplosion, Informations-Explosion und so weiter. Und vielleicht ist es mehr als nur eine oberflächliche Analogie, denn all diese Kurven spiegeln das Phänomen der Geschichtsbeschleunigung auf verschiedenen Gebieten wider. Aber Explosionen führen nun einmal nicht zu harmonischen Ergebnissen.
Das Resultat in unserem Fall war offenbar, daß die sieh rasch entwickelnde Denk-Hiille, die dem Menschen seinen Verstand verlieh, mit den überkommenen Gefühlsstrukturen nicht hinreichend verbunden und koordiniert wurde. Die Nervenbahnen zwischen den archaischen Strukturen des Stammhirns und dem Neokortex sind offenbar ungenügend.
So ließ das explosive Gehirnwachstum eine Spezies entstehen, deren geistiges Gleichgewicht gestört war, bei der Gefühl und Intelligenz, Glaube und Vernunft sich in den Haaren lagen.
Oder anders gesagt: Auf der einen Seite der blasse Abdruck rationalen Denkens, einer an einem dünnen, allzu leicht reißenden Faden hängenden Logik; auf der anderen Seite das angeborene Ungestüm leidenschaftlich vertretener irrationaler Glaubenssätze, wie es sich in den Massenmorden alter und jüngster Geschichte widerspiegelt.
Die Evolution hat einst die Kiemen der Fische allmählich zu Lungen fortentwickelt, hat die Frontgliedmaßen der Reptil-Vorfahren zu den Flügeln der Vögel, zur Flosse des Wals, zur Hand des Menschen werden lassen. Und so hätten wir auch ein langsames evolutionäres Fortschreiten erwartet, bei dem das primitive alte Gehirn allmählich in ein immer raffinierteres und differenzierteres umgewandelt worden wäre -- aber die neurophysiologischen Beweise lehren uns das Gegenteil.
Statt das alte Gehirn in ein neues umzuwandeln, stülpte die Evolution eine neue, überlegene Struktur über die alte, mit zum Teil sich überlappenden Funktionen und ohne dem neuen Gehirn das unzweifelhafte Befehlsmandat über das alte zu verleihen. MacLean hat diesen örtlich begrenzten Fehler des menschlichen Nervensystems "Schizophysiologie" genannt.
Die Hypothese, diese Art von Schizophysiologie sei Teil unseres genetischen Erbes und in die Spezies eingebaut, könnte einen beträchtlichen Teil der schon erwähnten Krankheitssymptome erklären.
Der chronische Konflikt zwischen rationalem Denken und irrationalem Glauben, der daraus resultierende paranoide Einschlag in unserer Geschichte, der Gegensatz zwischen den Wachstumskurven von Wissenschaft einerseits und Ethik andererseits ließe sich endlich erklären und physiologisch benennen. Und letztlich sollte jedweder Zustand, der sich physiologisch beschreiben läßt, auch der Korrektur zugänglich sein.
Es gibt noch einen anderen Ansatzpunkt, über die mißliche Lage des Menschen nachzudenken: Das Kleinkind hat eine weit längere Periode der Hilflosigkeit und totalen Abhängigkeit von seinen Eltern durchzumachen als die Jungen irgendeiner anderen Spezies.
Man könnte nun spekulieren, daß diese frühe Erfahrung der Abhängigkeit das ganze Leben hindurch nachwirkt und daß sie zumindest teilweise für die Bereitschaft des Menschen verantwortlich ist, sich der Autorität von Individuen oder Gruppen zu unterwerfen und sich durch Doktrinen und Moralgesetze beeinflussen zu lassen. Die Gehirnwäsche beginnt in der Wiege.
Durch die ganze Menschheitsgeschichte waren die Glaubenssysteme, die von Menschen akzeptiert wurden und für die sie zu leben und zu sterben bereit waren, nicht von ihnen gemacht oder erwählt; sie wurden ihnen aufgezwungen durch das Roulettespiel ihrer Geburt. "Pro patria mori dulce et decorum est", in welchem Vaterland einen der Storch auch ablegen mag.
Wenn überhaupt, dann spielte bei der Wahl eines Glaubens, eines Sittenkodex oder einer Weltanschauung die kritische Vernunft nur eine zweitrangige Rolle -- gleichgültig, ob einer zum inbrünstigen Kreuzritter, zum in den Heiligen Krieg ziehenden Moslem, zum Puritaner oder Royalisten wurde.
