01.05.1978

RUDOLF AUGSTEINWar alles falsch, Towaritsch?

Die deutsch-russischen Beziehungen waren keine, wenn nicht etliche Psychologie in ihnen herumrumorte. Man lese im SPIEGEL die authentische Interpretation sowjetischer Deutschlandpolitik aus Moskauer Sicht (siehe Seiten 34 bis 41), und man wird keinen Grund mehr finden, zu staunen. Aus den Beziehungen, die Brandt, Scheel und Bahr (und Wehner) geknüpft haben, ist alles geworden, was konnte. Sie sind im strikten und banalen Sinne "normal".
Je mühsamer einzelne Versuche, Besserungen zu erreichen, sich ausnehmen, desto klarer wird, daß es zur Ostpolitik dieser Bundesregierung nie eine Alternative gegeben hat -- es sei denn, die Bundesrepublik hätte sich aus trotz in einer unter jedem Betracht gefährlichen Isolierung festnageln wollen. Beide Seiten hatten und haben Vorteile. Und doch wird jetzt auch klar, daß beide Seiten unter dem Pauschalwort "Normalisierung" nicht dasselbe verstanden haben, auch nicht verstehen konnten.
Sinngemäß dürfte die Moskauer Interpretation stimmen, Bahr habe konzediert, "die zur Zeit unlösbaren Fragen sollten ausgeklammert werden", damit das Machbare möglich werde. Das Machbare wurde gemacht, das Erreichbare erreicht. Aber auf dem Zement der Geschäftsgrundlage zeigen sich die zu erwartenden Risse: Dissens, Dissens.
Es blieb dem Egon Bahr nichts anderes übrig, als auszuklammern, aber das Ausgeklammerte ist kein unverrückbarer Gegenstand, keine unveränderliche Materie, keine Honigpumpe von Beuys. Einer jeden, selbst der statischen, selbst der konservativsten Politik wohnt ein Element unkalkulierbarer Unruhe inne. Rechnungen ohne den Wirt sind die Regel.
Die Russen vertreten hier den statischen, konservativen, bewahrenden Teil. In der Berlin-Frage haben sie, wenn nicht den Buchstaben, so doch den Geist des Viermächte-Abkommens wie auch der deutsch-russischen Verträge überwiegend für sich. Aus Moskauer Sicht:
Es ist doch kein Zufall, daß die mannig. faltigen, ostentativen Aktivitäten der Bundesrepublik Deutschland in West-Berlin gerade in den letzten drei Jahren stürmisch zugenommen haben. Das ist doch der eigentliche Unterschied, der sich hinter den Lesarten von "Bindungen" und "Verbindungen" verbirgt.
Man sieht, die Geschäftsgrundlage zickt und zackt wie bei einem mittleren Erdbeben. Bonn gehört nicht zu den Signatarmächten des Viermächte-Abkommens über Berlin. Die Bundesrepublik dehnt und streckt ein Abkommen, das sie nicht mit aushandeln durfte. Warum wohl?
Weil sie, entgegen dem Geist und Sinn ihrer Ostverträge, die nationale Einheit sehr wohl anstrebt, einerseits; andererseits ist sie mit den Moskauer Gewährsleuten des SPIEGEL in dem Urteil einig, daß "jedenfalls in diesem Jahrhundert" nach menschlichem Ermessen nichts Einigendes passieren könne; darum sorgt sie sich um das unter statischen Gesichtspunkten nicht lebensfähige Berlin, darum will sie ihre Position in West-Berlin aktiv stärken.
Die Sowjet-Union kann solchen Bestrebungen nicht zustimmen. Sie möchte ihre Rüstung in Mitteleuropa abbauen, aber immer nur unter der einen Bedingung: Bonn soll "die unlösbaren Fragen ehrlich ausklammern", soll auf die Einheit des Landes, soll auf seine mannigfaltigen, ostentativen Aktivitäten in West-Berlin verzichten.
Was Berlin angeht, so ist Bonn der Sünde bloß, einer nur halb verzeihlichen Sünde; wenig fehlte, und die West-Berliner Schuljugend würde mit einer Adolf-Hitler-Gedächtnisausstellung gepäppelt, unter dem Motto "Diktatoren gestern, heute und morgen". Was aber die Einheit der Nation betrifft, so grummelt es auch ohne Berlin und ohnedies, nicht so sehr in Westdeutschland wie bei den Freunden und Untertanen des Botschafters Pjotr Abrassimow in der DDR.
Jeder sieht, daß die Sowjets ihr westliches, ihr ostdeutsches Glacis nur bei Strafe des Untergangs aufgeben könnten; aber niemand sieht, wie sie es über das Jahr 2000 hinaus noch lange behaupten sollten. Der Weltgeist himself könnte da neugierig werden.
In der Bundesrepublik, so klagt der Moskauer Weltgeist, "traut man den Sowjets nicht über den Weg". Es sei die "alte Russenangst", die in der Bundesrepublik verhindere, daß Technologietransfer und Energie-Verbund "bei federführender Rolle Bonns" in Westeuropa zu beidseitigem Nutzen praktiziert würden, "großangelegte Kompensation" dies Tauschhandel) inbegriffen.
