01.05.1978

BUNDESWEHREins einzige Pleite

Zahlreiche Führungspositionen der Bundeswehr müssen neu besetzt werden, weil viele Generale das Pensionsalter erreichen. Doch Bonn hat es versäumt, genug Nachwuchs auf Spitzenstellen vorzubereiten.
Wo immer Verteidigungsminister Hans Apel mit seinen Generalen zusammentrifft -- er wirkt, so jüngst auf der 22. Kommandeurstagung in Saarbrücken, wie ein Junior-Chef unter ergrauten Alt-Managern: Die Herren mit den goldenen Sternen auf den Schulterstücken sind zehn bis 15 Jahre älter als ihr neuer Oberbefehlshaber.
Das fortgeschrittene Lebensalter der Bundeswehr-Generalität wird dem 46jährigen Apel schon bald Kopfzerbrechen bereiten. Denn die Armeespitze muß bereits in den nächsten drei Jahren dringend verjüngt werden; fast die Hälfte der 200 wichtigsten Generalsstellen ist mit Männern besetzt, die spätestens 1980 aus Altersgründen ihren Dienst quittieren müssen.
Die westdeutsche Streitmacht allerdings ist für dieses größte Revirement ihrer Geschichte kaum gerüstet. Grund: In den vergangenen Jahren wurde versäumt, jüngere Offiziere planmäßig auf Führungspositionen vorzubereiten. "Unsere Personalpolitik", urteilt ein Oberst, "war eine einzige Pleite."
Apels Amtsvorgänger Georg Leber selbst ging, unterstützt von seinem mehr verwaltenden als planenden Personalchef Heinz Schaefgen, allzu lange bei den fälligen Beförderungen nach dem Senioritätsprinzip vor. Mit Gold durfte rechnen, wer nach Dienstalter und Dienststellung dran war.
Dabei übersah die politische Führung der Hardthöhe, daß die jüngeren Jahrgänge im Krieg die schwersten Verluste erlitten hatten und somit die Auswahl für den Generals-Nachwuchs unter den überlebenden und 1955 wieder zum Militär geeilten Offizieren nicht groß ist.
Leber stieß auf dieses Problem erst kurz vor seinem Abschied. Als die Nato der zweitstärksten Bündnismacht den Posten des stellvertretenden Oberbefehlshabers anbot, geriet der Verteidigungsminister in Bedrängnis. Er mußte auf einen schon pensionsreifen 60jährigen General zurückgreifen, dessen Dienstzeit notgedrungen verlängert wurde: auf den ehemaligen Pressesprecher des CSU-Verteidigungsministers Franz Josef Strauß, Gerd Schmückle.
Auch der für die Westdeutschen wichtige Nato-Posten des Oberbefehlshabers Europa-Mitte ist mit einem Vier-Sterne-General besetzt, der in diesem Jahr das Ruhestandsalter erreicht. Franz-Joseph Schulze wird dennoch vorerst weiter auf Nato-Posten bleiben müssen. Die Nachfolgekandidaten tragen nach herkömmlichen Regeln noch nicht lange genug drei Sterne.
Potentielle Nachrücker für die beiden Nato-Generale wie Carl-Gero von Ilsemann und Lothar Domröse wiederum sind, da nur drei beziehungsweise zwei Jahre jünger als Schmückle und Schulze, nur Zwischenlösungen. Normalerweise müßten sie 1980 ausscheiden. Bisher aber wissen die Personalplaner noch nicht, wen sie danach der Nato anbieten sollten.
Überdeutlich wird jetzt, daß Heeres-, Luftwaffen- und Marineführung die Nato oft als Abstellgleis angesehen haben. Wurde für einen Deutschen im Bündnis eine Führungsposition frei, suchten die Bonner gleichsam nach dem Motto: Wen können wir dafür denn entbehren?
Eine längerfristige Personalplanung gab es praktisch nur an der Heimatfront. So galt es unter Leber als ausgemacht, daß Generalleutnant Ferdinand von Senger und Etterlin 1979 den Heeresinspekteur Horst Hildebrandt und Generalleutnant Friedrich Obleser noch in diesem Jahr den amtsmüden Luftwaffeninspekteur Gerhard Limberg ablösen sollen.
Der Wechsel wird unvermeidlich, wenn Limberg im Herbst um seinen vorzeitigen Abschied einkommen wird. Der Generalleutnant, der im Juli 59 Jahre alt wird, fühlt sich nach vier Jahren Amtszeit verschlissen. Er möchte Jüngeren Platz machen.
Auch der 56jährige Marineinspekteur Günter Luther, der vor anderthalb Jahren einen Herzinfarkt hatte, ist nicht sicher, ob er bis 1982 die Stellung halten kann. Er favorisiert seinen drei Jahre jüngeren Stellvertreter Ansgar Bethge als Nachfolger. Bethge freilich belastet ein Zwischenfall aus der Vergangenheit: Er hatte 1970 als Kommandant den Raketenzerstörer "Lütjens" auf Grund gesetzt.
Apel hat sich noch nicht entschieden. Um den von Leber großmütig geduldeten personellen Eigenbröteleien der Teilstreitkräfte ein Ende zu setzen, will er vielmehr auf einen Grundsatz seines Lehrherrn und Vorvorgängers Helmut Schmidt zurückgreifen: Die Besten sollen künftig an die Nato-Front, um den deutschen Einfluß im Bündnis zu stärken. Ohne mehrjährige Arbeit in einem internationalen Stab und gute Fremdsprachenkenntnisse wird, so Apel, keine Bundeswehrkarriere mehr möglich sein.
Der neue Hardthöhen-Chef will, um die verkrustete Altersstruktur aufzubrechen, sich außerdem, wie einst Schmidt, eine sogenannte Löwenliste anlegen -- mit Namen derjenigen Offiziere, die ohne Rücksicht auf die traditionelle militärische Ochsentour befördert und für Spitzenstellungen in Armee und Bündnis gedrillt werden sollen.
Den großen Sprung zu Generalen der eigenen Generation wird der Minister allerdings erst schaffen können, wenn die Sozialliberalen 1980 noch einmal die Bundestagswahl gewinnen und ihn in seinem Amt bestätigen sollten. Erst Mitte der achtziger Jahre werden die Spitzenpositionen für die "weißen Jahrgänge" (1929 und jünger) frei, die nicht mehr in der alten Wehrmacht gedient haben. Erst drei von ihnen sind bislang zum Generalmajor aufgestiegen.
Um sich selbst ein Bild von den Fähigkeiten der jüngeren
Offiziersgeneration zu machen, will Apel möglichst oft und unangemeldet die Truppe besuchen und direkt
mit Kommandeuren und Soldaten sprechen.
Dem von Georg Leber pedantisch gepflegten Zeremoniell bei Visiten kann Nachfolger Apel nichts abgewinnen: "Ich werde mich nicht wie ein Staatsgast von Station zu Station führen lassen."

DER SPIEGEL 18/1978
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BUNDESWEHR:
Eins einzige Pleite

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