Die überschäumende Fähigkeit des Menschen und sein Verlangen, sieh mit einem Stamm, einer Nation, einer Kirche oder einer Sache zu identifizieren und deren Credo ebenso unkritisch wie enthusiastisch zu verteidigen -- selbst wenn diese Glaubenssätze aller Vernunft widersprechen, den eigenen Interessen und dem Selbsterhaltungstrieb entgegenstehen -, tragen die Hauptschuld an den fortwährenden Katastrophen in der Geschichte des Menschen.
Dies führt uns zwangsläufig zu der freilich nicht sehr modischen Schlußfolgerung, unsere Spezies leide nicht an einem Übermaß an Aggression, sondern sie verfüge allzu reichlich über die Fähigkeit zu fanatischer Hingabe.
Selbst ein flüchtiger Blick auf die Geschichte zeigt: Die Zahl der individuellen Morde, begangen aus selbstsüchtigen Motiven, spielt in der menschlichen Tragödie eine unbedeutende Rolle, verglichen mit der Zahl derer, die aus selbstloser Loyalität gegenüber einem Stamm, einer Nation, einer Dynastie, einer Kirche oder einer politischen Ideologie hingemetzelt wurden -- od majorem gloriam Dei.
Die Betonung liegt dabei auf selbstlos Kriege werden, von wenigen abgesehen, die aus Gewinnsucht oder Sadismus geführt wurden, nicht um persönlicher Vorteile willen ausgefochten, sondern aus Loyalität und Hingabe an König, Vaterland oder eine Sache.
In allen Kulturen, unsere eigene eingeschlossen, ist der Mord aus persönlichen Gründen eine Seltenheit. Der Mord aus selbstlosen Motiven, unter Einsatz des eigenen Lebens, ist das vorherrschende Phänomen in der Geschichte.
Hier muß ich zwei kurze, polemische Bemerkungen einschieben.
Erstens: Als Sigmund Freud ex cathedra erklärte, Kriege würden verursacht durch aufgestaute aggressive Instinkte, denen ein entsprechendes Ventil fehlt, neigten die Menschen dazu, ihm zu glauben; denn so konnten sie sieh schuldig fühlen.
Freud hat freilich nicht die Spur eines historischen oder psychologischen Beweises vorgelegt.
Wer je in einer Armee gedient hat, kann bestätigen, daß in der öden Routine des Kriegführens aggressive Gefühle gegenüber dem Feind kaum eine Rolle spielen. Soldaten hassen nicht. Sie haben Angst, sind gelangweilt und sexhungrig und haben Heimweh; entweder sie kämpfen resigniert, weil sie keine andere Wahl haben, oder sie kämpfen begeistert für König und Vaterland, die wahre Religion, die gerechte Sache -- getrieben nicht von Haß, sondern von Loyalität.
Die zweite polemische Bemerkung richtet sieh gegen eine andere Theorie, den sogenannten "territorialen Imperativ"; danach liegt der Ursprung der Kriege in dem instinktiven Trieb einiger Tierarten, ihr Besitzareal zu Lande oder zu Wasser um jeden Preis zu verteidigen.
Für mich ist diese Theorie genausowenig überzeugend wie Freuds Hypothese. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wurden die Kriege des Menschen nicht um den individuellen Besitz eines Stück Landes geführt.
Der Mann, der in den Krieg zieht, verläßt das Heim, das er angeblich verteidigen soll; er kämpft und schießt fern der Heimat. Was ihn dazu bringt, ist nicht der biologische Zwang, seinen persönlichen Landbesitz, seine Äcker und Wiesen zu verteidigen, sondern seine Hingabe an Symbole, die von Stammesmythen, göttlichen Geboten oder politischen Schlagworten abgeleitet wurden.
Kriege werden nicht um Territorien geführt, sondern um Worte. Dies bringt uns zum nächsten Punkt im Katalog der möglichen Gründe für die menschliche Misere: Die tödlichste Waffe des Menschen ist die Sprache.
Er ist für die hypnotische Wirkung von Schlagworten ebenso anfällig wie für ansteckende Krankheiten. Und in Fällen einer Epidemie ist es dann die Gruppenmentalität, die zur Herrschaft gelangt. Sie gehorcht ihren eigenen Gesetzen, die sich von den Verhaltensweisen und Regeln des Individuums abheben.
Wenn sich ein Mensch mit einer Gruppe identifiziert, wird seine Fähigkeit zu vernünftigem Denken eingeschränkt, zugleich werden seine gefühlsbetonten Reaktionen verstärkt -- eine Art Gefühlsresonanz oder positiver Feedback.
Der Einzelne ist kein Killer, die Gruppe ist es; aber indem er sich mit ihr identifiziert, wird er in einen Killer verwandelt.