Nun ja" wer immer von sozialliberaler Seite mit den Russen -- wie sehr sich die nationale Benennung doch gegen die kommunistische durchfrißt -- verhandelt hat, wird seine alte Russenangst abgelegt haben. Nein, sie werden uus nicht überfallen, ob die Neutronenwaffe nun produziert wird oder nicht.
Sie wollen keinen Krieg gegen die USA, wollen auch die Bundesrepublik oder West-Berlin nicht einsacken; eher haben sie zuviel als zuwenig eingesackt.
Aber sie sprechen selbst von ihrem "konventionellen Übergewicht in Mitteleuropa". Was heißt das? Etwas sehr Einfaches. Die Bundesrepublik wäre im Ernstfall die Geisel, so wie Frankreich sich vor 1914 einigermaßen zu Recht als Geisel der wilhelminischen Kriegsmaschinerie empfinden durfte.
Und nicht so sehr die Bundesrepublik wäre die Geisel, viel eher noch West-Berlin. Zwar müssen Verträge gehalten werden, aber nur, wie Bismarck so richtig erkannte, solange ihre Geschäftsgrundlage fortbesteht: "Umstände ändern eine Sache."
Da doch auch unser anonymer Geschäftspartner in Moskau davon ausgeht, daß eine "Umkehr der Bündnisse" (Paradebeispiel die französischösterreichische Allianz gegen Friedrichs Preußen 1756) zu unseren Lebzeiten unwahrscheinlich ist, die Vorstellung davon "illusionär"; da er weiter von "Einkreisung" spricht, und davon, daß die Sowjets in allen Weltregionen mit den US-Amerikanern gleichziehen wollen (warum sollten sie nicht?); da er im übrigen die Sowjet-Union in der Rolle des Noch-nicht-Gleichberechtigten vorstellt ("Platz an der Sonne Afrikas" -- Red.): Wie sollten die Verantwortlichen der Bundesrepublik nicht Angst haben "wegen vermeintlich drohender politischer Abhängigkeit von Moskau"?
Von einer "Umkehr der Bündnisse", einem "Renversement des alliances" zu sprechen, lohnt sich nun in der Tat nicht. Aber beachtlich scheint doch das Stichwort "Einkreisung", verbunden mit der Forderung nach "gleichem Rang und gleicher Präsenz in allen Weltregionen". Wer würde nicht an das wilhelminische Deutschland erinnert, das recht stark und stattlich dastand und trotzdem nach "Gleichberechtigung" und seinem Platz an der Sonne gierte; natürlich fühlte es sich und war zum Schluß dann auch eingekreist.
Die Sowjet-Union, anders als das wilhelminische Deutschland, will nicht die Mitte von Afrika als russische Kolonie und will auch keinen "Platz-ander-Sonne-Krieg". Aber um "Gleichberechtigung" müht sie sich, sehr mit Grund, denn bis heute kann sie den US-Amerikanern nicht einmal im Mittelmeer das Wasser reichen.
Sie ist am stärksten da, wo sie am schwächsten ist, in Mittel- und Osteuropa, und nun wirklich ohne Rücksicht auf eine Neutronenwaffe. Jede Macht, die, wie Bismarck sagen würde, "periklitiert", das heißt über ihr politisches Vermögen hinaus militärische Macht ausübt, sieht sich einem Dilemma gegenüber, das aus der Weisheit eines Politbüros nicht mehr zu lösen ist.
Es müssen ja nicht nur die Russen, es könnten ja auch einmal die Amerikaner verrückt spielen, und West-Berlin wäre dann, und sei es für drei Tage, geliefert, mit allen Folgen für das europäische Gemeinwesen, wie wir sie im Falle einer persönlichen Geiselnahme à la Moro so drastisch erleben.
Kanzler Schmidt hat jüngst gesagt, er wolle nicht "von denen im Osten unter den Daumen gedrückt werden Das war 14 Tage vor dem Besuch des obersten Daumendrückers der Sowjet-Union in Bonn. Niemand möchte von niemand unter den Daumen gedrückt werden, sei es im Nahen Osten, sei es in Afrika. Aber alle drücken alle unter den Daumen, damit niemand unter den Daumen gedrückt wird. Dies ist die Psychologie menschlicher Macht und Ohnmacht.
Dies ist, vom Gruppenverhalten her gesehen, mechanisch wie ein Pawlowscher Reflex. Dies ist aber auch die Antwort auf die brandaktuelle russische Forderung nach "wirtschaftlicher Interdependenz", nach einer etwas einseitigen wechselseitigen Abhängigkeit, die jede Zusammenarbeit "echt unumkehrbar" machen soll.
Breschnew wird diese Frage in Bonn ein zweites Mal stellen. Interdependenz kann stattfinden zwischen Österreich und der Sowjet-Union, weil Österreich unbewaffnet, aber auch unverwundbar ist, noch dazu ohne einen "interdependenten" Bundesgenossen. In Bonn wird Breschnew zumindest dem Sinn nach eine leninistische Antwort erhalten: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser."
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 18/1978
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/1978
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RUDOLF AUGSTEIN:
War alles falsch, Towaritsch?

