01.05.1978

„Gedanken an Uran, warum nicht?“

SPIEGEL: Herr Wolff, der SPD-Vorsitzende und frühere Bundeskanzler Willy Brandt hat vor kurzem der deutschen Industrie vorgeworfen, sie nutze die von der Sowjet-Union angebotenen Kooperationschancen nicht aus und lasse Initiative vermissen. Warum tun Sie und Ihre Kollegen nicht mehr?
WOLFF: Es ist der Sache nicht dienlich, wenn der SPD-Vorsitzende, sollte er sich tatsächlich so ausgedrückt haben, unerfüllbare Hoffnungen weckt, für die die Wirtschaft nachher einstehen muß. Wir können nicht Lückenbüßer spielen, nur weil sich im politischen Geschäft vielleicht keine vorzeigbaren Erfolge erringen lassen. Die Wirtschaft fürchtet den Breschnew-Besuch nicht, im Gegenteil. Wir freuen uns auf ihn, erwarten von ihm allerdings keine Wunderdinge.
SPIEGEL: Und wenn die Regierung Sie und Ihre Unternehmerfreunde mit dem Hinweis auf das ausdrückliche Interesse Bonns unter Druck setzt?
WOLFF: Bisher haben wir von der Bundesregierung in dieser Richtung noch nichts gehört. Ich verwechsele auch nicht den SPD-Vorsitzenden mit der Bundesregierung. Die Wirtschaft hat schon immer, und zwar noch vor der Politik, das Geschäft mit den Sowjets in langfristigen Perspektiven betrieben. Die Lieferung von Großrohren im Austausch gegen Erdgas bis über das Jahr 2000 hinaus wurde ja immerhin vor Abschluß der Moskauer Verträge vereinbart,
SPIEGEL: Generalsekretär Breschnew will sich bei seinem Bonner Besuch besonders intensiv Wirtschaftsfragen widmen. Erwarten Sie von Moskaus KP-Chef ein neues Kolossalgemälde industrieller Kooperationsmöglichkeiten?
WOLFF: Wir wissen nicht, was Breschnew in seinem Koffer mit an den Rhein bringt. Es kann durchaus sein, daß er uns noch einmal für die gleichen Projekte zu interessieren versucht wie bei seinem ersten Besuch vor fünf Jahren ...
SPIEGEL: ... als er die Deutschen zur gemeinsamen Erschließung der sibirischen Bodenschätze einlud. Warum wurde nichts daraus?
WOLFF: Diese Projekte haben inzwischen Größenordnungen angenommen, die wir als deutsche Industrie allein nicht mehr bewältigen können. Das gilt am wenigsten für die Technik, die haben wir eigentlich im Griff. Überfordert sind wir jedoch allmählich bei der Finanzierung und vor allem bei der sogenannten Kompensation.
Die Vermarktung der aus den von uns gelieferten Anlagen stammenden Produkte wird zunehmend schwierig. Ich kann mir beispielsweise schlecht vorstellen, daß die Firmen der Bundesrepublik allein jene Mengen Kupfer auf dem Markt unterbringen könnten, die aus der geplanten Anlage im ostsibirischen Udokan kommen sollen.
SPIEGEL: Ehrgeizige Großprojekte kommen kaum voran, allein die Planungen dauern etliche Jahre. Woran liegt das"?
WOLFF: Ich will mich nicht in Dinge anderer Firmen einmischen. Aber eines sollten wir gelernt haben: Bei Vorhaben solcher Größen müssen die Sowjets auf jeden Fall mit ins Konsortium, schon weil sie für die gesamte Infrastruktur, das heißt für Straßen, Eisenbahnlinien, Flughäfen, manchmal sogar für neue, aus dem Nichts geplante Städte verantwortlich sind. In diesen Fällen müßte ein sowjetisches Ministerium oder Staatsunternehmen Führer des ganzen Projektkonsortiums sein.
SPIEGEL: Auch damit werden Sie viele Probleme kaum lösen. Die chemische Industrie zum Beispiel sorgt sich darum, daß die Russen die geplante petrochemische Großanlage Tomsk mit Produkten bezahlen will, die auch von den deutschen Unternehmen angeboten werden.
WOLFF: Ganz recht, hier hört der Spaß allmählich auf. Wenn wir aufgrund von Kompensationswünschen Warenmengen hereinnehmen, die den Gesamtimport aus allen Ländern der Welt bei einem bestimmten Produkt übersteigen, dann bedeutet dies ein Ausscheiden aller übrigen Importe. Das ist schlicht zuviel. Die Übung, in die Sowjet-Union exportierte Industrieanlagen mit Produkten aus diesen Anlagen zu bezahlen, darf nicht zur gängigen Praxis der Kooperation werden.
SPIEGEL: Die Ostblock-Länder sehen das offenbar anders. Wie wollen Sie die devisenschwachen Comecon-Staaten bekehren?
WOLFF: Gerade den devisenarmen Ländern ist von dieser Praxis abzuraten. Denn die anstelle von Barzahlung exportierten Produkte können, da ihnen meist jeder Service fehlt, meist nur mit einem Preisabschlag verkauft werden.
SPIEGEL: Wie beurteilen Sie die Gefahr, daß die in Ostblock-Staaten exportierten neuesten Fabrikanlagen am Ende die westdeutsche Wirtschaft treffen? Dank billiger Rohstoffe und niedriger Löhne können die Staatshandelsländer kostengünstiger produzieren und deutsche Wettbewerber mühelos unterbieten.