Diese teuflische Dialektik spiegelt sich in der menschlichen Geschichte von Kriegen, Verfolgungen und Völkermord wider. Und die hypnotische Kraft des Wortes ist der Hauptkatalysator solcher Umwandlung.
Die Reden Adolf Hitlers waren zu seiner Zeit die mächtigsten Zerstörungswaffen. Ohne Worte gäbe es keine Dichtung -- und keinen Krieg. Sprache ist der Hauptfaktor unserer Überlegenheit über Bruder Tier und zugleich, angesichts ihres explosiven Gefühlspotentials. eine ständige Bedrohung für unser Überleben.
Der sicherste Weg, den Krieg abzuschaffen, wäre offenbar, die Sprache abzuschaffen. Jesus scheint das erkannt zu haben, als er sagte: "Eure Rede aber sei: Ja, ja -- nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel." In gewissem Sinne hat die Menschheit in der Tat schon vor langer Zeit auf die Sprache verzichtet, wenn wir unter Sprache eine Kommunikationsmethode für die gesamte Spezies verstehen. Der Turm von Babel ist ein zeitloses Symbol.
Andere Arten besitzen nur eine einzige Methode der Kommunikation -- durch Signale, Geräusche oder Absonderung von Gerüchen -, die von allen Angehörigen jener Spezies verstanden wird. Wenn ein Bernhardiner einem Pudel begegnet, verstehen sie sich ohne Dolmetscher, so verschieden sie auch aussehen. Der Homo sapiens dagegen ist in etwa 3000 Sprachgruppen gespalten. Jede Sprache, jeder ihrer Dialekte wirkt als bindende Kraft innerhalb der Gruppe und als trennende Kraft zwischen den Gruppen.
Wir besitzen Nachrichtensatelliten, die der gesamten Bevölkerung unseres Planeten eine Botschaft übermitteln könnten, aber keine Lingua franca, keine Verkehrssprache, die sie allgemein verständlich machen würde.
Es scheint merkwürdig, daß außer einigen kühnen Esperanto-Anhängern weder die Unesco noch eine andere internationale Organisation bisher erkannt hat, daß der einfachste Weg, die Verständigung zu fördern, darin besteht, eine Sprache zu fördern, die von allen verstanden wird.
Der letzte der Faktoren, die meiner Ansicht nach die Pathologie unserer Spezies erklären können, ist die Erkenntnis vom Tod oder vielmehr seine Erkenntnis durch den Intellekt und seine Ablehnung durch Instinkt und Gefühl.
Darin äußert sich wiederum die Schizophrenie des menschlichen Geistes, der fortdauernde Widerspruch zwischen Glaube und Vernunft. Der Glaube ist der ältere und stärkere Partner. Im Konfliktfall ist die rationale Hälfte des menschlichen Geistes gezwungen, differenzierte rationale Erklärungen zu liefern, um das Entsetzen des älteren Partners vor der Leere zu beschwichtigen.
Es mag auf Planeten, die Millionen Jahre älter sind als unsere Erde, Millionen anderer Kulturen geben, für die der Tod kein Problem mehr ist. Tatsache aber bleibt, daß wir für diese Aufgabe -- um im Computerjargon zu sprechen -- nicht "programmiert" sind.
Einer Aufgabe gegenübergestellt. für die er nicht programmiert ist, wird ein Computer entweder zum Schweigen verurteilt, oder aber läuft er Amok. Letzteres scheint mit beklemmendem Wiederholungszwang in den verschiedenen Kulturen geschehen zu sein.
Ausgeliefert dem Paradoxon eines Bewußtseins, das aus pränataler Leere auftaucht und in postmortalem Dunkel wieder versinkt, lief der menschliche Verstand Amok.
Er erfand ganze Heere von Geistern der Verstorbenen, von Göttern, Engeln und Teufeln, bis die Atmosphäre von unsichtbaren Wesen gesättigt war -- bestenfalls launenhaften und unberechenbaren, meist aber böswilligen und rachsüchtigen. Sie mußten verehrt, umschmeichelt und besänftigt werden -- durch ausgeklügelt grausame Rituale, seien es Menschenopfer, Heilige Kriege oder Ketzerverbrennungen.
Fast 2000 Jahre lang hegten Millionen ansonsten intelligenter Menschen die Überzeugung, daß jene Teile der Menschheit, die nicht ihrem speziellen Glauben anhingen oder nicht ihre Rituale befolgten, auf Befehl eines liebenden Gottes ewig im Jenseits in Flammen schmoren müßten. Andere Kulturen hatten andere, ähnlich gespenstische Phantasievorstellungen entwickelt -- wiederum ein Beweis für die Allgegenwart der paranoiden Veranlagung des Menschen.