Video 02:47

Unternehmer im Klimastreik "Ich kann das einfach nicht mehr"

  • Video "Höchstes Wohnhaus der Welt: Helles Zimmer mit Aussicht - aber teuer" Video 00:46
    Höchstes Wohnhaus der Welt: Helles Zimmer mit Aussicht - aber teuer
  • Video "Explosion in Chemiefabrik: Metallteile werden zu gefährlichen Geschossen" Video 00:48
    Explosion in Chemiefabrik: Metallteile werden zu gefährlichen Geschossen
  • Video "Grenzmauer: Trump droht Mexiko mit neuen Zöllen" Video 01:19
    Grenzmauer: Trump droht Mexiko mit neuen Zöllen
  • Video "Helmkamera-Video: Motorradfahrer filmt Klippensturz" Video 00:57
    Helmkamera-Video: Motorradfahrer filmt Klippensturz
  • Video "Seltene Aufnahmen: Video zeigt Zebra mit Punkten" Video 01:00
    Seltene Aufnahmen: Video zeigt Zebra mit Punkten
  • Video "Rambo 5: Last Blood: Blutiger Abschied" Video 01:37
    "Rambo 5: Last Blood": Blutiger Abschied
  • Video "Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke" Video 01:07
    Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Video "Verirrte Meeressäuger: Menschenkette rettet Delfine" Video 01:01
    Verirrte Meeressäuger: Menschenkette rettet Delfine
  • Video "Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video" Video 02:47
    Uli Hoeneß: Kalkulierter Wutausbruch im Video
  • Video "Wilde Flüsse in Patagonien: Mit dem Kajak ins Unbekannte" Video 01:40
    Wilde Flüsse in Patagonien: Mit dem Kajak ins Unbekannte
  • Video "Klimawandel in Spitzbergen: Wo die Winter immer wärmer werden" Video 02:54
    Klimawandel in Spitzbergen: Wo die Winter immer wärmer werden
  • Video "SUV: Wie schädlich sind SUV?" Video 02:11
    SUV: Wie schädlich sind SUV?
  • Video "Video aus Brasilien: Taucher treffen auf große Anakonda" Video 01:16
    Video aus Brasilien: Taucher treffen auf große Anakonda
  • Video "Greta Thunberg trifft Barack Obama: Fist Bumping mit dem Ex-Präsidenten" Video 01:22
    Greta Thunberg trifft Barack Obama: "Fist Bumping" mit dem Ex-Präsidenten
  • Video "Unternehmer im Klimastreik: Ich kann das einfach nicht mehr" Video 02:47
    Unternehmer im Klimastreik: "Ich kann das einfach nicht mehr"