WOLFF: Wir leben in einer freien Wirtschaft. Wenn ein Exporteur in eigener Verantwortung etwa ein Stahlwerk oder eine Chemiefaserfabrik in ein bestimmtes Land liefert, kann ihn daran im Augenblick niemand hindern. Und ich als alter Freihändler hielte staatliche Eingriffe in der embryonalen Phase eines Geschäfts im übrigen auch für eine unangemessene Intervention.
Nur läuft dieser Exporteur, falls er volle Kompensation akzeptiert, das Risiko, daß der Staat eines Tages gezwungen werden könnte, einer lebensbedrohlich gefährdeten Branche mit Importbeschränkungen zu helfen.
SPIEGEL: Von einer Ausweitung der Kompensationsgeschäfte halten Sie also nichts?
WOLFF: Unsere Wirtschaft darf sich unter keinen Umständen in einem kleinen Kompensationsdenken verbrauchen. Unsere Aufgabe ist es, darüber nachzudenken, wie die Sowjets ihr strukturelles Handelsbilanz-Ungleichgewicht gegenüber der Bundesrepublik ausgleichen können.
SPIEGEL: Haben Sie schon nachgedacht?
WOLFF: Gewiß.
SPIEGEL: Und das Ergebnis? Wie könnte die Sowjet-Union ihr Defizit ausgleichen?
WOLFF. Durch vermehrte Lieferungen von Erdöl etwa. Bei diesem großen Land, dessen Exporte zur Zeit zu 80 Prozent aus Rohstoffen bestehen, muß man ja nach großen Brocken suchen.
SPIEGEL: Haben Sie Herrn Breschnew noch mehr vorzuschlagen?
WOLFF: Ich erinnere mich, daß vor drei Jahren in einer Sitzung der gemischten deutsch-sowjetischen Wirtschafts-Kommission der Gedanke von Uranlieferungen in die Bundesrepublik aufkam. Warum sollte man nicht jetzt diesen Faden wiederaufnehmen?
SPIEGEL: Glauben Sie auch an eine Neuauflage des an der Berlin-Frage gescheiterten Projekts, mit deutscher Hilfe in Königsberg ein Kernkraftwerk zu errichten, das Strom über Berlin nach Westdeutschland liefert?
WOLFF: Das Kraftwerk muß ja nicht unbedingt in Königsberg stehen. Aber sehen Sie, wir haben bereits einen reibungslos funktionierenden Erdgas-Verbund mit der Sowjet-Union. Warum sollten wir nicht auch einen Elektrizitäts-Verbund bekommen?
SPIEGEL: Obwohl unsere Stromverbrauchskurve heute wesentlich flacher verläuft als noch vor einigen Jahren? Wollen Sie den Export der Kraftwerk Union KWU fördern?
WOLFF: Ich bin kein Verkaufsförderer der KWU. Auf Basis heimischer Steinkohle -- fragen Sie mich bitte nicht zu welchen Preisen -, eigener Atomkraftwerke kann man eine beachtliche Eigenversorgung erreichen, warum aber nicht auch eine Elektrizitätsversorgung von außen, zumal es die handelspolitische Aufgabe ist, einen dauerhaften Handelsbilanzausgleich mit der Sowjet-Union zu erzielen.
SPIEGEL: Überfordert der Geldbedarf für die Zwischenfinanzierung so anspruchsvoller Projekte die östlichen Wirtschaftsplaner?
WOLFF: Dieses Problem war vor einigen Jahren schwieriger als heute. Einmal liegen heute unsere Zinsen wesentlich niedriger. Zum anderen hat die sowjetische Verschuldungspolitik eine gewisse Trendwende erlebt. Mit anderen westeuropäischen Ländern ist das Handelsbilanzdefizit der Russen bei weitem nicht so groß. Gegenüber England haben sie sogar einen Überschuß, auch gegenüber ihren osteuropäischen Partnern und den mit Hartwährung zahlenden ölexportierenden Staaten. Die Frage der Verschuldung ist bei einer Ausweitung der deutsch-sowjetischen Kooperation also das geringste Problem.
SPIEGEL: Warum kommen dann viele Projekte nur schleppend voran?
WOLFF: Wenn wir uns Ende der fünfziger Jahre vorgestellt hätten, wir würden 20 Jahre später mit der Sowjet-Union ein Handelsvolumen von 11 Milliarden Mark abwickeln, dann wäre das vielen als Tagträumerei erschienen. Ich war immer Realist in diesen Dingen. Als junger Mann versuchte ich Konrad Adenauer davon zu überzeugen, daß wir uns durch eine Forcierung unseres Handels mit den Russen nicht in eine einseitige Abhängigkeit begeben. Auf der anderen Seite habe ich ebenso vor dem von Chruschtschow verheißenen Meer von Möglichkeiten gewarnt.
Man darf nicht die Hemmnisse übersehen, die sich durch den Unterschied der beiden Wirtschaftssysteme, vor allem durch die schwerfällige Bürokratie der Sowjets, ergeben und die oft schnelle Erfolge verhindern.
SPIEGEL: Was ist denn schiefgelaufen?
WOLFF: Einiges ist nicht so gelaufen, wie es hätte laufen können. Ich denke dabei gar nicht an so spektakuläre Dinge wie Kursk oder Tomsk. Nehmen Sie aber mal die Modernisierung sowjetischer Konsumgüter-Fabriken, über die intensiv gesprochen wurde, wo wir aber nie recht weitergekommen sind. Da liegen noch große Chancen.
Wenn Herr Brandt dies gemeint hat, stimme ich ihm zu. Wenn er jedoch meint, wir hätten irgendwelche großen Sternstunden verpaßt, dann muß ich sagen, daß ich als Kapitalist realistischer bin als Willy Brandt.

DER SPIEGEL 18/1978
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