Doch auch dieses Ding hat zwei Seiten. Die Weigerung, an die Endgültigkeit des Todes zu glauben, ließ die Pyramiden aus dem Sande entstehen, lieferte ein Gefüge ethischer Werte und war der wichtigste Quell künstlerischer Inspiration. Gäbe es in unserem Sprachschatz nicht das Wort "Tod", wären die großen Werke der Literatur nie geschrieben worden. Die Kreativität und die Pathologie des Menschen sind zwei Seiten derselben Medaille, geprägt in demselben evolutionären Münzstock.
Um es zusammenzufassen: Alle Versuche, die verhängnisvolle Geschichte unserer Spezies zu diagnostizieren, müssen vergeblich bleiben, wenn sie nicht die Möglichkeit einbeziehen, daß der Homo sapiens Opfer eines der zahllosen Fehler der Evolution ist.
Es muß noch einmal betont werden, daß die anfangs geschilderten Symptome der Geistesgestörtheit, die unserer Spezies eigentümlich zu sein scheinen, in keiner anderen Spezies vorkommen. So erscheint es nur logisch, daß wir unsere Suche nach Erklärungen primär auch auf jene Attribute des Homo sapiens konzentrieren sollten, die ausschließlich für den Menschen gelten und in der übrigen Tierwelt nicht zu finden sind.
Doch wie zwingend diese Schlußfolgerung auch erscheinen mag, sie widerspricht dem vorherrschenden reduktionistischen Trend. "Reduktionismus" ist der philosophische Glaube daran, daß alle menschlichen Aktivitäten auf Verhaltensweisen niederer Tiere "reduziert", das heißt, durch sie erklärt werden könnten, seien es nun Pawlows Hunde, Skinners Ratten und Tauben, die Graugänse von Lorenz oder der nackte Affe von Morris. Ferner der Glaube daran, daß diese Verhaltensweisen wiederum auf die physikalischen Gesetze der unbelebten Materie reduziert werden könnten.
Pawlow und Lorenz haben uns zweifellos neue Einsichten in die menschliche Natur geliefert -- allerdings nur in jene ziemlich elementaren, nicht spezifischen Seiten der menschlichen Natur, die wir mit Hunden, Ratten und Gänsen gemeinsam haben, während die spezifisch und ausschließlich menschlichen Aspekte, welche die Einmaligkeit unserer Spezies erklären, außer acht gelassen werden.
Da diese einmaligen Merkmale aber sowohl in der Kreativität als auch in der Pathologie des Menschen zum Ausdruck kommen, sind die Wissenschaftler der reduktionistischen Schule ebensowenig als kompetente Diagnostiker geeignet wie als Kunstkritiker.
Darum auch sind die Wissenschaftler so jämmerlich gescheitert bei ihrem Versuch, die Tragödie der Menschheit zu erklären. Wenn der Mensch wirklich ein Automat ist, so ist es sinnlos, ihm ein Stethoskop an die Brust zu drücken.
Die von mir kurz skizzierten möglichen Diagnose-Hinweise lauteten: V> das explosive Wachstum des menschlichen Neokortex und dessen unzulängliche Kontrolle über das Stammhirn;
* die anhaltende Hilflosigkeit der Neugeborenen und ihre daraus resultierende, unkritische Unterwürfigkeit gegenüber der Autorität; > der doppelte Fluch der Sprache als Instrument der Demagogie und als Barriere zwischen den Völkern; > die Erkenntnis vom Tod und die den Verstand überfordernde Angst davor.
Es scheint keine unmögliche Aufgabe, diese pathogenen Faktoren zu neutralisieren. Gegen gewisse Arten schizophrener und manisch-depressiver Psychosen hat die Medizin Mittel gefunden.
So ist es nicht mehr utopisch zu glauben, daß sie auch eine Kombination hilfreicher Enzyme entdecken wird, die dem Neokortex ein Veto gegen die Torheiten des archaischen Hirns ermöglichen, den krassen Fehler der Evolution korrigieren, die Emotionen mit der Vernunft in Einklang bringen und den Übergang vom Wahnsinnigen zum Menschen in Gang setzen könnte.
Noch andere Wege warten auf ihre Entdeckung und bringen vielleicht Rettung in letzter Sekunde, vorausgesetzt, die Dringlichkeit wird erkannt, angesichts der Botschaft der neuen Zeitrechnung -- und vorausgesetzt, die Situation des Menschen wird, ausgehend von einem neuen Verständnis der Wissenschaft vom Leben, richtig diagnostiziert.

DER SPIEGEL 5/1978
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DER SPIEGEL 5/1978
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