01.05.1978

Datum: 1. Mai 1978 Betr.: Seiffert-Serie

Eine scheinbar ganz normale Sache -- ein Professor beginnt eine Vorlesung samt Kolloquium. Und dennoch war es einzigartig im deutsch-deutschen Nebeneinander. Am vergangenen Montag begann im Juristenbau der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Raum 9/10, um 17 Uhr c. t. Professor Dr. sc. jur. Wolfgang Seiffert vor zehn Hörern seine Lehrtätigkeit.
Der einundfünfzigjährige Jurist war bislang Direktor
des Instituts für Ausländisches Recht und Rechtsvergleichung an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft der DDR, Vertreter Ost-Berlins in der juristischen Kommission des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon), Schiedsrichter am Schiedsgericht der Kammer für Aussenhandel der DDR, Vizepräsident der Gesellschaft für Völkerrecht der DDR, Mitglied des DDR-Komitees für Menschenrechte. Der in West- wie Osteuropa bekannte Spezialist für internationales Kauf-, Lizenz- und Urheberrecht diente seiner Regierung als Berater beim Abschluss industrieller Kooperationsverträge mit dem Ausland und bei der Gründung sogenannter gemischter Gesellschaften -- westliche Firmen, an denen die DDR Anteile hält. Ihm gelang, was vor ihm noch keinem Funktionsträger in der DDR zugestanden wurde, schon gar nicht einem angesehenen SED-Mitglied, gut bekannt mit der DDR-Prominenz bis hinauf zu SED-Generalsekretär
Erich Honecker und Frau Margot, zudem wichtiger
Geheimnisträger: Wolfgang Seiffert durfte am 15. Februar 1978 legal die DDR verlassen, noch im Oktober 1977 dekoriert mit dem Vaterländischen Verdienstorden, feierlich verabschiedet von den Professoren-Kollegen seiner Babelsberger Akademie, ausgezeichnet mit einer Ehrenurkunde des DDR-Hochschulministers. Alle DDR-Titel darf Seiffert weiterführen, und auch zwei wissenschaftliche Bücher, an denen er mitwirkte, werden nächstens in der DDR erscheinen.
Die Gastprofessur in Kiel markiert die vorläufig letzte Station eines Lebenslaufs, wie er nur einem Deutschen in der zweiten Jahrhunderthälfte widerfahren kann: katholischer Klosterschüler in Breslau, Offiziersanwärter der Kriegsmarine, Sowjetgefangener und Antifaschüler, KPD-Jugendfunktionär in der westdeutschen FDJ, vom Bundesgerichtshof in einem Hochverratsprozess zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, aus der Haftanstalt ausgebrochen, in der DDR als Volksheld gefeiert, Parteistipendiat an der Humboldt-Universität, Aufstieg zu einem der Topjuristen der DDR-Führung. Diesen verschlungenen Lebensweg zwischen Ost und West haben die SPIEGEL-Redakteure Alfred Freudenhammer und Karlheinz Vater für eine mehrteilige Serie aufgezeichnet, die im nächsten Heft beginnt. In diesem SPIEGEL zum Thema Seiffert siehe Seite 100.

DER SPIEGEL 18/1978
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